250 Jahre Stund' in Hülben

Entdecken Sie "250 Jahre Stund' in Hülben" in unserem Online-Special. Tauchen Sie ein in die bewegte und bewegende Geschichte einer besonderen Bewegung, die ihren Anfang mitten in einer Zeit des Umbruchs genommen hat. 

Willkommen in Hülben!

Autor: Steffen Kern, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 2-3 Min.

Liebe Apis, liebe Freunde,

wer der Geschichte des Pietismus in Württemberg auf frischer Tat begegnen will, der muss nach Hülben! Nirgendwo sonst hat der frühe Pietismus so tiefe Spuren hinterlassen wie auf dem karstigen Albboden hoch über Bad Urach. Seit mindestens 250 Jahren gibt es dort ununterbrochen eine Bibelstunde. Im letzten Jahr haben wir 500 Jahre Reformation gefeiert. 2018 geht unser Blick von Wittenberg nach Württemberg und dort gezielt nach Hülben. Das kleine Albdorf ist seit einem Vierteljahrtausend ein geistliches Zentrum. Es taucht in jedem Lehrbuch über den Pietismus in Deutschland auf. Selbst wer die allgemeine Geschichte Württembergs erzählt, kommt an Hülben und an der Familie Kullen nicht vorbei: Kullen, Busch, Scheffbuch, Eißler – hier lassen sich Segenslinien durch Familien verfolgen. Von hier aus zogen sie nach Korntal, in die Kirche und in die Welt. Hülben prägte die Region und das Land. Bis heute strömen Hunderte zu den Treffen an dem Ort, der dem Himmel etwas näher zu sein scheint als andere. Was ist sein Geheimnis?

Herzlich und humorvoll, kurz und klar

Man erzählt das Wort Gottes, ohne allzu viele und vor allem nicht allzu lange Worte zu machen. Kurz und klar sind die Beiträge in den Treffen, die – abgesehen von den großen Konferenzen – verlässlich nach einer Stunde enden. Nüchtern und bodenständig geht es zu in Hülben. Es gibt keine besonderen Lehren, keine geistigen und geistlichen Höhenflüge, sondern Punktlandungen: Was in der Bibel steht, wird auf den Punkt gebracht. Einfach, schlicht und lebensnah. Herzlich und humorvoll begegnet man sich. Ich bin noch nie nach Hülben gekommen, ohne bei jedem Besuch zumindest einmal herzlich gelacht zu haben. Wer hierher kommt ins alte Schulhaus oder in die Kirche, erlebt: Das Evangelium hat Hand und Fuß.

Gewiss gibt es viele moderne und postmoderne, innovative und kreative Formen pietistischen Lebens an vielen Stellen im Land – und das ist gut so. In Hülben gibt es keine Experimente. Auch kein schwelgendes Halleluja. Keine Schwarzwälder Kirschtorte, sondern „Konferenzbrot“. Hier gibt es einen Bibeltext, eine kurze Geschichte aus dem Leben dazu, ein Segenswort und ein kräftiges Amen. Damit kann man leben. Und sterben. Denn der Pietismus in Hülben ist zwar traditionsbewusst – und das im besten Sinne – aber nie gesetzlich und eng. Im Gegenteil: Hier wird das Evangelium bezeugt. Hier hat man begriffen, was Gnade bedeutet. Hier auf der rauen Alb erfährt man immer wieder ein Stückder herzhaften Barmherzigkeit Gottes. Hier wird man nicht in den Himmel entrückt, sondern gewinnt Boden unter den Füßen und findet Kraft zum Leben. Darum bin ich von Herzen dankbar, dass es nach 250 Jahren immer noch heißt: Willkommen in Hülben! 

Seien Sie herzlich gegrüßt
Ihr Steffen Kern

Steffen Kern ist Journalist und Pfarrer. Er ist 1. Vorsitzender der Apis.


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