Aktuelle Artikel aus der "Gemeinschaft"

Neben Erklärungen zu Bibeltexten bietet unser Magazin "Gemeinschaft" jeweils einen thematischen Schwerpunkt mit Artikeln unterschiedlichster Autoren. So beleuchten wir die Themen aus unteschiedlichen Blickwinkeln. Hier finden Sie jeden Montag einen thematischen Artikel aus der aktuellen Ausgabe.
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Artikel ab dem Jahr 2017 finden sie hier.

Juni 2018: Wir gehören zusammen

Wir gehören zusammen
Mo, 4. Juni 2018: Abseits! (Steffen Kern)
Mo, 11. Juni 2018: Der Trend geht zum Exit (Steffen Kern)
Mo, 18. Juni 2018: Wo gehöre ich hin? Was Kirche für mich bedeutet 
Do, 21. Juni 2018: Warum gehst du da noch hin? (Christina Schöffler)
Mo, 25. Juni 2018: Meine Heimat in Kirche und Api-Gemeinschaft (Christian Ruoss)
Do, 28. Juni 2018: Gemeinde leben als Gemeinschaft in der Landeskirche (Hermann Baur)

Autor: Steffen Kern, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 2-3 Min.

Liebe Apis, liebe Freunde,

ich weiß nicht, wie Sie es mit dem Fußball halten – die Sache mit dem runden Leder ist ja bekanntlich nicht jedermanns Sache. Aber ich für meinen Teil muss gestehen: Ich freue mich auf die Fußball-Weltmeisterschaft. Alle vier Jahre ist so ein kleines bisschen Ausnahmezustand. Viele verfolgen die Spiele. Viele fiebern mit. Manche machen Nächte durch, um zumindest auf dem Fernsehsofa „mitzufußballern“. Dabei sein ist eben auch hier alles. Es ist die Zeit, in der unsere Nation wie viele andere – nota bene: außer Holland und Italien – ein bisschen balla-balla ist. Es ist die Zeit der kleinen Flaggen im Gesicht, am Autospiegel und im Vorgarten. Gut vier Wochen, in denen es Millionen Bundestrainer gibt, die alles besser wissen als unser Bundes-Jogi. Und: Es ist die Zeit, in der selbst Fußball- Muffel neu lernen, was Abseits bedeutet. 

Abseits, so weiß jedes Kind, ist dann, wenn ein ballannehmender Spieler der angreifenden Mannschaft im Moment der Ballabgabe durch den ihn anspielenden Spieler näher an der gegnerischen Torlinie steht als ein Spieler der verteidigenden Mannschaft. Alles klar? – Falls nicht, empfehle ich Ihnen einen 90-Minuten-Crashkurs in den nächsten Wochen. Eines ist jedenfalls klar: Wenn einer im Abseits steht, wird das Spiel unterbrochen. Der Angriff ist vorbei. Es gibt Freistoß für die gegnerische Mannschaft. – Ich finde, das ist ein großartiges Gleichnis für das, was Jesus für uns getan hat. 

Jesus im Abseits

Er ist in diese Welt gekommen und wurde ins Abseits gestellt. Beschimpft, beschuldigt, bespuckt. Verraten, verkauft, verurteilt. Gekreuzigt, gestorben, begraben. Er hat diesen Weg gewählt und sich ins Abseits stellen lassen. Zugegeben, da enden die Vergleiche mit dem Fußball. Die Folgen aber sind wiederum verblüffend parallel: Weil dieser Jesus im Abseits steht, wird das Spiel dieser Welt unterbrochen. Die Angriffe der tausend berechtigten oder unberechtigten Beschuldigungen gegen uns sind vorbei und haben keinen Anspruch mehr an uns. Es gibt einen Freispruch für uns, die wir einst Gegner Gottes waren. – Kurzum: Weil Jesus im Abseits steht, gehören wir zu Gottes Mannschaft. Mehr noch als die Spieler einer Mannschaft und mehr als die Fans eines Teams gehören wir Christen zusammen, auch wenn uns gelegentlich manches schmerzlich trennt. Davon lesen Sie mehr in dieser Ausgabe unseres Magazins. 

Seien Sie herzlich gegrüßt
Ihr Steffen Kern

Steffen Kern ist Journalist und Pfarrer. Er ist 1. Vorsitzender der Apis.


Autor: Steffen Kern, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 10-12 Min.

Über den Verlust von Verbindlichkeit - und was uns zusammenhält

Es gibt viele Gründe, davon zu laufen. Wenn uns der Andere nicht mehr passt, packen wir unsere Koffer und gehen. So enden jedes Jahr unzählige Ehen und Beziehungen: Der Lebensstil meiner Partnerin und meiner passen nicht mehr zusammen, also gehe ich. So zerbrechen Freundschaften: Interessen oder Haltungen haben sich verändert. Also leben wir uns auseinander und gehen. So enden manchmal auch Kirchen- und Gemeindemitgliedschaften: Wie die anderen Christen entscheiden, glauben oder leben, passt nicht mehr zu mir. Also gehe ich. – Ehen, Familien, Freundschaften, Gemeinschaften, Gemeinden gehen auseinander. Nicht immer zerbrechen sie. Oft gibt es gar nicht den großen Knall, den einen triftigen Grund, das tiefe Zerwürfnis. Beziehungen lösen sich einfach auf. Die Bindungskräfte schwinden nach und nach. Es ist dann meist doch nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, oder besser: der eine Windstoß, der eine schon längst windschiefe Hütte zum Umfallen bringt. Das bringt uns zu der Frage: Wie schief hängt eigentlich der Haussegen bei uns?

Zuerst und zuletzt geht es um mich

Selten lag das Auseinandergehen so im Trend wie heute. Und das betrifft längst nicht nur einzelne Beziehungen. Es geht um unsere ganze Gesellschaft. Viele Vereine suchen händeringend nach Mitgliedern und nach Mitarbeitern. Ob Sport-, Musik-, Kultur- oder Kleintierzüchterverein – vielen fehlt der Nachwuchs. Alle klagen, dass die Verbindlichkeit der Leute nachlässt. Vielen Parteien, Gewerkschaften und Verbänden geht es genauso. Was vor Jahren und Jahrzehnten noch normal war, hat seine Selbstverständlichkeit verloren. Man gehört nicht mehr automatisch dazu. Das Leben ist schneller geworden. Wir sind mobiler. Wir ziehen häufiger um. Wir wechseln Job, Wohnsitz, Umfeld. Feste Bindungen passen da nicht mehr ins Bild. Um nur kurz die Megatrends zu bemühen: Globalisierung und Individualisierung reichen sich an dieser Stelle die Hand. – Unter der Hand geht es aber um mehr: Der Kern unserer Lebenshaltung ist ein zutiefst egozentrischer: Es geht uns in erster Linie um uns. Es geht um mich. Was mir mehr bringt. Was besser zu mir passt. Jetzt. Und hier. Das will ich haben. Das lebe ich. Das wähle ich. Das kaufe ich. Wir sind längst zu Konsumenten des Moments geworden. Die Welt dreht sich um mich. Und wenn mir die Welt nicht mehr passt, dann – mit Verlaub – „kann sie mich mal“ ... 

Der Populismus befördert unser Ego-Bedürfnis. Es geht zuerst um mich.

Kleingarten-Mentalität

Es ist diese Haltung eines egozentrischen Weltbildes, das die Bindekräfte in unserer Gesellschaft nach und nach auflöst. Mehr als sonst fragen und suchen Politiker und Soziologen, gelegentlich auch Bischöfe und Journalisten nach dem, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Denn längst haben sich verschiedenste Gruppierungen den Trend zur Auflösung zu eigen gemacht und auf die Fahnen geschrieben: Die großen Bündnisse, Unionen und Übereinkünfte der Vergangenheit werden nicht nur hinterfragt, sondern ausgehöhlt und unterlaufen. Das gilt für Europa, politische und wirtschaftliche Verträge, Zugehörigkeiten und Mitgliedschaften. Der Trend geht zum Exit. Was die Briten im Großen tun, tun viele im Kleinen: Raus aus den alten Bündnissen! Das gilt ganz abgesehen von politischen oder gar parteipolitischen Bewertungen der einzelnen Sachfragen. Wahrscheinlich ist das eines der treffendsten Kennzeichen des Populismus: Er bedient und befördert unser Ego-Bedürfnis. Ohne Rücksicht auf das Ganze geht es mir zuerst um mich. Auch wenn die Welt aus den Fugen gerät und das Land seine Mitte verliert – Hauptsache, mir geht es gut und in meinem Kleingarten blühen die Geranien. Es ist diese Art von Kleingarten-Mentalität, die Bindungskräfte auflöst. Wenn die Verbundenheit mit anderen schwindet, dann schwindet auch die Verbindlichkeit. Genau das geschieht zumindest gelegentlich auch in Kirchen, Gemeinden und Gemeinschaften. 

Populismus und Pietismus: im Wesen verschieden

Die "Pia Desideria" von Spener hat die Kirche nachhaltig verändert.

Dass wir uns nicht täuschen lassen: Wenn alle paar Wochen ein neuer Aufruf zum Kirchenaustritt durch fromme Gazetten oder soziale Netzwerke wabert, dann ist das meist nicht die Stimme des Pietismus, sondern eher ein Kennzeichen des skizzierten Populismus. Beide Bewegungen unterscheiden sich jedoch zutiefst. Und zwar in ihrem Wesen. Haut der eine auf die Pauke und bläst zum Austritt, stimmt der andere leisere Töne an und ermutigt zum Auftritt. Sorgt der eine für den lauten Knall, sucht der andere das Gespräch. Will der eine seine Gegner verbannen, so versucht der andere die Lage zu verbessern. – Studieren lässt sich dies nirgendwo besser als in der Urschrift des Pietismus überhaupt: der „Pia Desideria“ von Philipp Jacob Spener. Der „Vater des Pietismus“ hat im Jahr 1675 seine „frommen Wünsche“ formuliert und ein Reformprogramm des Pietismus auf den Weg gebracht, das die Kirche nachhaltig verändert hat. Es war eine zweite Reformation: Gottes Wort sei reichlicher unter uns zu bringen, die Predigten müssten klarer, lebensnäher und alltagstauglicher sein, das persönliche geistliche Leben sei zu vertiefen, das Christentum müsse nicht nur verstanden, sondern gelebt werden, das Theologiestudium gehöre reformiert ... – all das ist von Spener bekannt. Weniger wahrgenommen ist, wie kritisch er die Kirche seiner Zeit sah, wie klar er Missstände benannte und wie treu er zugleich seiner Kirche blieb.

Spener geht den anderen Weg

Spener klagt über die Leiden, Gebrechen und Krankheiten seiner Kirche. Er nimmt die radikale Kirchenkritik separatistischer Kreise auf, die die Kirche längst verlassen oder zumindest abgeschrieben hatten. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund. Aber er belässt es nicht bei einer wohlfeilen Kirchenschelte, die damals schon gut ankam, auch triftet er nicht ab in eine Polemik gegen „die da oben“, nein, er markiert die Fehler, die er an seiner Kirche sieht, schonungslos und klar. Aber er sieht diese kranke Kirche immer als seine Kirche. Denn sie wurde begründet durch das Wort Gottes und sie steht auf den Bekenntnissen der Reformation. Und wenn manche Lehren und Praktiken davon abweichen, dann weist er umso entschiedener auf sein Reformprogramm hin: Neu auf Gottes Wort hören und so neu zueinander finden!

Gegen den Trend

Wirklich so einfach? – Ja, so einfach. So schlicht. So kindlich naiv. Denn genau so wächst Gemeinschaft, Gemeinde und Kirche. Nie anders. Die Debatten waren damals nicht weniger tiefgehend als heute, ganz im Gegenteil. Wenn wir heute über Fragen der Gottesdienstgestaltung, über Segnungen und Sexualethik, über das Verhalten von Bischöfen und Entscheidungen von Synoden streiten, so fügt sich das in eine Linie der Kirchengeschichte, die bei den ersten Christen in Jerusalem, Korinth und Rom beginnt und über die Zeiten der Reformation und des frühen Pietismus bis zu uns reicht. Immer gab es genügend Gründe auszutreten. Immer wieder gab es einen Trend zum Exit. Aber immer gab es auch Christen, die nicht davon gelaufen sind, sondern sich in ihre Kirche eingebracht haben. Auch wenn sie zum Teil massiv an ihr gelitten haben.

Wilhelm Busch: Austreten „ein grundfalscher Rat“

Pfarrer Wilhelm Busch (1897-1966)

Zu ihnen gehört auch Pfarrer Wilhelm Busch: Der 1966 verstorbene Jugendpfarrer, Evangelist, Bestseller-Autor und Leiter des Essener Weigle-Hauses war Pietist mit Württemberger Prägung. Seine Mutter Johanna stammt von der Familie Kullen aus Hülben auf der Schwäbischen Alb. Busch wurde angesichts der modernen bibelkritischen Theologie mit der Frage konfrontiert: Sollen wir nicht aus der Kirche austreten und eine neue bekennende Kirche gründen? – Er antwortete entschieden: „Ich muss offen sagen: Nein! Die Zeit ist noch nicht da. Vielleicht kommt sie auch nicht. ... Genug davon!“ Und weiter: „Es gibt nicht wenige, die uns heute raten: ‚Verlasst doch die Kirche, die das wahre Evangelium so preisgibt!’ Was wollen wir dazu sagen? Ich halte das für einen grundfalschen Rat. Diese Kirche ist unsere Kirche!“ – Ich halte es mit Wilhelm Busch: Diese Kirche ist unsere Kirche! Diese Landeskirche ist nicht nur eine Organisation, sondern ein geistlicher Organismus. Diese Kirche ist nicht nur ein „Religionsverein“, wie manche mit verächtlichem Unterton sagen, aus dem man austreten könne oder gar müsse – nein, diese Kirche ist unsere geistliche Familie, unser Platz, unsere Berufung. Diese Familie ist keine heile Welt, bestimmt nicht, aber doch auch der Leib Christi, zu dem wir gehören. Darum übernehmen wir als Christen, die dem Pietismus nahe stehen, Verantwortung in unserer Kirche. Nach wie vor gilt: Nicht Austreten, sondern Eintreten und Auftreten ist angesagt.

Im Pietistenreskript von 1743 ist das Miteinander von Kirche und Gemeinschaften geregelt.

275 Jahre alt: das Pietistenreskript von 1743

Rektor Dietrich (1814-1919)

Ausdruck dieser Verbundenheit ist auch das sogenannte Pietistenreskript, das 1743 die Verbindung von Gemeinschaften und Kirche in Württemberg grundlegend regelte. 1993 wurde es nach 250 Jahren in einer gemeinsamen Vereinbarung erneuert. Im Jahr 2018 ist diese 25 Jahre und die Urkunde des Württemberger Pietismus insgesamt 275 Jahre alt. Ein Jubiläum, das uns erinnert, gegen den Strom zu schwimmen und dem Trend zum Exit etwas entgegen zu setzen: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich“, lauft nicht jedem Trend hinterher und verwechselt nicht Pietismus mit Populismus! – Christian Dietrich, einer meiner Vorgänger im Amt des Vorsitzenden unseres Verbandes, in dessen Dienstzeit auch die Anfänge des Schönblicks fallen, hat einmal – wie ich finde, bis heute unübertroffen – formuliert: Christen sind nicht wie ein Sack voll Erbsen, die, wenn dieser aufplatzt, in alle Richtungen auseinander rollen. Christen sind vielmehr wie Wassertropfen an der Fensterscheibe: Sie fließen zusammen.

Steffen Kern, Pfarrer und Journalist, ist 1. Vorsitzender bei den Apis


Viele Menschen haben in Kirche und Gemeinschaftsbewegung eine wertvolle geistliche Heimat gefunden. Beides ist wichtig und hat seinen Wert. Fünf Personen berichten, warum Kirche und die Arbeit der Apis für sie zusammengehören.

Dorothea Duppel, Rutesheim

In unserer Kirchengemeinde bringe ich mich schon jahrelang gerne in der Kinderkircharbeit ein. Kindern Jesus lieb zu machen, ist mir wichtig. Der Kindergottesdienst findet hier parallel zum Erwachsenengottesdienst statt, folglich bekam ich wenig persönliche „ Wegzehrung“ für mein Leben als Christ. Ich merkte den Mangel, deshalb musste eine Lösung gefunden werden. Weil das Gute ja bekanntlich ganz nah liegt, gehe ich seit einigen Jahren abends hier in die Bibelstunde. Ich freue mich über die klare Bibelauslegung und dazu noch liebe Geschwister im Herrn. Die Stunde ist mir zur „Tankstelle“ geworden. Morgens Kindergottesdienst und abends Bibelstunde bei den Apis – wunderbar.

Manuel Frommer, Dornhan

Als Vorstand des CAV (Christl. Allianzverband), Mitarbeiter in zwei Gemeinden und Musiker ist es für mich eher wie in einer Schule. Ein Lehrer betreut viele Klassen und hat selten nur eine feste Klasse. Doch er ist da, um den Schülern etwas beizubringen, er steht im Dienste des Lernens. Auch steht für mich der Allianz-Gedanke recht hoch im Kurs. Viele verschiedene Menschen nehmen sich einer Aufgabe, einer Leidenschaft an, ohne den Vorurteilen Raum zu lassen. Ich bin kein Lehrer, doch ich arbeite an vielen „Baustellen“ mit und muss hier auf der Erde nirgendwo hingehören. Denn ich weiß wohin ich gehöre: zu Jesus. Irrelevant ist, zu welcher Konfession man gehört, welche Stärken und Schwächen man hat. Vieles ist dann nicht egal oder leichter, aber ertragbarer, weil ich weiß, dass Jesus mich trägt. „Egal was kommt, es wird gut, sowieso“ heißt es in einem Lied, und das wird es. Spätestens, wenn sich Hebräer 13,14 bewahrheitet: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. 

Gerlinde Schroth, Dornstetten

In meiner örtlichen Kirchengemeinde und bei der Gemeinschaft der Apis fühle ich mich persönlich „beheimatet“. Der Besuch des Gottesdienstes am Sonntagmorgen wie auch der Besuch der Gemeinschaftsstunde sind mir sehr wichtig. Das Zusammensein mit anderen Christen, das gemeinsame Hören auf Gottes Wort, die Reflexion desselben auf mein Leben, das „Füreinander- da-sein“ in Höhen und Tiefen, die Gemeinschaft, ja das Miteinander sind mir Freude, Trost und Kraft.

Wolfgang Lehrke

Wolfgang Lehrke, Vöhringen

Ich will es mal fromm formulieren: Kirche ist für mich die „Gemeinschaft der Heiligen“, also all jener, die Jesus, dem Sohn Gottes, dem Retter und Erlöser der Welt und der Menschen, nachfolgen. Ich tue mich deshalb sehr schwer mit einer Kirche, die sich der Gesellschaft und ihrem Zeitgeist unterwirft, ohne ihren Herrn zu bekennen. Geistlich hineingewachsen bin ich in meiner Zeit beim Evangelischen Jugendwerk. In meiner lebendigen Kirchengemeinde finde ich ein Zuhause im Hauskreis und im Gottesdienst, meine „geistliche Heimat“ aber habe ich bei den Apis gefunden. Dabei bin ich bemüht, die Kontakte zum Jugendwerk zu halten. Und ich möchte den geistlichen Tiefgang sowie das geschwisterliche Miteinander bei uns Apis mit einbringen in unseren Hauskreis und bei der Mitwirkung in den Gemeinde-Gottesdiensten. Vor Ort leben wir ein echt gutes Miteinander, kein Nebeneinander. Das ist mir wichtig.

Frank Jutz, Gerlingen

Die Verkündigung des Evangeliums im Sonntagsgottesdienst liegt mir sehr am Herzen. Ich bin im Kirchengemeinderat, arbeite in der Bezirkssynode und im Kirchenbezirksausschuss mit. Mir ist wichtig, dass die Menschen in unserer Gemeinde dem Wort Gottes bedingungslos vertrauen und zum lebendigen Glauben an Jesus Christus finden. Dafür setze ich mich auch ein als Prädikant im Kirchenbezirk Ditzingen. Darum bin ich auch bei den Apis in Gerlingen aktiv, um selbst immer mehr im Wort Gottes zu wachsen.

Mai 2018: Sag's mir ins Gesicht!

Sag's mir ins Gesicht!
Mo, 30. April 2018: Von der Untugend, Unsägliches zu sagen (Steffen Kern)
Mo, 7. Mai 2018: Klartext! Welche Gesprächsfallen Sie kennen sollten (Jörg Berger)
Mo, 14. Mai 2018: Die Wahrheit hat Konjunktur (Prof. Dr. Matthias Clausen)
Do, 17. Mai 2018: "Ich rede, also bin ich" - Das Leben ist ein Gespräch (Horst Schaffenberger)
Mo, 21. Mai 2018: Die "10 Gebote" der Online-Kommunikation (Joachim Stängle) 
Mo, 28. Mai 2018: Wie Wertschätzung Wunder wirkt (Tim Niedernolte)

Autor: Steffen Kern, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 2-3 Min.

Liebe Apis, liebe Freunde,

wie viele Worte dringen jeden Tag an unser Ohr? – Das weiß wohl kein Mensch. Wahrscheinlich ist es auch nicht zu sehr von Belang, wie viel wir jeden Tag hören und sagen. Bedeutsamer ist, dass wir auch Unsägliches sagen und hören. Gerüchte verbreiten wir Menschen schon immer. Nicht umsonst heißt eines der 10 Gebote: „Du sollst kein falsch Zeugnis sagen wider deinen Nächsten.“ Und doch tun wir genau das beständig. Wir reden unsagbar gerne allzu viel über andere. Über den einen Nachbarn, die Kollegin, die neue Besucherin im Gottesdienst, den Pfarrer … Vor allem Personen des öffentlichen Lebens sind oft Gegenstand unserer Gespräche und unserer Spekulationen. Christen unterscheiden sich hier in keiner Weise von Nichtchristen. Das Internet und die Kommunikation in sozialen Netzwerken verschärfen diese alte Untugend, Unsägliches zu sagen, noch einmal dramatisch. Oft anonym werden auf Facebook und Co Behauptungen in die Welt gesetzt, die nicht zu belegen sind. Wir schwadronieren und dreschen Phrasen, gelegentlich auch  politische, um möglichst viel Effekt zu erzielen. Die Wirkung von alldem ist verheerend und die Gesellschaft droht sich immer mehr zu polarisieren. Eines ist klar: Wir brauchen mehr Achtsamkeit auf das, was wir sagen. Es braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen für ihre Worte und deren Konsequenzen. – Worauf kommt es also an, wenn wir reden?

Ehrlich, persönlich, differenziert

Ich meine, wir müssen ehrlicher, persönlicher und differenzierter zu reden lernen. – Ehrlich zu sein ist die Basis von allem. Nicht nur in dem, was wir sagen, sondern auch in dem, was wir verschweigen. Auch Halbwahrheiten sind ganze Lügen. Gar nicht so einfach im Zeitalter von sogenannten „alternativen Fakten“. Die Wahrheit ist ein kostbares Gut. Darum ist Ehrlichkeit gefragt. 

Und persönlich sollte es sein. Für das, was wir sagen, haben wir persönlich geradezustehen. Es ist nicht akzeptabel, wenn anonym oder unter falschem Namen im Internet Thesen verbreitet werden, die kein Mensch überprüfen und nachverfolgen kann. Rückfragen auszuweichen, auch Rückfragen unmöglich zu machen, ist schlicht und ergreifend feige. So zerstören wir unser gesellschaftliches Klima. Je unehrlicher und unpersönlicher wir reden, desto weniger Vertrauen gibt es in unserem Land. Christen sollten für eine vertrauensvolle Kommunikation einstehen. 

Dazu gehört es auch, differenziert zu reden. Unsere Welt ist so komplex, dass platte und einfache Antworten oft nicht genügen. Es gilt die Dinge differenziert zu betrachten, sorgsam abzuwägen und dann auch klar Position zu beziehen. Diese Differenziertheit bleibt aber allzu oft auf der Strecke. Differenziert zu reden kostet uns etwas. Nämlich Zeit und Kraft und es bedeutet hinzuhören, bevor wir etwas sagen. 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen beim Lesen dieser Ausgabe unseres Magazins viele gute Einsichten.

Seien Sie herzlich gegrüßt

Ihr Steffen Kern

Steffen Kern ist Journalist und Pfarrer. Er ist 1. Vorsitzender der Apis.


Autor: Jörg Berger, Heidelberg
Lesedauer: ca. 12-15 Min.

Welche Gesprächsfallen Sie kennen sollten

Wer spricht, will gradlinig sein und wird manchmal von Gefühlen aus der Bahn gelenkt. Dann geht es nicht mehr um das Thema. Es geht um verletzte Gefühle und frustrierte Bedürfnisse. Manchmal geschieht das, ohne dass wir es merken. Entdecken Sie einen klugen und evangeliumsgemäßen Umgang mit schwierigen Gesprächssituationen. 

„Das gibt es doch nicht!“, denke ich. „Dieter, den ich immer als humorvoll und großzügig erlebt habe, spricht gnadenlose Worte aus. Er verurteilt Marco und greift ihn scharf an, und das, obwohl es noch andere mitbekommen. Er schlägt Wunden, die vielleicht lange nicht heilen werden. Zwei Menschen, die zu den gleichen Gebeten den Kopf geneigt haben, die das gleiche Abendmahl empfangen haben, die dem gleichen Herrn dienen wollen – und dann so etwas. 

Wie kann das bei Christen vorkommen?“ Für einen kleinen Moment fühle ich mich besser als die Person, die da so wütet und richtet.

Dann fällt mir aber ein, wie ich in solchen Situationen reagiere. Als eher introvertierter Mensch neige ich nicht zu öffentlicher Aggression. Ich gebe aber auch nicht gerne klein bei. Stattdessen entziehe ich dem andern mein Vertrauen und gehe auf Distanz. Das ist auch nicht besser. Nun beobachte ich, wie Marco reagiert. Zu meiner Überraschung versucht er, Dieter zu beruhigen. Er beschwichtigt, macht sich klein und gibt Dieter in vielem Recht. „Ist das hilfreich?“, frage ich mich. „Bestätigt er Dieter nicht in seinem falschen Verhalten? Und warum gibt Marco seinen Standpunkt auf? Er hat doch auch etwas Wichtiges zu sagen. Ist es gut, dass sich Dieter nun so durchsetzt?“ 

Diese Situation zeigt, auf welche Weise Gespräche entgleisen können. Das geschieht, wenn eine von drei menschlichen Instinktreaktionen ausgelöst wird: Kampf (Dieter), Unterwerfung (Marco) oder Flucht (meine Reaktion). Dass sich Kampf oft nicht mit dem Liebesgebot Jesu verträgt, bedarf keiner Erklärung, höchstens des Hinweises auf den heiligen Zorn, den wir in besonderen Momenten brauchen. Aber was ist mit der Unterwerfung? Ist die nicht gut? Bedeutet sie nicht, den „unteren Weg“ zu gehen, die zweite Meile mitzugehen, den anderen durch Demut zu gewinnen? Doch biblische Demut gibt den eigenen Standpunkt nie auf. Sie verrückt nicht die Wahrheit, nur um den anderen zu beruhigen. Schließlich können Rückzug und Distanz sinnvoll sein, wenn uns jemand in Kämpfe hineinziehen will, die sich nicht auszutragen lohnen. Doch die Flucht kann auch aus Angst geboren sein. Dann entziehen wir uns aus Misstrauen einer Auseinandersetzung, die wir dem anderen oder einer guten Sache schulden. 

Warum werden Gespräche manchmal so schwierig? Das hat einen einfachen Grund. Jedes Gespräch erfordert Offenheit und Offenheit bedeutet: sich verwundbar machen. Besonders schmerzt es, wenn wir Missachtung, Macht und Unehrlichkeit begegnen. Wer sich aber in der Sache und im Stil treu bleiben will, muss damit umgehen können, wenn einmal die Wertschätzung wegbricht, wenn ein anderer Macht ausübt oder es mit der Wahrheit nicht genau nimmt. 

Jedes Gespräch erfordert Offenheit

Gesprächsfalle Missachtung

Gudrun tut, als wäre sie eine weltweit anerkannte Fachfrau für Gottesdienstgestaltung. Ihr Tonfall ist belehrend, sie behandelt die anderen im Team wie Kinder, die zwar schöne Wünsche und Ideen haben, aber die Welt noch nicht verstehen. Dabei sind in Gudruns Team gestandene Christen, die schon etliche Gottesdienste gestaltet haben. Eine gefährliche Gesprächssituation: Gudruns Missachtung reizt die anderen und provoziert Überreaktionen. Wäre es nicht herrlich, Gudrun ironisch in den Himmel zu heben, sie dann mit einer harten Kritik aus dem Gleichgewicht zu bringen und auf den Boden der Tatsachen stürzen zu lassen?

Doch wer die Besprechung aufmerksam beobachtet hätte, der hätte bemerkt: Gudrun hat nicht von Anfang an so gesprochen. Anfangs hat sie ihre Ideen ganz normal eingebracht, hat aber im Eifer der unterschiedlichen Vorstellungen kein Gehör gefunden. Erst dann hat sie sich auf ein Podest der Überlegenheit gestellt. Sie hat dann tatsächlich mehr Aufmerksamkeit erfahren, allerdings nicht die, die sie gebraucht hätte.

Das beste Mittel gegen Missachtung ist daher, selbst wertschätzend zu sein. Das drückt sich erstmal im aufmerksamen Zuhören aus. Das ist gar nicht so einfach, wenn Gudrun so überheblich spricht. Wertschätzen heißt auch, sich von den Worten und dem Anliegen eines anderen berühren zu lassen. Dann schenke ich dem anderen nicht nur Raum in meinem Kopf, sondern Raum in meinem Inneren. Hier entspringt die Einfühlung. Sie findet auch Worte für das, was den Beitrag des anderen wertvoll oder was ein Anliegen unterstützenswert macht. Meist ändert sich dann die Gesprächsatmosphäre. Gudrun zum Beispiel steigt von ihrem Podest, wenn sie Wertschätzung spürt. Sie lässt die Meinung anderer dann auch wieder gelten. 

Doch was soll geschehen, wenn ein anderer missachtend bleibt? Dann kann das Gespräch zu einer Übung des Glaubens werden: Wertschätzend bleiben, obwohl mich ein anderer gering schätzt. Missachtung ist schlimm, weil sie mich klein macht. Im Glauben kann ich mich aber wieder aufrichten, weil Gott mir eine bedingungslose Würde schenkt und mir einen wichtigen Auftrag gibt, den nur ich in dieser Weise ausfüllen kann. Wo ich mich damit innerlich verbinden kann, verblasst menschliche Missachtung. Dann halte ich freundlich an dem fest, was mir in einer Situation gut und wichtig erscheint. Ich muss mir die Achtung des anderen nicht erkämpfen. Ich muss dem anderen die Missachtung auch nicht heimzahlen. Vielleicht bleibt mir der andere etwas schuldig – eine Anerkennung oder eine Unterstützung. Aber ist der Mangel, den mir ein anderer zumutet, größer als Gottes Fähigkeit, mich mit der Ehre und Unterstützung zu versorgen, die ich brauche? Das ist eine Frage des Vertrauens. Hier wird der Glaube praktisch und hilft, eine Missachtung zu überwinden. Glaube ist auch gefragt, wenn das Gespräch in die Ohnmacht führt.

Das beste Mittel gegen Missachtung ist Wertschätzung

Gesprächsfalle Macht

Schon sein Körperbau und seine laute Stimme verleihen Alfred Autorität. Sein Handschlag wirkt wie eine Einladung zum Kräftemessen. Mit allen Verhaltensweisen scheint Alfred eine Position der Stärke einzunehmen: wie er am Kopfende des Konferenztisches Platz nimmt, das andere bescheiden freigelassen haben, wie er seinen gewaltigen Kalender und den Schlüsselbund auf dem Tisch platziert, wie er jeden herausfordernd anlächelt, der in die Runde kommt. „Er ist eben der geborene Leiter“, meint Hanno nach der Besprechung. „Nein“, behauptet Iris. „Er ist der geborene Machtmensch.“ „Du übertreibst“, beschwichtigt Hanno. „Ich übertreibe?“ Nun redet sich Iris in Rage: „Er bestimmt doch alles, wir sind blöde Schafe, die ihm folgen sollen.“ „Aber warum machst du dich dann nicht für das stark, was dir wichtig ist?“, fragt Hanno vorsichtig. „Das habe ich einmal probiert, und er hat mich sowas von auflaufen lassen. Gegrinst hat er und ich bin mir so dumm vorgekommen, dass ich gar nichts mehr gesagt habe.“ 

Schon die Körpersprache kann ein Machtmittel sein, wenn sie einschüchtert. Auch wer den anderen unterbricht oder gar nicht erst zu Wort kommen lässt, übt Macht aus. Oft sind es Drohungen, die Einfluss sichern. Drohungen können so unauffällig sein, dass man sie kaum als solche erkennt: „Wenn wir das so machen, dann schaffen wir uns viele Gegner in der Gemeinde.“ Es gibt noch viele andere Machtmittel. In ihrer Wirkung gleichen sie einander: Sie berauben andere ihres Einflusses und ihrer Mitbestimmung. Sie machen ohnmächtig. Auf Ohnmacht kann man unterschiedlich reagieren, je nach Typ kämpferisch und mit Vergeltung wie zum Beispiel schlechtem Reden oder auch mit Resignation und Rückzug.

Machtkämpfe gewinnt oder verliert man nicht im Gespräch, sondern im eigenen Herzen. Wer der eigenen Angst standhält und Vertrauen in die eigene Autorität findet, kann im Machtkampf seine Position halten. Jesus, Petrus und Paulus standen Mächtigen gegenüber und die Bibel überliefert uns eindrückliche Beispiele, wie man angesichts von Machtausübung kommuniziert: Glaubende treten aus dem Machtkampf heraus. Sie überlassen es Gott, wie die Machtfrage ausgeht. Sie beschränken sich darauf, für das Gute einzutreten und die eigene Position zu halten. Da reichen ruhige, klare Worte, eine aufrechte Körperhaltung, ein fester Blick. Meist weckt das Respekt, auch bei machtbewussten Menschen. Und wo ein Alphatier seine Macht missbraucht, da sitzt Gott am längeren Hebel und wird die Dinge am Ende zu seinem Ziel führen. Wir dagegen können loslassen und vergeben. Wo uns allerdings Macht anvertraut ist, zum Beispiel in einer Führungsposition, da dürfen wir sie auch gebrauchen und werden uns zur Not durchsetzen, auch wenn das gegenüber machtbewussten Menschen unseren ganzen Mut erfordert und eine Menge Kraft kostet. Hier ist ratsam, den Kampf nicht alleine zu führen, sondern sich von anderen stützen zu lassen.

Vertrauen in die eigene Autorität stärkt die Position im Machtkampf

Gesprächsfalle Unehrlichkeit

Silvia bringt ihre Kritik behutsam und mit einem guten Beispiel an. Doch was Silvia sagt, perlt an Bernd ab wie Regentropfen an einer gut imprägnierten Jacke. Bernd kann einfach nicht zugeben, dass er sich unfair verhalten und Silvia dadurch in eine unangenehme Situation gebracht hat. Er redet sich mit abenteuerlichen Argumenten heraus. „Er müsste sich einmal hören“, denkt Silvia. 

Es ist nicht das erste Mal, dass Silvia so etwas mit Bernd erlebt. Beim letzten Mal hat sie sich bei anderen Luft gemacht. Aber hinterher hatte Silvia ein schlechtes Gewissen. Denn einerseits hat sie ziemlich schlecht über Bernd geredet. Was sie dabei aber besonders erschreckt hat: Silvia ist im Reden über Bernd selbst nicht bei der Wahrheit geblieben. Im Bemühen, dass ihr geglaubt wird, hat sie die Situation mit Bernd drastischer geschildert, als sie in Wirklichkeit war. „Bin ich vielleicht gar nicht besser als Bernd in dieser Hinsicht?“, fragt sich Silvia. „Oder hat er mich mit seiner Unehrlichkeit angesteckt?“

Wer in einem Gespräch auf Unehrlichkeit stößt, erlebt erheblichen Stress. Es ist einerseits sehr unangenehm, wenn die eigene Wahrnehmung von jemand verunsichert oder sogar auf den Kopf gestellt wird. Außerdem zieht es dem Gespräch den Boden unter den Füßen weg, wenn zwei von völlig unterschiedlichen Tatsachen ausgehen. Wie und worüber soll man da noch reden?

Hier bringt Sie Vertrauen wieder ins Gleichgewicht. Zunächst das Vertrauen in Ihre eigene Wahrnehmung: Ja, Sie können Ihrer Wahrnehmung trauen. Sie haben vielleicht nicht in jedem Detail Recht, aber Ihre Einschätzung der Situation ist sicher zutreffend. Wenn der andere das so ganz anders sieht, dann macht er Ihnen und vielleicht auch sich selbst etwas vor. In einem zweiten Schritt braucht es ein Vertrauen in die Gemeinschaft: Die anderen würden die Situation ganz ähnlich sehen wie Sie, wenn sie einen ähnlichen Einblick hätten. Die andern durchschauen jemanden wie Bernd mit der Zeit auch und erleben ganz ähnliche Gefühle wie Sie. In den meisten Gemeinschaften kann man sich in den wichtigen Dingen auf eine gemeinsame Sicht einigen. Drittens hilft auch ein Vertrauen in die Macht der Wahrheit. Auf Dauer kann man sich nur schwer der Realität entziehen und auch Bernd wird sich hier wahrscheinlich anpassen, auch wenn er sich gerade noch wehrt. Silvia kann die Macht der Wahrheit wirken lassen. Sie kann Bernd immer einmal wieder auf unangenehme Wahrheiten hinweisen und einfach beobachten was geschieht. Sehr wahrscheinlich wird das nicht ohne Wirkung auf Bernds Verhalten bleiben. Vielleicht wird sie beobachten, wie Bernd in einer anderen Situation sogar zugibt, dass er gerade verschleiert und abgestritten hat. Auch das Vertrauen in die Wahrheit, in die Wirkung eines aufrichtig gesprochenen Wortes, kann zu einer Übung des Glaubens werden.

Wenn wir Gesprächsfallen betrachten, entdecken wir einige psychologische Zusammenhänge. Die helfen uns zu verstehen, was vor sich geht. Das verhindert Überreaktion. Zugleich öffnet sich uns auch eine geistliche Sicht schwieriger Gesprächssituationen. Sie führen uns an einen Punkt, wo wir loslassen und uns in der Wirklichkeit des Glaubens verankern: Gott versorgt Glaubende, wo andere ihnen einen Mangel zumuten. Seine Macht umfasst jede menschliche Situation, Gott lässt sich durch Menschen nicht von seinen Plänen abbringen und auch nicht von den Wegen, die er mit uns gehen will. Doch damit wir Liebe leben und verkörpern, nimmt uns der Glaube alle Waffen aus der Hand, bis nur noch eine Waffe übrig bleibt: das aufrichtig gesprochene Wort. Je reiner, bescheidener und ehrlicher wir sprechen, desto größer ist seine Schlagkraft. 

Jörg Berger arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis (www.stacheln.com)


Buchtipp zur Vertiefung

Jörg Berger: Stachlige Persönlichkeiten - Wie Sie schwierige Menschen entwaffnen
Preis: 12,95 €
auch als Hörbuch erhältlich

Autor: Prof. Dr. Matthias Clausen, Marburg
Lesedauer: ca. 10-12 Min.

Die Wahrheit hat Konjunktur

„Wir haben alternative Fakten“, so Kellyanne Conway, Beraterin von Donald Trump, auf die Frage, was Sie denn zu den Fotos von der Menschenmenge bei der Amtseinführung ihres Chefs zu sagen habe?¹ Ganz offenkundig waren beim gleichen Anlass bei Barack Obama vor acht Jahren deutlich mehr Menschen anwesend als nun im Januar 2017. Mehrere Fotos zu unterschiedlichen Tageszeiten aus unterschiedlichen Blickwinkeln machten das erkennbar. Macht nichts, so schien die Antwort zu lauten, wir haben eben alternative Fakten. 

Das könnte man lustig finden, wenn es nicht so traurig wäre. Denn der freizügige Umgang mit Evidenz und Interpretationen macht ja bei Fotos von Menschenmengen nicht halt. Soziale Medien sind voll von Falschmeldungen – teils bewusst gestreut und technisch vervielfältigt –, mit denen ganze Gruppen von Menschen in Misskredit gebracht werden. 

Gefühlte Wirklichkeit?

Die Wahrheit ist eben doch keine bloße Konstruktion. Wahrheit und Unwahrheit lassen sich unterscheiden, und es hat unmittelbare Auswirkungen auf eine Gesellschaft, wenn diese Unterscheidung verwischt wird. Die Wahrheit hat Konjunktur. Die Sehnsucht nach verlässlichen Informationen wächst, vielleicht auch deswegen, weil sie Mangelware geworden zu sein scheinen. Vor allem ist deutlicher geworden, was bei der Suche nach Wahrheit auf dem Spiel steht. Denn, so der Philosoph Michael Hampe von der ETH Zürich: Lügen und irreführende Propaganda hat es in der Politik schon immer gegeben. Was aktuell aber neu ist, ist die Unverfrorenheit, mit der offenkundige Unwahrheiten weiterverbreitet werden, scheinbar immun gegen noch so gut begründete Einwände.

Und die Relativierung des Unterschieds echter und „gefühlter“ Wirklichkeit ist nicht nur ein Problem in anderen Ländern. Das erleben wir auch in deutschen Talkshows. Da wird ein AfD-Kommunalpolitiker darauf hingewiesen: Die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland ist geringer, als seine Partei behauptet. Und er antwortet: „Es geht nicht nur um die reine Statistik, sondern es geht darum, wie das der Bürger empfindet. Perception is reality. Das heißt: Das, was man fühlt, ist auch Realität.“²

Ist das so? Würden wir das zum Beispiel in einem missionarischen Gespräch so stehen lassen? Etwa einen Satz wie: „Ich sehe Gott nicht, ich fühle Gott nicht – also kann es ihn auch nicht geben“? Oder auch: „Ich erlebe Gott als Kraft in der Natur, einen persönlichen Gott kann ich mir nicht vorstellen – also glaube ich, dass die Natur selbst göttlich ist.“ Würden wir das bejahen? Nein, denn Wahrheit ist eben nicht identisch mit Wahrnehmung. Was ich wahrnehmen kann, was ich mir vorstellen kann, bestimmt nicht, was wahr sein kann. Kein Mensch hat die „Wahrheit gepachtet“, das stimmt. Was wahr ist, wird unsere Wahrnehmung fast immer übersteigen. Das heißt nur eben nicht, dass Wahrheit beliebig wäre. Sondern weil es Wahrheit gibt, lohnt es sich gerade, nach ihr zu suchen. Umso gewissenhafter und sorgfältiger müssen wir bei dieser Suche vorgehen. 

Die Gelegenheit nutzen 

Wie gehen wir nun als Christen auf das neu gewonnene Interesse an der Wahrheitsfrage ein? Und wie tun wir das angesichts der genannten Herausforderungen – unter anderem gezielter Desinformation, undurchschaubarer Propaganda, Überinformation im Netz und fehlender Kriterien zur Bewertung von Nachrichten? Dass Wahrheit erstrebenswert ist und nicht nur ein akademisches Spiel mit Worten, wird den Menschen zunehmend wieder klar. Umso mehr suchen sie nach Orientierung und verlässlicher Information.

Als Christen glauben wir, dass Gott die Welt geschaffen und uns mit der Fähigkeit ausgestattet hat, nach Wahrheit zu suchen. Das gehört also mit zu unseren Aufgaben. Gerade für Christen gilt daher:

Die Suche nach verlässlicher Information und Wahrheit ist herausfordernd

1. Vorbildlich und gewissenhaft sein in der Beachtung wissenschaftlicher Standards

Das heißt, wir vertreten insbesondere im akademischen Umfeld nur das, was sich nach den Regeln des jeweiligen Fachs auch ordentlich belegen lässt. In der Apologetik spricht man hier gelegentlich vom „minimal facts“-Ansatz: Ich konzentriere mich in meiner Argumentation auf solche Fakten, bei denen ich von gut informierten Gesprächspartnern aus meinem Fachbereich möglichst viel Zustimmung erwarten darf – weil diese Fakten besonders gut abgesichert sind. Wohl gemerkt: Das heißt natürlich nicht, dass „nur das wahr sein kann, was bereits Stand der Forschung ist“ – dann könnte Wissenschaft sich ja niemals weiterentwickeln. Es heißt nur, dass wir, zumal im Gespräch über den Glauben, besonders sorgfältig und gewissenhaft argumentieren. Das schafft Vertrauen. Und das Interessante ist, dass wir auch auf diese Weise sehr weit kommen. Ein Beispiel: Die historische Vertrauenswürdigkeit des Neuen Testaments. Hier kommt man erstaunlich weit, wenn man zunächst auf Erkenntnisse des (eher liberalen) universitären Mainstreams zurückgreift. Demnach sind die Evangelien zwischen rund 70 und 100 n. Chr. abgefasst, die Paulusbriefe in den 50er-Jahren. Von Jesus wissen wir, auch unter Rückgriff auf römische Quellen, dass er um das Jahr 30 herum öffentlich aufgetreten ist. Der Abstand zwischen den Ereignissen und den ältesten Texten beträgt also 40 bis 70 Jahre bzw. 20 Jahre. Schon das ist im Vergleich zu anderen Dokumenten der Antike äußerst kurz. Wir haben also guten Grund, die Evangelien als historische Quellen ernst zu nehmen. 

2. Nicht ungeprüft alles glauben, was wir lesen und sehen

Ich erinnere mich an einen alten Evangelisten, der einmal sinngemäß sagte: „Ist doch erstaunlich, dass so viele Menschen nicht glauben, was in der Bibel steht – aber sie glauben doch, was in der ‚Bild‘ steht.“ Dass nicht alles stimmt, was in der Zeitung steht, übrigens auch in deutlich seriöseren Zeitungen, weiß jeder, der sich die Mühe macht, Gegendarstellungen zu lesen. Übrigens stimmt auch nicht alles, was im christlichen Blätterwald zu lesen ist, das wissen zum Beispiel Menschen, die dort gelegentlich selber zitiert werden. Nun kann vieles davon an verzeihlichen Irrtümern liegen; und dass es in Deutschland eine Pflicht zum Abdruck von Gegendarstellungen gibt, ist ja auch schon was. Noch ernster ist das Problem online, zumal da, wo man sich vom professionellen Journalismus entfernt und private Blogs und Einträge in sozialen Netzwerken liest. Hier ist oft weitaus schwerer zu beurteilen, was wahr und was erfunden ist – oder noch schwieriger: was wahr und was verzerrt, aus dem Kontext gerissen und irreführend  dargestellt ist.

Die Auseinandersetzung mit anderen Ansichten ist elementar

3. Den eigenen Vor-Urteilen mit gesundem Misstrauen begegnen

Facebook & Co haben enorme Vorteile, zumal im Austausch mit Freunden weltweit. Sie haben aber unter anderem folgenden Nachteil, der den Nutzern meist gar nicht als solcher auffällt: Die eingebaute Software lernt mit, was ihre Nutzer interessiert, und präsentiert ihnen entsprechende Informationen bzw. Informationsquellen. Das kennen selbst Facebook-Abstinenzler (wie z. B. ich selbst) ansatzweise auch sonst aus dem Netz: Wer sich für Asterix, Elektroautos, Pfannkuchen-Rezepte und Apple-Produkte interessiert (diese Auflistung ist rein zufällig), wird beim Surfen wie durch Zufall auch verstärkt auf entsprechende Werbung stoßen. Das kann man einschränken, wenn man regelmäßig die „Cookies“ aus dem eigenen Internet-Programm entfernt, also gewissermaßen die Klebezettelchen, die eine Website nach ihrem Besuch an den Benutzer anheftet, um dessen Surfverhalten zu markieren. 

In sozialen Netzwerken ist die Anpassung an die Vorlieben des Nutzers aber deutlich ausgefuchster und viel schwerer einzuschränken. Das ist ohne Zweifel praktisch, weil man so nicht lange suchen muss nach dem, was einen interessiert. Es hat aber zur Folge, dass einem auch inhaltlich meist nur das präsentiert wird, was man bereits für richtig und wichtig hält. Das Paradoxe daran: Das „große“ Internet mit seiner Flut an Informationen und seiner immer wirksameren Software kann zu einer gigantischen Selbstbestätigungsmaschine werden. Man sieht, hört und liest nur das, was man sowieso glaubt und gut findet. Anderslautende Meinungen werden ausgeblendetoder als Getöse der Unverbesserlichen wahrgenommen. 

Und glauben wir bloß nicht, wir Christen seien gegen solche „Filterblasen“ gefeit, ob online oder durch die Wahl unserer Tageszeitung oder unseres Freundeskreises. Suchen wir also regelmäßig den Austausch mit Medien und Menschen, die etwas völlig anderes vertreten als wir selbst – um sie besser zu verstehen, um eigene blinde Flecken zu erkennen – und um andere besser zum Glauben an Jesus einzuladen. Gewinnen kann ich nur den, den ich verstehe. 

4. Den Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens gelassen und beherzt vertreten

Dass es den Vertretern von Wahrheitsansprüchen keineswegs immer nur „um die Sache“ geht, sondern oft auch um den eigenen Einfluss – damit haben Vordenker der Postmoderne sicher Recht. Das heißt nun bekanntlich nicht, dass es keine Wahrheit gibt. Denn selbst wenn ein Wahrheitsanspruch demjenigen, der ihn äußert, offenkundig nützt, wird er ja nicht dadurch falsch. „Ich bin überzeugt, dass Deutschland 2014 Fußballweltmeister geworden ist.“ Das wird nicht dadurch falsch, dass es mich erfreut. Dass mit Wahrheits- gelegentlich auch Machtansprüche verbunden sind, heißt aber: Umso demütiger müssen wir auftreten, wenn wir den Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens vertreten. Und das aus mindestens zwei Gründen: 

Erstens hat es dieser Anspruch auch so schon in sich. „Ich bin die Wahrheit“, sagt Jesus (Joh 14,6). „Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Das ist exklusiv und enorm anspruchsvoll. Davon dürfen wir nichts wegnehmen. Es hilft aber, wenn wir deutlich machen: Es geht bei diesem Anspruch in keiner Weise um einen Machtanspruch unsererseits, oder den unserer christlichen Organisationen. Wir wollen Menschen für Jesus gewinnen, nicht für unsere Statistik.

Zweitens geht es eben: um Jesus, und nicht um uns. Der Wahrheitsanspruch unseres Glaubens bezieht sich auf das Herz unseres Glaubens, auf eine Person. „Ich bin die Wahrheit“, sagt Jesus. Natürlich lässt sich daraus auch die Wahrheit von Aussagen über Jesus ableiten. Wenn Jesus selbst die Wahrheit ist, dann ist zum Beispiel auch die Aussage wahr: Jesus ist von den Toten auferstanden. Nur ist es kein Zufall, wenn in der Bibel Jesus selbst als Wahrheit bezeichnet wird. Weil schon im Alten Testament Wahrheit und Verlässlichkeit Gottes eng zusammenhängen. Unser Glaube ist wahr, weil Gott zuverlässig ist. Wahrheit ist also nicht theoretisch und abstrakt, sondern lebensnotwendig – und Jesus Christus ist der eine, auf dem wir uns im Leben und Sterben verlassen können. 

¹ Siehe z.B. FAZ vom 04.02.2017
² Claudia von Laak: „Gefühlte Realität“; in: Deutschlandfunk, 14.09.2016 (http://www.deutschlandfunk.de/afd-wahlkampf-in-berlin-gefuehlte-realitaet.1773.de.html?dram:article_id=365806, aufgesucht am 08.06.2017).

Prof. Dr. Matthias Clausen ist theologischer Referent des Instituts für Glaube und Wissenschaft und Professor für Evangelisation und Apologetik an der Ev. Hochschule Tabor, Marburg
Abdruck in Auszügen mit freundlicher Genehmigung aus SMD-Transparent 03/2017


Autor: Horst Schaffenberger, Bettingen (Schweiz)
Lesedauer: ca. 10-12 Min.

Das Leben ist ein Gespräch

Von der Kunst des guten Redens soll hier die Rede sein. Tatsächlich eine wichtige Kunst – in einer Zeit, in der gute Gesprächs- und Kommunikationsregeln auf der Strecke zu bleiben scheinen, im kleinen Alltag ebenso wie auf der großen politischen Bühne. Das gilt für Politiker, die gerne groß auftrumpfen, wie für Mitarbeiter, die sich gerne in Szene setzen. 

„Man kann nicht nicht kommunizieren“ – Reden ist alles!

Diese Maxime des großen Kommunikationsforschers Paul Watzlawick¹ zeigt uns an, dass alles in unserem Leben irgendwie auf Kommunikation hinausläuft. Nicht nur wenn wir Worte machen, auch wenn wir jemanden schief ansehen, oder eben auch keine Miene verziehen, ist das deutlich kommuniziert. Wir kommunizieren immer. Unser Leben ist ein Gespräch. Kommunikation ist soziale Interaktion, die auf Verständigung abzielt. Das ist die einfachste Definition von Kommunikation. Unser ganzes Leben ist davon durchzogen. Es ist schöpfungsgemäß in uns angelegt, weil wir als von Gott geschaffene Sozialwesen auf Gemeinschaft angelegt sind. Unser Leben ist ein Gespräch – eben auch mit Gott. Das läuft über Sprachen jedweder Art, symbolische Kommunikation – Kultur, Zeichen, Körpersprache – was man sich nur vorstellen kann. Gelingt uns die Kommunikation nicht, gelingt uns fast nichts, im Privaten, im Beruf und in der Gemeinde. 

„Die Sprache ist die Quelle aller Missverständnisse“!²

Jeder hat das schon erlebt. Wie schnell kann man aneinander vorbeireden oder sich nicht verstehen. Die Worte höre ich wohl – ich interpretiere sie nur anders! Und schon ist das Missverständnis im wahrsten Sinn des Wortes da. Kommunikation ist eine komplexe Angelegenheit. Wir reden nie nur Klartext, sondern oft in Andeutungen, je nach Charakter. Was für uns logisch klingt, versteht mein Mitmensch oft ganz anders. Es ist wie mit dem berühmten Eisberg: Der größte Teil jeder Kommunikation liegt unterhalb der sichtbaren Wasserlinie. Vieles, was wir sagen, hat seine Motivation in der Tiefe unserer Seele, ein kränkendes Wort kommt aus einer gekränkten Seele. Eine verbale Überreaktion liegt oft daran, dass in der Tiefe unseres Lebens etwas quer liegt, was uns zu dieser Aussage hinreißen lässt.

Jeder Mensch hört auch mit unterschiedlichen „Ohren“. Der eine ist mehr empfänglich für klare Ansagen, der andere hört immer die Beziehung mit, er hört das „Gras wachsen“ oder „legt jedes Wort auf die Goldwaage“, ein dritter spürt immer einen Appell in den Worten anderer. Es gibt mittlerweile viele hilfreiche Modelle, die unsere Kommunikation untersuchen und Hilfestellung geben, wie man sich richtig verstehen lernen kann. Das ist zum Beispiel das „Vier-Seiten-Modell“ von Schultz von Thun oder das bekannte Eisbergmodell oder das Johari Fenster.³ Wir können als Christen viel davon lernen und sollten als erste „Meister“ darin werden. 

Kommunikation ist eine komplexe Angelegenheit

Biblisches ABC der guten Kommunikation

Nun findet man gerade in der Bibel sehr vieles, was uns zu einer guten Kommunikation helfen kann. Es ist fast eine Art ABC oder „Knigge“ für gutes Reden miteinander, wenn wir uns in das Wort Gottes etwas vertiefen. Ein paar wesentliche Punkte, die uns als Leitlinien für eine gute Kommunikation dienen können:

Wertschätzung und Ermutigung als Redestil

„… so reden wir, nicht, als wollten wir Menschen gefallen, sondern Gott, der unsere Herzen prüft. Denn wir sind nie mit Schmeichelworten umgegangen, wie ihr wisst, noch mit versteckter Habsucht – Gott ist Zeuge –,haben auch nicht Ehre gesucht von den Leuten, weder von euch noch von andern, obwohl wir unser Gewicht als Christi Apostel hätten einsetzen können, sondern wir waren arglos unter euch. Wie eine Amme ihre Kinder pflegt, so haben wir Herzenslust an euch und sind bereit, euch teilhaben zu lassen nicht allein am Evangelium Gottes, sondern auch an unserm Leben; denn wir haben euch liebgewonnen.“ (1Thess 1,4-8)

So wie Paulus hier mit der Gemeinde von Thessaloniki spricht, sollte unsere Kommunikation aussehen. Paulus beschreibt hier, wie er mit dieser Gemeinde umgegangen ist: als Freund, als Vater und Mutter, als einer, der diese Leute liebgewonnen hat. Die Grundmotivation für das Reden miteinander – gerade auch in schwierigen Gesprächen – sollte sein, dass wir den anderen wertschätzen und ermutigen wollen. Oft sind unsere Gespräche nicht von Wertschätzung geprägt, sondern von Wert-Urteilen, die wir gegen andere fällen. Wenn uns etwas nicht passt, werten wir andere ab, statt sie als Schwestern und Brüder im Glauben wertzuschätzen, als Leute, in denen uns Christus selbst begegnet. Wir sollten mehr mit dieser Herzenslust dem anderen begegnen, Christus im Bruder sehen, auch wenn er ganz andere Meinungen vertritt, als wir.

Gewaltfreie Kommunikation auf Augenhöhe

„Ihr sollt wissen: Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.“ (Jak 1,19)
„Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst.“ (Phil 2,3)
„Denn wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen.“ (1Petr 3,10)

Wir tun schnell anderen Menschen durch unsere Worte Gewalt an. Das ist nicht der Weg, wie die Bibel uns ermutigt, miteinander zu reden! Jedes Wort, mit dem wir andere abwerten, nicht ernst nehmen, uns über sie stellen, sollte aus unserem Vokabular verschwinden. Solche „gewaltfreie Kommunikation“ kann man lernen. Nehmen wir unser Gegenüber ganz ernst. Auch gerade, wenn es ganz anderer Meinung ist als wir. Warum glauben wir oft automatisch, dass wir im Recht sind? Wenn wir glauben, dass in unserem Mitchristen auch Christus lebt, wieso meinen wir, dass in Auseinandersetzungen, die wir haben, ausgerechnet Christus auf unserer Seite ist? Könnte es sein, dass der Andere auch etwas Wahrheit hat, und die Aufgabe darin besteht, dies anzuerkennen und mit ihm einen gemeinsamen Weg der Wahrheitsfindung auf Augenhöhe zu gehen?

Die Bibel verhilft zu einer gelingenden Kommunikation

Ehrliche Kommunikation

„Eure Rede sei allezeit wohlklingend und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.“ (Kol 4,6)
„Wir sind ja nicht wie die vielen, die mit dem Wort Gottes Geschäfte machen; sondern wie man aus Lauterkeit und aus Gott redet, so reden wir vor Gott in Christus.“ (2Kor 2,17)
„Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind.“ (Eph 4,25)

Unser Gespräch – vor allem wenn es um unterschiedliche Meinungen geht – sollte geprägt sein von ehrlicher Motivation. Einfach Recht behalten zu wollen, ist keine ehrliche Motivation für ein Gespräch. Wir gestehen es uns oft viel zu wenig ein: wir wollen die Sieger bleiben, Recht behalten – so werden wir nicht zueinander finden. Ehrlichkeit ist eine wesentliche Grundbedingung, damit überhaupt ein Gespräch gelingt. 

Verlässliche Kommunikation: Wir sagen, was wir tun, und wir tun, was wir sagen

„Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören.“ (Eph 4,29)

Zu jedem Gespräch gehört auch die offene Bereitschaft, zu dem zu stehen, was wir sagen. Es ist eine der größten Versuchungen gerade im christlichen Bereich, dass wir mit hohlen und leeren Versprechungen große Forderungen an uns und andere stellen, die wir selbst nicht erfüllen können oder wollen – uns das aber nicht eingestehen. Hier wäre ein wenig mehr Bescheidenheit hilfreich, um unseren Gesprächen mehr Bodenhaftung zu geben. Wir sagen, was wir tun, und wir tun, was wir sagen. Unser Reden ist nachprüfbar und authentisch. Damit können wir als Christen punkten, im Beruf, in der Familie und Erziehung und gerade auch gegenüber unseren Mitmenschen. 

Gut miteinander zu reden, ist ein Zeichen des Evangeliums. Liebevolle Kommunikation zeigt an, dass wir von Christus gelernt haben, dass wir von ihm geliebte Menschen sind, dass wir von seiner guten Botschaft her leben. Eine Gemeinde, die das gelernt hat, gerade auch in Auseinandersetzungen zusammen zu bleiben und gut miteinander zu kommunizieren, ist ein positives Signal und Zeichen nach außen hin, daran wird man erkennen, dass sie Jesu Jünger sind (Joh 13, 35). 

 

¹ Paul Watzlawick, Janet H. Beavin, Don D. Jackson. Pragmatics of Human Communication. New York W. W. Norton 1967. p. 51.
² Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz.
³ www.berufsstrategie.de/tags/kommunikation.php

Horst Schaffenberger ist Dozent für Praktische Theologie am Theologischen Seminar St. Chrischona, Bettingen (Schweiz)


Autor: Joachim Stängle, Herrenberg
Lesedauer: ca. 8-10 Min.

"10 Gebote" der Online-Kommunikation

Zu Großmutters Zeiten traf man sich auf der Bank vor dem Haus oder am Brunnen im Dorf, um sich mit den Menschen im sozialen Umfeld auszutauschen. Auch wenn der Brunnen dort vielleicht noch sprudelt – unser sozialer Radius ist weit größer geworden. Wir stehen mit Menschen im Austausch – egal wo sie sich gerade befinden. Dabei ist nicht entscheidend, ob wir die Menschen persönlich kennen oder sie uns nur flüchtig bekannt sind. Wir zählen sie zu unserem Online-Freundeskreis und kommunizieren mit ihnen.

Wie bei jeder menschlichen Kommunikation sollte es auch in sozialen Netzwerken selbstverständlich sein, freundlich und höflich miteinander umzugehen. Leider erleben wir zunehmend, dass dies nicht immer der Fall ist. Ausfallende Kommentare, respektlose Rechthaberei und beleidigende Vorwürfe finden schnell den Weg auf die Bildschirme. Viele sind enthemmter als im persönlichen Gespräch. Wie wäre es, wenn Christen hier in ihrer Kommunikation als Vorbilder wahrgenommen werden würden?

Ein Ansatz hierfür können die „10 Gebote“ der Online-Kommunikation sein. Ungeachtet der jeweils eigenen Gepflogenheiten der verschiedenen sozialen Netzwerke beschränke ich mich auf Regeln, die grundsätzlich beachtenswert sind. Dabei geht es auch um Hinweise, um sich und andere zu schützen. 

Die Kommunikation im Netz sollte stets freundlich sein

1. Behandle andere freundlich und mit Respekt

In der Bibel steht: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest.” (Lukas 6,31) Das gilt uneingeschränkt für die Online-Kommunikation. Denn – trotz geglaubter Anonymität, geht es um menschliche Kommunikation. Dass es hierbei zu Konflikten kommen kann, ist normal. Oft sind es dieselben Themen, die auch offline für Meinungsverschiedenheiten sorgen. Ein guter Maßstab kann sein, so zu schreiben und zu antworten, wie man es auch im persönlichen Gespräch machen würde. Das heißt nicht, dass Auseinandersetzungen verboten wären. Ganz im Gegenteil. Argumentiere hart in der Sache, aber freundlich im Ton und vermeide Drohungen oder persönliche Angriffe auf die Person.

2. Nimm dir Zeit zu schreiben und zu antworten

Gerade bei Themen, die über das Wetter oder die in Kürze zu verzehrende Mahlzeit hinausgehen und Konfliktpotential in sich tragen, lohnt es sich, genügend Zeit zum Schreiben und zum Antworten einzuplanen. Die Versuchung ist groß, spontan zu reagieren und zu entgegnen. Nach einigen Stunden des Nachdenkens würde man das so vielleicht nicht mehr schreiben. Ein echter Vorteil der schriftlichen Kommunikation ist – keiner muss sofort antworten. Den gilt es zu nutzen. 

3. Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen

Erst denken – dann schreiben. Das setzt voraus, dass ich es gewohnt bin, mir Gedanken zu machen und Themen zu reflektieren. Ein eigener Gedanke, ein eigenes Profil und eine eigene Meinung sind in sozialen Netzwerken sehr willkommen. Das bedeutet jedoch, dass die eigene Meinung so durchdacht ist, dass sie Rückfragen und anderen Meinungen standhält. Was ich von mir gebe muss ehrlich, transparent und authentisch sein. Plattitüden, nicht durchdachte oder übernommene Phrasen, werden schnell entlarvt. 

4. Achte darauf, ob und für wen deine Inhalte relevant sind

Nicht alles, was dir in den Kopf kommt und spontan spannend erscheint, ist es auch für andere. Oft werden diejenigen wesentlich stärker wahrgenommen, die hin und wieder originelle, neue oder persönliche Themen posten. Wer seine Kontakte ständig über unwichtige Details auf dem Laufenden hält, läuft Gefahr, in die Belanglosigkeit abzudriften. Es lohnt sich daher zu überlegen, für wen das nächste Posting interessant sein könnte. Eine Einschränkung oder Spezifizierung der Zielgruppen kann dabei helfen. 

5. Achte auf deine persönlichen Daten

In sozialen Netzwerken ist man nicht hilflos dem Daten-Sammeltrieb der Betreiber ausgeliefert – auch wenn dieser sehr ausgeprägt ist. In allen sozialen Netzwerken gibt es die Möglichkeit, die eigene Privatsphäre zu kontrollieren. Leider wird das oft zu locker genommen und mit dem Satz „ich habe ja nichts zu verbergen“ abgetan. Es ist wichtig, die eigenen Privatsphäre-Einstellungen immer wieder zu prüfen und ggf. zu aktualisieren. Überlege daher vor jedem Posting, wie viel persönliche Information du preisgeben möchtest. Soviel wie nötig – so wenig wie möglich. 

Wer die Grundregeln der Kommunikation im Netz umsetzt, trägt zu einem fairen Miteinander bei

6. Nimm nicht jede Kontaktanfrage an

Manchmal erhält man Kontakt- und Freundschaftsanfragen von Menschen, die Unmengen an Kontakten haben, aber nicht (persönlich) bekannt sind. Teilweise stammen sie aus unbekannten Ländern und tragen dubiose Namen. Hier kann es hilfreich sein, zu prüfen, ob unter deren Freunden Menschen sind, die du kennst und kurz nach ihrer Einschätzung fragen kannst. Oft handelt es sich um Fake-Profile und Datensammler, die einfach nur viele Kontakte haben möchten – wozu auch immer. 

7. Nicht jeder mag Spiele spielen und Rätsel lösen

Besonders bei Facebook sind Spiele, Umfragen und Rätsel beliebt. Dennoch mag das nicht jeder. Auch und v.a. weil solche Anwendungen als Folge oft auf das eigene Profil zugreifen können und damit persönliche Daten in unbekannte Kanäle gelangen können. Bei der Auswahl der Spiele und Anwendungen ist Zurückhaltung sehr empfehlenswert – sowohl im Hinblick auf die eigenen als auch die Daten anderer. 

8. Wahre die Rechte anderer

Die vermeintliche Anonymität verleitet dazu, persönlich anvertraute Dinge öffentlich zu posten. Was einmal veröffentlich wurde, ist bekannt und kann sich unkontrolliert verbreiten. Poste daher z.B. keine Fotos von Personen, die nicht explizit der Veröffentlichung zugestimmt haben oder ohne die Erlaubnis des Fotografen. Belege deine Aussagen durch glaubwürdige Quellen und nenne bei Zitaten die Quelle und den Urheber. 

9. Glaube nicht alles, hinterfrage kritisch und nutze verschiedene Quellen

Wie es schon immer für die Nutzung von Medien galt, ist es in Zeiten von Fake-News unerlässlich, nicht alles was weitergleitet und geteilt wird, zu glauben. Das gilt v.a. bei politischen und tendenziösen Äußerungen sowie bei stark emotionalisierenden Themen und Bildern ganz besonders. Recherchiere verschiedene Quellen und sichere den Wahrheitsgehalt, bevor du die Nachricht weitergibst. 

10. Dein Wert hängt nicht an Likes und Posts

Auch wenn Aufmerksamkeit die neue Währung zu sein scheint und Posts daran gemessen werden, wie oft sie geliked, kommentiert oder geteilt werden – der Wert eines Menschen hängt davon nicht ab (vgl. Ps 139,14). Dennoch freut sich jeder, wenn seine Beiträge wahrgenommen werden. Zeige daher, was dir gefällt und teile es mit anderen. Das ist eine Form digitaler Nächstenliebe. 

Joachim Stängle berät und begleitet Unternehmen und Organisationen auf dem Weg in die digitale Gegenwart
www.staengle-consulting.de


Tim Niedernolte, Berlin
Lesedauer: ca. 2-3 Minuten

Im Grunde hatte er nur zwei Optionen: entweder 48 Stunden durchklotzen und dann trotzdem noch hoffen, dass es irgendwie funktioniert. Oder gnadenlos scheitern. Was anderes gabs nicht für Christian Rach, damals als junger Spitzenkoch in Thailand, als er für Teile der Königsfamilie, die ranghöchsten Militärs und jede Menge Wirtschaftsbosse einen exklusiven Edel-Event bekochen sollte. 

Doch was macht Christian?

Er wählt Option drei und nimmt sich den kompletten ersten Tag Zeit, um die Küchenhelfer kennenzulernen, in der Personalkantine mit ihnen zusammen ihre mitgebrachten Sachen zu essen und sich für sie zu interessieren. Und das, obwohl der Druck riesig war und die bewaffneten Geheimpolizisten mit den Colts im Anschlag immer nervöser wurden – denn vorbereitet für das Event war noch nichts. 

Das passierte am nächsten Tag. Oder viel mehr morgens in der Frühe. Denn nach diesem Tag auf Augenhöhe mit dem fremden Team haben sich seine Mitarbeiter förmlich zerrissen für ihn. Als Christian Rach am nächsten Morgen in die Küche kam, war schon fast alles vorbereitet. „Ich habe ihnen dann meinen Plan erklärt, und dann sind die für mich durchs Feuer gegangen! Es war unglaublich!“ Und es hat geklappt. Das Unmögliche wurde möglich, der Event hat funktioniert. „Ich wäre so gnadenlos abgesoffen, hätte ich nicht diesen ersten Tag auf Augenhöhe mit ihnen verbracht!“, erzählt mir Christian später. 

Die Kraft der Wertschätzung

Und ich habe diese Geschichte direkt abgespeichert, weil sie die Kraft der Wertschätzung so eindrucksvoll auf den Punkt bringt. Unter Druck und bei Herausforderungen nicht einfach blind Vollgas geben oder direkt resignieren, sondern die Menschen mitnehmen und wertschätzen – darum geht’s.

Und es funktioniert auch in ganz vielen anderen Lebens- und Arbeitsbereichen. Bei Konflikten und Herausforderungen. Das habe ich selber schon oft erlebt und deshalb wünsche ich mir immer mehr davon. Und da führt natürlich kein Weg an dem Erfinder der ganzen Geschichte vorbei, sozusagen DEM Wertschätzer vor (oder von) dem Herrn: Jesus Christus höchstpersönlich. Ich sage nur Matthäus 22: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ 

Darum geht’s, ob im alten Israel, in der Catering-Küche im fernen Bangkok oder eben in unserem Alltag: morgens beim Bäcker, im Büro oder zuhause am Abendbrottisch. Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass echte gelebte Wertschätzung den Unterschied macht und für viele positive Überraschungen sorgt. 

Tim Niedernolte, TV-Moderator beim ZDF
www.timniedernolte.de
Foto: Dirk Schmidt

Buchtipp

Tim Niedernolte: Wunderwaffe Werrtschätzung - vom großen Glück einer einfachen Lebenshaltung, erschienen im Adeo-Verlag
Preis: 18,- €

April 2018: Das schwäbische Jerusalem

250 Jahre "Stunde" in Hülben
Mo, 2. April 2018: Willkommen in Hülben (Steffen Kern)
Mo, 9. April 2018: Die Hülbener "Stunde" (Prof. Dr. Siegfried Kullen)
Mo, 16. April 2018: Auf nach Hülben! (Ulrich Scheffbuch)
Do, 19. April 2018: In Hülben schlägt das Herz des Altpietismus (Hans-Dieter Frauer)
Mo, 23. April 2018: Albwasserversorgung (Konrad Eißler)
Do, 26. April 2018: Die "Seelen" des Schulhauses (Rolf Scheffbuch)

Willkommen in Hülben!

Autor: Steffen Kern, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 2-3 Min.

Liebe Apis, liebe Freunde,

wer der Geschichte des Pietismus in Württemberg auf frischer Tat begegnen will, der muss nach Hülben! Nirgendwo sonst hat der frühe Pietismus so tiefe Spuren hinterlassen wie auf dem karstigen Albboden hoch über Bad Urach. Seit mindestens 250 Jahren gibt es dort ununterbrochen eine Bibelstunde. Im letzten Jahr haben wir 500 Jahre Reformation gefeiert. 2018 geht unser Blick von Wittenberg nach Württemberg und dort gezielt nach Hülben. Das kleine Albdorf ist seit einem Vierteljahrtausend ein geistliches Zentrum. Es taucht in jedem Lehrbuch über den Pietismus in Deutschland auf. Selbst wer die allgemeine Geschichte Württembergs erzählt, kommt an Hülben und an der Familie Kullen nicht vorbei: Kullen, Busch, Scheffbuch, Eißler – hier lassen sich Segenslinien durch Familien verfolgen. Von hier aus zogen sie nach Korntal, in die Kirche und in die Welt. Hülben prägte die Region und das Land. Bis heute strömen Hunderte zu den Treffen an dem Ort, der dem Himmel etwas näher zu sein scheint als andere. Was ist sein Geheimnis?

Herzlich und humorvoll, kurz und klar

Man erzählt das Wort Gottes, ohne allzu viele und vor allem nicht allzu lange Worte zu machen. Kurz und klar sind die Beiträge in den Treffen, die – abgesehen von den großen Konferenzen – verlässlich nach einer Stunde enden. Nüchtern und bodenständig geht es zu in Hülben. Es gibt keine besonderen Lehren, keine geistigen und geistlichen Höhenflüge, sondern Punktlandungen: Was in der Bibel Vorsitzender der Apis steht, wird auf den Punkt gebracht. Einfach, schlicht und lebensnah. Herzlich und humorvoll begegnet man sich. Ich bin noch nie nach Hülben gekommen, ohne bei jedem Besuch zumindest einmal herzlich gelacht zu haben. Wer hierher kommt ins alte Schulhaus oder in die Kirche, erlebt: Das Evangelium hat Hand und Fuß.

Gewiss gibt es viele moderne und postmoderne, innovative und kreative Formen pietistischen Lebens an vielen Stellen im Land – und das ist gut so. In Hülben gibt es keine Experimente. Auch kein schwelgendes Halleluja. Keine Schwarzwälder Kirschtorte, sondern „Konferenzbrot“. Hier gibt es einen Bibeltext, eine kurze Geschichte aus dem Leben dazu, ein Segenswort und ein kräftiges Amen. Damit kann man leben. Und sterben. Denn der Pietismus in Hülben ist zwar traditionsbewusst – und das im besten Sinne – aber nie gesetzlich und eng. Im Gegenteil: Hier wird das Evangelium bezeugt. Hier hat man begriffen, was Gnade bedeutet. Hier auf der rauen Alb erfährt man immer wieder ein Stückder herzhaften Barmherzigkeit Gottes. Hier wird man nicht in den Himmel entrückt, sondern gewinnt Boden unter den Füßen und findet Kraft zum Leben. Darum bin ich von Herzen dankbar, dass es nach 250 Jahren immer noch heißt: Willkommen in Hülben! 

Seien Sie herzlich gegrüßt
Ihr Steffen Kern

Steffen Kern ist Journalist und Pfarrer. Er ist 1. Vorsitzender der Apis.


Autor: Prof. Dr. Siegfried Kullen, Hülben
Lesedauer: ca. 15-18 Min.

Geprägt von Pfarrern, Lehrern, Bauern und Handwerkern

Wenn wir die lange Geschichte der Hülbener Stunde im Rückblick betrachten, kann man nur staunen. Seit 1768 gibt es diese Stunde ohne Unterbrechung bis heute. Dennoch war es keine Triumphstraße, sondern auch ein Weg voller Brüche und Krisen.

Hülben, in ca. 700 m Höhe auf der Uracher Alb gelegen, war im 18. Jahrhundert mit seinen steinigen Äckern und seinem rauen Klima ein armes Bauerndorf. Es besaß eine kleine Kirche, hatte aber keinen eigenen Pfarrer, sondern war bis 1866 kirchlich eine Filiale von Dettingen/Erms. Der zweite Pfarrer von Dettingen, auch „Helfer“ genannt, musste Hülben geistlich betreuen. Alle 14 Tage predigte er in der Hülbener Kirche und versah die anstehenden Kasualien (Taufen und Hochzeiten). Um den geistlichen Herren ihre Arbeit zu erleichtern, hatte man von Dettingen aus ein „Pfarrwegle“ angelegt, ein bis heute viel begangener Albaufstieg.

Dettingen war das zentrale Pfarrdorf im Ermstal und hatte durch die Jahrhunderte fromme, bibeltreue Pfarrer. Im 18. Jahrhundert waren es vor allem Friedrich Christoph Steinhofer (1706-1781) und Johann Ludwig Fricker (1729-1766), die den Pietismus im Ermstal und auf der Uracher Alb begründet und heimisch machten. Pfarrer Fricker wurde für Hülben besonders wichtig. Er hatte an dem kleinen Albdorf und seinen Bewohnern eine besondere Freude. Er hielt dort nicht wie vorgeschrieben 14-tägig einen Gottesdienst, sondern nahm jeden Sonntag den beschwerlichen Albaufstieg auf sich, um dort zu predigen. Er spürte, hier gab es offene Ohren und Herzen für das Evangelium. 

Eine Hülbenerin fand zum lebendigen Glauben

Von den Predigten Frickers wurde die Frau des Schulmeisters Kullen, Anna Katharina, geb. Buck, besonders angesprochen. In einem seelsorgerlichen Gespräch gestand sie ihrem Pfarrer ihre innere Unruhe und ihren Mangel an Glaubensgewissheit. Pfarrer Fricker war ein in sich gekehrter Mann, der nicht viele Worte machte. Er gab ihr den Rat: „Frau Schulmeisterin, lese Sie die Römerepistel!“ Nach einem erneuten Besuch im Hülbener Schulhaus sagte sie zu ihm: „Der Römerbrief ist etwas für die Dettinger, nichts für die Hülbener.“ Sie wollte damit sagen, solche Menschen, wie sie in den ersten Kapiteln des Römerbriefs beschrieben werden, gibt es wohl im gewerbefleißigen Dettingen, aber nicht im frommen, gesitteten Hülben. Pfarrer Fricker sagte nur: „Frau Schulmeisterin, lese Sie den Römerbrief noch einmal.“ Bei einem weiteren Gespräch sagte sie dann zu Fricker: „Ja, der Römerbrief ist auch etwas für die Hülbener – er ist auch für mich!“ Pfarrer Fricker antwortete nur: „Jetzt ist Ihr ein Licht aufgegangen, bei diesem Lichte lernt man.“

In der Schule Jesu

In Hülben war durch die Bekehrung von Anna Katharina Kullen ein Licht aufgegangen. Aber das Glaubenslicht musste gepflegt und bewahrt werden. Man begab sich deshalb in die Schule Jesu. Am Sonntagnachmittag las man im Kreis der Familie die Schriften von Steinhofer, besonders aber die von Albrecht Bengel. Man rechnete mit der nahen Wiederkunft des Herrn, so dass Wilhelm Kullen, der Mann von Anna Katharina, sagen konnte: „Ob wir diese Dinge, die Bengel erwartet, erleben werden, wissen wir nicht, aber unser Jakob Frieder wird es gewiss noch erleben.“ Bald lud man die führenden pietistischen Laienbrüder aus Dettingen, Handel und Daumüller, zu diesen Sonntagstreffen ein. So entstand um 1768 die Hülbener Stunde. 

Höhepunkte des Gemeinschaftslebens waren die Monatskonferenzen, die bis heute noch am letzten Samstag im Monat im alten Schulhaus stattfinden. Hier kommen Gemeinschaftsleute aus den Orten des Dekanat Münsingen–Urach, dem Raum Reutlingen, aus dem Lenninger Tal und vereinzelt auch aus anderen Orten Württembergs – zu einer Glaubenskonferenz zusammen. Die Hülbener Gemeinschaft blieb durch die Zeiten eng mit der evangelischen Kirche verbunden, separatistische Neigungen gab es nie. 

Die Hülbener "Stunde" hat nicht nur eine äußere Nähe zur Kirche

Die Kullenlehrer als Stundhalter

Zu den Besonderheiten Hülbens gehört, dass sich das Amt des Schulmeisters über sechs Generationen (1724-1936) in der Hand der Familie Kullen befand. Sie stellte nicht nur die Dorfschullehrer, sondern betrieb zugleich eine Landwirtschaft und blieb als Träger und Förderer der Stunde immer eng mit der pietistischen Bewegung verbunden. Während des ganzen 19. Jahrhunderts haben die Kullenlehrer die Stunde geleitet.

Aus einem noch erhaltenen Brief geht hervor, dass der Sohn von Wilhelm und Anna Katharina Kullen, Jakob Friedrich Kullen (1758-1818), am Sonntag Lätare 1784 zum ersten Mal in der Stunde gesprochen hat. Er war ein demütiger Mensch. Schon als Knabe schrieb er auf den Deckel eines Schulhefts: „Ich bin ein böser Bub, wie’s wenig geit, aber der Herr ist mein Licht und mein Heil.“ Er wuchs in eine aufregende Zeit hinein, die durch die napoleonischen Kriege und im geistigen Leben durch die Aufklärung geprägt war. Jakob Friedrich litt an beiden. Sein jüngerer Bruder Wilhelm musste als Soldat mit den napoleonischen Heeren nach Russland ziehen, wo er vermutlich vor Moskau gefallen ist. Er hatte aufgrund seines bekennenden Glaubens von seinen Kameraden den Spitznamen „Bibelhusar“ erhalten.

Im kirchlichen und schulischen Leben war der Geist der Aufklärung im frühen 19. Jahrhundert bestimmend geworden. Biblische Inhalte wurden zugunsten einer platten bürgerlichen Moralphilosophie zurückgedrängt. Jakob Friedrich hat sich mit vielen anderen stark gegen den Rationalismus gewehrt und ließ sich auch durch die angedrohten hohen Geldstrafen nicht von seiner Haltung abbringen. Wichtig war ihm die tägliche Begegnung mit dem Wort Gottes. Kurz vor seinem Tod bekennt er: „Das Wort Gottes ist mein Stab an dem ich täglich laufe und wenn das nicht wäre, so müsste ich um meiner täglichen Sünden und Gebrechen willen vor Gott vergehen. Der Heiland sei gelobt für sein liebes Wort.“ 

Christian Friedrich Kullen (1785-1850)

Das Leben seinen ältesten Sohnes Christian Friedrich Kullen (1785-1850), der das Erbe in Hülben aufnahm, verlief in einer ruhigeren Zeit. Es heißt von ihm, er sei ein Kind des Friedens gewesen. Bei einer kritischen Diskussion mit Theologen, die den Pietisten Engstirnigkeit und Gesetzlichkeit vorwarfen, sagte er: „Meine Herren, ich habe ein Herz wie ein Scheunentor, wenn’s nach mir ginge, wollte ich sie alle mit in den Himmel nehmen.“ Auf ihn geht die Kirchweihmontagstunde zurück, die heute noch besteht und eine Besonderheit Hülbens darstellt. Damals war es in Württemberg üblich, die Kirbe mit Tanz und allerlei Lustbarkeiten zu feiern, was den frommen Stundenleuten im Hinblick auf ihre Kinder große Sorgen machte. Sie klagten ihre Nöte dem Hülbener Schulmeister. Als erfahrener Pädagoge wusste er, dass Verbieten allein keine frohen Christenmenschen macht. Daher sagte er seinen Brüdern: „Schickt am Montag nach der Kirchweih eure Kinder zu mir nach Hülben. Dort bekommen sie einen Kaffee und anschießend will ich ihnen eine biblische Geschichte erzählen.“ So fing es an.

Sein Sohn Johannes ging dazu über, von Jahr zu Jahr einen Psalm und einen Choral zum Auswendiglernen aufzugeben. Der Psalm wurde anschließend in einer Stunde, an der bis zu 12 Brüder als Redner teilnahmen, besprochen. Heute wird die Kirchweihmontagstunde vom Pfarrer Ulrich Scheffbuch aus Stuttgart geleitet, einem Ur-Ur-Urenkel von Christian Friedrich.

Johannes Kullen (1827-1905)

Johannes Kullen (1827-1905) musste nach dem Tode seines Vaters bereits mit 23 Jahren Lehreramt und Stundenleitung übernehmen. Während er gerne Lehrer wurde, fiel im die Übernahme der Stunden schwer. Jahrelang hatte er kein freies Wort in der Stunde gesprochen, sondern Predigten vorgelesen. Er sagte, lieber wäre er nach Amerika ausgewandert oder Stallknecht in einem Wirtshaus geworden, als Stunden zu halten. Im Laufe der Jahre gewann er aber zunehmend an Sicherheit und konnte meisterhaft biblische Texte auslegen. Er würzte seine Ausführungen mit kleinen Geschichten aus dem Alltag und aus der Weltgeschichte. Sein Anliegen war, den jungen und alten Zuhörern den Heiland Jesus Christus groß und lieb zu machen. Regelmäßig besuchte er die Monatsstunden der Umgebung, wobei er oft Fußmärsche von bis zu 5 Stunden auf sich nahm. Er suchte die Gemeinschaft der Glaubensgeschwister. Er war ein begnadeter Pädagoge, der von dem damals üblichen Züchtigungsrecht kaum Gebrauch machte. Er meinte, es sei ein Unrecht, den Kindern die goldene Jungendzeit zu trüben. Er wollte seinen Schülern die Natürlichkeit und Fröhlichkeit erhalten. Bis ins 78. Lebensjahr stand er mit Freuden in der Schulstube. Er war außerordentlich gastfreundlich und verschenkte viel von seinem bescheidenen Besitz. Das trug ihm den Vorwurf eines besorgten Bruders ein: „Du hast eine ‚Lumpenbarmherzigkeit‘“. Er gab die klassische Antwort: „Vor Gott sind wir alle Lumpen!“ Besonders wichtig war ihm das Gebet. Er vertrat die Ansicht, beten könne nicht aus Büchern erlernt werden und gab den Rat: „Sprich auch öffentlich zu deinem Herren und Heiland, wie dein Herz dich treibt – je einfacher, desto besser!“ Ein Biograph würdigte ihn mit folgenden Worten: „Es liegt ein wahrhaft Sonniges über seinem Leben!“

Die Hülbener Stunde im 20. Jahrhundert

Albrecht Kullen (1873-1957)

Sein Sohn Albrecht Kullen (1873-1957) wurde zwar sein Nachfolger im Schuldienst, war auch lebenslang mit der Stunde eng verbunden, hat aber nie am Rednertisch gesprochen. Er begründete seine Haltung mit dem Hinweis auf 1. Korinther 9,27: „Dass ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.“ Er war eine starke, feurige Persönlichkeit, lieber Bauer als Lehrer, vor allem aber ein großartiger Gastgeber. Viele pietistische Geschwister und Angehörige der Großfamilie Kullen hat er beherbergt und beköstigt. Pfarrer Erwin Grötzinger, mit dem er freundschaftlich verbunden war, charakterisierte ihn bei seiner Beerdigung treffend mit dem Hinweis auf Römer 16,23: „Es grüßt euch Gajus, mein und der ganzen Gemeinde Wirt.“

Die Kullens haben sich politisch nie engagiert. Albrecht machte eine Ausnahme. Er war ein entschiedener Gegner des Nazi-Regimes und tat dies auch öffentlich kund. Diese klare Positionierung kostete ihm 1936 sein Lehramt. Unter seiner rauen Schale hatte er ein feines, vom Geist Jesu geprägtes Gemüt. Seinen Angehörigen ist unvergesslich, wie er auf dem Sterbebett sagte: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“

Obwohl Albrecht nicht die Leitung der Stunde übernommen hatte, ging das Gemeinschaftsleben in Hülben weiter. Die Stunde war inzwischen ein Teil des kirchlichen Lebens geworden. Es fanden sich in der Gemeinde Laienbrüder, die bereit waren, die Stunde im gleichen Geiste weiterzuführen. 19 Jahre lang hat Wilhelm Scheu die Stunde geleitet, unterstützt von Jakob Schill

Paul Kullen (1882-1949)

1924 übernahm Paul Kullen (1882-1949), der jüngere Bruder von Albrecht Kullen, die Verantwortung in der Hülbener Gemeinschaft. In seinem äußeren Auftreten war er das Gegenstück seines energischen Bruders, still, freundlich und liebenswürdig. Dennoch gelang es ihm mit Gottes Hilfe die Stunde gegen den Zeitgeist des Dritten Reichs und trotz der Schikanen durch die Nazis weiterzuführen. Bezeichnend für die damalige Situation (1938) ist eine Notiz des damaligen Ortsgruppenleiters: „zu den gemeinsten Volksverrätern und Staatsfeinden rechnen wir mit allem Recht die ganze Sippschaft Kullen-Busch“. Paul Kullen wurde von den Hülbenern in respektvoller Liebe „Herr Paul“ genannt. Nach seinem Tod fragte eine besorgte Hülbenerin: „Wer betet jetzt für da Flecka?“

Franz Schwenkel (1879-1964)

Auf ihn folgte Kirchenpfleger Franz Schwenkel (1879-1964). Pfarrer Wilhelm Busch beschrieb ihn mit folgenden Worten: „Er wurde immer mehr zu einer geistlichen Säule in der Hülbener Stunde und darüber hinaus.“ Er konnte eindrucksvoll von seinen „lieblichen und schweren Erfahrungen mit seinem Heiland reden“. Er gebrauchte oft Beispielgeschichten, damit sich das Gesagte besser einprägt. Unter seinem Nachfolger Hermann Scheu (1898-1975) wurde die Hülbener Stunde 1964 an den Altpietistischen Verband Stuttgart angeschlossen.

Karl Buck (1919-1986)

Neue Impulse erhielt die Hülbener Stunde durch Karl Buck (1919-1986), der seit 1965 die Stundenleitung innehatte. Er führte das Philadelphia-Liederbuch ein; bis dahin hatte man das evangelische Kirchengesangbuch benutzt. Auf seine Anregung geht ferner die Adventstunde zurück, auch wurden die Geburtstage der „Stundenbesucher“ stärker beachtet.

Eberhard Kullen

Eberhard Kullen (1911-2007)

Eberhard Kullen (1911-2007), der einzige Sohn von Albrecht Kullen, übernahm 1986 die Leitung der Stunde. Die äußeren Lebensumständewaren dramatischer als die seiner Vorväter. Da seine Mutter Hildegard kurz nach seiner Geburt starb, entschloss sich sein Vater schweren Herzens, den 10-jährigen Eberhard seiner Schwester Johanna nach Frankfurt/Main zu geben, die dort mit Pfarrer Dr. Wilhelm Busch verheiratet war, um ihn in einer richtigen Familie aufwachsen zu lassen. Eberhard zog erst 60 Jahre später (1981) wieder nach Hülben zurück. Er wurde kein Lehrer, sondern absolvierte nach Abschluss der Schule eine Schlosserlehre, besuchte die Ingenieurschule Esslingen und wurde Eisenbahningenieur. Jahrzehntelang engagierte er sich in der evangelischen Kirche, aber seine eigentlich geistige Heimat blieb die altpietistische Stunde. 43 Jahre lang hat er in Oberesslingen am Brüdertisch gedient. Aber er blieb sein Leben lang mit Hülben verbunden. Regelmäßig besuchte er die Monatskonferenzen und organisierte die große Kirchweihmontag- und Silvesterstunden. Dies wäre übrigens ohne die Mithilfe der Frauen im Alten Schulhaus und der vielen helfenden Hände der Hülbener nicht möglich gewesen. Sein Neffe Pfarrer Hansfrieder Breymayer schrieb über ihn: „Onkel Eberhard hat vorgelebt, was ein Christ ist: Einer, der von Jesus lebt, einer, der zu ihm einlädt, einer, der durch ihn ein offenes Herz und ein offenes Haus für Menschen hat.“

Konrad Gärtner

Von 2001-2008 lag die Verantwortung und Leitung der Hülbener Stunde in den Händen von Konrad Gärtner, der das Kullenerbe in großer Treue weiterführte. Heute wird die Stunde von Siegfried Kullen geleitet, dem ältesten Sohn von Eberhard. Im Schnitt wird die Stunde gegenwärtig von 40 Personen besucht.

Statt eines Nachworts soll das Hülbener Familien- und Gemeinschaftslied den Beitrag beschließen 

„Himmelan, nur himmelan soll der Wandel gehn.
Was die Frommen wünschen, kann dort erst geschehen,
auf Erden nicht. Freude wechselt hier mit Leid.
Richt hinauf zur Herrlichkeit dein Angesicht“.

Prof. Dr. Siegfried Kullen leitet seit 2008 die Hülbener "Stund"


Autor: Ulrich Scheffbuch, Stuttgart
Lesedauer: ca. 8-10 Min.

Die Konferenzen an Kirchweihmontag und Silvester

Der 16.10.2017 in Hülben. Es ist Kirchweihmontag. Der Montag nach dem dritten Sonntag im Oktober. Kurz vor 1 Uhr nachmittags rufen die Kirchenglocken. Und viele, einige Hunderte, sind ins bekannte Alb-Dorf gekommen. Die Bänke voll, die Stimmung gut, die Spannung groß. Was ist hier los? Eine gefüllte Kirche – an einem Werktag um 13 Uhr? Eventmanager würden sagen: „Dieser Wochentag, diese Tageszeit – unmöglich!“ Es ist aber möglich, denn unwiderstehlich der Ruf: „Auf nach Hülben!“ 

Kleines Landestreffen

Was ist so anziehend an Hülben? Schon dies: die frische Luft auf der weiten Alb-Höhe. Und die große, lichte Christus-Kirche. Anziehend auch: die Konferenz als kleines Landestreffen. Die Vielen aus der Nähe und Ferne freuen sich, einander wiederzusehen: Bad Uracher, Böhringer, Dettinger, Dottinger, Gächinger, Kappishäuser, Kohlberger, Lonsinger, Metzinger, Neuhäuser, Riedericher, Upfinger, Würtinger, … „Festpilger“ von der Alb und Vor-Alb, von den Fildern, aus der Ulmer Gegend und dem Unterland, … 

Leidenschaftliche Lieder

Was ist so anziehend? Die leidenschaftlichen Gemeindegesänge von Margarete Kullen an der brausenden Orgel begleitet. Lieder, die nachklingen. Vom letzten Treffen habe ich noch im Ohr: „Treuer Heiland, wir sind hier … Deines Wortes stille Kraft, sie, die neue Menschen schafft, bilde Herz und Sitte …“ Anziehend auch: Chöre, die mitwirken, mal die mitreißende Bernhäuser Männerformation „The White Gospel Voices“, mal der herzerfrischende Hülbener Kirchenchor, mal andere musikalische Überraschungsgäste. 

Ohne Spickzettel

Seit rund 200 Jahren gibt es diese Konferenzen. Das Kirchweihfest war damals eine etwas wilde Dorfparty geworden, bei der die Jugend leicht „abstürzte“. Der Hülbener Schulmeister jener Zeit, Jakob Friedrich Kullen, stimmte nicht mit ein in den Chor derer, die sich darüber empörten. Sondern konstruktiv bot er den jungen Menschen ein Alternativprogramm: er lud sie – an den gedeckten Tisch – ein zu Bibelerzählungen und Austausch; und erstaunlich: das Programm zog und wurde ein immer stärkerer Magnet, weit über die Ortsgrenze hinaus. Immer mehr und auch ältere Menschen kamen in den folgenden Jahrzehnten. Der Enkelsohn des Gründers, Johannes Kullen, erfand die Hausaufgabe fürs jeweils nächste Jahr, einen ausgewählten Psalm samt Lied auswendig zu lernen. Bis heute bewährt sich diese lebendige Tradition, und jedes Jahr neu singen die Teilnehmer das „Lernlied“ und beten den „Lernpsalm“, viele ohne Spickzettel. Im Reformationsjahr 2017 konnte der Lernpsalm kein anderer als der 46. sein: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht …“ 

Zeitloser „Brüdertisch“

Was ist so anziehend? Die Auslegung am „Brüdertisch“! Sie ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern eine zeitlose, weil besonders basisnahe Form der Verkündigung. Hier wird das Priestertum aller Gläubigen sichtbar. Zeugenstimmen von Älteren und Jüngeren, Männern und Frauen sind zu hören. Ingenieure, Unternehmer, Lehrer, Gemeinschaftsprediger, Pfarrerinnen und Pfarrer ergreifen das Wort. Diese Vielfalt kann man auch bei der „Team-Aufstellung“ des Kirchweihmontag 2017 erahnen: Gregor Eisenlohr (Hülben), Theo Eißler (Kusterdingen), Tobias Herwig (Korntal), Frank Jutz (Gerlingen), Kurt Jürgen Kalb (Bernhausen), Martin Kuhn (Reutlingen), Bernhard Elser (Waiblingen), Bärbel Hartmann (Bad Urach), Ralph Hermann (Hülben), Michael Karwounopoulos (Bad Urach), Steffen Kern (Stuttgart), Albrecht Rothfuß (Metzingen) und Maike Sachs (Sankt Johann).

Aus dem ganzen Umland strömen zweimal im Jahr die Menschen nach Hülben

Keine Langeweile

90 Minuten vergehen fast wie im Nu, weil keiner der Redner länger als drei Minuten spricht und weil alle etwas Eigenes, Originelles, biblisch Erhellendes, persönlich Erlebtes, geistlich Tiefgehendes zum Psalm zu sagen vermögen. Gottes Wort ins Leben gesprochen! Ein erfahrener Pietist sagte einmal, es müsse so sein, dass der Besucher nicht während der jeweiligen Rede fragt: „Wann ist endlich Schluss?“, sondern danach sagt: „Schade, schon vorbei!“ So geht’s Hörern in Hülben nicht selten. 

Warmherzige Gastfreundschaft

Nach der Kirchweihmontagstunde genießen alle noch die Begegnungen bei Kaffee und dem einzigartigen Konferenzbrot. Ein Hauch von Jerusalemer Wallfahrtsfest. Ja, man könnte sagen: Hülben „ist gebaut als eine Stadt, in der man zusammenkommen“ und einander auch an gedeckten Tischen begegnen soll. Das alles ist nur möglich durch die warmherzige Gastfreundschaft der örtlichen Kirchengemeinde, die all ihre Räume zur Verfügung stellt, und durch den Einsatz des großen Vorbereitungsteams um Prof. Dr. Siegfried und Kirsi Kullen, die Hauseltern des Alten Schulhauses und Verantwortlichen der örtlichen Gemeinschaftsstunde.

Auch Silvester

Vor lauter Begeisterung vergesse ich beinahe, dass es ja nicht nur am Kirchweihmontag, sondern immer auch am 31. Dezember ebenso herzlich und anziehend heißt: „Auf nach Hülben!“ Trotz der Weihnachtsferien kommen auch zur Silvesterstunde so erfreulich viele Leute aus den Gemeinschaften und darüber hinaus und machen aus dem Altjahrabend einen Hoffnungsstart ins neue Jahr. Auf der Rednerliste 2017 standen (und Sie sehen daran: wie in den Kirchenbänken, so sollen auch am Mikrofon immer sowohl altvertraute als auch noch unbekannte Gesichter zu sehen sein): Alfred Bühner, Gregor Eisenlohr, Eberhard Föll, Schwester Dorothee Grupp, Andreas Lutz, Erdmann Scheffbuch, Ulrich Traub, Dr. Clemens Hägele, Ralph Hermann, Steffen Kern und Albrecht Rothfuß. 

Willkommen 2018!

Die Hülbener Konferenzen: kostbare Jahreshöhepunkte. So soll es bleiben. Liebe Ältere, liebe Jüngere, kommen Sie, kommt weiterhin – oder erstmals! Auf nach Hülben, auch in 2018! Herzliche Einladung zur Kirchweihmontagstunde am Montag, 22. Oktober 2018 (Lernpsalm: 27; Lernlied: GL 640,1-4 „Morgenglanz der Ewigkeit“) und zur Silvesterstunde am Montag, 31. Dezember 2018, jeweils um 13 Uhr, Evangelische Kirche.

Ulrich Scheffbuch ist Pfarrer an der Ludwig-Hofacker-Gemeinde in Stuttgart und leitet seit 2015 die beiden Konferenzen an Kirchweihmontag und Silvester


Autor: Hans-Dieter Frauer, Herrenberg
Lesedauer: ca. 8-10 Min.

In Hülben ist es ein Dreivierteljahr Winter und ein Vierteljahr kalt. Das Wort von der „Rauen Alb“ hat für den Ort oberhalb von Bad Urach durchaus seine Berechtigung. Eben hier aber, wo sich die Schwäbische Alb von ihrer mehr unwirtlichen Seite zeigt, da schlägt das Herz des Altpietismus und von hier aus sind ungezählte geistliche Impulse und Anregungen in das württembergische Land und darüber hinaus ausgegangen.

Hülben ist ein lebendiges Zentrum des frühen Pietismus geworden und bis heute geblieben. Zwei Mal im Jahr – am Kirchweihmontag, dem dritten Montag im Oktober, und an Silvester – sind hier überregionale Treffen der Apis. Vor allem die Kirchweihmontagkonferenz entfaltet wachsende Anziehungskraft: es kommen so viele Teilnehmer aus einem weiten Einzugsbereich, dass an diesem Tag sogar in Hülben die Parkplätze knapp werden. 

Die Ausstrahlung, die von Hülben ausgeht, ist untrennbar mit der Geschichte der örtlichen Schulmeisterfamilie Kullen verbunden. Von 1722 bis 1966 (mit einer Unterbrechung ab 1939) waren immer nur Angehörige dieser Familie Lehrer an der örtlichen Schule. Generationen von Heranwachsenden haben sie nicht nur das notwendige schulische Wissen vermittelt, sondern auch ihren Glauben unaufdringlich und beispielgebend vorgelebt. Mit ihrer feinen pädagogischen Art haben sie so viele Menschen geprägt – auch und gerade in ihren Gemeinschaftsstunden. Ihnen sind ungezählte geistliche Anregungen und Impulse zu verdanken.

Das damalige Herzogtum Württemberg wurde erst 1534 – lange nach der Veröffentlichung der Thesen Martin Luthers – für den evangelischen Glauben gewonnen und dann im Sinne der Reformation nachhaltig umgestaltet; dazu gehörte, dass es ein flächendeckendes Schulnetz erhielt. Jeder sollte in der Lage sein, selbst die Bibel zu lesen. Württemberg – das einzige größere evangelische Territorium südlich der Mainlinie und rings umgeben von militant-altgläubigen Gebieten – befand sich in beständiger Diaspora-Situation. Daher entstand eine Mehrfach-Identität: man war Württemberger und man war evangelisch. Da war es schon wichtig, in Glaubensdingen Bescheid zu wissen und in ihnen sprachfähig zu sein.

Die pietistische Minderheit prägte das Land

Die evangelische Sonderentwicklung Württembergs hat sich nach dem 30-jährigen Krieg (1618-1648) fortgesetzt. Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde hier der Pietismus heimisch und in fast allen Gemeinden gab es „Privaterbauungsstunden“. Ab etwa 1750 gingen die Leitungsämter dort vermehrt an Nicht-Theologen über, besonders an Schulmeister, und im 19. Jahrhundert waren die meisten Gemeinschaftsleiter Lehrer, in Hülben eben Angehörige der Familie Kullen. Von ihr wurde der Alb-Ort auch deshalb stärker geprägt, weil das arme Hülben erst 1866 einen eigenen Pfarrer erhielt. 

Dem Pietismus ist die Bibel das Lehr- und Lebensbuch schlechthin und die nicht auszuschöpfende Summe der göttlichen Weisheit. Darum wird sie nicht nur gelesen sondern studiert. Man fragt sich: Was steht da? Was bedeutet das? Was bedeutet das für mich? Was ist zu tun? Damit hat der Pietismus in Württemberg Anliegen der Reformation aufgenommen und sie weiter geführt. Obgleich ihm niemals mehr als etwa sieben Prozent der Einwohner zuzurechnen waren, prägte er doch die Menschen und das Land so nachhaltig, dass es bis heute nachwirkt.

So war es von Anfang an wichtig, den Glauben über den ohnehin biblisch geprägten Schulunterricht hinaus den Kindern vertieft zu vermitteln. Aus dieser Überlegung sind – eben durch den Pietismus – schon ab 1681 die ersten Kindergottesdienste entstanden und ab 1723 die Konfirmationen nach vorausgehendem biblischem Unterricht. Gerade Schulmeister wurden deshalb für die Weitergabe des Glaubens immer wichtiger und wenn sie Pietisten waren, so trug dies viel zur Verankerung des Glaubens bei. 

Überregionale Treffen bereichern den Pietismus

Im Pietismus hat man immer auch Antworten auf Herausforderungen der Zeit gesucht. In Hülben begründete deshalb der Schulmeister Jakob Friedrich Kullen in den Wirren der nachnapoleonischen Zeit die heutige Kirchweihmontagkonferenz. Ihn bekümmerte es, dass damals das Kirchweihmontagsfest immer ausgelassener und zügelloser gefeiert wurde. Um Mädchen vor Auswüchsen zu bewahren, lud er sie ins Schulhaus ein, bewirtete sie und erzählte ihnen biblische Geschichten. Der Brauch wurde fortgeführt, Enkel Johannes führte – jetzt für Erwachsene – die bis heute üblichen „Hausaufgaben“ ein: die Konferenzteilnehmer haben ein Lied und einen der 69 Psalmen auswendig zu lernen, die sich den sieben Bitten des Vaterunsers zuordnen lassen. Über sie wird dann in der Kirchweihmontagkonferenz des folgenden Jahres gesprochen. So ist eine in ihrer Art einmalige große Glaubenskonferenz mit überregionaler Ausstrahlung entstanden.

In Hülben ist der ursprüngliche weltoffene Altpietismus bis heute erhalten. Er wirkte stets in die Weite, weil hier schon früh regelmäßig zu „Monatsstunden“ eingeladen wurde. Redende Brüder und interessierte Gemeinschaftsleute, vorwiegend aus den Bereichen Urach und Münsingen, kamen immer am letzten Samstag im Monat nach Hülben. Dort ging es nicht nur um geistliche Zurüstung und brüderliche Begleitung, da gab es auch persönlichen Austausch und es entstanden oft lebenslange Freundschaften. Aus diesen Monatsstunden heraus hat sich die Silvesterkonferenz am letzten Tag des Jahres entwickelt. 

Daneben gedieh Hülben – ungeplant und ungewollt – auch zum evangelischen Heiratsmarkt. So mancher Theologiestudent, der von Tübingen aus die Stunde in Hülben kennen lernen wollte, fand hier seine Lebensgefährtin. Der bekannteste unter ihnen ist Wilhelm Busch, später ein bekannter Pfarrer in Frankfurt. Seiner Ehe mit Johanna Kullen entstammte der spätere Evangelist Wilhelm Busch. Das wiederum führte zu einem geistig-geistlichen Austausch bis nach Essen und sorgte für gegenseitige Befruchtung und einen weiten Horizont. 

Hans-Dieter Frauer ist Journalist und hat zahlreiche Bücher zur Geschichte der Württembergischen Landeskirche und des Pietismus geschrieben


Autor: Pfarrer i.R. Konrad Eißler, Hülben
Lesedauer: ca. 5-7 Min.

„Die Alb ist das schönste Mittelgebirge der Welt“ urteilte ein welterfahrener Bischof von Stuttgart. Mein Vater stimmte ihm zu. Er verstand seinen Namen Albrecht immer als Aufforderung: „Genieße die Alb recht.“ Auch ich bin zu dieser Meinung gekommen. Die Alb ist dem Himmel ein Stückchen näher als das übrige Land. 

Das war nicht immer so. Das Leben auf dem größten Karstgebirge Deutschlands war mühsam. Der Regen versickerte rasch in den Klüften des Kalkgesteins. Damit stellte die Versorgung mit sauberem Trinkwasser ein permanentes Problem dar. „Strohgelb bis kaffeebraun hat sich das Wasser gefärbt, das von den Strohdächern niederrann …“

Bis Karl Ehemann kam. Dieser Ingenieur und Baurat legte im Jahre 1866 dem Ministerium Pläne zur Wasserversorgung vor. Die wurden angenommen und schnell realisiert. Bereits 1871 floss „unter wahrem Festjubel der Bevölkerung das herrlichste Wasser aus einer Zahl von stattlichen Brunnenröhren“.

Sprudelndes Wasser

Aber schon hundert Jahre früher wurde die Alb nicht nur mit sprudelndem Wasser, sondern mit lebendigem Wasser versorgt, eine Albwasserversorgung besonderer Art. Ein Wasserträger wie Johann Ludwig Fricker, Pfarrer in Dettingen (1762-64), brachte sonntags dieses kostbare Gut den Berg herauf und machte mit seiner Predigt vom Kreuz das Filialkirchlein in Hülben zur Quelle des lebendigen Wassers. Menschen wie zum Beispiel Anna Katharine Kullen und ihr Mann Schulmeister Wilhelm Kullen, konnten ihren Durst stillen. Die von ihnen eingerichteten Gemeinschaftsstunden wurden zu Brunnenstuben geistlichen Lebens, die das Wachstum des Glaubens auf der rauen Alb 250 Jahre lang beförderten. 

Diese „Stundenleute“ sind Bibelleute. Diese „Gemeinschaftsleute“ sind Bibelleser. Diese „Jesusleute“ sind Liebhaber der Bibel. Aus dem Wort schöpfen sie alles, was zum Leben und Sterben nötig ist: Glaube, Liebe und Hoffnung. Sola scriptura haben sie bei Luther gelernt, allein die Schrift. Sie darf nicht korrigiert oder gar eliminiert werden. Ein Liedvers von Graf Zinsendorf wurde zum Cantus firmus, auf den alles gestimmt ist: „Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube ruhn. Mir ist‘s nicht um tausend Welten, aber um dein Wort zu tun.“

Vergiftetes Wasser

Jede Wasserversorgung ist ein ständiger Kampf um sauberes Wasser. Auch das lebendige Wasser kann durch liberale Geistesströme verunreinigt und dadurch ungenießbar werden. So wurden diese Bibelfreunde immer wieder mit dem Hinweis verunsichert, dass mit dem Wort schon viel Schindluder getrieben worden sei. Vom Rattenfänger von Hameln zum Beispiel gäbe es viele Worte, die ihn als mittelalterlichen Stadtpfeifer beschrieben. Mit Musik, ohne Gift, einfach umweltfreundlich beseitigte dieser ökologisch denkende Mensch die Rattenplage. Aber war das eine historische Gestalt? Lebte er wirklich um 1280? Oder haben wir es mit einer Märchenfigur zu tun? 

Petrus schenkt klares Wasser ein: Wir sind nicht klugen Fabeln gefolgt. Wir sind nicht schönen Sagen nachgegangen. Wir sind nicht netten Märchen auf die Spur gekommen. Petrus sagt (2. Petrus 1,16-21): Wir sind auf dem Berg Hermon angekommen, wo wir Augen- und Ohrenzeugen eines unvergesslichen Dreiergipfels wurden. Jesus erschien bei dieser Verklärung im Lichtglanz und eine Stimme sprach: „Dies ist mein lieber Sohn.“ Und wenn sie ihn als Rattenfänger anprangern, der die Leute verführt: „Dies ist mein lieber Sohn.“ Und wenn sie ihn als Eulenspiegel verlachen, der nur seine Späße macht: „Dies ist mein lieber Sohn.“ Und wenn sie ihn als Don Quichotte verspotten, der nur eine tragische Figur abgibt: „Dies ist mein lieber Sohn.“ Jesus ist eine historische Gestalt. In Bethlehem geboren. In Nazareth aufgewachsen. In Jerusalem gekreuzigt und auferstanden. „Das Wort war Fleisch und wohnte unter uns.“ 

Lebendiges Wasser

Die biblischen Schriftsteller griffen deshalb zu Papyrus und Tinte, weil Gott zu ihnen gesprochen hat. So malte der Meister Rembrandt den schreibenden Apostel Matthäus, wie der mit Feder und Kiel in der Hand meditiert, formuliert, disponiert. Aber im Hintergrund, ganz nahe am Ohr des Schreibers, hat Rembrandt einen Engel gemalt, der ihm seine göttlichen Worte zuraunt. Der lebendige Gott ist der Autor der Heiligen Schrift. 

Niemand muss Angst haben, beim Bibellesen irgendwelchen Spinnern auf den Leim zu kriechen. Propheten sind keine Phantasten. Evangelisten sind keine Wahrsager. Apostel sind keine Romanschriftsteller. Alle biblischen Schreiber haben das weitergegeben, was ihnen vom Heiligen Geist eingegeben wurde. Dazu gehört die Hoffnung auf den wiederkommenden Herrn. Sie ist den Bibelfreunden bis heute wichtig geblieben. Christen leben nicht nur in der Erinnerung, sondern in der Erwartung. Es wird nicht ewig geweint, gelitten und gestorben, aber es wird ewig die Herrlichkeit des Herrn gelobt und gepriesen werden.

Also gilt: Karl Ehemann hat dafür gesorgt, dass auch auf der Alb sprudelndes Wasser zur Verfügung steht. Für das lebendige Wasser sorgt der Herr selber in seinem Wort: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ (Offenbarung 21,6) Albwasserversorgung gratis.

Konrad Eißler ist Pfarrer im Ruhestand und lebt in Hülben


Die "Seelen" des Schulhauses

Auszug aus dem Buch "Das Kullen-Schulhaus in Hülben", von Rolf Scheffbuch
Lesedauer: ca. 2-3 Minuten

Männer sind in vielen Bereichen durch Frauen ersetzbar. Aber keine Frau ist durch einen Mann dort ersetzbar, wo es um die „Seele des Ganzen“ geht. Im Lied von Elisabeth Cruziger lautet eine Zeile: „… und dürsten stets nach dir!“ Solches Dürsten war es, was die Frauen im Haus Kullen verband – bis hin zur Großmutter des heute im Schulhaus lebenden direkten Nachfahren Dr. Siegfried Kullen.
Eine „Hausmutter“ des Schulhaues war Pauline Marie Kullen, geb. Herrmann (1841-1921), Tochter des Oberamtstierarztes und Gastwirts Herrmann in Münsingen. Sie ergänzte ideal ihren Ehemann Johannes Kullen (1827-1905). Über dem Wesen des Ehemanns lag etwas Sonniges, „wie die Sonne aufgeht in ihrer Macht“. So sagt es die Bibel denen, die „Gott lieb haben“. 

Offenes Haus und Herz

Bei Pauline Kullen ging es mehr nach dem Motto: „Kinder, sterben ist nicht schwer, aber leben!“ Sie lebte bewusst und ganz in der Verantwortung vor Gott, arbeitsam bis zum Letzten, für die Nöte der Nächsten offen, nie an sich selbst denkend. So war ihr Leben nicht geprägt von jubelnder Freude, sondern vielmehr vom Bemühen, es dem Herrn Jesus in allen Bereichen des Lebens recht zu machen. Als Gastwirtstochter hatte sie besonderes Geschick und auch Freude daran, viele Gäste im Schulhaus verköstigen und beherbergen zu können. Am allerweitesten jedoch öffnete sie Haus und Herz für ihre verheirateten Kinder und für ihre zweiundzwanzig Enkel, denen Hülben ein Jugendparadies wurde. Schmerzlich war es für sie immer, wenn sie den Eindruck hatte, dass der Besuch der Brüderkonferenzen nachlassen würde. So lebte sie ganz als Haus- und Stunden-Mutter. Bitter war es für sie, dass sie nach dem Tod ihres Mannes nach und nach das Augenlicht verlor. Sie ließ sich aber viel vorlesen und wurde immer mehr bewährte Seelsorgerin der vielen Familienmitglieder und vieler Hausgäste. In ihren letzten Leidenstagen riet ein verwandter Arzt: „Jetzt nur Morphium!“ Die Schwerkranke hatte es gehört – sagte aber klar: „Nein, solange ich lebe, nur Gottes Wort!“ 

Pfarrer Rolf Scheffbuch (1931-2012) war u.a. Dekan in Schorndorf und Prälat in Ulm. Er war Vorsitzender der Ludwig-Hofacker-Bewegung und maßgeblich an der Gründung von ProChrist beteiligt.

März 2018: Schritte zum Glauben

Angst
Do, 1. März 2018: Wie geht eigentlich Glauben? (Steffen Kern)
Mo, 5. März 2018: Wie kommen erwachsene Menschen zum Glauben? (Dr. Johannes Zimmermann)
Mo, 12. März 2018: Wie vertraue ich Gott mein Leben an? (Elke Werner)
Mo, 19. März 2018: Wenn Jesus die Wahrheit ist, dann ist jede Frage eine gute Frage (Julia Garschagen)
Do, 22. März 2018: Sie brachten den Himmel zum Jubeln (Hermann Dreßen)
Mo, 26. März 2018: Unser Weg zum Glauben (Beate und Wolfgang Krüger)

Unser Weg zum Glauben

Autoren: Beate und Wolfgang Krüger
Lesedauer: ca. 2-3 Minuten

„Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ 1976, mein Konfirmationsspruch aus 1. Mose 32,27 und eine geschenkte Bibel von einem mir unbekannten Verwandten aus der DDR, waren die ersten Berührungspunkte zu dem Thema „Christ werden“. Weder meine Eltern noch die Verwandtschaft oder Bekannte, niemand hatte meines Wissens eine Beziehung zu Jesus Christus. 

Meine persönliche Auslegung dieses Verses war somit: „Ich lasse dich nicht an mich ran, du segnest mich trotzdem.“ Also ungefähr das Gegenteil von dem, was Jakob im Kampf mit Gott meinte. Ich lebte mein Leben weiterhin ohne Gott. 

Ein Leben mit Höhen und Tiefen. Auf dem zweiten Bildungsweg durfte ich mein Elektronik-Hobby zum Beruf machen und noch während dem Studium wurde der Kinderwunsch erfüllt. Allerdings hielt die daraufhin folgende Ehe nur 6 Jahre. Den Vater hatte ich in dieser Zeit durch Krebs verloren. Nach der Scheidung auch Kind, Haus, meine berufliche und finanzielle Existenz. 

Am Tiefpunkt meines Lebens lernte ich Beate kennen. Wir konnten uns gut gegenseitig trösten, weil auch sie von ihrem Ehepartner verlassen wurde. Heirat 1995, ein zweiter Anlauf ohne Gottes Segen und wieder turbulent. Neuer Job, 3 Kinder und ein Hausbau, aber auch Fehlgeburten und der Krebs-Tod meiner Mutter waren zu verkraften. Als mein ältester Sohn 2010 im Streit auszog, drohte unser Leben wieder aus der Bahn zu gleiten. „Was war der Sinn des Lebens?“ Diese Frage bohrte in uns.

Eltern aus der Schule haben uns im Jahr 2011 zu einem Alpha-Kurs eingeladen, ganz unverbindlich. Nach umfangreichen Google-Recherchen zu den „Apis“ und der „Silberburg“, kamen wir zu dem Schluss, dass es nichts „Gefährliches“ ist. 

Nach fast 50 Jahren haben wir beide in diesem Kurs erfahren dürfen, was es heißt, dem Anderen zu vergeben, die Last am Kreuz abzulegen, zu erkennen wer Jesus ist, was er für uns getan hat und welche Bedeutung die Bibel hat. An dem Abend mit der Impulsfrage „Wann haben Sie das letzte Mal in der Bibel gelesen?“ hat mir der Heilige Geist das Bild der „geschenkten DDR-Bibel“ ins Herz gelegt. Noch am gleichen Abend habe ich das Matthäus-Evangelium erstmals gelesen und mein Leben an Jesus übergeben.

Beate und Wolfgang Krüger sind mittlerweile ein fester Bestandteil der Gemeinde in Reutlingen

Autor: Hermann Josef Dreßen, Malmsheim
Lesedauer: ca. 8-10 Min.

Bekehrungen in der Bibel

Zwei Aussagen bringen zunächst einmal Klarheit, wie der Herr des Himmels zum Thema Bekehrung steht: „Ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe.“ (Hes 33,11) Jesus selbst hat dazu gesagt: „Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.“ (Lk 15,7) Der Herr findet sich offensichtlich nicht damit ab, wenn Menschen ihn ignorieren und aus ihrem Leben verdrängen. Er macht keinen Hehl aus seiner grenzenlosen Freude darüber, wenn seine Geschöpfe sich aufmachen, um mit ihm Gemeinschaft zu haben. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn beschreibt Jesus sehr anschaulich den Jubel Gottes und gibt einen Einblick, was der Rückkehrer beim Vater auslöst. Der Verlorene wird umarmt, geherzt und sofort mit dem besten Gewand gekleidet. Ein Fest wird für ihn ausgerichtet. 

Bekehrung hat Verheißung

Freude bei Gott – dies allein wäre doch schon ein guter Bekehrungsgrund für einen Menschen. Aber der Herr unterstreicht durch eine Vielzahl von Verheißungen, wie segensreich sich diese Hinwendung für den Bekehrten selbst auswirken wird. „So will ich vom Himmel her hören und ihre Sünde vergeben und ihr Land heilen“ (2Chr 7,14) – der Weg zurück zu Gott ist also ein Weg der Heilung. Hier ist Vergebung, freudige Annahme und ein neues erfülltes Leben.

Sie haben es erfahren …

Wenn wir nach bekehrten Menschen in der Bibel suchen, dann schwingt oft Traurigkeit mit. Denn viele sind es nicht, vor allen Dingen im Alten Testament. Wenn alttestamentliche Propheten von Umkehr reden, dann geschieht das fast immer in der Negativform. Denn die „Ausbeute“ ist in der Regel bescheiden. Und dennoch gibt es sie, die glühenden Verehrer Gottes.

… und waren oft allein

So hat es Josia, König von Juda, erlebt, der von 640 bis 609 v. Chr. regiert hat. Im Alter von acht Jahren wird er König und muss damit ein Amt übernehmen mit einer großen Verantwortung. Acht Jahre später fängt er an, den Herrn zu suchen und findet zum Glauben. Josia denkt nicht dran, seine enge Gottesbeziehung nur im privaten Rahmen zu leben. Nein, das ist wohl für ihn nie eine Option gewesen. Im Alter von 20 Jahren beginnt Josia, die Spuren des Götzendienstes in Juda zu beseitigen. Die Opferstätten zu Ehren der Aschera werden beseitigt. Seine Gründlichkeit dabei ist beispiellos. Das Haus Gottes lässt er renovieren. Eine Versammlung mit den Ältesten und dem Volk beraumt er an und begründet vor aller Augen einen Bund mit Gott. Das göttliche Urteil über Josia ist darum wenig überraschend: „Seinesgleichen war vor ihm kein König gewesen, der so von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften sich zum Herrn bekehrte.“ (2Chr 23,25)

Die Bibel spricht davon, dass im Himmel Freude herrscht, wenn ein Mensch zu Gott umkehrt.

... und sie taten es im Kollektiv

Die wohl bemerkenswerteste Bekehrung im Alten Testament geschah in einer Stadt: Ninive. Von dieser Bußbewegung können wir im Prophetenbuch Jona lesen. Die Prognosen dafür standen gar nicht gut. Angesagt war vielmehr Gottes Gericht über eine offensichtlich lasterhafte Stadt im Stile von Sodom und Gomorra. Jona hat in der assyrischen Hauptstadt nicht zur Umkehr gerufen, sondern lediglich das beschlossene Unheil bekannt gegeben. Und dennoch hat seine Botschaft große Betroffenheit ausgelöst bei allen, die sie gehört haben. Auch der assyrische König ist tief erschüttert und ordnet eine umfassende Umkehr zu Gott an. Bemerkenswert ist: Niemand verlässt die Stadt. Die Menschen ahnen wohl besser als der Prophet, dass man nicht vor Gott fliehen kann. Aber der König von Ninive verbreitet Hoffnung. Trotz seiner gottlosen Lebensart und aller Schuld, die er und seine Mitbürger auf sich geladen haben, ist bei ihm eine Ahnung über Gottes Güte nicht verloren gegangen. Und schließlich erweist er sich als erstaunlich versiert darin, Schritte der Umkehr einzuleiten.

… und wollte es gar nicht tun

Nicht wenige werden ahnen, dass es hier nur um Paulus gehen kann, der mit Sicherheit die eindrücklichste Bekehrung erlebt hat. Das Laster war nicht sein Problem, dafür aber eine unglaubliche religiöse Verblendung, die ihn dazu trieb, Christen zu verfolgen. Doch Jesus Christus selbst stellt sich ihm in den Weg und bereitet seinem bisherigen Leben ein jähes Ende. Als der mit Blindheit geschlagene Mann wieder sehend wird, hat sich alles für ihn geändert. Mit Heiligem Geist erfüllt und mit dem Verständnis und der Autorität eines Apostels ausgestattet, beginnt für Paulus eine neue Berufung. 

Diese Bekehrung zeigt einmal mehr die ganze Souveränität Gottes. Es fällt uns nicht leicht, dies immer neu anzuerkennen, wollen wir doch lieber vom souveränen Willen des Menschen reden, der ein Leben mit Gott wählt, weil er sich eben zu diesem Schritt entschieden hat. 

… und kamen aus fernen Landen

Es ist erhebend, immer wieder Kapitel 7 in der Offenbarung des Johannes zu lesen. Vielen Christen haben diese Zeilen schon Mut zugesprochen, auch in schwierigen Zeiten den Glauben an Jesus zu leben, sehen wir doch in einer einzigartigen Schau die Schar aus allen Nationen, Stämmen, Völkern und Sprachen, die um den Thron Gottes steht. Nein, es ist kein Appell, kein Gericht, sondern eine Versammlung der Getreuen, die von Jesus Trost und liebevolle Zuwendung erfährt. Die Menge der Bekehrten aus allen Generationen und allen Teilen der Welt – was für ein Bild!

Schon mit dem Pfingstfest hat die Internationalisierung der Gemeinde Gottes eine völlig neue Dimension erreicht. Woher sie auch kamen, sie hörten das Evangelium in ihrer Muttersprache und wurden gesegnet. Die Weisen aus dem Morgenland sollten nicht die letzten gewesen sein, die zu Jesus gekommen sind und nicht aus dem Land der Verheißung stammten. Da zieht es einen Finanzbeamten aus Äthiopien nach Jerusalem und auf dem Rückweg findet er zu Jesus. Da kommt Paulus später nach Rom und er trifft dort auf Glaubensgeschwister. Das Evangelium nimmt spürbar Fahrt auf und verbreitet sich. 

Bekehrungen, die Freude machen, vor allem bei Gott selbst! Und die uns ermutigen, für solche Erfahrungen immer wieder im Gebet einzutreten.

Hermann Josef Dreßen ist Prediger bei den Apis und dort verantwortlich für den Studienbereich


Autorin: Julia Garschagen, Köln
Lesedauer: ca. 8-10 Min.

Jugendliche mit ihrer Fragen zum Glauben begleiten

Jugendliche haben Fragen. Viele Fragen – das liebe ich so an ihnen. Und so verschieden die Jugendlichen, so verschieden auch ihre Fragen: Warum lässt Gott meine Freundin an Krebs erkranken? Ist die Bibel nicht Quatsch, wenn da steht, dass Gott die Erde in sieben Tagen gemacht hat? Warum schickt Gott Menschen in die Hölle, wenn er sie doch alle liebt? Wie kann ich Gott erleben? Wie können Christen so arrogant sein zu sagen, sie hätten die Wahrheit? Wie funktioniert Beten und was, wenn das alles nur ausgedacht ist? 

Ich begegne diesen Fragen überall: im Jugendkreisen in Ostfriesland, bei Jesushouse in Wuppertal, beim Zähneputzen während einer Freizeit. Manchmal wäre es einfacher zu sagen: „Das musst du halt einfach glauben!“ Aber dann denke ich an eine Freundin, heute erfolgreich in den Medien, die zu mir sagt: „Ich war früher auch in der Kirche. Aber mit 13 bin ich weg, weil ich immer das Gefühl hatte: Ich darf da nicht denken! Ich krieg eine Gehirnwäsche.“ Oder an den strahlenden Schüler, der nach einer Jesushouse-Veranstaltung vor mir stand: „Hier hab ich zum ersten Mal erlebt, dass ich alle meine Fragen stellen durfte. Das tat total gut!“ 

Oder ich denke an mich selbst, die ich aus einem eher glaubensskeptischen Umfeld komme. Meine Eltern haben mir beigebracht, Dinge zu hinterfragen und kritisch zu sein. Wenn jemand mich abgespeist hätte mit Plattheiten und Denkverboten, wäre ich kein Christ geworden. Bis heute bin ich dankbar für Menschen in meiner Gemeinde, die mich und meine Fragen ernst genommen haben und die mir das Gefühl gegeben haben: Du bist mit allen Fragen herzlich willkommen! 

Nach Antworten suchen

Für mich ist das nur logisch: Das höchste Gebot, das Jesus uns gibt, lautet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele […] und mit deinem ganzen Verstand.“ (Lk 10,27). Um Gott zu lieben, brauchen wir unseren Verstand! Ja, Gottes Wirken geht über meinen Verstand hinaus, aber er bleibt nicht darunter. Gott liebt es, wenn wir denken, forschen und seine Gedanken nachdenken. Außerdem: Wenn Jesus die Wahrheit ist, hält er allen Anfragen stand. Dann brauchen wir keine Angst vor Zweifeln und kritischem Untersuchen haben. Wenn Jesus die Wahrheit ist, dann ist jede Frage eine gute Frage.

Natürlich: Nicht auf jede Frage gibt es eine schnelle Antwort – manchmal gibt es überhaupt keine Antwort. Das ist nicht immer leicht auszuhalten. Darum braucht es Menschen, die bereit sind, mit zu fragen und gemeinsam nach Antworten zu suchen. Dazu gehört es, genau hinzuhören, um die Fragen zu verstehen. Wenn mich zum Beispiel jemand nach der Glaubwürdigkeit der Bibel fragt, kann es sein, er fragt nach Schöpfung und Evolution oder nach der Gewalt im Alten Testament oder nach der Überlieferungsgeschichte der Bibel. Alles sehr gute, berechtigte Fragen! Aber um eine treffende Antwort zu geben, muss ich herausfinden, in welche Richtung die Frage geht, sonst rede ich am Anderen vorbei. 

Es ist entscheidend, die Fragen des Anderen ernst zu nehmen

Die Fragen hinter den Fragen

Und oft verbergen sich viel tiefere Fragen hinter den Fragen. Die wenigsten Anfragen an Gott sind rein intellektueller Natur. Häufig stecken negative Erfahrungen, Verletzungen oder Enttäuschung hinter kritischen Anfragen. Darum ist es so wichtig, den Fragenden hinter der Frage zu sehen und wertzuschätzen. Wie neulich ein Freund zu mir sagte: „Auch die scheinbar blödeste Frage bringt mich auf die Spur herauszufinden, was den Menschen bewegt.“ Darum will ich jede Frage achten. 

Gerade bei Jugendlichen führen ihre Fragen häufig zu tiefen Bedürfnissen: Wo werde ich gehört und wo kann ich dazu gehören? Wer braucht mich? Wer ist echt, authentisch? Und was bringt mir das alles? Sie werden den Glauben an Jesus nicht als Antwort für ihr Leben wahrnehmen, wenn wir nicht auch auf die Fragen hinter den Fragen eingehen. 

Jesus ist ein Meister im Fragenstellen

Ich habe mir darum angewöhnt, selbst viel zu fragen. Das habe ich mir von Jesus abgeschaut: Der ist ein Meister im Fragenstellen. Im Neuen Testament sind es über zweihundert. Jesus stellt Rückfragen und Alltagsfragen, die tiefer führen. Er hinterfragt Motive, bringt Menschen durch Fragen ins Nachdenken, antwortet auf Fangfragen mit Gegenfragen und lässt sich nicht in die Defensive drängen. Und manchmal gibt er Menschen seine Fragen als Geschenk mit, die sie noch lange begleiten. 

Wenn zum Beispiel jemand zu mir sagt: „Ich glaube nicht an Gott!“, dann frage ich manchmal: „Wie sieht denn der Gott aus, an den Du nicht glaubst?“ Oft kommen dabei sehr dunkle Vorstellungen von Gott zum Vorschein, von denen ich auch hoffe, dass ein solcher Gott nicht existiert. Das eröffnet neue Gespräche. Oder ich stelle Jugendlichen Fragen wie: Was erhoffst Du Dir vom Leben? Wonach sehnst Du Dich? Was ist Dein größter Traum? Solche Fragen führen in die Tiefe und ich lerne die Person besser kennen. 

Natürlich bin ich damit nicht immer gleich bei Kreuz und Auferstehung. Aber das ist okay – bei vielen muss der Weg zu Gott erst von intellektuellen und emotionalen Wegversperrern freigeräumt werden. Dabei ist jedes Nachdenken, jede Frage und jeder Antwortversuch ein Schritt näher zu Gott. Ich vertraue Gott, dass er das alles gebraucht, um seinen Weg mit diesem Jugendlichen zu gehen. Weil ich weiß, dass Gott sich aus tiefstem Herzen nach Beziehung mit ihr oder ihm sehnt. 

Wie kommen Jugendliche zum Glauben?

Gottes Art, zur Beziehung mit ihm einzuladen, ist durch Beziehungen zu Menschen. Er gebraucht Menschen, die die Jugendlichen lieben und sie darum ernstnehmen – ihre Freuden, Bedürfnisse und ihre Fragen. Menschen, die ehrlich sind, wenn sie selbst keine Antworten haben, die nicht immer alles wissen müssen, aber die sich gemeinsam mit ihnen auf den Weg machen. Das ist eine Reise, die manchmal Kraft kostet. Aber ich kann mir nichts Spannenderes vorstellen, als einen Menschen auf dem Weg zu Gott zu begleiten! 

Julia Garschagen ist leitende Referentin des Zacharias-Institut für Glaube, Kultur und Wissenschaft und Leiterin von JesusHouse
Bild: Pit Prawitt, proChrist


Autorin: Elke Werner, Marburg
Lesedauer: ca. 7-9 Min.

So machen wir das bei proChrist

Schon als Kind kannte ich biblische Geschichten, liebte meinen Kindergottesdienst und erlebte in meinem Umfeld, dass Menschen an Gott glaubten. So las meine Oma, mit der ich das Zimmer teilte, jeden Abend eine Andacht und rezitierte ein christliches Lied. Wenn man mich gefragt hätte, hätte ich gesagt: Ich bin Christin. Ich wusste sehr viel, aber ich kannte Gott noch nicht persönlich. 

Als ich zum ersten Mal Christen traf, die eine persönliche Beziehung zu Gott hatten und mit ihm ganz frei und offen im Gebet sprachen, war ich irritiert. Das kannte ich so nicht. Gott war für mich unerreichbar weit entfernt, viel zu beschäftigt, um sich mit mir zu befassen. 

Doch dann verstand ich nach und nach, dass man nicht als Christ geboren oder erzogen wird, sondern dass es einer persönlichen Zustimmung bedarf. Gott hat in Jesus schon alles für uns getan. Er hat unsere Schuld gesühnt, er hat den Weg zurück zum Vater im Himmel gebahnt und die Türe ins ewige Leben geöffnet. Er hat uns Menschen mit dem Vater versöhnt. Dieses Geschenk liegt für uns bereit. Wir können es annehmen, auspacken und genießen. Das ist unser aktiver Teil: Annehmen, was Gott getan hat. In seine Fußstapfen treten und ihm nachfolgen. 

Wie macht man das konkret?

Für mich war es eine Veranstaltung, ähnlich wie proChrist, bei der das Evangelium erklärt wurde. Als der Redner uns aufforderte, die Einladung zu diesem neuen Leben mit Gott anzunehmen, habe ich mich gemeldet und so bekundet: Ja, das will ich. Ich betete das Gebet mit, das in etwa so lautete: „Jesus, wenn es dich gibt und es stimmt, dass du mir ein neues Leben mit dir schenken willst, dann will ich das auch. Vergib mir meine Schuld und lass mich erkennen, wie Du bist und was Du mit meinem Leben vorhast. Ich will mich dir ganz anvertrauen und dir nachfolgen. Danke, dass du mich annimmst wie ich bin.“ Eine große Freude erfüllte mein Herz und ich wusste: Jetzt hat ein neues Leben begonnen. 

Bei proChrist wollen wir Menschen Jesus vorstellen und sie zum Glauben an ihn einladen. Wir werden an den Abenden über Gottes Liebe zu uns Menschen sprechen, über die Erlösung von Schuld und Sünde, die er am Kreuz erworben hat und über das Angebot, selbst eine Entscheidung für dieses neue Leben zu treffen. Wir werden ein ähnliches Gebet zum Mitsprechen anbieten, wie ich es damals gebetet habe und dann einladen, an einer Gebetsstation „Kreuz“ als ein öffentliches Zeichen dieser lebenswichtigen Entscheidung ein Bändchen anzubinden und sich so symbolisch bei Jesus festzumachen. 

Doch man muss nicht bis proChrist warten, um diese lebenswichtige Entscheidung zu treffen. Auch heute kann man so ein Gebet wie oben, rechts oder mit eigenen Worten sprechen und Jesus ins Leben einladen. Er wird kommen, wie er es versprochen hat. Nur Mut, Jesus wartet auf Sie!

Im Gebet kann ich Gott mein Leben anvertrauen

Wenn Worte zum Weg werden

Der Weg des Glaubens beginnt damit, dass wir Gottes Wort hören und ihm antworten. Es kommt nicht darauf an, wie diese Worte formuliert sind, sondern dass wir sie aus unserem Herzen sprechen. 

Ein Beispielgebet:

Jesus, ich danke dir, dass du mich liebst.
Ich öffne dir mein Leben.
Ich bekenne dir meine Schuld und bitte dich um Vergebung.
Ich danke dir, dass du am Kreuz für mich gestorben bist 
und all meine Schuld getragen hast.
Ich erkenne dich als Herrn meines Lebens an. 
Von heute an will ich dir nachfolgen mit allem, was ich bin und habe.
Danke, dass ich jetzt ganz zu dir gehöre.
Mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens.
Amen.

Elke Werner ist als Rednerin bei proChrist aktiv


Autor: Dr. Johannes Zimmermann, Marburg
Lesedauer: ca. 12-15 Min.

Diese Frage ist wichtig für Gemeinden und Gemeinschaften, die davon ausgehen, dass das Evangelium nicht nur eine frohe Botschaft für sie selbst, sondern für alle Menschen ist. Also auch für die, die nicht schon als Kinder oder Jugendliche einen Zugang zum Glauben gefunden haben. Die gute Nachricht: Es geschieht! In unseren Dörfern und Städten, nicht in Massen, aber doch in nennenswerter Zahl. Und wo immer Erwachsene einen Weg zum Glauben und in eine Gemeinde finden, ist das jedes Mal ermutigend. 

Erwachsene finden auf unterschiedliche Weise zum Glauben. Jeder von uns ist als Original geschaffen, und so sind auch unsere Lebenswege ebenso wie unsere Glaubenswege einzigartig. Schon Zinzendorf wusste das: „Die Wege des Heilands mit den Seelen sind in der Tat different.“ Das heißt auch: Alles, was im Folgenden über Glaubenswege gesagt wird, kann beim Einzelnen wieder anders aussehen. 

„Es gibt viele Wege, der Einladung zum Glauben zu folgen … Neben dem ‚Damaskusweg‘ einer plötzlichen Lebenswende und der allmählichen Veränderung des Lebens auf dem ‚Emmausweg‘ gibt es auch den ‚Bartimäusweg‘, wenn aus der diakonischen Erfahrung von Hilfe und überraschend erfahrener Liebe Vertrauen zu Jesus Christus erwächst“ („Das Evangelium unter die Leute bringen“, EKD-Text von 2001, S. 19).

Noch eine Antwort vorneweg: Menschen kommen zum Glauben durch das Wirken des Heiligen Geistes. Dass ein Mensch zum Glauben findet, Gott Vertrauen schenkt und sich zu Jesus bekennt, liegt nicht in unserer Verfügung; es ist jedes Mal ein Wunder. Wir können dafür beten, wir können und sollen das Wort des Evangeliums ausstreuen. Wir können gewissermaßen „Gärtnerarbeit“ leisten: Den Boden bereiten, säen, gießen, düngen, für Licht und Wärme sorgen usw. Ob ein Samen keimt und eine Pflanze wächst, bleibt unverfügbar. Paulus schreibt: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, aber Gott hat es wachsen lassen.“ (1Kor 3,6) Alle „Gärtnerarbeit“ erfolgt im Vertrauen darauf, dass Gott Wachstum schenkt.

Auch wenn Wachstum unverfügbar ist, weiß ein Gärtner, was für das Wachstum förderlich ist. Ein guter Gärtner achtet auf die Beschaffenheit des Bodens und auf das Klima, er kennt die Eigenschaften und Eigenarten der unterschiedlichen Pflanzen. Konkret: Wir können einiges darüber sagen, wie der soziale und lebensgeschichtliche „Humus“ aussieht, der für Glaubenswachstum förderlich ist. In dieser Hinsicht ist dieser Artikel als Beitrag zum „Gärtnerhandwerk“ für das Säen und Pflanzen des Glaubens zu verstehen.

Lebensalter und Lebenssituationen

Immer wieder ist zu hören, dass Prägungen in der Kindheit und Familie Menschen ihr ganzes Leben über begleiten. Das ist nicht falsch, und weil es so ist, lohnt es sich, in Kinder und Familien zu investieren. Dass frühe Prägungen wichtig sind, bedeutet umgekehrt keine lebenslange Festlegung. Vor allem kann daraus nicht gefolgert werden, dass für die, die als Kinder dem Evangelium nicht begegnet sind, „der Zug abgefahren“ wäre. Die Frage: „Wie kommen Erwachsene zum Glauben?“ zielt gerade auf diejenigen, die als Kinder noch nicht zum Glauben gefunden haben. 

Dazu gehören auch und gerade Menschen in der Lebensmitte. Für viele ist das eine Phase voller Umbrüche: Ehen werden geschlossen und gehen (viel zu oft) in die Brüche, Kinder werden geboren und verlassen das Haus, die eigenen Eltern werden älter und brauchen Unterstützung, Arbeits- und Familienphasen wechseln einander ab, berufliche Veränderungen und Neuanfänge gehören zum Leben dazu. Nun ist es keineswegs so, dass Veränderungen, Umbrüche und auch Krisen automatisch offene Türen für Glaubenswege sind, aber dort wo die Lebenssituation eine Neuorientierung erforderlich macht, ist das auch immer eine Chance. Gut, wenn in solchen Situationen Kontakte zu Christen und offene Türen in Gemeinden da sind. So hat jedes Lebensalter besondere Chancen, aber auch Grenzen im Hinblick auf Glaubenswege.

Wenn wir uns wünschen, dass andere Menschen umkehren und zum ersten Mal oder neu im Glauben beginnen, ist es eine gute Übung, zunächst zu fragen: Wie war das bei mir? Und zugleich: Wann habe ich das letzte Mal eine Meinung geändert oder eine neue Gewohnheit eingeübt? Wie kam es dazu? Was hat den Ausschlag gegeben? Das kann uns helfen, uns in die Lage anderer hineinzuversetzen. 

Alle "Gärtnerarbeit" erfolgt im Vertrauen darauf, dass Gott Wachstum schenkt

Die "große Koalition" für Glaubenswege

Wie kommen Erwachsene Menschen zum Glauben? Ich skizziere einige der wichtigen Faktoren.

Beziehungen
Wie können wir als Gemeinde oder Gemeinschaft evangelistisch aktiv werden? Sollen wir eine „klassische“ Evangelisation planen, bei proChrist mitmachen, einen Glaubenskurs vorbereiten oder unsere Gottesdienste und Gemeinschaftsstunden missionarisch ausrichten? So wird immer wieder gefragt. Die Frage ist wichtig, aber Voraussetzung dafür ist, dass Menschen bereit sind, zu kommen – und dieser Weg geht in der Regel über Beziehungen. Wenn es um Glaubenswege geht, stehen Beziehungen weit vorne, wenn nicht sogar an erster Stelle. Dadurch können Menschen erreicht werden, die nie von selbst auf die Idee kämen, eine Gemeindeveranstaltung zu besuchen. Umgekehrt ist es gut, wenn Freundschaften da sind, wenn Menschen in eine Situation kommen, in der sie offen werden, aber nicht selbst die Initiative ergreifen.

Dabei genügt es nicht, dem Nachbarn, mit dem man das ganze Jahr nie redet, eine Einladung für eine Zeltevangelisation in die Hand zu drücken. Es ist vielmehr so, dass dort, wo Beziehungen und Freundschaften entstehen oder vorhanden sind, auch Gespräche dazugehören. Irgendwann kommt das Gespräch auf das, was uns persönlich wichtig ist – und dazu gehören der Glaube und die Mitarbeit in der Gemeinde. So kann Interesse und Anteilnahme entstehen – und irgendwann stößt eine Einladung auf Resonanz. 

Veranstaltungen
Die Frage nach Angeboten und Veranstaltungen steht nicht an erster Stelle, aber sie gehört dazu. Zugespitzt: Veranstaltungen können dann hilfreich sein, wenn Kontakte da sind. Beides ist nötig, gastliche Angebote der Gemeinde, in denen der Glaube zur Sprache kommt, ebenso wie persönliche Kontakte. Aufs Ganze gesehen verdienen die Kontakte etwas mehr Förderung und die Veranstaltungen gelegentlich etwas Zurückhaltung. Letztlich brauchen wir aber eine große Koalition von Zeugen im Alltag und gastlichen Veranstaltungen.

Bei den Angeboten gibt es eine Fülle von Möglichkeiten. Am Beginn können gesellige, sportliche, musikalische oder kulturelle Angebote stehen, die Kontakte ermöglichen. Das können evangelistische Formate sein, müssen es aber nicht. Wichtig sind dann vor allem Angebote, in denen Glaube in seinen unterschiedlichen Dimensionen erlebt und vertieft werden kann: Dazu gehört die Weitergabe von Informationen, das Bibelgespräch und die Möglichkeit, selbst Fragen zu stellen. Weiter wichtig ist das Erleben von Gastfreundschaft und von Menschen, die als glaubwürdig erfahren werden. Hier haben sich Kurse zum Glauben als gute Möglichkeit erwiesen, ähnlich „alternative“ Gottesdienstformen. Schließlich sind Angebote wie Hauskreise nötig, in denen Glaube vertieft werden und wachsen kann. 

Gemeinden
Veranstaltungen stehen nicht im luftleeren Raum. In Verbindung damit braucht es eine Gemeinschaft als Raum für Fragen und Zweifel, als Raum für den Beginn von Glaubenswegen und danach auch für die Vertiefung, Weiterführung und Beheimatung im Glauben. Das ist gewissermaßen die „Innenseite“. Dazu gehört auch die Frage, was jemand erlebt, der „von außen“ dazukommt. Eine abgeschlossene Gruppe von Menschen, die zwar von Offenheit reden, aber letztlich sich selbst genug sind? Oder eine Gastfreundschaft, die nicht aufdringlich, sondern wertschätzend ist? Dazu kommt die „Außenseite“. Ebenso wie die Einzelnen brauchen auch Gemeinden und Gemeinschaften als Ganze Kontaktflächen nach außen. Bei landeskirchlichen Gemeinden sind sie meist durch die Breite der Mitglieder gegeben. Zu diesen Kontaktflächen zählt die öffentliche Präsenz – auch in den Medien –, dann aber und vor allem die Frage, wie eine Gemeinde in der Öffentlichkeit in Erscheinung tritt. Hilfreich ist, wenn andere merken: Da ist nicht nur eine Gemeinschaft, die an sich selbst und ihre Belange denkt, sondern die bereit ist zu dienen: Das beginnt bei der Mitarbeit im Elternbeirat in der Schule und im Kindergarten, umfasst ehrenamtliche Mitarbeit in der Diakonie und bei sozialen Projekten und allen Einsatz für das Gemeinwohl. Wir können nicht erwarten, dass Menschen bei Veranstaltungen zu uns kommen, wenn wir nicht umgekehrt bereit sind, zu anderen zu gehen und bei ihnen zu sein.

Erfahrungen
Auf ihrem Weg zum Glauben sammeln Menschen Erfahrungen. Im guten Fall Erfahrungen, die es ihnen leicht machen, Gott zu vertrauen – im schlechten Fall gegenteilige Erfahrungen. Wichtig ist dabei, dass es in erster Linie um die Menschen selbst geht, und sie nicht „Objekte“ einer Missionsstrategie sind oder die Teilnehmerzahlen einer schrumpfenden Gemeinschaft auffüllen sollen.

Gut ist es, wenn mein Gegenüber gastfreundlich und liebevoll in eine Gemeinschaft aufgenommen wird, ohne dass gleich sein „Glaubenspuls“ geprüft wird. Oder wenn jemand für eine Mitarbeit angefragt wird und dabei die Erfahrung macht, dass seine Begabungen gebraucht werden und er etwas Sinnvolles und für andere Wichtiges tun kann – auch dann, wenn er sich in Glaubensfragen noch sehr unsicher vorkommt. Aus England kommt das Motto „Belonging before believing“, „Dazugehören kommt vor dem Glauben“. Es geht um die Erfahrung, Teil einer Gemeinschaft zu sein und als Person ohne Vorbedingungen angenommen zu werden. Dies kann eine wichtige Erfahrung auf dem Weg zum Glauben sein und transparent dafür werden, wie Jesus mit uns umgeht. 

„Alles zusammen“
Die genannten Bereiche stellen gewissermaßen die menschliche Seite von Glaubenswegen dar. Sie zeigen, was förderlich ist. Am Ende kommt es dennoch darauf an, dass Gott das Saatkorn des Evangeliums aufgehen und wachsen lässt. Das steht nicht in unserer Hand, unsere „Sämannsarbeit“ erfolgt im Vertrauen darauf, dass Gottes Wort nicht leer zurückkehren wird (Jes 55,11). Wer sät, muss warten können, bis zu seiner Zeit etwas wächst. Wer Glaubenswege begleitet, braucht viel Geduld. Wer an einer Pflanze zieht, beschleunigt nicht das Wachstum. Bei Menschen kann es lange dauern, unter Umständen mehrere Jahre, bis Wachstum sichtbar ist.

Der englische Bischof John Finney formuliert das veränderte Verständnis von Evangelisation so: „Bekehrung wurde nicht mehr als die plötzliche Entscheidung eines einzelnen angesehen, der vom Unglauben zum Glauben übertrat, sondern als eine Pilgerreise, auf der jeder Mitreisende auf seiner eigenen Route den Weg zum Glauben fand.“ (Wie Gemeinde über sich hinauswächst, S. 92)

Gott schreibt mit jedem Menschen seine ganz individuelle Glaubensgeschichte

Vorgeschichten und offene Türen

Es gibt Glaubenswege, die geradezu „aus dem Nichts“ kommen – aber aller Erfahrung nach ist das die Ausnahme. Bei den allermeisten gibt es Vorgeschichten, die auch länger zurückliegen können. Bei den einen sind Grundlagen da, aber die letzten Schritte fehlen noch. Dann gibt es „Rückkehrer“, die schon einmal einen Anfang erlebt haben, denen dann aber im Trubel des Lebens der Glaube abhandengekommen war. Das können negative Erfahrungen mit Glaube und Kirche in der Kindheit sein, etwa durch Gesetzlichkeit. Für sie ist es wichtig, die Freiheit des Glaubens zu erfahren.

Dann gibt es ostdeutsche Mitbürger, die bisher der Meinung waren, sie seien „religiös unmusikalisch“ und hätten eine „wissenschaftliche Weltanschauung“. Für sie kann die Erfahrung wichtig sein, dass andere an ihnen Interesse haben und sie liebevoll aufgenommen werden. Unter uns wohnen Aussiedler der mittleren und jüngeren Generation, die ein Interesse an der Zugehörigkeit zur Kirche und fast noch mehr an kirchlicher Taufe, Trauung und Beerdigung haben, aber in einem Umfeld aufgewachsen sind, in dem ihnen die Grundlagen des Glaubens und biblischen Kenntnisse vollständig vorenthalten wurden. Zahlreiche junge Menschen, vor allem Männer, sind in den letzten Jahren aus islamischen Ländern nach Deutschland gekommen und zeigen hier Interesse am christlichen Glauben. Eine große Gruppe darunter sind Iraner. Eine der ganze wichtigen Fragen ist hier: Werden sie nicht nur einen Pfarrer finden, der sie tauft, sondern auch eine Gemeinde oder Gemeinschaft, in der sie gastfreundlich aufgenommen werden und in der ihr Glaube Wurzeln schlagen kann?

Neben und unter diesen sind auch „Neueinsteiger“, die frisch und unbelastet das „Land des Glaubens“ erstmalig entdecken. Mit ihrem Staunen und erfrischenden Erfahrungen können sie auch die „alten Hasen“ in der Gemeinde anstecken. Es gilt, aufmerksam zu sein für Menschen in unserer Nähe ebenso wie für „offene Türen“ (s. 2Kor 2,12; Apg 14,27; Kol 4,3-4 u. ö.). Das können Personengruppen wie die Iraner sein, bei denen Gott eine Offenheit für das Evangelium schenkt. Das können auch Veranstaltungsformen wie Kurse zum Glauben sein, die für viele „Türöffner“ auf dem Weg zum Glauben sind.

Wenn dann ein Mensch zum Glauben findet, ist es jedes Mal ein Wunder – und Grund zum Staunen und zur Dankbarkeit. Eine Frau in der Greifswalder Untersuchung „Wie finden Erwachsene zum Glauben“ schrieb: „Ich zog mit meiner Familie aus einer Kleinstadt aufs Land. Dort hat es mich in die Kirche gezogen. Später sagte meine Tochter: ‚Mama, der Gott hat dich in die Kirche geschoben.’ In dieser Gemeinde wurde in einem Gottesdienst ein Glaubensgrundkurs angeboten, dazu meldete ich mich an. Das liegt jetzt 10 Jahre zurück. Vieles hat sich inzwischen verändert und während ich versuche, diesen Bogen auszufüllen, befinde ich mich in einer Zeit der Glaubenszweifel.“ 

Dr. Johannes Zimmermann ist Professor für praktische Theologie an der Evangelischen Hochschule TABOR in Marburg


Literaturtipp zur Vertiefung

Johannes Zimmermann / Anna-Konstanze Schröder (Hrsg.):
Wie finden Erwachsene zum Glauben? Einführung und Ergebnisse der Greifswalder Studie
Preis: 9,90 €
Hier bestellbar: https://www.neukirchener-verlage.de/artikel/zeige/155.888/ 

Wie geht eigentlich Glauben?

Autor: Steffen Kern, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 2-3 Min.

Liebe Apis, liebe Freunde,

wie fängt man die Sache mit dem Glauben eigentlich an? So einfach ist das ja nicht. Schließlich fällt der Glaube nicht vom Himmel. Dabei ist er ein Geschenk des Himmels. Aber dass wir ihn, ganz irdisch, auch begreifen und fassen – das geht schrittweise. Viele fragen gerade nach diesen ersten, ganz grundlegenden Schritten: Wie geht eigentlich Glauben?

Glauben ist mehr als eine Weltanschauung. Glauben ist mehr, als etwas für wahr und etwas anderes für falsch zu halten. Glauben heißt, dass wir jemandem vertrauen. Dass wir uns auf das Wort eines anderen verlassen. Und dass wir es wagen, so zu leben. – Es beginnt immer damit, dass wir etwas von Gott hören. Wir erfahren, was er für uns getan hat. Wir hören von Jesus und seinen Versprechen an uns. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn für mich gab.“ Ich fange an, diesen Satz zu beherzigen. Ich lasse mir Gottes Worte sagen. Und widerspreche nicht. Ich lasse das Evangelium gelten und sage „Amen“ dazu. Die gute Nachricht begreife ich nicht voll und ganz, aber etwas von ihr sickert nach und nach in mein Herz und verändert alles. Ich gebe zu, dass ich Vergebung brauche, denn ich sehe ein, dass ich schuldig geworden bin. Ich entdecke auf einmal, wer Jesus ist und für mich sein will – und dabei entdecke ich mich selbst ganz neu: Ich bin trotz allem ein von Gott geliebter Mensch. 

Ich beginne zaghaft mit einem ersten Gebet

Diese Einsicht drängt nach Ausdruck. Gottes Wort ist auf meine Antwort aus. Gottes Liebe wartet auf Erwiderung. Wenn es so ist, dass Gott eine Beziehung zu mir sucht, ja dass er als mein Vater in einer Beziehung zu mir steht, dann verändert das alles. Darum ändere ich alles: Ich antworte darauf und beginne zaghaft mit einem ersten Gebet. So fängt Glauben an. Ich suche den Kontakt mit meinem himmlischen Vater und mit Jesus, seinem Sohn, der ganz für mich da ist. Ich frage, wer er genau ist und was er will. Darum lese ich in der Bibel und begreife vieles nicht, aber das Wenige, das ich verstehe, ist mehr als ich zum Leben brauche. Ich beginne, anders zu leben. Manches lasse ich. Manches tu ich zum ersten Mal. Auf einmal bete ich, suche Kontakt zu andern Christen und habe andere Ziele für mein Leben. Da ist eine ganz neue Freiheit, eine bislang ungeahnte Gewissheit, eine neue Verbindung mit Menschen, die ich vorher kaum kannte, und da ist zwar nicht der Himmel auf Erden, gewiss nicht, und doch in meinem Herzen ein ganz neues Glück.

So kann ein Anfang im Glauben aussehen. Bei der einen so, beim anderen etwas anders. Bei proChrist laden wir herzlich dazu ein, erste Schritte im Glauben zu wagen. Wir reden über diese ersten Schritte und bieten an, Menschen auf diesem Weg zu begleiten. Schritt für Schritt. Respektvoll und liebevoll, freundlich und diskret, einladend und herzlich. Bitte gehen Sie doch mit. Beten Sie mit. Wagen Sie selbst neu Schritte auf dem Weg ins Leben und begleiten Sie andere dabei! 

Seien Sie herzlich gegrüßt,
Ihr Steffen Kern

Steffen Kern ist Journalist und Pfarrer. Er ist 1. Vorsitzender der Apis.


Februar 2018: Angst

Angst
Do, 1. Februar 2018: Keine Angst? (Steffen Kern)
Mo, 5. Februar 2018: Ein wichtiges Warngefühl (Dr. med. Martin Grabe)
Mo, 12. Februar 2018: Hilfreicher Umgang mit Ängsten (Nicola Berstecher)
Mo, 19. Februar 2018: Schwarzmaler oder Hoffnungsträger (Steffen Kern)
Do, 23. Februar 2018: Wie können wir Sterbende begleiten? (Renate Klingler)
Mi, 28. Februar 2018: Angst (Ararat)

Angst

https://www.youtube.com/watch?v=OGr4On3rzwA

Das Lied ist 1993 auf dem Album "Himmelwärts" erschienen.
Hier kann man das ganze Album bestellen.

Autorin: Renate Klingler, Renningen
Lesedauer: ca. 10-12 Min.

Wie wir Sterbende begleiten können

Wie möchten Sie sterben? Die meisten Menschen möchten an der Hand eines Menschen sterben, nicht allein gelassen, nicht hinter Maschinen oder Apparate abgeschoben, nicht in einem Pflegebett vergessen. Wollen nicht nur das Erschrecken und die Scheu der andern erleiden, brauchen jemanden, der einfach nur dableibt. Wer möchte, dass ihm bei seinem Sterben eine Hand gereicht wird, ein Mensch nahe ist, der sollte heute dem die Hand reichen, ihm nahe bleiben, der ihn - vielleicht wortlos - bittet: „Ach, bleiben Sie doch da.“

Was kann ich tun, am Bett eines sterbenden Menschen? Zunächst einmal nichts, und das ist sehr viel. Wir alle sind geübter im Agieren, im Eingreifen, im Zupacken. Es fällt uns ungleich schwerer, unsre Hilflosigkeit einzugestehen, auszuhalten, dass nichts oder nichts mehr zu tun ist, zuzulassen, dass ich nur noch gefragt bin, einem Menschen meine Nähe zu schenken, zu bleiben. 

Was zu tun ist für einen Schwerkranken, sind die Handgriffe der Pflege. Diese sind delegiert oder lange eingeübt, alltäglich geworden in einer längeren oder kurzen Krankheitszeit. Sie bringen Achtung, Verständnis und liebevolle Zuwendung zum Ausdruck, aber sind auch immer wieder eingebunden in das schwierige Wechselspiel von Macht und Ohnmacht, Stärke und Schwäche, Agieren und Ausgeliefertsein. Und die Rollen wechseln zwischen dem Pflegenden und dem Kranken. Da keimt auch Zorn und wir werden schuldig werden. Eine junge Frau, die ihre ganz verwirrte Großmutter mit betreut, gestand: „Manchmal ist es sehr schwer, sie als die liebzuhaben, die sie heute ist; nicht nur die Erinnerung, wie sie einmal war.“

Unsere Liebe ist in Gefahr in Zeiten der Erschöpfung, der Trauer, der Wut, des Verletztseins, der Kränkung. Deshalb ist es wichtig, dass ich außerhalb der Krisensituation für mich grundlegend beschlossen habe, in aller Schwachheit ihre oder seine Würde zu schützen, zu achten. Deshalb ist es so wichtig, dass wir von Verzeihung und Vergebung wissen und davon, dass wir jeden Tag neu aus den Kraftquellen Gottes leben dürfen.

Menschen, die wissen, dass sie bald sterben werden, werden im vielfachen Sinne hellhörig. Sie hören zwischen und hinter unseren Worten. Laute und oberflächliche, formelhafte Worte tun ihnen weh. Sie erleben und erleiden, was Dietrich Bonhoeffer so formulierte: „Es gibt einen Maßstab für das Große und Geringe, für das Gültige und Belanglose, für das Echte und das Gefälschte, für das Wort, das Gewicht hat, und für das leichte Geschwätz: das ist der Tod.“ Merken wir es uns, denn als Begleitende sind wir in der großen Gefahr zu versuchen, unsere Hilflosigkeit mit vielen Worten zuzudecken.

Der Wert der Zeit

Es ist für Christen eine gute Übung, an der Tür des Krankenzimmers zu beten: „Herr, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Öffne du mir den Mund oder lass mich schweigen.“ Vielleicht gehen wir miteinander auf eine Zeit zu, in der Worte überhaupt keine Rolle mehr spielen, in der alles gesagt ist. Unterschätzen wir nicht den Wert dieser Zeit. Es tut weh, weh für den Sterbenden, wenn Angehörige eilig ein Sterbezimmer verlassen mit der Bemerkung: „Er (oder sie) ist ja überhaupt nicht mehr ansprechbar.“ Machen wir doch stattdessen miteinander am Bett eines schwer kranken oder sterbenden Menschen die Erfahrung des „heiligen Schweigens“. Des Schweigens, das beredter ist als viele Worte. Des Schweigens, in dem Mimik und Gestik, ein Blick, ein Händedruck, sein Abwenden, unser Zuwenden fragen und antworten. Des Schweigens, das aufmerksam zugewandt hört. 

Auch die Antwort hört auf unsere Frage, ob wir mit ihm singen oder beten dürfen. Und diese Antwort ist zu achten, auch wenn sie ein Nein bedeutet. Unsre stille Fürbitte ist deshalb doch trotzdem möglich. Und sein oder ihr Zögern und Zweifeln braucht vielleicht ganz nötig unseren „Fürglauben“, unser Vertrauen in die Barmherzigkeit Gottes. Wenn uns ein Ja antwortet und uns unsre eigenen Worte allein so unzureichend erscheinen, werden wir den Schatz der Psalmen erfahren. Und im Summen oder Singen vertrauter Töne und Lieder werden wir dem Sterbenden gleichsam ein Geländer anbieten können, „wenn zum Beten die Gedanken schwinden“.

Wiederum, weil Nichtwissen Angst macht, ein Versuch, körperliche Veränderungen bei einem Sterbenden zu beschreiben: Das nahende Ende zeichnet sich ab in den etwas dunkleren, leicht marmorierten Füßen und Händen. Kalter Schweiß bricht aus. Vielleicht können wir noch die spröden Lippen befeuchten, den Schweiß von der Stirne wischen – das kann jede und jeder, die oder der bereit ist zu bleiben. Der Atem geht oft schnell und heftig, immer wieder entstehen lange Atempausen. Dem scheinbar letzten Atemzug folgt häufig ein letzter – und noch ein letzter. Bleiben Sie ruhig, halten Sie Ihre bebenden Gefühle und Ihre Erschütterung im Griff. Halten Sie sich daran fest, dass Jesus am anderen Ufer steht – und auch an Ihrer Seite.

Dem Sterbenden Zeit zu schenken gehört zu den elementaren Dingen

Und dann, wenn der Tod eingetreten ist?

Bleiben Sie auch still da, wenn dann der Tod eingetreten ist. Zunächst ist jetzt gar nichts zu tun, alles hat Zeit. Lassen Sie jetzt auch nicht erschrocken los. Vergessen Sie das Ammenmärchen vom „Leichengift“. Der Verstorbene ist noch derselbe und Sie dürfen be-greif-bar Abschied nehmen, es wird Ihnen in Ihrer Trauer helfen, leibhaftig Wärme und beginnende Kühle zu spüren.

Sie können mit ihm reden, ihm verzeihen oder um Verzeihung bitten. Wer sagt eigentlich, dass er Sie nicht hört. Wir dürfen ihn Gott anbefehlen. 

Nach einer gewissen Zeit können Sie ein Frottiertuch zu einer festen Rolle wickeln und unter das Kinn schieben, damit der Mund geschlossen bleibt. Schließen Sie seine Augenlider. Sollten sie sich wieder öffnen, hilft es, wenn Sie angefeuchtete Watte auflegen. Legen Sie die warme Decke beiseite und decken Sie den Verstorbenen bis zu den Schultern mit einem Leintuch zu. Unter Umständen drehen Sie die Heizung zu und öffnen ein Fenster. Sollte es in der Nacht sein, genügt es, am nächsten Morgen den Arzt und den Bestatter zu informieren. 

Vielleicht räumen Sie das Zimmer auf und stellen eine Kerze oder einen Blumenstrauß neben das Bett. Geben Sie sich und auch den anderen Angehörigen oder Freunden den Raum und die Zeit zum Abschied nehmen. Sie dürfen einen Verstorbenen bis zu 36 Stunden - unter Umständen auch länger - zuhause behalten. Brechen Sie nicht eine wichtige gemeinsame Wegstrecke abrupt ab. Vielleicht haben Sie auch die Kraft, für sich oder mit anderen diese Gedanken durchzudenken: Was sollte dem Verstorbenen angezogen werden? Warum nicht etwas Festliches, was er oder sie gerne getragen hat, worin er oder sie Ihnen vertraut ist? Zum andern: Könnten wir den Dienst des Waschens und Ankleidens vielleicht selber tun, oder gemeinsam mit der Schwester der Diakoniestation, oder einem anderen professionellen Helfer? Es hat nichts Erschreckendes, es ist eine ganz besondere Weise des Abschiednehmens. Und: Wer könnte mit Ihnen an diesem Bett eine kleine Aussegnungsfeier gestalten? (Unser Gesangbuch bietet auch dafür Hilfestellung.) 

Ja, ich möchte uns miteinander in die Pflicht nehmen. Aber nicht angstvoll verkniffen kämpfend. Sondern als solche, die wissen, dass Gottes großes Ja zu ihrem Leben ihre Würde trägt und die von daher viel Kapazität frei haben, sich für die Würde eines jeden Menschen und ganz besonders der ausgelieferten, schwachen Menschen einzusetzen. 

Ein bewusstes Abschiednehmen vom Verstorbenen hilft in der Trauer

„Sie lassen niemand alleine sterben.“

Wir brauchen einander, das Sterben weist uns aneinander. Vielleicht gilt es in einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen alleine leben und alleine sterben, dass wir als christliche Gemeinde gemeinsam wieder beginnen, den Dienst der Sterbebegleitung zu tun. Von den frühen christlichen Gemeinden sagte man: „Sie lassen niemand alleine sterben.“

Wie ernst meinen wir unsere sonntägliche Fürbitte für die Kranken und Sterbenden? Sie meint doch auch: Wir sollten mit offenen Augen, Ohren und Herzen wahrnehmen, wer in unserer Gemeinde, in unserem Hauskreis, unserer Nachbarschaft, aus unserem Freundes- oder Bekanntenkreis nach einer vielleicht langen Pflegezeit schon am Ende der Kraft ist oder sich fürchtet vor den kommenden Tagen des Sterbens. Wir können einander beistehen, ganz konkret helfen, ablösen, Begleiter der Begleiter werden. Haben wir heute Kraft frei, dann dürfen wir vielleicht schon morgen um Hilfe bitten. 

Bleiben. Es geht darum zu bleiben: Nicht auszuweichen, nicht zu kneifen, nicht alles andere für wichtiger zu halten. Auch mit zitternden Knien zu bleiben. Sich mit der eigenen Angst dem Wirken des Heiligen Geistes anzuvertrauen. Es geht darum, die so verletzliche Würde des Sterbenden zu schützen, zeichenhaft ihm die Liebe seines Schöpfers weiterzugeben.

„Bleibet hier und wachet mit mir, wachet und betet“, bat Jesus die, die er in seine Nachfolge gerufen hatte, als ihm „am allerbängsten“ war, als Todesangst nach ihm griff. Nein, wir werden einen Sterbenden nicht den Todesängsten entreißen können, das kann nur er. Aber unser spürbares, erfahrbares, fürbittendes Begleiten dürfen wir in seiner Nachfolge keinem versagen. 

Renate Klingler, Referentin und Ehrenamtliche
in der Hospizarbeit


Autor: Steffen Kern, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 7-9 Min.

Zwischen "German Angst" und einer unverfrorenen Christus-Zuversicht

Es ist ein merkwürdiger Begriff: „German Angst“. Er hat sich in der englischen Sprache eingebürgert und bezeichnet etwas offenbar typisch Deutsches: eine diffuse, oft unbegründete Furcht der Deutschen vor allem Möglichen und Unmöglichen. Ob wir Deutschen uns, was die Angst angeht, nun wirklich so signifikant von Franzosen, Engländern oder Skandinaviern unterscheiden, sei einmal dahin gestellt. Dass wir aber immer wieder gemeinsam eine gewisse Grundangst kultivieren und pflegen, ist doch unverkennbar. 

Die „deutsche Angst“

Einige Beispiele dafür: Gerne wird die „deutsche Angst“ mit Verweisen auf eine zurückhaltende Außen- und Sicherheitspolitik nach der Wiedervereinigung erläutert. Auch eine besondere Kritik an neuen digitalen Techniken wird benannt: Wir Deutschen gelten weltweit als die einzigen, die die Erweiterung von Google Street View verhindert haben, also die komplette fotografische Erfassung aller Ortschaften und Häuser durch die Internetsuchmaschine Google. Die Deutschen haben offensichtlich ein besonderes Augenmerk auf die Gefahren. Das zeigen auch die hierzulande besonders aufgeregten Debatten über die Vogelgrippe, BSE oder die Risiken von Kernkraftwerken. 



Die "German Angst" ist im internationalen Sprachgebrauch etwas Typisches

Angsthasen und Versicherungsweltmeister

Nun mag man in der Sache zu diesen Beispielen jeweils stehen, wie man will. Die persönlichen Einschätzungen und Überzeugen sind hier sehr verschieden. Entscheidend aber finde ich, dass auch wir Christen dazu neigen, allzu schnell Angstszenarien zu entwerfen und zu pflegen, die uns nicht guttun. Angst ist kein guter Ratgeber, kein Leitprinzip, das uns weiter hilft. Angst führt immer in die Enge, in die Unfreiheit. Angst weckt das Bedürfnis nach Sicherheiten, die es nicht gibt, und macht uns anfällig für Scharlatane verschiedenster Couleur. Es ist kein Zufall, dass wir Deutschen nicht nur als besondere Angsthasen gelten, sondern zugleich auch als Versicherungsweltmeister firmieren. Nirgends auf der Welt ist man so überversichert wie bei uns. Das zeigt, dass wir ein besonderes Bedürfnis haben, uns gegen die Unwägbarkeiten des Lebens abzusichern. Sicherheiten sind aber oft trügerisch, zumal wenn sie – wirtschaftlich, politisch oder gar religiös – „verkauft“ werden. 

Die Angst vor dem Islam

Wie herausfordernd und schwierig es ist, die Sache mit der Angst zu bewerten und einzuordnen, zeigt das vielleicht derzeit schwerwiegendste Thema: die Angst vor dem Islam. Seit dem 11. September 2001 und den verheerenden Anschlägen in New York und Washington ist diese Angst längst kein deutsches Phänomen, sondern bewegt die ganze westliche Welt. Die sogenannte Flüchtlingskrise aus dem Jahr 2015 hat der Diskussion bei uns nochmals einen neuen Schub und eine neue Dramatik gegeben. Wie sollen wir diese Angst vor dem Islam bewerten? Ist sie als berechtigt dick zu unterstreichen mit dem Verweis auf weltweit unzählige islamistische Terrorakte, oder ist sie zu relativeren mit Verweis auf eine antiislamische Hysterie und Stimmungsmache angesichts der vielen ganz überwiegend friedliebenden Muslime? Was ist angemessen? – Politische und religiöse Gruppen versuchen aus der gefühlten Lage Kapital zu schlagen. Es gibt sowohl eine Verharmlosung wie auch eine Dämonisierung des Islam. Die neuen Medien verstärken beide Phänomene und bieten all denen eine unendliche Menge an Plattformen, die Öl in ihr Feuerchen gießen wollen.

Spätestens seit dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin geht auch in Deutschland die Angst vor Anschlägen verstärkt um (Symbolbild)

Berechtigte Sorge und falsche Pauschalisierung

Es ist keine Frage: Der Islamismus ist eine Bedrohung für die Welt. Es gibt eine Fülle islamistischer Organisationen, die weltweit ihr Unwesen treiben. Ihre Opfer sind unter anderem auch viele Christen, Angehörige anderer Religionen, aber nicht zu vergessen: in sehr großer Zahl vor allem auch Muslime selbst. Innermuslimische Konflikte werden von den meisten Beobachtern des Westens allenfalls ansatzweise durchschaut. Dabei ist auch offensichtlich, dass der Islamismus ein Teil des Islam ist, der mit ihm nicht gleichgesetzt werden darf, aber auch nicht völlig losgelöst von ihm betrachtet werden kann. Insofern haben Sorgen und Befürchtungen durchaus eine sachliche Grundlage. Zugleich aber erliegen manche der Versuchung, diese ernstzunehmende Lage zu dramatisieren und mit einem pauschalen Pessimismus zu verbinden. Für Europa, für unsere Gesellschaft, für das christliche Abendland sehen manche nun schlicht schwarz. Schwarzmaler gibt es genug, die Ängste schüren und eine Mentalität der Hoffnungslosigkeit verbreiten. Damit sind oft durchschaubare politische Interessen verbunden. Jenseits politischer Fragen gilt jedoch für Christen: Wir bleiben nicht bei der Angst stehen und lassen uns nicht von ihr leiten. 

Kein Leben ohne Angst

Jesus sagt seinen Jüngern sehr klar in den Abschiedsreden: „In der Welt habt ihr Angst.“ Sie ist ein Begleiter unseres Lebens. Sie warnt uns vor Gefahren. Sie weist auf Risiken hin. In einer gebrochenen Welt gibt es kein Leben ohne Angst. Aber Jesus bleibt dabei nicht stehen, sondern setzt seine Verheißung und seinen Trost dagegen: „Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ – In dieser Welt der Gefahren gibt es auch den Einen, der die Welt mit ihrem ganzen Bedrohungspotential überwunden hat. Die zerstörerischen Mächte sind besiegt. Jesus hat sie überwunden. Darum sind wir getröstet. Das gibt uns Halt. Und das gibt uns Hoffnung. 

Welcher Geist leitet uns?

Eine der größten und wertvollsten Gaben des Heiligen Geistes ist die Gelassenheit. Sie gründet in der Gewissheit, dass Jesus diese Welt in seiner Hand hält. Wir gehen nicht auf den Abgrund oder den Untergang zu, egal wie oft und wie dramatisch diese auch beschworen werden – wir gehen auf Jesus zu, der wiederkommt und der sein Reich aufrichtet. Darum sind wir in allen Turbulenzen des Lebens und der Weltgeschichte getrost, gelassen und zuversichtlich. Und wenn wir es nicht sind, weil die Angst übermächtig wird, dann brauchen wir Menschen, die uns dieses Christuswort zusprechen: „Sei getrost!“ Eines aber lassen wir nicht zu: dass wir uns der Angst ergeben und uns von ihr bestimmen lassen. Dann erringen die Panikmacher dieser Welt die Herrschaft über uns. Wir sind aber vom Geist Gottes geleitet. Und der ist kein Geist der Angst, sondern des Trostes. 

Steffen Kern ist erster Vorsitzender bei den Apis


Autorin: Nicola Berstecher, Herrenberg
Lesedauer: ca. 7-9 Min.

Hilfreicher Umgang mit Ängsten

Wenn Sie sich einen Stern vorstellen, auf dem auf jedem Zacken eine Möglichkeit unserer ganzen Bandbreite an Gefühlen beschrieben wird, so steht die Angst als eine Möglichkeit des Fühlens neben Freude, Liebe, Scham, Wut und Trauer. Alle diese Gefühle sind von unserem Schöpfer so in uns angelegt und sind zunächst wertneutral. Doch in unserem Empfinden gibt es durchaus positive und negative Gefühle.

Angst in ihren ganz verschiedenen Formen und Ausprägungen, von ängstlich bis panikartig, erleben wir selten als positiv und hilfreich. Die Menschen, die darunter leiden, kommen in die Beratung mit der Hoffnung, diese bedrohlichen und für sie übermächtigen Gefühle nicht mehr empfinden zu müssen. Doch auch in der Passionsgeschichte wird von Jesus selbst berichtet, wie er im Garten Gethsemane unter enormen Ängsten gelitten hatte. In Joh 16,33 wird uns von Jesus berichtet, wie er sagt: „In der Welt habt ihr Angst“- das ist eine Realität, die nicht in Frage gestellt wird - aber er schickt auch gleich einen ermutigenden Satz hinterher: „aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Es ist eine Realität, dass wir immer wieder Angst haben werden, aber es ist auch real, dass wir einen Gott haben, der größer ist als die Angst. Eine Frau in meiner Beratung sagte zu mir: „Ich glaube, ich sollte immer die Dinge tun, vor denen ich Angst habe, dann ginge es mir besser“. Und damit hat sie etwas ganz Wesentliches erkannt! Angst lässt sich nur in der Konfrontation besiegen, niemals in der Vermeidung. 

Eine andere Frau, die eine Krebserkrankung bewältigt hatte, berichtete mir: „Dieses Erlebnis hat mich stärker gemacht, ich habe jetzt keine Angst mehr vor dem Tod.“ Sie ist durch ihre Ängste hindurchgegangen, und erlebte sich danach stärker als vorher, dadurch dass sie sie nicht vermieden hatte. Doch wie sehen denn hilfreiche Strategien aus, um den Ängsten unseres Lebens zu begegnen? 

Wenn Angst zur Krankheit wird

Lösungsmöglichkeiten um die Angst zu bewältigen, erschließen sich aus den Auslösern, die in die Angst führen können.

1. So ist der erste Schritt, sich mit der eigenen Angst auseinanderzusetzen, sie zuzulassen und sich dann ganz gezielt Informationen und Hilfe zu suchen. Reden Sie über Ihre Ängste und bleiben Sie damit nicht allein. Besorgen Sie sich Selbsthilfeliteratur. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Apotheker oder einer Person ihres Vertrauens. 

2. Senken Sie Ihr allgemeines Anspannungsniveau. Das kann damit beginnen, die eigenen Einstellungen zu überprüfen. Oft haben Menschen mit Angstproblemen einen hohen Perfektionismus! Es ist anstrengend, wenn Sie alles 150-prozentig machen müssen! Leben Sie nach der 80% Regel - das entlastet! (80% Perfektion benötigen 50% Energie, die restlichen 20% Perfektion benötigen noch einmal 50% Energie! Wo würden also 80% Perfektion ausreichen?) Wo können Sie nein sagen lernen oder auch Dinge an andere delegieren - auch wenn sie es wahrscheinlich nicht genau so erledigen werden wie Sie? Entdecken Sie Ihre inneren Antreiber - müssen Sie so viel leisten, weil Sie sonst nicht liebenswert sind? Wollen Sie sich selbst etwas beweisen? Geistern noch alte Sätze aus Ihrer Kindheit in Ihrem Kopf herum? 

3. Versuchen Sie Ihren Stress abzubauen durch das, was im Alltag an Entlastung möglich ist. Nehmen Sie sich eine Putzfrau, sagen Sie Termine ab, gönnen Sie es sich immer wieder, nur eine Sache gleichzeitig zu tun und zu denken. Achten Sie auf ausreichend Schlaf, Vorsicht bei Koffein, ernähren Sie sich gesund. Schalten Sie ihr Handy aus, gehen Sie raus in die Sonne - allein mit Gott und sich selbst, kein Multitasking, sondern Entschleunigung! Das Hören von Lobpreismusik, Lesen von Psalmen oder auch Ablenkung durch Gespräche mit Freunden und Familie beschreiben viele als hilfreich in der Angst. Üben Sie die Erfahrung selbst etwas bewirken zu können, statt passives Opfer zu sein. Schließen Sie körperliche Ursachen durch einen Arztbesuch aus. Sie haben eine Verantwortung für Ihren Körper, und der zeigt Ihnen vielleicht durch eine Angststörung, dass Sie schon längst über Ihre Grenzen leben - und das ist nicht biblisch! Wenn Sie das Gefühl haben, es nicht alleine zu schaffen, dann scheuen Sie sich nicht, sich in einer Psychotherapie Hilfe zu holen. Ich durfte immer wieder erleben, dass Menschen dadurch neuen Lebensmut fanden, wieder Auto fuhren, arbeiten gingen und ihre Sozialkontakte pflegen konnten. 

Die Angst vor der Angst

Eine große Not ist nach solchen Angsterfahrungen die „Angst vor der Angst“. Um dieser zu begegnen, helfen die verschiedenen Entspannungsübungen wie PM nach Jacobsen, Atementspannung etc., aber auch Medikamente wie Antidepressiva, Benzodiazepine oder pflanzliche beruhigende Medikamente. Bei ausgeprägten Ängsten oder starken körperlichen Symptomen können sie eine positive Wirkung zeigen und es Menschen überhaupt ermöglichen, sich mit den angstauslösenden Situationen zu konfrontieren. Oft wird die Verhaltenstherapie bei Ängsten gewählt, da sie durch Arbeit an der Einstellung, Angsthierarchien, Konfrontationsübungen etc. gute Ergebnisse zeigt. 

„Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Ich möchte es gerne noch einmal wiederholen. Jesus sagt: in der Welt habt ihr Angst - das ist die Realität. Und er sagt weiter: aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Das ist auch Realität! Nicht, dass er uns aus der Welt nimmt, auch nicht psychisch gesehen, sondern dass er mit uns dabei ist. Dass er unsere Ängste kennt, dass er selbst Angst hatte, und dass er uns nicht dafür verurteilt. Im Gegenteil, als der liebende Gott, der sich mit einer tröstenden Mutter vergleicht, können wir bei ihm Trost und Hilfe finden, gerade auch in Situationen, die uns Angst machen. Das Ziel im Umgang mit der Angst, sei es mit Therapie und Medikamenten oder ohne, ist nicht nie mehr Angst zu haben, sondern selbstbestimmt mit ihr zu leben. Lernen mit Gottes Hilfe, die Angst im Griff zu haben, und nicht mehr von ihr bestimmt zu werden. Sagen wir es zum Abschluss mit Erich Kästner: „Wird‘s besser? Wird‘s schlimmer?“, fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich. 

Nicola Berstecher, Lebensberaterin in eigener
Praxis, 1. Vorsitzende ACC Dachverband
Christliche Beratung Deutschland


Autor: Dr. med. Martin Grabe, Frankfurt
Lesedauer: ca. 12-15 Min.

Ein wichtiges Warngefühl

Welche Formen es von Angst gibt und wie ein Umgang mit Erkrankungen aussehen kann

Was ist Angst?

Stellen Sie sich eine Mutter vor, die plötzlich sieht, dass ihr Kleinkind auf die Straße gelaufen ist und ein Auto darauf zurast. Mit zwei Sprüngen ist sie da und reißt es gerade noch rechtzeitig von der Fahrbahn. Der Wagen zischt an ihr vorbei, während sie mit weichen Knien am Straßenrand steht, schwer atmend, den Arm des Kindes noch fest umklammert. Es gab nur ein Gefühl, das bei dieser Mutter alles beherrschte in dieser Situation. Eine Emotion, die ihr in einem Augenblick die Energie zur Verfügung stellte, die sie zu dieser ungewöhnlichen Leistung brauchte. Es war Angst. 

Angst ist ein Gefühl, das zum Leben gehört. Unbestreitbar ein ausgesprochen unangenehmes. Aber gerade dadurch erfüllt unsere Angst eine wichtige Funktion. Sie warnt uns in Gefahrensituationen, macht uns hellwach, stellt uns Energie zur Verfügung, die wir vielleicht dringend brauchen, um uns und andere in Sicherheit zu bringen. In weniger prekären Situationen wird uns vielleicht nur ein bisschen „mulmig“, aber das reicht dort schon aus, damit wir etwas vorsichtiger und aufmerksamer werden. 

Neben dieser Warnfunktion im Hier und Jetzt, die wir mit den Tieren teilen, gibt es auch eine spezifisch menschliche Form der Angst, nämlich die vor der Zukunft. Bis zu einem gewissen Grad kann auch diese eine sinnvolle Aufgabe übernehmen. Sie kann uns veranlassen, zukünftige Entwicklungen im Blick zu haben, zu planen und vorzusorgen. Sie kann im „Sorgen“ allerdings auch in einen fruchtlosen und quälenden Leerlauf geraten. 

Eine Besonderheit der Angst ist, dass sie nicht in einem Teil unserer selbst stattfindet – wie ein gebrochenes Bein zum Beispiel. Angst erfasst immer den ganzen Menschen, ein Mensch ist sozusagen „Angst“. Der ganze Körper ist betroffen, wovon viele sprichwörtliche Beschreibungen von Angstäquivalenten zeugen: da „schnürt es die Kehle zu“, jemand „hält den Atem an“, bekommt „schreckgeweitete Augen“, es „zieht jemandem den Boden unter den Füßen weg“.

Spinnen lösen bei manchen Menschen eine Phobie aus

Wenn Angst zur Krankheit wird

Neben ihrer lebenswichtigen Funktion als Warn- und Alarmgefühl kann sich Angst aber auch verselbstständigen, oder den Kontakt zum bewussten Bereich unserer Person verlieren. Das heißt: unverständlich werden. Betroffene leiden unter dem quälenden Gefühl an sich, ohne die Situation noch auflösen zu können. Sie erleben die Angst „pur“, als eigene Größe oder aber an Stellen, deren Sinn sie nicht mehr verstehen. Damit ist der Bereich der Angsterkrankungen umrissen. 

Zu den Angsterkrankungen gehören die speziellen Phobien, die soziale Phobie, die Panikstörung, die Agoraphobie und die generalisierte Angststörung. 

Allen gemeinsam ist die Angst als Leitsymptom. Diese kann allerdings sehr verschiedenartig ausgeprägt sein. Im Falle der Phobien ist die Angst auf ganz bestimmte Objekte oder Situationen gerichtet, die prinzipiell vermeidbar sind. Bei der Panikstörung tritt sie anfallsweise und heftig auf, ohne dass Betroffene das vermeiden könnten und sich einer Ursache bewusst sind und bei der generalisierten Angststörung begleitet sie das ganze Leben. Man geht heute davon aus, dass die Entstehung von Ängsten multifaktoriell ist, dass sowohl organisches Entgegenkommen im Sinne einer höheren Erregungsbereitschaft (genetisch mitbedingt), psychodynamische (aus inneren Konflikten herrührende) und lerntheoretische Ursachen zusammenwirken. Mit dem Störungsbild einer Phobie sind irrationale Ängste vor Begegnungen mit einem gefürchteten Objekt oder einer gefürchteten Situation gemeint. Geringfügige phobische Ängste – wie zum Beispiel Angst vor Spinnen oder eine mäßige Höhenangst – sind weit verbreitet. Betroffene erachten es aber meist nicht der Mühe wert, solche Probleme therapeutisch anzugehen. Das hat vor allem den Grund, dass diese Situationen entweder gut vermeidbar sind oder Betroffene ein soziales Schutzsystem eingerichtet haben. Es gibt einen „Ritter“, der die Spinne entsorgt, und die ganze Interaktion stärkt die Beziehung. Phobien von Krankheitswert haben aber immerhin auch noch 5-10 % der Bevölkerung. Damit sind Phobien bei Frauen die häufigste psychische Störung. Bei den Männern werden sie leider noch durch den Alkoholismus überholt.

Menschen können sehr viele verschiedene spezielle Phobien entwickeln. Dazu gehören Höhenangst, Flugangst, Ängste vor ganz verschiedenen Tierarten, Angst vor Blut, Angst vor engen Räumen (Klaustrophobie) und vieles mehr. In der ICD, der internationalen Diagnoseklassifikation, werden die Agoraphobie (Angst vor öffentlichen Räumen mit vielen unbekannten Menschen) und die soziale Phobie (Angst, sich in einer Gruppe bekannter Personen zu blamieren) gesondert aufgeführt. Ein eigenes Krankheitsbild ist auch die Panikstörung, auch wenn sie oft mit Phobien, speziell der Agoraphobie verbunden ist. Von einer Panikstörung betroffen sind etwa 2 % der Bevölkerung, also auch eine sehr große Gruppe. Hier erleiden Menschen Anfälle von sehr starker Angst (oft akute Todesangst), meist ohne dass sie sich eines Auslösers bewusst wären. Nicht selten wird der Notarztwagen gerufen, viele Panikpatienten haben schon mehrere Aufnahmen auf einer Intensivstation hinter sich.

Bei der generalisierten Angststörung (betroffen ca. 4 % der Bevölkerung!) ist das ganze Leben von Angst gekennzeichnet. Diese tritt allerdings in der Regel nicht so akut in Erscheinung wie bei einem Phobiker, der mit dem gefürchteten Objekt konfrontiert wird oder einer Panikattacke, sondern zeigt sich eher in wechselnd ausgeprägten Sorgen. Einem äußeren Beobachter erscheint es so, als ob sich Betroffene fast zufällig irgendwelche äußeren Situationen suchen, die sie unter einem bestimmten, oft sehr speziellen Aspekt gefährlich finden können und dann darüber unfroh und sorgenvoll nachgrübeln. Bei Müttern mit Kindern bieten diese eine unerschöpfliche Quelle für Ängste, insbesondere vor Unfällen, bei Männern geht es neben der Familie oft um den Verlust des Arbeitsplatzes. Für Familienangehörige wird diese Störung auf längere Sicht äußerst anstrengend, nicht zuletzt, weil die Betroffenen oft sehr anklammernd sind. 

Auch wenn Angststörungen erst kurze Zeit bestanden haben, haben sie sich bereits als sich selbst erhaltendes System verselbständigt. Das liegt daran, dass Betroffene der gefürchteten Situation ausweichen, soweit irgend möglich. Haben sie es geschafft, mit irgendeinem Trick die gefürchtete Situation zu umgehen, dann werten sie das unbewusst als weiteren Beleg dafür, dass sie diesmal gerade noch davon gekommen sind, es aber katastrophal geendet hätte, wenn sie nicht hätten ausweichen können. 

Durch Vermeidung werden Ängste größer und größer. Betroffene sind ständig mit der „Angst vor der Angst“ unterwegs. Jede gelungene Vermeidung wirkt wieder als Beleg für die Gefährlichkeit der Situation. Meist sind Phobikern ihre Ängste auch peinlich vor anderen, so dass sie oft ganz alleine sind mit ihrem Leid. Hinzu kommt noch, dass sie, um zu vertuschen, dass sie vor einer bestimmten Situation irrationale Angst haben, manchmal ein kompliziertes Lügengeflecht um sich aufbauen. Es muss ein Ersatzgrund gefunden werden, warum man eine Einladung bei bestimmten Freunden nicht annehmen kann – obwohl der dort lebende Hund der eigentliche Grund ist. Oder bei Flugangst muss die Familie davon überzeugt werden, dass das mit dem Auto erreichbare Ziel doch viel attraktiver sei. Betroffene geraten mit diesem Verstecken immer tiefer in die innere Einsamkeit und nehmen sich selbst jede Chance für entlastende Gespräche. 

Wer Ängste vermeidet gibt ihnen Macht

Therapieoptionen

Bei den meisten Ängsten sind Übungsbehandlungen essentiell. Üben heißt Exposition, also Konfrontation mit der gefürchteten Situation, so dass endlich der Kreislauf der sich selbst verstärkenden Vermeidung durchbrochen wird. Dazu stellen wir mit den Betroffenen gemeinsam eine Hierarchie auf. Was macht am meisten Angst? Und was ist gerade noch erträglich? Das Übungsprogramm ist eine Expositionsbehandlung (auch „Konfrontationsbehandlung“) und läuft so ab, dass über zwei bis drei Wochen für jeden Werktag eine Übung festgesetzt wird, und zwar geordnet von leicht nach schwer. Ziel ist, dass ein Betroffener so lange in der angstbesetzten Situation aushält, bis er selbst merkt, dass die Angst und die Anspannung spürbar nachlassen.

Und er stellt regelmäßig fest: es ist eigentlich nichts Schlimmes passiert. Nun reicht es aber nicht, diese Erfahrung einmal zu machen, sondern sie muss „in gesteigerter Dosis“ noch öfter wiederholt werden. Es ist ähnlich wie die Hyposensibilisierungsbehandlung bei einem Allergiker. Die Übungen werden in aller Regel alleine durchgeführt. Das ist deshalb wichtig, weil Angstpatienten schnell – ohne es bewusst zu wollen – mentale Schutzkonstruktionen errichten, dass der andere ihnen ja helfen würde. Eine Übung wäre dann praktisch unwirksam. 

Im Laufe der Zeit ist weitere Besserung zu erwarten, wenn die Betroffenen nicht wieder anfangen, zu vermeiden. Ein Patient konnte bei Abschluss der Therapie viel mit folgendem Bild anfangen: in Bezug auf seine Angst solle er sich verhalten wie ein aggressiver kleiner Ritter im Mittelalter. Wenn in Zukunft irgendwo wieder eine Angst auftauche, solle er unverzüglich und aktiv darauf zugehen und den Kampf suchen. 

Natürlich sind die alten Muster tief eingespurt. Ohne Nachzudenken werden Patienten diesen doch wieder gehorchen. Nur immer wieder in den inneren Abstand zu gehen, das Muster zu erkennen, vor sich selbst zu benennen und die Entscheidung zu treffen, ihm nicht mehr gehorchen zu wollen, bringt Änderung.

Bei Panikstörungen ist die Strategie etwas anders, denn es gibt hier ja auf den ersten Blick gar kein gefürchtetes Objekt. Die Panik scheint oft „aus heiterem Himmel“ zu kommen. Am hilfreichsten für Betroffene ist hier, wenn ihnen gleich zu Beginn der Therapie der „Angstkreis“ (wie im nächsten Absatz beschrieben) erklärt wird. In der Regel geht es in einer Panikattacke um das Gefühl, einen Herz-Kreislaufzusammenbruch zu erleiden, keine Luft mehr zu bekommen und hilflos sterben zu müssen. In dieses Gefühl steigern sich Betroffene blitzschnell und maximal hinein. Eine Panikattacke ist vom Gefühl her ähnlich schlimm wie ein echter Herzinfarkt. 

In der Therapie werden Ängste durchbuchstabiert

„Angstkreis“

Und hier lässt sich jetzt bei genauem Hinsehen ausmachen, dass es in der Regel eben doch einen Anlass gab. Es ist meist eine minimale, eigentlich völlig unwichtige, körperliche Veränderung. Vielleicht ist der Betreffende schnell eine Treppe hinaufgelaufen und stellt oben angekommen plötzlich (zunächst ganz nebenbei) fest, dass sein Herz spürbar schlägt. Indem er das spürt, durchzuckt ihn die Angst: ist vielleicht mit meinem Herz etwas nicht in Ordnung? Ich spüre es doch sonst nicht? Der „Angstkreis“ kommt in Bewegung. Die für einen Augenblick noch moderate Angst bewirkt aber schon einen Adrenalinausstoß, der die Atmung (etwas) beschleunigt und auch den Herzschlag. Der Betroffene interpretiert das katastrophal: jetzt geht es los. Ich bekomme einen Herzinfarkt! Diese Interpretation führt jetzt zu einer richtig heftigen Adrenalinausschüttung und binnen weniger Sekunden hat sich der Betroffene in eine echte Panikattacke hineingesteigert. 

In der Regel stellen wir in stationären Therapien fest, dass es bei den meisten Angststörungen trotz aller Verselbständigung der Symptome einen durchaus noch fassbaren psychodynamischen Hintergrund gibt. Das heißt, dass ein Mensch in der frühen Kindheit strenge Verbote und Gebote in sich aufgenommen hat, die zu Konflikten mit natürlichen und wichtigen Lebensregungen und Wünschen führen müssen. Angst ist hier dann nicht die Warnemotion für äußere Gefahren, sondern tritt dann auf, wenn es innerlich „gefährlich“ wird, wenn jemand zum Beispiel in die Versuchung gerät, ein elterliches Verbot zu übertreten. Dieser Vorgang ist unbewusst, der Betroffene bemerkt nur seine Angst.

In einer Therapie wäre dann die wichtigste Aufgabe, einem Betroffenen zu ermöglichen, sich auf einer bewussten Ebene mit seinen Wünschen, aber gleichzeitig auch mitfrüh in sich aufgenommenen Verboten auseinanderzusetzen. Solange das unbewusst geschieht, ist ein Mensch wehrlos den damit verbundenen Gefühlen wie in diesem Fall der Angst ausgeliefert. Wenn die Auseinandersetzung auf die bewusste Ebene gehoben wird, dann ist es möglich, Ärger über all die Einengungen der Kindheit zu empfinden. Nur wenn ein Mensch versteht, dass es damals nicht gut war, oft auch ein Unrecht war, das dem damaligen Kind angetan wurde, gewinnt er die Kraft, sich aus alten Einschränkungen zu befreien, die sein Leben immer noch einengen.

Bei manchen Angststörungen, insbesondere der Generalisierten Angststörung, wo die Themen der Angst immer wieder wechseln, liegt auch eine unsichere, brüchige Ich-Struktur der Störung zugrunde. Hier geht es nicht um fassbare innere Konflikte, an denen man arbeiten könnte, sondern darum, dass eine immer wieder auftretende unbestimmte Angst, letztlich Angst vor dem Selbstverlust, konkreten Themen zugeordnet wird („ich habe Angst, dass mein Sohn sich auf dem Spielplatz verletzen könnte“). Damit wird es für Betroffene etwas erträglicher, auch wenn sie ihre Familie ziemlich belasten können. In der Therapie ist eine Übungsbehandlung keine Option. Für eine geminderte Angst gäbe es gleich zwei neue. Stattdessen geht es darum, innere Sicherheit zu vermitteln, das Ich zu stärken. Ein Therapeut wird hier über lange Strecken der Therapieals Halt und Schutz gebende zuverlässige Elternfigur gebraucht. Aus dieser Ersatzbindung heraus können dann kleine Autonomieschritte gewagt werden. 

Ein Statement zum Schluss

Angst ist keine Krankheit, sondern ein wichtiges Warngefühl. Sie kann aber zur Krankheit werden, was nicht selten passiert. Wenn das geschehen ist, muss sich aber niemand alleine über Jahre mit Ängsten herumquälen. Gerade in Bezug auf Angsterkrankungen gibt es heutzutage bewährte und gut ausgearbeitete Therapiekonzepte. So ist jedem Betroffenen nur zu raten, endlich therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen! 

Die eigene Persönlichkeit spielt eine wichtige Rolle
Dr. med. Martin Grabe, Chefarzt der Abteilung Psychotherapie der Klinik Hohe Mark bei Frankfurt, Autor zahlreicher Bücher


Keine Angst?

Autor: Steffen Kern, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 2-3 Min.

Liebe Apis, liebe Freunde,

es ist erstaunlich und äußerst auffällig: Eine der häufigsten Formulierungen Gottes in der Bibel lautet: „Fürchte dich nicht!“ – Wenn ein Engel oder Gott selbst auftritt, wenn das ganze Volk Israel oder ein einzelner Mensch angesprochen wird: immer wieder dieses „Fürchte dich nicht!“ – Offensichtlich haben wir es nötig, genau diesen Satz zu hören. Denn Furcht und Angst sind Wegbegleiter unseres Lebens, die wir nicht so leicht loswerden. 

Angst vor dem Krieg, dem Terror, dem Schrecken. Angst vor der Krankheit, dem Sterben, dem Tod. Angst davor, sich zu öffnen, etwas zu wagen, enttäuscht zu werden. Angst vor der Klassenarbeit, vor der Prüfung. Angst davor, nicht zu bestehen. Angst, nicht anzukommen, ausgelacht zu werden. Angst, Ansehen zu verlieren. Angst, Geld und Gut zu verlieren. Angst, liebe Menschen zu verlieren. Angst, das Leben zu verlieren, vielleicht sogar das ewige Leben. Angst vor dem Teufel, Angst vor Gott. – Ängste gibt es unendlich viele. Nachvollziehbare und absurde, hilfreiche Warnungen und lähmende Furcht, gesunde Risikoeinschätzungund krankhafte Störung. Angst lässt sich nicht über einen Kamm scheren. Die Angst ist so verschieden wie die Menschen und das Leben. 

Angst treibt in die Enge

Angst ist zugleich die Schwester der Manipulation. Mit Angst lässt sich Geld verdienen. Mit Angst kann man ein Machtsystem aufbauen. Das gilt für Diktaturen und Staatsregime, aber auch für Familien und sogar Gemeinden: Wo die Angst regiert, zieht die Freiheit aus. Menschen werden geknechtet und abhängig gemacht. Angst kriegt klein. 

Eines verbindet alle Ängste: Angst ist immer Angst vor dem Verlieren. Gerade darum ist sie keine Haltung des Glaubens. Denn Menschen, die an Jesus Christus glauben, sind gewiss, dass ihnen von ihm alles geschenkt wird und sie in ihm alles haben. Ja, die Angst kommt. Aber wir halten sie nicht fest. Wir halten uns an Jesus und seine Versprechen. Wir verharmlosen die Gefahren und Nöte nicht, aber wir vertrauen auf einen, der größer ist. So gehen wir durch diese Welt, in der es oft keine einfachen Lösungen gibt. Immer wieder taucht die Angst auf, dass wir etwas Wesentliches verlieren. Dann aber erinnern wir uns daran, dass uns Jesus alles schenkt und wir in ihm alles haben. Er ist der Herr der Geschichte. Diese Zuversicht ist größer als jede noch so begründete Angst, denn sie gründet in Jesus Christus selbst. 

Seien Sie herzlich gegrüßt
Ihr Steffen Kern

Steffen Kern ist Journalist und Pfarrer. Er ist 1. Vorsitzender der Apis.


Januar 2018: Und sie bewegt sich doch!

Mo, 01. Januar 2018: "Und sie bewegt sich doch!" (Steffen Kern)
Mo, 8. Januar 2018: Neue Gemeinden braucht das Land (Alexander Garth)
Mo, 15. Januar 2018: Fresh X und die Gemeinschaftsbewegung (Reinhold Krebs)
Mo, 22. Januar 2018: Veränderung ja - aber nicht bei mir? (Johannes Kuhn)
Do, 25. Januar 2018: Neue Aufbrüche in Württemberg (Dr. Martin Brändl)
Mo, 29. Januar 2018: Das Wohnzimmer als Begegnungsbühne (Janne und Joachim Haußmann)

Das Wohnzimmer als Begegnungsbühne

Autoren: Janne und Joachim Haußmann
Lesedauer: ca. 2-3 Minuten

„Ein Wohnzimmerkonzert – sowas macht ihr? Wie groß ist denn euer Wohnzimmer?“ Diese Frage hören wir in letzter Zeit immer wieder, wenn wir davon erzählen, was bei uns zu Hause immer mal wieder los ist. Dabei hat Hausmusik eine lange Tradition. Musiziert wurde in der guten Stube, im mondänen Salon oder auch im Freien, in privaten Parks und Gärten. So groß muss da das Wohnzimmer gar nicht sein. 

Dazu Wikipedia: „In Wien war die Blütezeit der Hausmusik zu Beginn des 18. Jahrhunderts. […] Haydn, Mozart und auch noch Beethoven wirkten unter ihren adligen Gönnern. Die charakteristische Blüte dieser engeren Verbindung der Künstler mit dem Adel ist vor allem die Kammermusik. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts weitete sich diese Liebhaberei dann auch unter der bürgerlichen Schicht aus und erlebte ihren Höhepunkt im Biedermeier. Ein Kennzeichen dieser Hausmusik ist ihre leichte Spielbarkeit sowie eine kleine Besetzung. […] Mit der Erfindung des Pianolas, der Schallplatte und folgenden Tonträgern ging nach und nach die Praxis der Hausmusik zurück.“ 

Eine vergessene Kostbarkeit

Vor einigen Jahren begegnete uns diese in Vergessenheit geratene Kostbarkeit, und wir sahen für uns viele Vorteile: Als Gastgeber erlebt man die Musik, die man mag, in der guten Stube. Die Künstler haben die Chance, in direktem Kontakt mit den Zuhörern zu sein. Es gibt der Musik wieder einen Wert, der durch die Schnelllebigkeit im Internet und in den Medien verloren zu gehen droht. Und es bietet eine Möglichkeit zur Begegnung von ganz verschiedenen Menschen in gemütlichem Umfeld. Menschen erleben Musik durch die Nähe wieder neu. Wenn diese Musik dann auch noch Inhalt hat und die Künstler eine Botschaft weitergeben wollen – im besten Fall das Evangelium – dann ist es zudem noch die missionarische Chance schlechthin. Da kommt dann auch mal die Nachbarin vorbei, „um zu sehen, was Sie hier so machen“ und freut sich an Liedern und spontanen Kontakten. Da kommen Freunde, „die halt Musik mögen“ und bringen wieder andere mit. Wir sind erstaunt, beschenkt und gespannt, was Gott durch diese Aktionen schenkt. Wir laden bewusst nicht nur in gemeindlichem Umfeld ein. Es sind oft Bekannte, Eltern aus Schule und Kindergarten, Nachbarn und die Freunde von Nachbarn oder Verwandten, die dann in unser Wohnzimmer kommen. Wir hatten auch schon Autorenlesungen und eine Filmvorführung mit einem Filmproduzenten. Die Möglichkeiten sind da! Wer nähere Infos möchte, darf uns gerne eine Mail schreiben.

Kontakt: wozi@haussmannskost.de 

Janne Haußmann ist von Beruf Lehrerin, ihr Mann Joachim ist verantwortlich für die grafische Gestaltung der Printprodukte bei den Apis. Mit ihren 3 Kindern leben sie in Stuttgart.

Autor: Pfarrer Dr. Martin Brändl
Lesedauer: ca. 10-12 Min.

Neue Aufbrüche in Württemberg

Unsere Gesellschaft verändert sich immer schneller. Wie gehen wir damit um? Gehen wir auf Tauchstation? Rollläden runter und hoffen, dass es bald vorbei geht? Doch wir wissen: Die Veränderung unserer Gesellschaft wird eher zunehmen. Deshalb ist „Kopf in den Sand“ keine gute Strategie. Sondern umgekehrt: Kopf hoch und schauen, was los ist. Es gilt die Veränderungsprozesse in unserer Gesellschaft wahrzunehmen, mitzugestalten und so zu beeinflussen. Veränderungen können auch zu Neuem inspirieren. Schließlich war und ist auch die Reformation eine Erneuerungsbewegung, die unsere Welt verändert hat und immer noch verändert.

Die gesellschaftlichen Veränderungen bringen nicht nur Schwierigkeiten mit sich. Sie bieten auch Chancen, die Relevanz des Evangeliums in geänderten Zeiten neu zu entdecken, miteinander zu teilen und so Menschen neu dafür zu gewinnen. Dabei geht es nicht um durchschlagende Modelle, erfolgversprechende Methoden, komplexe Strukturen oder finanzielle Unterstützung. Für die Erneuerung der Kirche und der Gemeinschaften gibt es keine Rezepte. Sie verdankt sich einer geistlichen Inspiration, einer Sehnsucht danach, dass ich dem lebendigen Gott begegne und er mein Leben berührt. Diese Sehnsucht beginnt nicht mit mir, sondern entspringt aus der Sehnsucht Gottes nach uns. Wo diese Sehnsucht Gottes nach seinen Geschöpfen zu unserer Sehnsucht wird, brechen wir auf und lassen uns von Gottes Geist mitnehmen, um das Evangelium mit den Menschen neu zu entdecken. Neu aufbrechen können wir, … 

1. … wo wir die Liebe Gottes für die Welt teilen und mitteilen „Neue Aufbrüche“ beginnen nicht mit uns, unseren Ideen oder unserem Engagement. „Neue Aufbrüche“ beginnen bei, in und mit dem lebendigen Gott. Er ist ein Gott des Aufbruchs. Schon mit der Schöpfung ist er aus sich heraus aufgebrochen und hat sich ein Gegenüber geschaffen, mit dem er kommuniziert und das er liebt. Und dann immer wieder neue Aufbrüche: mit Abraham, mit seinem Volk, in Jesus und seiner Gemeinde. Der Gott der Bibel ist durch und durch ein missionarischer Gott. So verstehen die Engländer Mission: Sehen, wo Gott am Werk ist, und dann dabei mitmachen. Also: Alles beginnt mit Gott selbst und wir dürfen mitmachen. Wie entlastend ist eine solche Mission! Deshalb sind Mission und Evangelisation der „Herzschlag der Kirche“, wie es der emeritierte Tübinger Theologieprofessor Eberhard Jüngel vor der EKD-Synode in Leipzig 1999 gesagt hat. Grundmotivation zur Mission ist nicht die Stabilisierung der Kirche oder die Mitgliedergewinnung.

Grundmotivtion zur Mission ist die Liebe Gottes, von der es in Johannes 3,16 heißt: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gesandt hat, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.“ Konsequenterweise ist daher auch für Paulus die Liebe die Motivation für seine Mission: „Denn die Liebe Christi drängt uns … Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2Kor 5,14-20) 

Ein Beispiel dafür, wie Christen die leidenschaftliche Liebe Gottes mit anderen teilen und sie so mitteilen, sind die „Stuttgarter CVJM Buaben“. 2003 haben sie aus einer Jugendgruppe des CVJM Möhringen den ersten christlichen Fanclub des VfB Stuttgart gegründet, der inzwischen fast 200 Mitglieder hat. Für sie ist klar, dass sich ihre Leidenschaft für den Sport nicht von ihrer Leidenschaft für den christlichen Glauben trennen lässt. Auf vielen Wegen wird dieses Miteinander von Glaube und Sport gelebt und dadurch die Liebe Gottes entdeckt: Jugendgottesdienste, gemeinsame Wochenenden, Besuch oder Übertragung der VfB-Spiele oder das gemeinsame Bibelteilen. (www.stuttgarter-buaben.de)

Gemeinschaftsbildung und Evangelisation

2. … wo wir den Spuren Jesu zu den Menschen folgen 
Wo uns diese Liebe Gottes in Jesus Christus berührt, können wir neu aufbrechen. So wie Gott selbst in Jesus aufgebrochen ist, um uns die Tiefe und den Ernst seiner Liebe zu zeigen. Welche Sehnsucht zeigt sich in dieser Liebe, die so weit geht, die so viel gibt, ja sich selbst hingibt? Können wir die Welt mit diesen Augen Gottes sehen? Nach allem, was wir wissen, sind es nicht die Argumente, die sie überzeugen. Nicht die guten Ratschläge, die sie bewegen. Nicht die perfekten Veranstaltungen, die sie locken. Es ist die Liebe Gottes, die Menschen in unseren Worten und Taten wahrnehmen. Sie bewegt die Herzen. 

Ein schönes Beispiel wie Menschen den Spuren Jesu zu den Menschen folgen, ist „BROT ZEIT – Social Baking“ in Maichingen. Bei Besuchen im Neubaugebiet ist die Idee entstanden, zum gemeinsamen Backen ins Maichinger Backhaus einzuladen. Jetzt treffen sich alle, die Lust am Backen haben und dabei entdecken: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!“ Oder: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist!“ Dies können auch die Besucher im „Café am roten Meer“ der Süddeutschen Gemeinschaft Knittlingen erfahren. Dort hat Anette Plapp mit ihrem Team Ende 2015 in schönem Ambiente einen Begegnungsraum geschaffen, in dem Zeit für Gespräche und angenehme Stunden ist. Kulturelle Veranstaltungen (Wohnzimmerkonzerte) gehören ebenso dazu wie das soziale Engagement (Flüchtlingscafé) und geistliche Angebote (Alphakurs, Café Brunch). 

3. … wo wir uns auf die Menschen einlassen so wie sie sind, da wo sie sind und mit welcher Kultur sie verbunden sind 
In Jesus hat der lebendige Gott eine menschliche Gestalt und eine bestimmte kulturelle Identität angenommen. Seine Liebe ging so weit, dass er sich in die Welt herabließ und zu einer geschichtlichen Stunde, an einem konkreten Ort, in einem bestimmten Volk, Sprache und Kultur zur Welt kam. Jesus kam mitten ins Leben, in eine kleine Familie, gleich am Anfang auf die Flucht, in Schule und Tempel, Synagoge und Marktplatz, zu Priestern und Zöllnern, Huren und Gutmenschen, Kranken und vermeintlich Gesunden, Sterbenden und Toten, ja selbst bis ins Gefängnis, ins Leid und den eigenen Tod. So erzählt Philipper 2 die Geschichte Jesu: „… er entäußerte sich selbst …“

In Jesus hat sich Gott zu uns auf den Weg gemacht. Deshalb können auch wir uns zu den Menschen auf den Weg machen so wie sie sind, da wo sie sind und mit welcher Kultur sie verbunden sind. Also nicht wie wir sie gern hätten und wenn sie sich als anders erweisen einen Bogen um sie machen. Also nicht wo wir sie gern hätten und wenn sie nicht in unsere schönen Kirchen und Gemeindehäusern kommen, dass wir dann einfach unter uns bleiben. Und schließlich nicht nur zu denen Kontakt aufnehmen, die unsere kulturelle Prägung teilen und wenn dies nicht der Fall ist, unsere ausgeprägte und schöne Kultur unter Ausschluss der anderen zu feiern. Tun wir das? Brechen wir aus unseren kuschligen Gruppen und Kreisen auf hin zu den Menschen, die wir noch nicht kennen? Brechen wir wirklich auf in ein Neuland und sind Kirche für andere, bei ihnen und mit ihnen? 

2016 wurde die Gemeinde am Glemseck als eine „Personale Gemeinde“ der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und Teil der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Leonberg gegründet. Sie ist durch Menschen entstanden, die in der Arbeit des Seehaus e.V. eine geistliche Heimat gefunden haben. In ihren Gottesdiensten, Gruppen und weiteren Angeboten haben sie sich ganz auf Menschen eingelassen, die anderswo nur schwer einen Zugang finden. Anfangs waren es die straffälligen Jugendlichen aus der Seehausarbeit, dann die Motorradfahrer, Flüchtlinge und viele andere, die hier eine Gemeinde in ihrem Format gefunden haben. Ein inspirierendes Beispiel, was passiert, wenn Christen sich auf Menschen einlassen so wie sie sind ( www.gemeinde-am-glemseck.de).

4. … wo wir nicht nur das Evangelium, sondern auch das Leben mit den Menschen teilen
Wo die Kirche von Gottes Liebe bewegt wird, bewegt sie sich auf Menschen zu, nimmt Teil an ihrem Leben und teilt mit ihnen so das Evangelium. Paulus erinnert die Gemeinde in Thessalonich daran, dass er bereit war, ihnen „nicht allein am Evangelium Gottes teilzugeben, sondern auch an unserm Leben; denn wir hatten euch liebgewonnen“ (1Thess 2,8). 

Leben, Gaben, Zeit, Freude und das Evangelium mit anderen zu teilen, das ist die Inspiration, von der die Menschen im laifHof, einem ehemaligen Bauernhof in Wankheim bei Tübingen, leben. Dazu haben Annette und Sigmund Braun das landwirtschaftliche Anwesen der Familie mit Hilfe anderer umgebaut. Sie laden Menschen ein, ihre Gaben zu entdecken, den Glauben an Jesus Christus kennenzulernen und sich gegenseitig zu unterstützen. Hier finden Menschen Kontakt, die nur schwer Zugang zu den traditionellen Formaten kirchlichen Lebens bekommen. Im laifHof greifen andere Lebensmuster. Es sind die nachbarschaftlichen Kontakte, die landwirtschaftliche Herkunft, Gospel, Popularmusik und Geselligkeit. Man packt an, feiert, isst miteinander und hilft einander. Es sind die primären Lebensvollzüge, die es Menschen leicht machen, hier Kontakt aufzunehmen und heimisch zu werden ( www.laifHof.de).

5. … wo wir das Miteinander von Ortsgemeinde und neuen Gemeindeformen nicht alternativ, sondern komplementär denken
Die traditionelle Ortsgemeinde ist ein großer Schatz unserer Landeskirche und bietet immer noch vielen Menschen einen Raum des Lebens und Glaubens. Aber immer mehr unserer Zeitgenossen entdecken diesen Schatz nicht mehr. Die Reichweite der parochialen Ortsgemeinde nimmt ab. Sie braucht Ergänzung. Gerade, wenn wir eine „Volkskirche“ sein wollen, die zu „allen Völkern“ gesandt ist, brauchen wir vielfältige Gestalten von Kirche, neue Initiativen, geistliche Gemeinschaften, Bewegungen und zunehmend auch Netzwerke. 

Deshalb ist es gut, wenn es innerhalb der Landeskirche zunehmend andere Gemeindeformen gibt. Die Personale Gemeinde am Glemseck, die oben vorgestellt wurde, ist eine davon. Jugendgemeinden wie etwa CHOY (www.churchofyouth.de) oder der Jesustreff Stuttgart (www.jesustreff.de) sind andere Beispiele. Auch Gemeinschaftsgemeinden wie der Schönblick bei Schwäbisch Gmünd zählen dazu (www.schoenblick.de).

Oftmals spielt die Musik eine große Rolle oder lässt Neues entstehen. Wie bei „Gospel im Osten (GiO)“. Mit dem Motto „Singen ist Glücksache“ sind der Chorleiter Tom Dillenhöfer und der Pfarrer der Stuttgarter Heilandsgemeinde Albrecht Hoch inzwischen mit über 400 Sängerinnen und Sängern unterwegs. Anfangs in der Heilandskirche, seit 2013 in der Friedenskirche und seit 2015 als Chor der Gesamtkirchengemeinde. Dabei ist GiO nicht nur ein Chor, sondern auch eine besondere Form der Gemeinschaft, die in und um die Heilandsgemeinde vieles miteinander erlebt und feiert: Abend-Gospel, Morgen-Gospel, GospelLounge, GospelHaus, GospelTalk, GiOlino, GospelHike, Gospelgestöber … Was sich dahinter verbirgt, entdeckt man am besten über die Homepage: www.gospelimosten.de.

6. … wo wir Freude am Experimentieren haben, das Risiko des Scheiterns nicht scheuen, von der Fehlerfreundlichkeit des Evangeliums leben und auf die Barmherzigkeit Gottes vertrauen
Eine Kirche, die neu aufbricht, steht nicht unter einem Zwang zur Perfektion. Christen können mit Fragmentarischem, Unfertigem, Scheitern und Schuld umgehen. Wir leben nicht von unserer Perfektion und von dem, was bei uns gelingt, sondern von der Barmherzigkeit Gottes. Deshalb steht uns Fehlerfreundlichkeit gut an. Wir haben die Freiheit, Neues auszuprobieren und in der Umsetzung von Ideen zu experimentieren. 

Der Bus 300 ist solch ein kreatives Projekt, mit dem die Kirchengemeinde Dettingen am Albuch einen mobilen Begegnungsraum geschaffen hat, um das Evangelium für Menschen jenseits kirchlicher Handlungsfelder zu erschließen. Anfangs hat er durch seine Außenbeklebung für die Zeltkirche 2017 in Gerstetten geworben. Nachdem er dort großen Anklang gefunden hat und vielfach angefragt wurde, kommt er inzwischen als „mobiles Gemeindehaus“ in der Lebenswelt der Menschen rund um Dettingen zum Einsatz.

Neue Aufbrüche führen nicht selten zu neuen Entdeckungen und zu überraschenden Veränderungen, die plötzlich Menschen ansprechen, mit denen wir nicht gerechnet hatten. Es konnten hier nur eine Handvoll solcher Initiativen vorgestellt werden. Doch immer mehr machen sich begeisterte und engagierte Christen auf den Weg, um dem Evangelium eine neue Gestalt und ein neues Gesicht zu geben. Ein Gesicht, in dem Menschen, die es vielleicht nie für möglich gehalten hätten, die Liebe Gottes entdecken. 

Pfr. Dr. Martin Brändl war von 2012-2017 Pfarrer der Projektpfarrstelle "Neue Aufbrüche"


Autor: Johannes Kuhn, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 6-8 Min.

Veränderung ja - aber nicht bei mir?

Der Glaube an Jesus ist schon immer eine Spannung aus Kontinuität und Wandel. Wir erleben Gott in der Bibel und im eigenen Leben als den Treuen, den Verlässlichen und Beständigen. Davon leben wir. Gleichzeitig begegnet uns Gott immer wieder auch als Erneuerer. In genau derselben Spannung stehen wir in der Gemeinschaftsarbeit: Wir sehnen uns nach Kontinuität und ahnen mindestens, dass es Erneuerung braucht, um Menschen zu erreichen, da sie – trotz möglichem religiösem Interesse – nicht automatisch bei uns landen. Diese Spannung tritt häufig dann zu Tage, wenn es in Gemeinden und Gemeinschaften um Veränderungen geht. Wenn konkrete Ideen diskutiert und entschieden werden. Dann treffen sie aufeinander, die verschiedenen Persönlichkeiten. Denn: Jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf Veränderung. 

Verschiedene Typen

Die Reformer
Sie wollen ihre Gemeinde verändern. Sie sind offen für neue Formen und bringen diese proaktiv ein. Sie sind bereit, alte Wege zu verlassen, um neue Wege zu gehen.

Die Skeptiker
Sie sehen Dinge zunächst kritisch. Sie hinterfragen neue Vorschläge und sind für Reformer mitunter recht anstrengend. Sie wollen überzeugt werden.

Die Bremser
Sie spielen gerne auf Zeit. Es eilt nicht so sehr und es sind schon viele Wellenbewegungen durchs Land gegangen. Sie diskutieren denselben Sachverhalt auch gerne ein zweites oder drittes Mal.

Die Begeisterten
Sie sind positive Verstärker von Ideen. Wenn sie von etwas überzeugt sind, setzen sie sich stark dafür ein. Sie sehen mehr Möglichkeiten als Grenzen und preschen sehr gerne voran.

Wenn es in der Gemeindearbeit um Veränderung geht, treffen verschiedene Typen aufeinander.
Karikatur: Eckart Breitschuh

Typische Aussagen, die in Veränderungsprozessen auftauche

  • „Das geht nicht!“
  • „Das müssen wir erst theologisch klären!“
  • „Brauchen wir sowas?“
  • „Das haben wir noch nie gemacht!“
  • „Das haben wir schon tausendmal probiert!“
  • „Das kostet doch zu viel Geld!“
  • „Nicht so schnell!“
  • „Wer soll das machen?“

Impulsfragen:

  • Was für ein Veränderungstyp bin ich?
  • Wie erlebe ich mich und andere in Veränderungssituationen?
  • Was sind Stärken und Schwächen der verschiedenenTypen?
  • Wie können unterschiedliche Typen zur Geltung und zu einer Einigung kommen?
  • Welche Situationen aus meiner Gemeinde / Gemeinschaft fallen mir dazu ein?
Johannes Kuhn arbeitet als Referent bei den Apis und ist dort u.a. für die Medienarbeit zuständig


Autor: Reinhold Krebs, Herrenberg
Lesedauer: ca. 10-12 Min.

Fresh X und die Gemeinschaftsbewegung

Erfurt im Januar 2013: über 3.000 Engagierte aus der Gemeinschaftsbewegung sitzen in Tischgruppen in der Messehalle. Auch zwei Vertreter der englischen Fresh X-Bewegung sind eingeladen zum Thema „Neues wagen“. Bischof Graham Cray schildert, wie 2004 seine anglikanische Kirche den Aufbruch wagte. Sie beschloss damals „mission shaped church“ zu werden, also sich von ihrer Sendung und Mission her neu formen zu lassen. Nach dem Bischof kommen Bob und Mary Hopkins auf die Bühne. Die erfahrenen Fresh X-Pioniere kennen die deutsche Lage durch viele Besuche. Sie rufen der Gemeinschaftsbewegung zu: „Remember your founding dream! Erinnert euch an eure Ursprungsberufung, an die Anfangsvision.“ Und dann machen sie Pause. Und sagen noch einmal in die Stille hinein: „Remember your founding dream!“

Denke ich über Fresh X und Gemeinschaftsbewegung nach, fällt mir diese Szene ein, weil sie vielleicht ein heiliger Moment war. „Erinnert euch nochmals daran, wie alles begann! Welche Berufung hat eure Bewegung?“ Braucht es solche aufrüttelnden Fragen? Vielleicht kennen Sie die Geschichte von der Seenot-Rettungsstation, die zum Clubhaus wird. An einer windumtosten, klippenreichen Landzunge stranden immer wieder Schiffe. Die Bewohner lassen sich herausfordern. Sie starten mit ihren Fischerbooten eine Rettungsinitiative. Immer wieder holen sie Schiffbrüchige aus dem Meer. Im Lauf der Jahre wird alles besser und professioneller, so scheint es. Hauptamtliche werden eingestellt, eine Organisation gegründet, die kleine Hütte am Strand wird zum festen Clubhaus. Das Club-Leben nimmt immer mehr Raum ein. Immer weniger fahren wirklich raus, dafür hat man jetzt Profis. Die Schreie der Hilfesuchenden hat man nicht mehr im Ohr, eher die Gesänge. Es gibt jetzt einen Chor in der Rettungsstation und im Clubhaus ist es gemütlich geworden. Man hat ja einander. Fremde stören da eher. 

Beim Kongress "Neues wagen" 2013 wurde Fresh X vorgestellt

Gemeinschaftsbildung und Evangelisation

„Remember your founding dream.“ Für die Gemeinschaftsbewegung ist das die Erinnerung an die eigenen Kern-Worte „Gemeinschaftsbildung“ und „Evangelisation“. Im Kern will auch Fresh X nichts Anderes. Eine lokale Fresh X ist laut Definition „eine neue Form von Gemeinde für unsere sich verändernde Kultur, die primär für Menschen gegründet wird, die noch keinen Bezug zu Kirche und Gemeinde haben“.

Wie können „Evangelisation“ und „Gemeinschaftsbildung“ wieder zum Herzschlag werden und nicht nur Schlagworte sein? Dass wir frohe Botschaft weitergeben können, dass wir Menschen in die Nachfolge Jesu einladen und auf der ersten Wegstrecke begleiten dürfen, dass wir Lebensveränderung sehen, das ist ein großes Vorrecht. Und das meint ja „Evangelisation“. Und „Gemeinschaftsbildung“ ist nicht „Klüngeln unter Gleichgesinnten“, sondern gelebte Gastfreundschaft. Gemeinde macht sichtbar, dass Gottes Reich heute schon anfängt. 

Zum Herzschlag werden Gemeinschaftsbildung und Evangelisation, wenn wir in beidem wieder neu Gottes Herz erkennen.

Gott ist Evangelisation. Der lebendige Gott der Bibel ist gelebte Geh-Struktur, von Anfang an. Jesus ist das Wort, die Ansprache, die Kommunikation, und er war von Anfang an bei Gott (Joh 1). Dass Gott selber Mission und Hingehen ist, das feiern wir an Weihnachten. Jesus ist die fleischgewordene Menschenfreundlichkeit Gottes (Titus 3,4). Gott so zu sehen und die „missio dei“, das Hingehen Gottes als roten Faden der Bibel zu entdecken, heißt sie ganz neu zu lesen.

Und Gott als der Dreieinige definiert auch, was „Gemeinschaftsbildung“ meint. Von den anglikanischen Geschwistern können wir hier lernen, wie wir Gott als den Dreifaltigen und Dreieinigen anbeten können. Wie wunderbar, dass wir an einen Gott glauben, der nicht einsam ist, der in sich Gemeinschaft hat. Wie grandios: die Welt wird nicht von einer Einer-Spitze regiert, sondern von einem wahrhaft göttlichen Team.

Jede christliche Gemeinschaft, die eins wird in ihrer Sendung, verkörpert was von diesem dreieinigen, hingehenden Gott. So verstanden ist eine Fresh X nichts anderes als eine neue Verkörperung von Evangelisation und Gemeinschaftsbildung – und eine Verkörperung des Wesens Gottes.

Wie sieht eine Fresh X aus?

Sehr unterschiedlich sind diese neuen Gemeinschaften. Ob im Projekt „Leuchtturm“ der Gemeinschaft in Güstrow mitten im Plattenbau Kinder und Erwachsene, die nie etwas vom Evangelium gehört haben, eingeladen werden, ob im HoffnungsHaus in Stuttgart gestrandete Frauen der Liebe Gottes begegnen, ob hier in Herrenberg Muslimen geholfen wird bei Arbeits- und Wohnungssuche und sie, zu ihrer Überraschung, bei den Christen Liebe erleben, auch im Internationalen Gottesdienst oder den Bibel-Entdecker-Gruppen, ob bei „Church goes Pub“ in Rotenburg Christen im örtlichem Pub ihre Lebensgeschichten erzählen, immer sind Christen neu aufgebrochen, um das Evangelium zu leben und zur Nachfolge einzuladen. 

Fresh X ist nicht wirklich neu, aber doch sehr herausfordernd. Denn wer „frische Formen von Kirche“ will, muss Gemeinde auch anders denken können, jenseits von Staatskirche, Sonntag und Kanzel. Die ersten Christen kamen in großen Häusern zusammen, bis zu 40 Personen im Speiseraum und im Innenhof. Gemeinsam Abend zu essen war ihr Besonderes: das Abendmahl, die Tischgemeinschaft, das Brotbrechen, das Mahl des Herrn. „Das tut zu meiner Vergegenwärtigung ...“ Es gab keine Fenster und Türen, alles war öffentlich, die Nachbarn hörten mit. Nach 1Kor 14,26 trugen alle zum Programm bei und auch Neue sollten es verstehen (14,23). Hier müssten wir wieder anknüpfen, damit wir nicht nur in missionarischen Events denken, sondern wirklich Gemeinschaft leben, gerade mit Menschen, die noch auf dem Weg zu Gott sind. 

Und es geht dann nicht um eine Gemeinde für mich, sondern eben für die „noch nicht glaubenden Freunde“. Eine Fresh X beginnt kaum mit einer Predigt-Versammlung, sondern mit einer gemeinsamen Reise. „Wenn ich hier bin im Gemeinschaftshaus, kann ich aufatmen“, sagte vor kurzem eine traumatisierte Geflüchtete. Sie spürte, dass dort eine andere Atmosphäre war. In der Fresh X-Praxis haben sich fünf Schritte gezeigt, wie eine neue Gemeinschaft entsteht: Hören auf Gott, den Menschen dienen, Gemeinschaft aufbauen, zur Nachfolge einladen. Und dann, als letzter Schritt, eine neue Form von Gemeinde. Und noch etwas müssen wir neu lernen: andere zu „Jüngern zu machen“. Nicht nur predigen ist unsere Aufgabe, sondern sie „zu halten lehren“. Das meint Einübungsprozesse. Wir gehen mit Menschen erste Schritte auf dem Weg der Nachfolge. Wenn in unserem Wohnzimmer 6-7 neu getaufte iranische Christen mit uns und einem anderen Ehepaar die Bibel lesen, ist das spannend. Umkehr, zum Beispiel, gibt es im Islam eigentlich nicht. 

Welche Chance, welche Freude umkehren zu können. Oft bringt gerade das, was die iranischen Freunde sagen und fragen, das Evangelium neu zum Leuchten.

Fresh X in Deutschland

„Wir stolpern vorwärts im Nebel und fallen durch offene Türen ...“, so habe ich oft unser Grundgefühl bei Fresh X beschrieben. Neben der Erfurter Konferenz war „Gemeinde 2.0“ in Filderstadt 2011 ein wichtiger Auslöser, ebenso der ökumenische Kongress „Kirche2“ in Hannover 2013. Englische Freunde haben uns ermutigt: „Setzt euch mal an einen Tisch!“ Dann kamen Gelder einer amerikanischen Familienstiftung dazu und ein junges Vikars-Ehepaar konnte im EJW für Fresh X angestellt werden.

Jetzt, nach fünf Jahren, wurde im Februar 2017 „Fresh X Netzwerk e.V.“ gegründet. Landeskirchen, die Methodisten, das Bistum Hildesheim, CVJM, EJW und EC und weitere christliche Organisationen wurden Vereins-Mitglieder, auch der Gnadauer Verband und die Chrischona-Bewegung, eine recht „wilde“ Allianz.

Das Netzwerk will die Erfahrungen aus England, wo es über 4.000 Fresh X bereits gibt, zugänglich machen – durch Konferenzen, Homepage und Newsletter. Besonders wichtig dabei ist das „Geschichten erzählen“, vor allem durch kurze Video-Portraits. Auf zwei DVDs gibt es über 30 Beispiele, die schon viele inspirierten. Zudem gibt es Trainingsmodule und auch einen großen Fresh X-Kurs, an dem zum Beispiel in Stuttgart das Homezone-Team der Apis teilnahm. Ein kleines dezentrales Fresh X-Team mit Teilzeit-Aufträgen arbeitet in den drei Bereichen Kommunikation, Kompetenz und Koordination von Berlin, Stuttgart, Nürnberg und Kassel aus.

Inzwischen entstanden auch regionale Projekte, die eng mit Fresh X verbunden sind. Rund 10 Millionen steckt die EKM (Ev. Kirche in Mitteldeutschland) in das Projekt „Erprobungsräume“ und wird damit zum Vorreiter. In Hannover gibt es die ökumenische Bewegung Kirche2, im katholischen Bereich die „lokale Kirchenentwicklung“, im CVJM die Projektgruppe „Fresh X und Jugendarbeit“ und in Württemberg einen Runden Tisch „Fresh X“, die Projektstelle „Neue Aufbrüche“ und Mittel auf Kirchenbezirksebene. 

Auch Bücher sind erschienen. „Fresh X. Der Guide“ ist als Reiseführer gestaltet und macht Lust auf Expeditionen in neues Gemeindeland. Und zum „Fresh X-Praxisbuch“ gibt es jetzt neu unter www.freshexpressions.de eine Arbeitshilfe für Lesezirkel vor Ort mit Fragen und Aufstellungsübungen zu allen Kapiteln.

Der Fresh X-Guide lädt zu einer Expedition in neues Gemeindeland ein

Ein Herz für Menschen, die Gott noch nicht kennen

Fresh X kommt fresh und neu daher. Aber im Kern ist es die Botschaft: „Remember your founding dream!“ Es braucht auch heute nicht viel, um Menschen zum Glauben einzuladen. Nur Liebe, nur Glaube, nur Hoffnung. Menschen sind aber keine Projekte und Events. Sie brauchen Weggemeinschaft und Beziehungen. Sind wir bereit, mit Menschen einen Weg zu gehen?

Gott selber ist der Herr der Mission. Glauben wir, dass Gott schon eine Geschichte mit den Menschen hat und wir diese weiterschreiben dürfen? Er nimmt uns mit hinein in das, was er tut. Das ist entlastend, das ist spannend und überraschend. Wir dürfen für Menschen beten und sie „nach Hause lieben“. Der Heilige Geist leitet uns dabei, das hält uns abhängig. Es gibt nichts Größeres und Schöneres.

DVD-Tipp

Die Fresh X-DVD zeigt viele Beispiele, wie kirchenferne Menschen für das Christsein begeistert werden können.
Reinhold Krebs ist Landesreferent im Evang. Jugendwerk Württemberg und koordinierte bis Sommer 2017 das deutsche Fresh X-Netzwerk


Autor: Alexander Garth, Berlin
Lesedauer: ca. 12-15 Min.

Warum wir neue Gemeindeformen brauchen

Wer es auf dem Herzen hat, dass das Evangelium unter die Leute kommt, der muss verstehen, dass Menschen heute kulturell und sozial ganz unterschiedlich ticken. Wir leben in einer Gesellschaft, die zunehmend aufgesplittert ist in ganz unterschiedliche Szenen und Milieus mit ihren verschiedensten Kommunikationsformen, kulturellen Prägungen, Werten, Sozialformen, Riten und Verhaltensmustern. Während es in der Vergangenheit bei der Verkündigung der frohen Botschaft vor allem um die Frage ging,was wir den Menschen zu sagen haben, rückt heute wegen der totalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft eine andere Frage ins Zentrum:

  • Wer sind die Menschen, an die sich die Einladung zur Christusnachfolge richtet?
  • Wie sind sie auf die christliche Botschaft ansprechbar?
  • Wie wirken sich Faktoren wie Bildung, Einkommen, sozialer Status, Grad der Modernisierung aus?
  • Welchen Lebensstil bevorzugen sie?
  • Wie kommunizieren sie?

Viele Gemeinden wollen gern missionarisch aufbrechen. Gleichzeitig spüren sie, dass sie eigentlich nur attraktiv sind für christlich vorgewärmte Menschen aus der bürgerlichen Mittelschicht. Zu weiten Teilen der Gesellschaft finden sie kulturell nur schwer Zugang. Zu unterschiedlich sind die Kommunikationsformen, die kulturellen Gewohnheiten und die Lebensvollzüge. Wie kann die Kirche Jesu aus ihrem angestammten Umfeld, aus ihren altbewährten Arbeitsformen und festgefügten Traditionen aufbrechen, um neue Menschen für die Botschaft Jesu zu begeistern? Kann das eine Gemeinde, die in einer langen Geschichte geformt wurde, überhaupt leisten, ohne sich zu verbiegen,ohne ihre Identität zu verlieren?

Kirche für Leute, die nicht in die Kirche gehen

Es sind vor allem die Großstädte und urbanen Zentren, in denen sich neue missionarische Gemeindeformen bilden. Im säkularen Berlin sind in den letzten Jahren unzählige christliche Initiativen, Nachbarschaftsprojekte, Gemeinschaftshäuser, neue Gemeinden, Gebetskeller, Migrantenkirchen, Kleinkunstbühnen, Shops usw. entstanden. Sie erreichen meistens junge Menschen, also genau die Gruppe, die in den traditionellen Gemeinden weithin fehlt. Diese neuen Projekte bieten attraktive Formen von Spiritualität. Sie experimentieren mit Sprache, Musik und Medien, feiern ungewöhnlich kreative Gottesdienste, bei denen es viele Akteure gibt, engagieren sich mit frommer Motivation für gesellschaftliche Randsiedler, bieten alternative Lebens und Gemeinschaftsformen, starten Nachbarschaftshilfeprojekte, laden zu fröhlichen Festen mit Kirchenfernen. Und bei allem spielt der christliche Glaube die tragende Rolle. Dabei fällt auf, dass die wenigsten innovativen Projekte aus dem Bereich der Großkirchen kommen. 

„Die Kirche existiert um derer willen, die nicht in ihr sind.“ Die tiefe Wahrheit dieses berühmten Satzes des früheren anglikanischen Erzbischofs William Temple muss die Kirche engagiert umsetzen, wenn sie die Zukunft mitgestalten will. Wir müssen heute neue Wege beschreiten, um auf die Ausdifferenzierung der Gesellschaft zu reagieren. Es genügt nicht mehr, die Kirchentüren weit zu öffnen und laut zu bimmeln, damit die Leute kommen. Wenn die Menschen nicht mehr in die Kirche kommen, muss die Kirche zu ihnen gehen. Sie muss sich in ihrer Arbeit stärker auf die unterschiedlichen Milieus einlassen und eine größere Nähe zu der Lebenswirklichkeit der Menschen entwickeln. Dass etwa in einer Stadt wie Berlin in den evangelischen Kirchen am Sonntag ein fast identisches Programm zur ungefähr gleichen Zeit angeboten wird, passt gar nicht zu einer derartig vitalen Metropole, in der so viele unterschiedliche Menschen mit diversen Lebensvollzügen leben. Dieses einst staatlich verordnete Einheitsmodell funktionierte vielleicht einigermaßen in der im Vergleich zu heute homogenen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, in der die Menschen mehr oder weniger in eine religiöse Wirklichkeit hineinsozialisiert waren. Wer indes nicht tief im Leben seiner Kirche verwurzelt ist, dem begegnet am Sonntag eine völlig fremde Welt, die anscheinend mit seinem Leben nichts zu tun hat. Das Anliegen der Kirche und ihre gottesdienstlichen Kommunikationsformen werden von den meisten Menschen nicht mehr verstanden: fünfhundert Jahre alte Hymnen, akademische Predigten, vorhersagbare Gottesdienstabläufe, überraschungsfreie Liturgie – damit können immer weniger etwas anfangen. Das gilt besonders für Menschen in den postmodern geprägten Milieus. Die klassischen Gottesdienste und die kirchliche Hochkultur sind ein kostbares Gut, das wir schützen und pflegen müssen. Aber was ist mit denen, die kulturell völlig woanders stehen, wie zum Beispiel die unzähligen Erdenbewohner in der Popkultur, mittlerweile junge und alte? Sie ist wie keine andere eine globale Kultur, die viele unterschiedliche Menschen verbindet. 

Wie eine Reihe von Untersuchungen zeigt, erreichen die Kirchen gegenwärtig vor allem Menschen aus konservativen und bürgerlichen Milieus. Aber gerade diese Milieus sind – auch bedingt durch den demographischen Wandel – im Rückgang begriffen. In den evangelischen Gottesdiensten fehlt die Gruppe der 20- bis 50-Jährigen fast vollständig. Und das liegt nicht nur an der Gottesdienstzeit am Sonntagvormittag. Postmoderne Milieus, die vor allem von einem funktionalen und emotionalen Zugang zu Lebens- und Glaubensfragen geprägt sind und neue kreative Kommunikationsformen praktizieren, werden von vielen kirchlichen Kommunikationsformen nicht mehr erreicht. Die Weitergabe des Evangeliums aber ist ein Kommunikationsprozess. Da die traditionellen und bewährten Arbeitsformen der Kirche nur einen kleinen Ausschnitt der Bevölkerung erreichen, müssen neue Wege beschritten werden, um das „Evangelium unter die Leute zu bringen“. 

Der ehrwürdigen Church of England fiel auf, dass die Kirche mit ihren Angeboten in vielen Milieus überhaupt nicht präsent ist und nicht einmal wahrgenommen wird. Für sie gibt es keine Zugänge zum Glauben. Die Idee der Anglikanischen Kirche: Wir müssen die Kirche dorthin bringen, wo das Leben boomt, wo Menschen leben, arbeiten, ihre Freizeit verbringen, Freunde treffen, Sport treiben, ihren Hobbies frönen: in den Büroetagen, Cafés, Sport- und Freizeitzentren. Wir müssen näher an die Menschen. Das erforderte ein gründliches theologisches Umdenken, einen Paradigmenwechsel. Die veraltete Vorstellung, dass Kirche dort ist, wo ein Kirchgebäude steht und ein bezahlter Pastor agiert, genügt den neuen Anforderungen nicht. So begann man Kirche neu zu denken für Leute, die nicht in die Kirche gehen. Das Resultat nennen sie Fresh Expression of Church, abgekürzt Fresh X. Das sind neue gemeindliche Formen, die dort entstehen, wo sich das Leben der Menschen ereignet: in Kneipen, Jugendzentren, Läden, Schulen, Cafés, sozialen Brennpunkten, Sport- und Freizeitzentren, in Firmen und auf Bauernhöfen. Zwischen 2004 und 2012 entstanden 3.000 solcher „fresh expressions“ in England. In Deutschland ist Fresh X gerade dabei, eine Bewegung zu werden. Eine Reihe von „fresh expressions“ arbeitet bereits erfolgreich.

Wie verhalten sich eigentlich diese neuen Formen kirchlichen Lebens zu den traditionellen Gemeinden vor Ort? Die erweiterte Ekklesiologie der Anglikanischen Kirche findet ihren Ausdruck in dem Begriff mixed economy, eine Wendung aus dem Wirtschaftsleben, die der Erzbischof von Canterbury Rowan Williams für die Doppelstrategie „traditionelle und alternative Gemeindemodelle“ übernahm. Mixed economy meint Kirche in vielfältiger Gestalt und pointiert die Wichtigkeit und das Miteinander von traditionellen und alternativen Gemeindeformen. Ein deutsches Motto aus der Politik fasst zusammen, worum es geht: „Bewährtes erhalten, Neues gestalten.“ Die Kirche in doppelter Gestalt möchte die kirchlichen Milieus nicht vernachlässigen, aber ebenso in den nichtkirchlichen Milieus präsent sein. Dabei sind Kirchgemeinde und Fresh X keine Konkurrenten, sondern verschiedene Ausdrucksformen, durch die das Reich Gottes im heutigen Leben Gestalt gewinnen soll. 

Kirche neu erfinden für unkirchliche Leute

Im Jahr 2000 ging ich auf Einladung der Berliner Stadtmission und der Evangelischen Kirche in Berlin mit einem kleinen Team nach Berlin-Hellersdorf, einem Plattenbaugebiet im Osten Berlins, um dort im damalig jugendreichsten Stadtbezirk Europas eine missionarische Arbeit zu starten. Nur 5% der Menschen gehörten dort überhaupt zur Kirche. Und unter jungen Menschen war der christliche Glaube fast vollständig unbekannt. Wir standen vor der Herausforderung, Kirche neu zu erfinden für Leute, die nicht in die Kirche gehen, ja die sich größtenteils als Atheisten verstanden. Was uns antrieb, war eine charmante Mischung aus Glaubensgehorsam, christlichem Pioniergeist, Missionsromantik und Abenteuerlust. Raus aus dem beschaulichen thüringischen Sonneberg, wo ich vorher Pfarrer war, ins turbulente Berlin. Unser kleines Team, eine bescheidene Gemeinschaft von (meist) jungen und in Gott verliebte Menschen war die Keimzelle für eine neue, ausstrahlende, dynamische Gemeinde mitten in atheistischer Umwelt für nichtkirchliche, junge, postmoderne Menschen. Wir wohnten in unmittelbarer Nachbarschaft, trafen uns häufig zum Beten und Essen, zu Anbetung und wohltuender Gemeinschaft. In unseren Herzen brannte eine Vision: Wir wollen Menschen, die nicht an Gott glauben und in keine Kirche gehen, für Christus begeistern. 

Es war auch eine schwierige Zeit. Wir kannten niemanden. Die Leute waren so anders als in Sonneberg. Und die Gegend: öde Plattenbauten. Alles war so ostig. Der depressive „Charme“ der untergegangenen DDR hing wie eine dunkle Wolke über den Menschen. Und hier sollten wir diese Herausforderung anpacken: eine Jugendkirche für Menschen, die sich null für das Christentum interessierten. Wird es funktionieren? Ist das hier ein dynamischer Anfang, oder bin ich hier als Pfarrer auf ein totes Gleis geraten? Endstation? Meine Pfarrkollegen aus den Kirchgemeinden versicherten uns immer wieder: „Mission im Osten, das geht nicht. Da beißt ihr euch die Zähne aus.“ Berlin-Hellersdorf gilt als die atheistischste Region Europas, von Missionsexperten „Friedhof der Missionare“ genannt. Wir hörten, dass zig missionarische Projekte in Hellersdorf gescheitert waren. Wow, was für Aussichten! Was uns in dieser nicht ganz einfachen Anfangszeit inspirierte, war die feste Gewissheit, es ist Gottes Idee, die wir hier verwirklichen.

Wir gründeten eine Band, spielten auf Straßen- und Schulfesten und luden die Menschen ein, in einem Gospelchor mitzusingen. Viele Kontakte entstanden. Jeden Sonntagabend feierten wir eine sogenannte „Jesus-Party“ im damaligen Büro unserer Initiative, einer kleinen Zweitwohnung im selben Aufgang des Plattenblocks. Wir saßen auf Matratzen. Der Raum war oft gefüllt von über 30 jungen Leuten. Wir teilten mit ihnen unsere Erfahrungen im Glauben, lobten Gott und erlebten das Wirken des Heiligen Geistes. Manchmal waren Gitarren und Gesang so laut, dass unsere Nachbarn die Polizei riefen. Die trauten ihren Ohren nicht, als sie hörten, dass ich der Pfarrer einer entstehenden Jugendkirche sei, die sich hier trifft. Mit den Interessierten hielt ich einen Glaubenskurs. Die ersten jungen Leute kamen zum Glauben. Ich taufte sie. Mit ihnen setzten wir uns zusammen und überlegten: „Wie muss ein Gottesdienst aussehen, zu dem ihr eure Freunde einladen würdet?“ Und so entstand „Heartbeat“, ein Multimedia-Gottesdienst, gestaltet für junge Menschen ohne kirchlichen Hintergrund. Den ersten Heartbeat feierten wir am Sonntagabend des 2. Juli 2000 mit 60 Leuten in der kleinen Neubaukirche. Unsere „geistlichen Newcomer“ brachten viele Freunde mit. Die Arbeit wuchs. Wir brauchten eigene Räume. Die kleine Neubaukirche in Hellersdorf, in der wir jeden Sonntagabend zu Gast waren, reichte nicht mehr aus. In der „Hellen Mitte“ (einem neuen Einkaufzentrum mitten im Kiez) wurde uns die „Galerie“ angeboten. Wir haben ein Gemeindezentrum: die „Ladenkirche“! Es dauerte nicht lange, da war auch dieser Ort übervoll mit jungen Menschen. Eine großartige Zeit! Besonders im Nachhinein.

Schritte zu einer neuen ausstrahlenden Gemeinde

Wie fängt man an? Niemand in der Evangelischen Kirche konnte mir sagen, wie man eine neue Gemeinde startet, Menschen gewinnt und mit ihnen Gottesdienst feiert.

1. Das Team
Wenn man erfolgreiche Projektgründungen studiert, so kann man beobachten, dass am Anfang fast immer ein Team steht. Das bildet sozusagen im Kleinen ab, was Volk Gottes, was Gemeinde meint.

2. Gemeinschaft
Wir haben in der ersten Zeit vor allem eins gemacht: viel miteinander gebetet, gegessen, unsere Nachbarn und neuen Bekannten eingeladen und Partys mit ihnen gefeiert. Immer wieder wurde ich gefragt, wie man Menschen erreicht. Es beginnt damit, viele Beziehungen zu knüpfen, Freunde der Menschen zu werden, auf Leute zuzugehen und mit ihnen ein Stück Leben zu teilen.

3. Eine gemeinsame Vision
Ein neues Projekt benötigt eine Zielsetzung. Besonders für die Anfangszeit ist wichtig, dass man eine Zielgruppe definiert und sich realistische Ziele steckt.

  • Wen können wir erreichen?
  • Wie soll unsere Gemeinde in 2 Jahren aussehen? 
  • Welche Faktoren können einen fruchtbaren Aufbruch in die Zukunft verhindern?
  • Wie wollen wir das Evangelium kommunizieren?
  • Auf welche kulturellen Settings ist dabei zu achten?
  • Welche Aktionen passen zu uns und zu unserer Zielgruppe?
  • Wie wollen wir Gottesdienst feiern?
  • Wie müsste ein Gottesdienst aussehen, zu dem Menschen gern kommen, die völlig unkirchlich sind?

Das Resultat war ein kreativer Gottesdienst mit modernen Kommunikationsformen für postmoderne Menschen ohne Gott und Kirche.

4. Glaubenskurse
Ich habe einen Basiskurs Christsein entwickelt, um für Menschen mit einem konfessionslosen Hintergrund (wie es für viele im Osten zutrifft) eine Möglichkeit zu  schaffen, den Glauben näher kennenzulernen. Im Zentrum steht dabei weniger die Vermittlung theologischen Wissens, sondern dass der Einzelne einen persönlichen Zugang zum Glauben findet.

5. Ein Mitarbeitertraining
Es ist von größter Wichtigkeit, dass für die Menschen von Anfang Möglichkeiten geschaffen werden, sich kreativ einzubringen. Dieser Prozess muss konkret gefördert und begleitet werden. Ich führte deshalb regelmäßig ein Mitarbeitertraining durch, um die Vision der Arbeit zu vermitteln und Menschen zu motivieren, sich gemäß ihrer Gaben zu engagieren.

6. Finanzen
Viele neue Projekte scheitern aus finanziellen Gründen. Daher müssen im Vorfeld zwei Dinge geklärt werden:

  • Wie wird die kommende Arbeit finanziert? Hierbei ist die Frage der Trägerschaft der Arbeit (eine Kirche, eine Gemeinde, ein Werk, ein Spenderkreis?) von Bedeutung.
  • Und jedes Teammitglied muss sich der Frage stellen, wie weit seine zeitliche und finanzielle Hingabe an das Projekt gehen soll.
Alexander Garth ist Pfarrer und Gemeindegründer


"Und sie bewegt sich doch!"

Autor: Steffen Kern, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 2-3 Min.

Liebe Apis, liebe Freunde,

das soll Galileo Galilei der Legende nach gemurmelt haben, als er das Inquisitionsgericht verließ und dort soeben das kopernikanische Weltbild öffentlich verleugnet hatte. Gemeint war: Die Erde bewegt sich doch um die Sonne. Die Vertreter des alten Weltbildes hielten sie dagegen für unbeweglich und starr. – Ähnliches denken heute manche von der Kirche. Es ist schon zum Klischee geworden: Starr sei sie, eingefahren und unbeweglich, die Kirche. In immer alten Strukturen ginge nichts nach vorne. Die Welt drehe sich weiter, aber die Kirche bleibe zurück. Ist das wirklich so?

Nein, es gibt Bewegung. Nicht nur in geistlicher Hinsicht, auf die es ja letztlich ankommt. Es gibt eine Bewegung, die nicht verborgen bleibt, sondern an immer mehr Stellen sichtbar wird. Neue Gemeindeformen entstehen, neue Gemeinschaften, neue missionarische und diakonische Initiativen. Das ist ganz bemerkenswert: Mitten im Wandel unserer Zeit, in einer Phase der fortschreitenden Säkularisierung und des dramatischen Mitgliederrückgangs der Kirchen gibt es neue Aufbrüche. Sie sind nicht spektakulär und dazu angetan, große Schlagzeilen auszulösen. Darum geht es auch gar nicht. Aber es geht darum, neue Perspektiven zu entdecken und Mut zu gewinnen, mit der eigenen Gemeinschaft und Gemeinde Neues zu wagen.

Mut, Neues zu wagen

Unter dem Titel „Fresh X“ sammeln sich Konzepte für und Berichte über „frische Ausdrucksformen“ von Kirche und Gemeinde. Manche haben bereits ganz erstaunliche Erfahrungen gesammelt: Im Vertrauen auf den Gott, der heute für uns da ist und uns in unsere Welt sendet, erleben wir, wie Gemeinschaften neue Wege suchen und finden. Das ist unser Uranliegen: Menschen mit dem Evangelium von Jesus Christus zu erreichen und ihnen eine Heimat zu geben. Und „Heimatgeber“ wollen und sollen wir sein. Das ist unser Auftrag. Die Artikel dieser Ausgabe erzählen eindrückliche Geschichten und machen Mut, unseren Glauben zu leben und neue Schritte zu wagen.

Ihnen alles Gute und Gottes Segen im Jahr 2018!

Seien Sie herzlich gegrüßt
Ihr Steffen Kern

Steffen Kern ist Journalist und Pfarrer. Er ist 1. Vorsitzender der Apis.


Dezember 2017: Zum Glück gibt's den Segen

Zum Glück gibt's den Segen
Mo, 27. November 2017: In Blickkontakt mit Gott leben (Steffen Kern)
Mo, 4. Dezember 2017: Der große Kreislauf des Segens (Dr. Stefan Kürle)
Mo, 11. Dezember 2017: Zeichenhaftes Segnen (Vreni Theobald)
Mo, 18. Dezember 2017: "Bitte segne mich!" Segen erfahrbar machen (Victoria Ruhland)
Mo, 25. Dezember 2017: Die Zeit zwischen den Jahren (Christiane Rösel)
Fr, 29. Dezember 2017: "Mir wünschet Ihne Gottes Säge!" (Jürgen Mette)

"Mir wünschet Ihnen Gottes Säge!"

Autor: Jürgen Mette, Marburg
Lesedauer: ca. 2-3 Minuten

So heimelig-schwäbisch, so anmutig-treu und fürsorglich werde ich oft auf meinen Vortragsreisen zwischen Ulm und Karlsruhe begrüßt. Aber wenn mir einer „Gottes Säge“ wünscht, dann höre ich das nicht zuerst als Theologe, sondern vor allen Dingen als gelernter Zimmermann. Die Begegnung mit einer Säge ist ein einschneidendes Erlebnis, eine signierende und gravierende Erfahrung, die uns vielleicht ein Leben lang kennzeichnet. 

Unser deutsches Segen/segnen hat eine Wortverwandtschaft mit signare (lat.) = kennzeichnen/auszeichnen. Gott sondert uns ab und führt uns aus dem gefühlten Garantiebereich lebenslanger Gesundheit heraus und markiert und signiert uns nachhaltig. 

Und dann erzähle ich den immer fröhlich-frommen Segensspendern die Geschichte von Jakob in der Wüste. Einer der Stammväter Israels wird nachts von einem Unbekannten überrascht. Der Fremde kam aus dem Nichts. So kämpften sie die ganze Nacht miteinander (1. Mose 32,23-33), ohne dass einer als Sieger aus dem Kampf hervorging. Schließlich verletzte der Fremde Jakob dermaßen am Hüftgelenk, dass er für den Rest seines Lebens orthopädisch auffällig durchs Leben gehen musste. Er hinkte. Jakob schrie, dass der Fremde ihn nicht loslassen würde, bevor der ihn nicht segnete. Der Andere fragte Jakob stattdessen nach seinem Namen und gab ihm einen neuen Namen „Israel“ („Gottesstreiter“). Seinen Namen rückte der Fremde nicht raus, aber er segnete Jakob.

So empfinde ich mein neues Lebens als chronisch Kranker: gezeichnet, aber gesegnet. Ich bewege mich orthopädisch auffällig, aber ich darf in der hohen Schule göttlicher Segnungen etwas lernen, was sich in meinem ersten Leben nicht erschlossen hat. 

Wenn wir uns zum Jahreswechsel mal wieder unzählige Male ein „gesegnetes neues Jahr“ wünschen, sollten wir wissen, was wir da tun. Es könnte sein, dass Gott unser Gebet erhört und einen lieben Menschen mit seiner Handschrift signiert. Gehen wir lieber sparsam mit Segenswünschen um. Segen ist so etwas kostbares, dass wir dafür sorgen müssen, dass der Begriff nicht im frommen Glückwunschpalaver erstickt. 

Die Zeit zwischen den Jahren

Autorin: Christiane Rösel, Landesreferentin bei den Apis
Arbeit mit Erwachsenen, Schwerpunkt Frauen & Kreative Methoden der Bibelarbeit
Lesedauer: ca. 7-9 Minuten

„Sind Sie schon in Bethlehem angekommen, oder sind Sie immer noch in Nazareth?“ – so fragte eine ältere Dame meine Freundin, die als Frau eines Pfarrers in diesen Tagen Hochsaison hat. „Vielleicht bin ich so auf der Hälfte, aber angekommen sicher noch nicht“, meinte meine Freundin dazu. Und wie geht es Ihnen? Haben Sie Heiligabend auch manchmal das Gefühl, Sie sind noch nicht ganz da? Eigentlich kommen Sie – wenn überhaupt – erst nach Weihnachten ein bisschen zur Ruhe. 

Dazu habe ich vor einiger Zeit eine Entdeckung gemacht, die mich entlastet und mir guttut: Mit dem Weihnachtsfest ist diese besondere Zeit noch nicht vorbei. Na ja, vorbei sowieso nicht, und Sie könnten auch sagen: „Eigentlich haben wir doch immer Weihnachten!“ Doch so erlebe ich das ehrlich gesagt nicht. Aber diese Zeit zwischen den Jahren habe ich für mich noch einmal neu entdeckt. Wenn die Ente gegessen ist, die Geschenke ausgepackt sind, jeder sich so ein wenig verkrümelt, dann finde ich Zeit, die nur Gott und mir gehört. Und die nehme ich mir seit einigen Jahren auch ganz bewusst. In dieser Zeit des Übergangs schaue ich nochmal zurück: Was ist dieses Jahr so alles passiert? Manchmal nehme ich mir dazu auch meinen Kalender und rufe mir verschiedene Situationen in Erinnerung:

Das alte Jahr durchschreiten

  • Was habe ich erlebt?
  • Welchen Menschen bin ich begegnet?
  • Woran freue ich mich besonders, wenn ich zurückschaue?
  • Wofür bin ich dankbar – auch wenn es mich herausgefordert hat?
  • Welche Zeiten waren schwierig?
  • Wo bin ich jemandem – oder mir selbst etwas schuldig geblieben?
  • Wo ist es dran, noch etwas zu bereinigen?
  • Von wem musste ich Abschied nehmen?
  • Wen oder was gilt es loszulassen?

Manches schreibe ich mir auf. Und dann erzähle ich Jesus, was ich auf dem Herzen habe, was ich Gutes erlebt habe, und möchte es bis in die Zehenspitzen hinein genießen und mich daran freuen. Aber ich bitte meinen Herrn und Heiland auch, dass er mir hilft, zu vergeben und nicht nachzutragen, wo es dran ist. Und das, was schwierig ist und vielleicht auch ungelöst bleibt, einzuhüllen in seine Barmherzigkeit. Ich möchte es loslassen, ihm überlassen. 

Aber gibt es auch etwas, das ich bewusst und gerne mitnehmen möchte in das neue Jahr? Anfang Januar packen wir alle Weihnachtssachen wieder in einige Kisten. Da liegen sie dann das ganze Jahr über, völlig unbeachtet. Dieses Jahr nehme ich mir etwas mit, was mir helfen soll, mich an die Weihnachtsbotschaft zu erinnern. Eine gute Idee? Was wäre das für Sie? Eine Karte, ein Stern, der Hirtenjunge von der Krippe? Woran würden Sie sich gerne erinnern? Ich nehme mir ein kleines Transparent aus meinem Adventskalender mit. Es trägt die Aufschrift: „Was uns bleibt, ist das Wunder!“

"Bitte segne mich!" Segen erfahrbar machen

Autorin: Viktoria Ruhland, Hof und Lembach
Lesedauer: ca. 7-9 Minuten

Das Ende – ein Anfang

„Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“

Wenn diese Worte in unserem Sonntagstreff gesprochen werden, wissen die Kinder: der Gottesdienst ist aus und das Büffet ist eröffnet! Welche Bedeutung haben diese Worte für Sie? Was verbinden Sie damit? Haben Sie sich schon mal gefragt, warum der Segen am Ende des Gottesdienstes gesprochen wird? Ich denke, damit wir gut gerüstet, gestärkt und ermutigt in unser Leben hinausgehen und den Segen, den wir empfangen haben, weitergeben.

Gott „entlässt“ uns sozusagen mit dem besten, was er uns zu bieten hat. Eines Tages hat es bei mir Klick gemacht. Ich begriff, dass diese Worte nicht nur ein Teil unserer Gottesdienstliturgie sind, sondern mir ganz persönlich gelten. Gott spricht zu mir! Er schenkt mir seinen Segen, verspricht mir seinen Schutz, sein liebevoller Blick ruht auf mir. Er schenkt mir seine Gnade, seine Zuwendung, seine Liebe und seinen Frieden! Wow! Seitdem empfange ich fröhlich mit geöffneten Händen dieses großartige Geschenk meines liebenden Vaters und freue mich sehr daran! Eine ältere Frau sagte mal zu mir: „Ich öffne meine Hände und empfange den Segen und den bringe ich meinem Mann, der krank und schwach ist, nach Hause.“

Segnet, weil ihr dazu berufen seid, Segen zu erben!

Andere zu segnen ist unsere Berufung. Und wie gut, dasswir das nicht aus unserem eigenen Vermögen tun müssen. Als Kinder Gottes sind wir Erben! Unser Vater versorgt uns! Ich bin dankbar, dass Gott uns durch sein Wort zeigt, wie wir andere segnen können. So wie zum Beispiel in 4. Mose 6,22-27: „Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“

Wir sollen Gottes Namen auf die Menschen legen, damit er sie segnet. Gott ist der Segnende und der Handelnde. Das finde ich so entlastend und ermutigend. Wenn der Herr der Handelnde ist, dann geschieht es auch! Denn der Herr spricht und es steht da! Da wo Menschen es verstehen und erkennen, da beginnen sie sich nach diesem Segen zu sehnen und lassen alles stehen und liegen. So wie die Frauen in der Bibel, die ihre Kinder zu Jesus bringen wollen, damit er sie segnet. Sie lassen alles stehen und liegen, schnappen sich ihre Kinder und laufen zu Jesus. Selbst als die Jünger sie davon abhalten wollen, geben sie nicht auf. Gut, dass Jesus diese Auseinandersetzung mitbekommt und seine Jünger dazu auffordert, die Kinder zu ihm zu bringen. In Markus 10,16 erfahren wir, was dann passiert. „Und er (Jesus) herzte sie (andere Übersetzung: er nahm sie in die Arme) und legte Hände auf sie und segnete sie.“ 

Immer wenn ich diese Geschichte lese oder höre, muss ich an ein besonderes Erlebnis denken. In unserem Ort wurde vor ca. 10 Jahren von unserem damaligen Pfarrer ein „Erzählteam für biblische Geschichten in den örtlichen Kindergärten“ gegründet. Bei einem dieser Einsätze erzählten wir die Geschichte „Die Segnung der Kinder“. Im Erzählkreis saß Timo (Name geändert, Anm. Red.), der ununterbrochen massiv störte, während ich die Geschichte erzählte. Mit der Zeit fühlte ich mich genervt. Ich ärgerte mich über diese Störung und war schon nahe dran ihm zu sagen, dass er ruhig gehen kann, wenn ihn die Geschichte nicht interessiert. Doch bevor ich meine Worte aussprechen konnte, sprach Gott zu mir: „Viktoria, gerade dieser Junge will gesegnet werden. Du hast kein Recht ihn fortzuschicken.“ Ich entschuldigte mich sofort bei Gott und erzählte weiter. Nach dem Erzählen sagte ich Folgendes zu den Kindern: „Ganz nah bei Jesus zu sein, das war eine ganz tolle Sache für die Kinder damals. Jesus hat sie auf den Arm genommen, ihnen gesagt wie lieb er sie hat und wie wertvoll sie für Gott sind. Er hat sie gesegnet. Heute können wir Jesus nicht sehen, so wie die Kinder damals. Aber Jesus will uns heute auch noch segnen und uns zeigen, dass er uns ganz nah ist und uns beschützt und uns liebt.“ 

Dann nahm ich eine große Decke und sprach weiter: „Diese Decke umhüllt euch wie die Arme von Jesus. Ihr dürft euch in diese Decke reinlegen und Ute und ich singen euch einen Segen zu. Welches Kind möchte beginnen?“ Ich war sehr überrascht, als ausgerechnet Timo sich als Erster meldete. Er legte sich ganz ruhig hin. Wir hoben die Decke hoch, wiegten ihn hin und her und sangen für ihn: „Gott liebt Timo, er hat ihn schön gemacht. Gott liebt Timo, er ist ihm nah.“ Als wir Timo wieder auf den Boden gelegt hatten und er sich erhoben hatte, sagte er: „Oh, war das schön! Es war wie ein Traum!“ Er wirkte total glücklich und zufrieden und strahlte über das ganze Gesicht. „Das ist kein Traum, lieber Timo! Gott liebt Dich wirklich!“, sagte ich zu ihm. An diesem Morgen wurden wir Zeugen von Gottes Liebe, Zuwendung und Macht durch sein lebendiges Wort. Es war ein heiliger Morgen für uns alle – Gott hat das Herz dieses kleinen Jungen berührt! 

Ein Anfang – kein Ende

Als unser Sohn auf die Welt kam, haben wir angefangen, ihn jeden Abend mit den Worten aus 4. Mose 6 zu segnen. Mit Handauflegung, einem gezeichneten Kreuz auf der Stirn, ganz vielen Gute-Nacht-Küssen und einem „Ich hab dich lieb“ wird der Tag beendet. Als er in den Kindergarten kam, machten wir uns zur Gewohnheit, ihn auch jeden Morgen unter Gottes Segen zu stellen. Wir lesen gemeinsam eine kurze Andacht, beten für den Tag und dann halten wir uns an den Händen und singen ein Segenslied. Eine feste Umarmung, ein Kuss und ein „Ich wünsche dir einen guten Tag. Jesus ist bei dir!“ beendet dieses liebgewonnene Ritual.

Gott beruft uns, andere Menschen zu segnen. Ich möchte Ihnen Mut machen: Probieren Sie es aus! 

Zeichenhaftes Segnen

Autorin: Vreni Theobald, Seelsorgerin und Lebensberaterin, Turbenthal/Schweiz
Lesedauer: ca. 8-10 Minuten

Ein älteres Hochzeitspaar bat einen Freund des Bräutigams und mich, sie nach der Trauung noch zu segnen. Ich machte den Vorschlag, dass wir ihnen nach dem Segenszuspruch noch ein Kreuzzeichen mit Öl auf die Stirne machen. Der Freund sah mich ganz erschrocken an und sagte: „Aber nein, sonst haben doch alle Gäste den Eindruck, das sei die ‚letzte Ölung‘!“

Das Erschrecken war nun auf meiner Seite, weil ich immer wieder merke, welch irrige Meinungen und Vorstellungen über Salbung und Segnung sich in den Köpfen vieler gläubiger Menschen festgesetzt haben.

Zeichenhaftes Segnen

Der evangelische Glaube ist ein „Wortglauben“, von daher ist er eher verkopft. Das darf so sein, es ist gut und richtig so. Aber uns fehlen dann oftmals gute und heilsame Zeichen, Rituale, sinnliche Eindrücke von Gerüchen und Farben, die unseren Glauben noch auf einer anderen, tieferen Ebene verankern. Auch das Herz und die Seele brauchen Nahrung. Gute Rituale und Zeichen „verleiblichen“ den Glauben, sie machen etwas sichtbar und erfahrbar. Unser Glaube ist ja auch Beziehung! Wir sind eingetreten in eine Beziehung zu Jesus Christus, unserem Erlöser – zu Gott, unserem himmlischen Vater – zum Heiligen Geist, unserem Führer, Tröster und Ermutiger. Beziehung beinhaltet Nähe, Zuwendung, Fürsorge, Liebe. Liebe wird auch ausgedrückt in einer Berührung, in der ich das Angenommensein erlebe. Diese Zeichen der Zuwendung Gottes in mein persönliches Leben geben Würde und Lebensmut.

Segnen kann mit einer zeichenhaften Handlung verbunden werden, die den Segen zwar nicht verstärkt (das hat er nicht nötig! Er ist von Gott und durch ihn allein wirksam), aber für den Menschen erfahrbare Realität wird, die man auch spüren kann.

Das deutsche Wort segnen kommt vom lateinischen Wort „signare“ = etwas mit einem Zeichen versehen, signieren, bezeichnen. Es drückt aus, dass Gott mit seinem großen Ja das Leben eines Menschen bestätigt. Gott signiert mein Dasein! „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst mir.“ (Jes 43,1b)

Hände erheben zum Segenszuspruch

Ein bekanntes Zeichen zum Segen am Schluss des Gottesdienstes, der oft mit den Worten aus 4Mo 6,22-27 als „Aaronitischer Segen“ gesprochen wird, sind die erhobenen Hände des Pfarrers (mit den Handflächen zur Gemeinde gerichtet). Ein sichtbarer Ausdruck, dass der Pfarrer Segen von Gott an die Gemeinde weitergibt. Manchmal wird zum Schlusssegen auch mit der rechten Hand ein großes Kreuzzeichen gezeichnet. 

Segnen mit Handauflegung

Segnen mit Handauflegung stellt eine Beziehung her zwischen dem, der segnet, und der Person, die gesegnet wird, und Gott, von dem der Segen kommt. Die Berührung ist ein Zeichen der Zuwendung und Nähe, aber auch von Übertragung. Gerade bei einer Aussendung oder Amtseinführung kann dieses Zeichen zur Stärkung werden.

Kreuzzeichen auf die Stirne und salben mit Öl

Wenn ich Menschen nach einem Seelsorgegespräch segne, frage ich oft, ob ich ihnen zu den Segensworten das Kreuzzeichen auf die Stirne machen darf. Das Kreuzzeichen kommt vom Sklavenzeichen her. Das Zeichen auf der Stirne der Slaven zeigte an, wem sie gehörten.

Wenn ich heute einem Menschen ein Kreuzzeichen mit Öl auf die Stirne mache, sage ich damit: Du bist Eigentum des Gekreuzigten und Auferstandenen, du gehörst Jesus Christus und stehst unter seinem Schutz.

Die Segensworte spreche ich frei in die jeweilige Situation hinein, aber meist so, dass ich das erste Kreuz mit Öl auf die Stirne mache mit den Worten: „Ich segne dich im Namen Gottes, des Vaters, der dich geschaffen hat und dich liebt.“ Beim zweiten Kreuz: „Ich segne dich im Namen von Jesus Christus, deinem Heiland und Freund, der dich erlöst und zum Leben befreit“, und beim dritten Kreuz: „Ich segne dich im Namen des Heiligen Geistes, der dich begleitet und führt, dich tröstet und in dir wohnt.“ 

Kreuzzeichen auf die Handinnenflächen

In Segnungsgottesdiensten werden oftmals auch auf die beiden Handinnenflächen das Kreuzzeichen mit Öl gemacht und Menschen so gesegnet.

Kranke segnen und salben

Salböl war in der Antike ein weit verbreitetes Arzneimittel. Jesus erzählt uns in der Geschichte vom barmherzigen Samariter, wie dem Verwundeten Öl und Wein in die Wunden gegossen werden (Lk 10,34), und im Jakobusbrief (Jak 5,14) werden wir aufgefordert: „Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn.“ Ein Mensch, der beim Segnen gesalbt wird, darf sich sagen: Gott tut mir Gutes! Denn das Öl ist ein Sinnbild für Reinigung, Heilungskraft, für den Heiligen Geist. Das Öl gehörte zur Vorbereitung auf ein Fest, es macht schön!

Mit dem Segnen und Salben stellen wir einen Kranken in den „Heilungsraum Gottes“ hinein und befehlen ihn seiner Pflege an. Gottes Segen ist lebensfördernd, wohltuend, reinigend und heilend, aber er ist immer umfassender und weiter, als wir uns das vorstellen können. Und er ist von uns nicht manipulierbar. 

Salböl

Salböl an sich besitzt keine „besonderen Kräfte“. Es ist weder magisch, noch muss es eine spezielle Sorte oder von einem ausgesuchten Ort, zum Beispiel aus Israel, her sein. Es ist gewöhnliches Öl, oft Olivenöl, ein Duftöl oder eine Mischung aus Olivenöl mit etwas Duftöl (ich persönlich liebe Myrrheöl oder Rosenöl). Duftöl geht als nachklingende Erinnerung mit dem Gesegneten mit. Man „riecht den Segen“ noch eine gewisse Zeit. Das tut gut. 

Wer darf segnen und salben?

Jeder Christ ist berufen zu segnen, wie es in 1Petr 3,9b steht: „… segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, auf dass ihr Segen erbt.“ Wir sind nicht die Segensstifter, wir sind die Segensvermittler. Wir geben weiter, was Gott – von dem aller Segen herkommt – uns geschenkt hat. Mit dem Segen stellen wir einen anderen Menschen in den schützenden Machtbereich des barmherzigen Gottes hinein und erbitten über seinem Leben Gutes. Auch wenn die Auswirkungen des Segens nicht vorhersehbar sind, vertrauen wir, dass Gottes schöpferisches, heilendes Handeln in diesem Menschen wirksam ist. 

Der große Kreislauf des Segens

Autor: Dr. Stefan Kürle, wissenschaftlicher Mitarbeiter
Theologisches Studienzentrum, Berlin
Lesedauer: ca. 12-15 Minuten

Was passiert da eigentlich, wenn wir „segnen“? Ist es vielleicht eine Art magische Handlung – wir sagen etwas, dann passiert etwas? Steht Gott uns im Segen zur Verfügung? Wenn man den Fluch als den Gegenpol des Segens versteht, kommt da nicht eine seltsame Konnotation zum Segen hinzu, da ja Flüche magisch und dämonisch belegt sind? Oder ist es lediglich ein netter Wunsch, eine reine Floskel am Ende des Gottesdienstes?

Wenn man nicht ganz säkular denkt, so verbindet sich doch meistens eine Erwartung mit einem Segenswort oder eines Segenszeichens: es soll wirksam sein. Bewirkt denn der Segen, wovon er spricht? Wenn ja, wie automatisch ist dann die Segens- bzw. Fluchfolge, wenn die Handlung richtig ausgeführt oder das Wort richtig gewählt wurde?

Vor diesem Horizont ist es mir wichtig, dass durch unser Reden und Handeln Gottes Allmacht und Unverfügbarkeit nicht verdunkelt werden darf. Wie aber können und sollen wir segnen und was sollten wir mit dem Segen theologisch verbinden? Die Bibel kann uns hier sehr differenzierte Impulse geben, vielleicht sogar solche, die wir gar nicht erwarten würden.

„Segen“ und „segnen“

Unser deutsches „segnen“ kommt vom lateinischen „signare“: „mit einem Zeichen versehen, bezeichnen“. Das macht im kirchlichen Kontext sehr viel Sinn. Durch das Zeichen des Kreuzes stellt man den Empfänger des Segens symbolisch hinein in die Wirklichkeit von Jesu Tod und Auferstehung, denn dafür steht ja das Kreuzeszeichen. 

Im hebräischen gibt es eine Wortwurzel (brk), die wir zum Beispiel im Namen des Supermarkts um die Ecke (bereket heißt so viel wie Überfluss) wiederfinden. An vielen Stellen wird in der Bibel diese Wurzel mit segnen/Segen übersetzt, aber nicht an allen. Das liegt daran, dass „brk“ drei Richtungen umfasst, je nachdem, was der Text aussagen will: 

  • Gott zu Mensch: segnen
  • Mensch zu Mensch: Segen vermitteln
  • Mensch zu Gott: loben, preisen, Dank sagen

Im griechischen „eulogeo“ oder auch im lateinischen „benedicere“ kommen diese drei Aspekte auch vor: „gut reden” kann man beide Begriffe wortwörtlich übersetzen. Diese Übereinstimmung mit dem hebräischen Gebrauch kommt daher, dass sich das Neue Testament hier direkt am Alten begrifflich orientiert.

Ganz kurz zusammengefasst lässt sich sagen: Wenn ich segne, so stelle ich fest, bitte oder sage zu, dass jemand unter dem Segen Gottes steht. Wenn ich verstehe, dass ich unter Gottes Segen stehe, dann wende ich mich deswegen lobend an Gott (zurück). Das Segenshandeln verweist immer zurück auf Gott, dem unverfügbaren Geber alles Guten. So haben wir quasi eine Art Kreislauf: Segen geht von Gott, dem Urheber allen Segens, aus. Menschen lassen einander teilnehmen an dem von Gott ausgehenden Segen. Menschen wenden sich nach Segenserfahrungen schließlich wieder preisend an Gott.

Jetzt können wir zunächst im Alten und dann im Neuen Testament schauen, was genau jeweils unter Segnen und Segen verstanden wird.

Der allgemeine Segen Gottes

Nichts war einem Menschen im alten Vorderen Orient wichtiger, als den Segen Gottes für das eigene Volk und damit für das eigene Leben zu sichern. Der Segen der Götter wurde schon immer gesucht: zur Fruchtbarkeit, zu wirtschaftlichem Wohlstand, Schutz, Errettung aus Not, Heilung, Erhaltung der Gesundheit, Machterweiterung, Ehrvermehrung oder auch zur Bevorzugung vor anderen. Segen wurde meist als anfassbar, manchmal sogar als messbar verstanden. Und: Je mächtiger der Gott, die Göttin, desto wichtiger und bedeutsamer der Segen.

Wie wichtig war es dann in einem solchen geistigen Klima für einen Israeliten, den Segen des Allmächtigen, Schöpfers und einzig wahren Gottes zu sichern. Und tatsächlich, in 1. Mose, dort wo die grundlegenden Fragen zum israelitischen Weltbild beantwortet werden, kommt die Wurzel „brk“ am gehäuftesten im Alten Testament vor (88 Mal von 398 Mal).

Der erste Segen, der im Alten Testament berichtet wird, ist Gottes Segen über seine Schöpfung (1Mo 1,21ff.) Gott segnet seine Geschöpfe und verheißt ihnen Fruchtbarkeit. Damit wird deutlich, dass er auch über den unmittelbaren Schöpfungsakt hinaus in ihnen am Wirken ist. Gott ruft nicht einfach diese Welt ins Dasein und überlässt sie einer unbarmherzigen, lückenlosen Kausalkette, sondern er bleibt seiner Schöpfung verbunden. Diese bleibende Verbundenheit ist alttestamentlich mit dem Segen verbunden: Gott ist in der Welt aktiv am Wirken. Fruchtbarkeit und Vermehrung, Wachsen und Gedeihen – das alles ist sein Wirken in der Schöpfung. Der Segen über die Schöpfung ist Gottes Zustimmung und Zuwendung zu seiner Welt. Aus dieser Überzeugung heraus kann Jesus begründen, dass wir unsere Feinde nicht verfluchen sollen: [Gott] lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. (Mt 5,45) 

Dieser allgemeine Segen Gottes über der Schöpfung ist die Grundlage für alles weitere Segnen. Doch beobachten wir recht bald eine Spannung: „Der Segen des Herrn allein macht reich, und nichts tut eigene Mühe hinzu.“ (Spr 10,22) verträgt sich nicht so ganz mit „Wo man arbeitet, da ist Gewinn; wo man aber nur mit Worten umgeht, da ist Mangel.“ (Spr 14,23) Inwiefern bin ich ganz von Gottes Segen abhängig und andererseits habe ich mein Wohlergehen in der eigenen Hand? Inwiefern gibt es beim Segen ein Miteinander von göttlichem und menschlichem Wirken? 

Diese Verbindung von Tat und Folge wird von Gott garantiert. Allein Gott erhält den Kausalzusammenhang und lässt überhaupt etwas geschehen. Es sind also zwei Aspekte eines Geschehens: das segnende Mitwirken Gottes und unser eigenes Handeln. Wir sind und bleiben Empfangende des Segens, der sich jedoch erst in unserem Tun entfaltet und zur Wirkung kommt. Also hat auch Spr 10,22 recht!

Hier wird manches Sperrige im Alten Testament plötzlich klar. Eine Aussage wie „Wenn du das und das tust, dann werde ich dich segnen” wird nicht zu Werkgerechtigkeit. Manchmal muss man halt einfach etwas tun, damit sich in diesem Tun Gottes Segen entfalten kann. Wenn ich mich zum Beispiel immer von Mitchristen fernhalte, dann hat Gott es schwer, mich durch Gemeinschaft zu segnen.

Wenn Segen so fundamental ist, dann macht es auch Sinn, dass in den Erzähltexten Segnen seinen ganz selbstverständlichen Platz im Alltag hat. Dies zeigt sich schon daran, dass nach biblischem Verständnis jedermann und jede Frau segnen kann. Segnen dürfen nicht nur Priester. Bereits der Gruß ist ein Segenswunsch: Als Boas zu seinen Erntearbeitern aufs Feld kommt, sagt er zu ihnen: „Der Herr sei mit euch!” Und sie antworten ihm: „Der Herr segne dich.” (Rt 2,4) In diesem gegenseitigen Segnen geben Menschen den Segen weiter, den sie selbst von Gott empfangen haben. 

Wer anderen wünscht: „Friede sei auf euch” (schalom alechem), der trägt bereits mit diesem Gruß dazu bei, dass sich der Wunsch erfüllt. Segen ist eine performative Sprachhandlung, die das bewirkt, was sie aussagt. Nicht weil die Worte eine magische Kraft hätten, sondern weil Gott selbst diese Worte füllt. So passiert mindestens psychologisch etwas Wichtiges: ein Raum der Freundlichkeit und Zuwendung wird aufgetan – sowohl im Gruß als auch im speziellen Segen zu besonderen Anlässen. In allem menschlichen Segnen ist Gott als der eigentlich Segnende gegenwärtig. Besonders an Übergängen und Wendepunkten ist dies wichtig: beim Ankommen und Verabschieden, zu Beginn eines Essens, bei Geburt und Hochzeit, kurz vor dem Tod. Im Segnen und Gesegnet-Werden erfahren die Menschen Gottes heilschaffende Gegenwart. 

Aber Gottes Segen ist nie frei verfügbar. Gott selbst ist der, der den Segen gibt – wenn er menschliches Segnen nicht bestätigt, können wir Worte machen, soviel wir wollen. Segen ist ein wirksames Wort, das durch Gott zur Wirkung kommt. Es ist aber keine magische Kraft, die sich Gott verfügbar macht (vgl. Bileam, 4Mo 22-24).

Ein spezieller Segen? 

In den Erzvätergeschichten wird sehr häufig vom Segen gesprochen. Dabei wird deutlich, dass Segen etwas sehr Greifbares ist: Reichtum, hohes Alter, ein erfülltes Leben.Hier geht es also um das ganz handfeste Wohlergehen des Gesegneten. In diesen Geschichten wird jedoch auch immer wieder ein besonderer Segen erwähnt, den Gott Abraham verheißen hat und der in einer speziellen Segenslinie weitergegeben wird. Dieser besondere Segen geht über das Wohlergehen hinaus und verweist auf eine besondere Beziehung zu Gott. Diese Dimension des Segens verweist zurück auf die Schöpfungserzählung. In der Überzeugung des Alten Testaments hängt der Segen, egal wie er verstanden wird, immer von Gott ab und nur in der Verbindung zu Gott ist er in seiner Fülle erfahrbar. Abraham wurde ausgewählt, ein Segensbringer für die ganze Welt zu sein (1Mo 12,1-2). Über ihn sollten die Menschen (wieder) in Kontakt mit Gott kommen und damit Teilhaber des Segens sein. Jakob, und mit ihm ganz Israel, wird im Alten Testament immer wieder in den Anspruch genommen, doch ein Segensmittler zu sein. Die sog. „Segenslinie“ ist genau dieser Auftrag, der aus unserer christlichen Perspektive endlich in und durch Jesus erfüllt wird.

Das alttestamentliche Gesetz, die Weisheitstexte und auch die Prophetentexte sind darum bemüht, genau diese globale Segensaufgabe im individuellen und politischen Alltag Israels zu verankern. Um gesegnet zu werden, sollte Israel ein Segen für andere sein – jeder einzelne in seinem persönlichen Umfeld, aber auch das Volk in seinen Bezügen. Dabei wird immer wieder deutlich, dass Israel in seinem Bemühen, sich an Gott zu halten, einen Segensraum schafft, der nach außen strahlt.

Nun haben wir drei Bereiche gesehen, in denen Gott Menschen segnet und Menschen einander segnen: 

  • Der Schöpfungssegen,
  • der Segen im Alltag und
  • der Segen der Erwählung.

Zum alttestamentlichen Segen gehört als Viertes jetzt noch das schon erwähnte ‚Segnen Gottes’. Ich denke, dass sich gerade von Ps 103 her dieser biblische Sprachgebrauch gut verstehen lässt. Denn wenn es in V. 2 heißt „und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat” - was ist das anderes, als Gottes Segen für uns? Die Antwort des Psalmisten auf diesen Segen ist es, Gottes Wohltaten anzuerkennen, sie im Loblied zu preisen und damit Gott zu segnen. Das Lob Gottes als menschliches gutes Reden über Gott ist die notwendige Antwort auf seinen Segen. So wie Gottes Wort unsere Antwort hervorruft, so kommt sein Segen in unserem Gotteslob, im Anerkennen und Preisen seiner Güte, an sein Ziel. 

Was bedeutet Segen im Neuen Testament?

Das Neue Testament erfindet, wie so oft, das Rad nicht neu. Vieles muss nicht nochmals gesagt werden, da es so und so schon vom Alten Testament her klar ist. In Gal 3 erinnert Paulus an die Abraham gegebene besondere Segensverheißung. In Jesus hat sich diese Verheißung erfüllt, durch ihn erhalten nun auch die Heiden den Segen Abrahams (3,14; vgl. Apg 3,25f.).

Selbstverständlich bringt das Neue Testament auch eine neue Perspektive zum Segen. Denn so wie die gesamte neutestamentliche Botschaft sich auf Jesus Christus begründet, wird nun auch Segen vor allem von ihm her gefüllt (Eph 1). Erstaunlicherweise lesen wir nur ein Mal davon, dass Jesus Menschen segnet: in der Perikope von der Kindersegnung (Mk 10,13-16; Mt 19,13-15; Lk 18,15-17). Ansonsten scheint er ganz natürlich die Segenstraditionen seiner Zeit aufgenommen zu haben: Ganz selbstverständlich spricht er nach jüdischem Brauch vor dem Essen den Segen (Lk 9,16; 24,30). Und wenn er seine Jünger aussendet, dann gebietet er ihnen, jedes Haus mit einem Friedensgruß zu betreten (Lk 10,5: „Friede diesem Haus”). Als Auferstandener segnet Jesus in gleicher Weise seine Jünger (Lk 24,36: „Friede sei mit euch!”).

Vor der Himmelfahrt nimmt er mit erhobenen Händen segnend von seinen Jüngern Abschied (Lk 24,50f.). Genauso segnete der Hohepriester am Ende der Liturgie die versammelte Festgemeinde (3Mo 9,22). Die Jünger wiederum gehen nach Jerusalem in den Tempel und preisen Gott (Lk 24,53). Und wie sollte es anders sein: An dieser Stelle steht für den Lobpreis wieder „eulogeo“ (segnen)! In einem anderen Abschiedswort (Mt 28) sagt Jesus seinen Jüngern seine uneingeschränkte Gegenwart zu, womit die universale Perspektive des Schöpfungssegens wieder aufgenommen wird. So, wie Jesus ein Segen für seine Zeitgenossen war und natürlich auch für uns immer noch ist, so sollen auch seine Jünger ein Segen für ihre Umwelt sein und zwar weltweit, nicht bloß konzentriert in Jerusalem.

Wurde im Neuen Testament Segen dann also irgendwie vergeistlicht oder vergeistigt? Sicher nicht, wie ja schon die Überflusswunder Jesu zeigen (Hochzeit in Kana, Speisungen, diverse Heilungen). Gott kümmert sich (immer noch) um die materiellen Belange und Bedürfnisse von uns Menschen. Paulus nimmt das auf und nimmt seine Leute mit in die Pflicht: In 2Kor 9,5f. bezeichnet er die Kollekte der Korinther für die Gemeinde in Jerusalem als Segensgabe. Als solche ist sie eine Antwort auf den Segen, den die Gemeinde durch Gott und durch die Gemeinde in Jerusalem empfangen hat. Daher kann Paulus für diese Aktion mit dem bekannten Wort werben: „Wer reichlich sät, der wird reichlich ernten.” 

Neuentdeckungen des Segens

„Mit dem Segen wird die Welt darauf angesprochen, dass sie mehr ist als Welt, nämlich Schöpfung Gottes. Sie wird daran erinnert, dass sie keine verlassene, einem hoffnungslosen Schicksal ausgelieferte, gottlose Welt ist, sondern in Beziehung zu ihrem Schöpfer steht, der sein Werk nicht aufgibt.” (Magdalene L. Frettlöh). Wir Menschen sind abhängig von Gott. Im Segnen und Gesegnet-werden vergegenwärtigen wir uns dieser Realität. Wenn unser Leben gelingen soll, dann nur wenn etwas von außen dazu kommt. Vom gnädigen Schöpfer dieser Welt. Meines Erachtens gilt es folgende Dinge neu zu entdecken und zu betonen: 

  • Gott will die gesamte Schöpfung segnen und zwar durch die, die in besonderer Nähe zu ihm stehen, das heißt heute durch uns Christen.
  • Allein unsere Worte können ein Segen sein, darüber hinaus sollten es aber auch unsere Taten sein.
  • Wir sind als Menschen auch auf materiellen Segen angewiesen, daher sollten wir Segen auch nicht schlicht vergeistigen – und uns damit aus der Verantwortung stehlen.
  • Segen zu empfangen muss immer wieder in das Weitergeben und in den Lobpreis Gottes führen. 

Auf ein Wort: ... im Blickkontakt mit Gott leben

Autor: Pfarrer Steffen Kern, Vorsitzender der Apis
Lesedauer: ca. 2-3 Minuten

Liebe Apis, liebe Freunde,

von Gottes Segen leben wir und damit von einem der größten Geheimnisse dieser Welt. Denn Segen bedeutet: Gott sieht uns an. Er wendet uns sein Angesicht zu und lässt seinen Blick auf uns ruhen. Ohne diesen gnädigen Blick Gottes wäre kein Leben möglich. Es ist wie beim Aufgang der Sonne: Ihre Strahlen wärmen und machen alles hell. Ohne Sonne kein Leben. Genauso ist das mit dem Segen Gottes: Sein Angesicht leuchtet über uns. Er erhebt sein Angesicht über uns. Er sieht uns an und ist uns gnädig. Er behütet uns und gibt uns Frieden. Es ist großartig, was uns die wertvollen Worte aus 4. Mose 6,24-26 eröffnen: Der Segen Gottes führt uns in den „Schalom“ Gottes. Aber wenn Gott uns segnet, segnet er nicht alles ab, was wir tun und lassen. Sein Segen gilt uns als Personen und betrifft uns ganz. Unser Handeln aber haben wir selbst zu verantworten. Im Segen Gottes zu leben und unter seinem Segen zu bleiben, heißt darum, den Blickkontakt mit Gott zu suchen. Er will uns dann mit seinen Augen leiten, wie er in Psalm 32,8 verspricht. Darf ich Sie einmal fragen: Wann haben Sie zuletzt Gott in die Augen gesehen?

Gott macht glücklich – wirklich?

Das ist nicht die Frage nach einem besonders frommen Erlebnis oder einem innigen spirituellen Moment – es ist eine Frage nach Ihrer Lebenshaltung. Gott sieht uns an. Und das heißt: Er sucht Blickkontakt mit uns. So begleitet, leitet, führt und segnet er uns. Das tut er nicht nur in besonderen Momenten. Gottes größte Zeit in unserem Leben sind die Alltage, das Normale und Gewöhnliche. Nicht erst am Sonntag, nicht erst beim nächsten geistlichen Highlight – nein, jetzt ist Segenszeit. Zum Glück gibt’s den Segen. In diesem Sinne gilt: Gott macht glücklich. Er bewahrt nicht vor allem Leid und allem Schweren. Aber auf allen Wegen sieht er uns und geht mit. Genau dazu ist Jesus in diese Welt gekommen und hat sich auf die Straßen und Wege unseres Lebens begeben. Er ist da, er sieht uns freundlich an und spricht uns an. Seine Worte begleiten uns. Was für ein Glück!

Seien Sie herzlich gegrüßt
Ihr Steffen Kern

November 2017: Sünde

Sünde
Mo, 23. Oktober 2017: "Lass uns über Sünde reden" (Interview mit Andreas Boppart)
Mo, 30. Oktober 2017: ... da ist Sünde (Steffen Kern)
Mo, 6. November 2017: Sünde als Beziehungsstörung (Prof. Dr. Thorsten Dietz)
Mo, 13. November 2017: Rotlicht als klassischer "Sündenpfuhl"? (Interview mit Stefan Kuhn)
Do, 16. November 2017: Der breite und der schmale Weg (Joachim Haußmann)
Mo, 20. November 2017: Der fromme Sündenkatalog (Johannes Kuhn)

Der fromme Sündenkatalog

Autor: Johannes Kuhn, Landesreferent bei den Apis
Medienarbeit, Männerarbeit, Studienarbeit, SummerCity
Lesedauer: ca. 2-3 Minuten

Es war eines der Highlights auf dem Zeltlager am Bodensee: Ein aufregender Abend nur für Jungs. 150 angehende Männer sitzen gespannt im Zelt und warten, was in den nächsten 60 Minuten passiert. Die letzten Tage zuvor konnten sie ihre Fragen anonym in eine Box einwerfen. Auf der Bühne sitzen fünf bis sechs Mitarbeiter und Teilnehmer – freiwillig. Sie kennen die Fragen nicht und geben spontan eine Antwort darauf. Ganz unterschiedliche Typen mit einer Vielfalt im Denken – auch was Glauben angeht. Die Luft ist zum Schneiden dick, ein Kribbeln liegt in der Luft und jeder wartet gespannt darauf, welche Fragen auf den Tisch kommen …

Natürlich werden Fragen zum Glauben gestellt – warum Gott das Leid zulässt und wie man sich sicher sein kann, in den Himmel zu kommen. Wie das mit der Schöpfung war und ob wir nicht doch alle an den gleichen Gott glauben ... Heiße Eisen, bei denen man da oben auf der Bühne echt ins Schwitzen kommt. Aber was wirklich aufregend ist und worauf jeder der Jungs – ohne es zuzugeben – sehnsüchtig wartet, sind die Fragen rund ums Thema Liebe, Freundschaft und Sexualität. „Ist es Sünde, wenn ich mich selbst befriedige?“ – „Darf man vor der Ehe miteinander schlafen?“

Irgendwie stimmt mich die Fragestellung immer noch nachdenklich. So, als ob das Thema Sexualität per se weniger mit Schönheit als mit Schweigen, Scham und Schuldgefühlen zu tun hat. Diese Abende auf dem Bodenseelager haben immer wieder aufs Neue gezeigt, dass das Thema „Sexualität“ im Sündenregister scheinbar ganz oben steht … und wenn man sich die Schärfe in der Debatte rund ums Thema „Homosexualität“ vor Augen führt, kann man schon ins Grübeln kommen, warum das eigentlich so ist.

Ja, Sexualität ist ein sehr intimer, persönlicher und verletzlicher Bereich. Und es geht darum, auch hier in Heiligkeit zu leben und Gott zu ehren. Aber ist eine Verfehlung an dieser Stelle wirklich schlimmer als die Ungerechtigkeiten, die wir Tag für Tag produzieren? Warum werden Neid, Habgier, Hochmut, schlecht-über-andere-Reden, Geschwätzigkeit und all die anderen Dinge, die Paulus ebenso gerne aufzählt wie sexuelle Verfehlungen, still und heimlich geduldet und fast schon als salonfähig anerkannt gelebt? Kann es sein, dass wir einen inneren „Sündenkatalog“ aufgestellt haben, in dem manche Sünden schlimmer sind als andere? 

Ich wünsche mir, dass wir anfangen, diesen „Sündenkatalog“ recht einzuordnen, vor allem aber uns recht einzuordnen. Dass wir nicht mit dem Finger auf „die“ zeigen, egal wie wir denken. Dass unser Reden, Diskutieren und Handeln von der Nächstenliebe bestimmt ist. Dass wir uns das Wort Jesu vom Splitter und Balken neu zu Herzen nehmen. Dass wir uns selber hinterfragen und korrigieren lassen. Und nicht werten. Denn dazu haben wir kein Recht! Das verändert – uns, und die anderen.

Der breite und der schmale Weg

Autor: Joachim Haußmann
Mitarbeiter der Geschäftsstelle, Stuttgart
Lesedauer: ca. 5 Minuten

Warum ich mir als Teenager ein altes Bild an die Tür gehängt habe

Kennen Sie das Bild „Der breite und der schmale Weg“? Der Entwurf geht auf Charlotte Reihlen zurück. Es zeigt zwei Wege, wobei der eine, wie der Name schon sagt, breit ist und an dessen Ende Feuer, Zerstörung und Hölle zu sehen sind. Auf der anderen Seite aber, am Ende des schmalen Weges, findet sich eine goldene Stadt in den Wolken, das neue Jerusalem, flankiert von einem Regenbogen. 

Zum Geburtstag ein neues Poster

Mich hat das Bild schon immer beeindruckt. Die Großmutter meines Schulfreundes hatte das Bild an der Wand hängen in einem schönen großen Rahmen und auch bei „Schwester Berta“, der Freundin meiner über 90-jährigen Großmutter, hing solch ein Druck aus dem 19. Jahrhundert. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wie ich dazu kam, mir als Teenager einen Druck von diesem Bild zu wünschen. Es muss der 15. Geburtstag gewesen sein, als meine Schwester mit dem eingerollten Bild als Geschenk bei mir ankam. Der Druck wurde ausgepackt und mit Reisnägeln (!) – zum Leidwesen meiner Eltern – an der Innenseite der Zimmertür befestigt. Da gab es dann immer was zu kucken. Das Internet war noch nicht erfunden, und so warf ich beim Rausgehen immer wieder einen Blick darauf. Auch Freunde, die zu Besuch kamen, entdeckten spätestens beim Hinausgehen das Werk. Da gab es dann ganz unterschiedliche Reaktionen. Mein Freund, dessen Großmutter das gleiche Bild hatte, fand es aber irgendwie gut, dass ich solch eine „Tradition“ pflegte. Interessant finde ich im Nachhinein, dass mich keiner fragte, weshalb ich nicht einen Fußball- oder Fernsehstar an die Tür genagelt habe. Was mich damals faszinzierte, ist, in welcher Klarheit das in Wirklichkeit ja eher komplizierte menschliche Leben in „gut“ und „böse“ unterteilt wird. Ich las damals ein Buch, in dem C.S. Lewis schrieb: „Am Ende werden nur zwei Gruppen von Menschen vor Gott stehen - jene, die zu Gott sagen: ‚Dein Wille geschehe‘, und jene, zu denen Gott sagt: ‚Dein Wille geschehe‘. Alle, die in der Hölle sind, haben sie sich erwählt.“ Diese Klarheit hat dadurch natürlich auch eine gewisse Härte. 

Auf dem Weg

Vermutlich sieht man, wenn man älter wird, mehr Nuancen als ein Teenager. Wenn ich heute das Bild anschaue, dann fällt mir auch auf, dass es einen Platz „zwischen den Welten“ gibt. Ein kleiner, durchlässiger Zaun und eine Wiese geben Raum, um von der einen auf die andere Seite zu kommen. Mir fällt auf, dass auf beiden Seiten viele Schritte nötig sind, um das „Ziel“ zu erreichen. Eine „Abkehr von der Sünde geschieht nicht einfach mit der Bekehrung. Sie geschieht ein Leben lang“, schreibt Prof. Dr. Dietz in seinem Artikel. Entscheiden müssen wir uns aber alle einmal für einen Weg. Besser heute als morgen. Sich Jesus anzuvertrauen, der von sich als „dem Weg“ spricht, ist aber oft auch nicht so einfach wie es sich anhört. Ein frommes Leben führen geht vielleicht schon, aber von sich selber wegsehen auf die Möglichkeiten von Jesus und ihm konsequent nachfolgen, das ist streckenweise schwieriger (vgl. Lukas 9).

Foto: Werner Kuhnle

Rotlicht als klassischer "Sündenpfuhl"?

Interview mit Stefan Kuhn
Leiter des HoffnungsHaus in Stuttgart
Lesedauer: ca. 5 Minuten

Stefan, das Rotlichtviertel wird ja als klassischer „Sündenpfuhl“ angesehen. Stimmt das, findet man dort mehr Sünde als sonstwo?
Sünde bedeutet „Zielverfehlung“, also nicht so zu denken und zu handeln, wie es von Gott her für uns gedacht ist. Und ja, im Viertel wird dies in besonderer Weise sichtbar, es ist offensichtlicher. Jedoch hat Jesus nirgends so leidenschaftlich konfrontiert wie bei den „Frommen“, weil er genau dort die offensichtliche Unschuld hinterfragt und auf das harte oder überhebliche Herz hingewiesen hat (z.B. Röm 2).

Erlebst Du im HoffnungsHaus, welche Macht Sünde hat und wie sie gefangen nimmt?
Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass einen Sünde gefangen nehmen kann und schrittweise immer mehr in ungute Gewohnheiten und Abhängigkeiten führt und uns von Gott entfernt. Was für uns jedoch schon nochmal deutlicher wird, ist diese Macht, die Norm zu verändern. Was ist normal? Im Viertel ist nicht unsere Lebensweise, die nach Gottes Willen fragt, normal, sondern eine andere, in der die eigene Lust und Freiheit über alles gestellt wird – selbstverständlich auch über die Würde der Frauen.

Hast Du ein Erlebnis dazu?
„Das gilt für mich nicht mehr!“ So lautete die bestimmte Antwort eines jungen Transvestiten, nachdem er einer anderen Besucherin beim Lesen der Geschichte vom verlorenen Sohn, dessen Umkehr und die Annahme des liebenden Vaters zugehört hatte. „Das ist jetzt die Strafe, weil ich meine Kinder zurückgelassen habe!“ So das Fazit einer Afrikanerin über ihre Situation, die sich nur durch Prostitution über Wasser halten kann. „Naja, so schlimm kann es ja nicht sein!“ So die Gedanken, die manchmal schnell und unreflektiert aufkommen, wenn man die freundlichen und netten Nachbarn erlebt oder auch den Zwiespalt der Frauen, die einerseits ausgebeutet werden und andererseits im System auch sozialen Halt erfahren. Das sind für uns die spürbaren Auswirkungen von Sünde: Hoffnungslosigkeit, Selbstverurteilung und Verdrehung.

Vielen Dank für den persönlichen Einblick und Gottes Segen für Eure Arbeit!

Sünde als Beziehungsstörung: Eine theologische Einführung

Autor: Prof. Dr. Thorsten Dietz
Evangelische Hochschule TABOR, Marburg
Lesedauer: ca. 12-15 Minuten

Die vergessene Sünde

An vielen Orten und auf vielfältige Weise wird in diesem Jahr das 500. Jubiläum der Reformation gefeiert. An Martin Luther wird erinnert als Vorläufer von Gewissensfreiheit und Demokratie. Man erinnert an ihn als an den Lehrer der großen Grundwahrheiten, über Gottes Gnade und Christi Handeln, Glaube und Bibelvertrauen. Vieles daran ist gut und richtig. Auffällig ist: so gut wie nie geht es um das große Problem, das am Anfang seines reformatorischen Aufbruchs steht: Wie werden Menschen mit der Sünde fertig.
In seinem Kommentar zum Römerbrief von 1516 stellt Luther dieses Thema ins Zentrum seiner Überlegungen:Der Apostel Paulus tue in seinem Brief alles dafür, die Sünde groß zu machen. Nur wer erkennt, was Sünde ist, begreift überhaupt, warum die Gnade, Jesus Christus und der Glaube so unverzichtbar sind. Seine 95 Thesen zum Ablass beginnt Luther mit dem Aufruf zur Umkehr: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht ‚Tut Buße‘ usw. (Mt 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“ Dieser Reformator, der um Gnade und Vergebung gerungen hat, bleibt heute vielen fremd. Der Philosoph Andreas Urs Sommer sagt in einem Zeit Campus Interview im Sommer 2017: „Die für das Christentum einst fundamentale Vorstellung, erlösungsbedürftig zu sein, ist uns heute vollkommen fremd geworden.“ Auch die Kirche finde dafür keine Worte mehr. 
Wo aber diese Dimension der Befreiung undeutlich bleibt, da wird Gnade überflüssig, Jesus zum ethischen Vorbild und die Bibel zum Lehrbuch über allerlei theoretische Wahrheiten. Die befreiende Kraft von Luthers reformatorischen Einsichten bleibt unbegreiflich. Dass Luther in diesem Jubiläumsjahr vielen fern bleibt, hat entscheidend damit zu tun, dass seine zentrale Frage nach dem gnädigen Gott nicht mehr verstanden wird. Wie konnte es dazu kommen?

Die missbrauchte Sünde

Es ist billig, einfach allgemein über den Zeitgeist zu klagen, dass viele Menschen heute die biblische Wahrheit über die Sünde nicht mehr wahrhaben wollen. Wenn man mit Menschen ins Gespräch kommt, warum sie das Thema Sünde so befremdlich finden, hört man immer wieder folgendes: Die Kirchen haben mit dem Thema Sünde viel Unglück angerichtet. Das Thema Sünde wurde missbraucht, um andere Menschen auszugrenzen und abzuwerten. Sünde war immer der Makel der anderen. Klar, dass alle Menschen Sünder seien, war in der Kirche stets eine allgemeine Richtigkeit. In der Praxis aber waren Sünder immer die anderen. Und wenn darüber geredet wurde, dann hart und anklagend.

Christen sollten diesen Vorwurf nicht einfach abweisen. Hier ist manches aufzuarbeiten. Mit dem Thema Sünde ist gesündigt worden. Der Glaubwürdigkeitsverlust der christlichen Verkündigung ist erheblich. Im Grunde ist das eine tragische Geschichte: Wie kommt es, dass die biblische Erkenntnis, dass wir alle auf Gottes bedingungsloses Erbarmen angewiesen sind, so wenig Demut und Bescheidenheit zur Folge hatte? An vielen Stellen warnt Jesus vor Richtgeist anderen gegenüber: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ (Mt 7,1) Sünde sollte Jesus zufolge zuallererst eine Frage der Sache der Selbsterkenntnis sein: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.“ (Mt 7,3-5) Allzu viele Menschen haben im Laufe der Geschichte Christen in einer Weise erlebt, als würden diese Worte Jesu in ihrer Bibel vergessen worden sein. Wir müssen uns noch einmal neu besinnen, worum es beim Thema Sünde geht. 

Die erkannte Sünde

Was ist Sünde? Sünde ist eine Beziehungsstörung. Für Martin Luthers Auslegung der 10 Gebote war eine Sache grundlegend: Das erste Gebot ist das Haupt aller Gebote. Alles hängt an der Gottesbeziehung. Die Person macht die Werke gut, nicht umgekehrt. Wo das Vertrauen auf Gott geschwunden ist, auf das was trägt, da verliert der Mensch seinen Halt. Sünde ist Unglaube, Misstrauen gegenüber Gott. Denn so schreibt der Apostel Paulus: „Was nicht aus Glauben geschieht ist Sünde.“ (Röm 14,23; vgl. auch Mt 7,16-18) Wenn der Heilige Geist uns die Augen über die Sünde öffnet, dann geht es nicht vor allem um dieses und jenes Tun und Lassen, sondern um „Sünde: dass sie nicht an mich glauben“ (Joh 16,9). 

Darum geht es im Kern. Was Sünde ist, klärt sich nicht im Umgang mit moralischen Einzelfragen. Sünde ist zuerst eine Frage der Gottesbeziehung. Was bedeutet das? Sünde ist die Selbstbezogenheit, in der der Mensch sich selbst nur verfehlen kann, weil er als Geschöpf auf Beziehungen angelegt ist. Sünde ist Blindheit für das Gute, was Gott tut, Undankbarkeit für alles, was in unserem Leben Gabe und Geschenk ist. 

Sünde lässt sich nicht mittels eines ewigen Regelkanons festlegen. Der neutestamentliche Umgang mit diesem Thema ist anspruchsvoller. Wenn der Apostel Paulus formuliert: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich“ (1Kor 6,12) merken wir schnell: daraus lässt sich keine einfache Regelliste entwickeln. Wenn Paulus später fortsetzt: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf. Niemand suche das Seine, sondern was dem andern dient“ (1Kor 10,23-24) zeigt sich: Im Zentrum steht nicht eine Verbotslogik, was ich alles lassen muss, um nicht zu sündigen. Die biblische Logik ist umgekehrt: Entscheidend ist das Positive, das Gute, das aufbaut, das, was hilft und anderen dient. Der Maßstab ist die Liebe. Sünde ist eine Beziehungsstörung, das gilt für das Gottesverhältnis, aber auch darüber hinaus: Sünde ist alles, was der Liebe nicht gerecht wird. Sünde ist eine Beziehungsstörung, eine Entfremdung von Gott, von meinen Nächsten und mir selbst. Und weil der Gott der Bibel bedingungslose Liebe ist, ist das Wesen der Sünde Lieblosigkeit.

Sünde hat unendlich viele Gesichter. Sie ist unerschöpflich wie das menschliche Leben; leider. Darum kann es keine abschließende Systematik geben, was genau Sünde ist und was nicht. So etwas gibt uns die Bibel nicht an die Hand. Man kann sündigen mit Gedanken, Worten und Werken. Durch Übertreibung und Untertreibung, mit besten Absichten oder fahrlässig. Im Umgang mit Geld, Macht, Sexualität oder Wahrheit. Viele böse bzw. unmoralischen Handlungen kann man als Sünde bezeichnen, besser aber als Folgen der Sünde, als Konsequenzen der Beziehungsstörung zu Gott. Auf der moralischen Ebene falscher Handlungen geht Paulus davon aus, dass auch Nichtchristen genug vom eigentlichen Willen Gottes wissen, um die Verurteilung des Bösen zu teilen (Röm 2). In der christlichen Sündenlehre geht es um mehr als um Unmoral. Das griechische Wort für Sünde lautet wörtlich übersetzt Zielverfehlung. Seine Lebensbestimmung verfehlt der Mensch nicht nur auf moralisch fragwürdige Art und Weise. Sünde findet sich vielmehr auch im moralisch einwandfreien Leben. 

Nicht nur der über die Stränge schlagende Mensch ist der Sünder: Mutlosigkeit, Rückzug, Einigelung sind ebenso Formen das wahre Leben zu verpassen. In ihrer Fixierung auf Übertretungen hat die traditionelle Rede von Sünde viel zu wenig auf diese Formen geachtet, mit denen man sein Leben verpfuschen kann. Das Leben wird auch da verfehlt, wo Menschen ihre eigenen Möglichkeiten nicht entdecken, ihre Gaben nicht entfalten und einsetzen. Und ja, das ist schlimm, es ist eine ungeheure Tragödie, wie viel menschliches Potenzial in dieser Welt ungenutzt bleibt, wie viele Träume ungelebt, wie viele Wünsche unausgesprochen. So von Sünde reden heißt, Menschen nicht klein zu machen, sondern sie an ihre wahre Größe zu erinnern; sie nicht zu entehren, sondern ihnen ihre Würde als Ebenbild Gottes zurückzugeben; sich nicht der Empörung über ihr Versagen hinzugeben, sondern der Hoffnung auf ihre wirkliche Entfaltung. 

Darum kann es auch beim Hinweis auf solche Möglichkeiten des Versagens nicht darum gehen, sich selbst oder andere zu deprimieren. Wenn wir nicht lernen, so von Sünde zu reden, dass Menschen sich aufrichten statt sich wegzuducken, dann verfehlen wir dieses Thema. Unsere Rede von der Sünde müsste die befreiende Kraft einer guten Diagnose haben. Eine Diagnose, in der wir unser Leiden richtig wahrgenommen und beschrieben finden, unseren Lebensalltag wiedererkennen und zugleich hoffen dürfen, dass es so etwas wie einen heilsamen Umgang mit dieser Problematik geben könnte. Ja, eine Diagnose mag auch mit Schmerzen verbunden sein, vor allem wenn wir ahnen, dass wir viel früher ärztlichen Rat hätten einholen sollen. 

Im biblischen Sinne von Sünde sprechen heißt: Jesus Christus als Befreier und Erlöser groß machen. Darin unterscheidet sich die christliche Sündenerkenntnis von jedem Moralismus. Wenn unsere Rede über Sünde nicht Sehnsucht nach Heilung und Befreiung weckt, wenn unsere Worte als verletzend und nicht als heilsam empfunden werden, kann das daran liegen, dass dieser grundlegende biblische Horizont des Themas verloren ging.

Mit dem Thema Sünde ist gesündigt worden. Das ist tragisch. Es ist zugleich eine Erinnerung daran, wie tiefgreifend wir Menschen von Sünde bestimmt sind, selbst in unseren besten christlichen Absichten. Daher müssen wir im Umgang mit dieser Frage wie auch sonst immer wieder bei Jesus Maß nehmen. 

Die überwundene Sünde

Jesu Gleichnis vom Zöllner und vom Pharisäer wird von Lukas so eingeleitet: „Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis.“ (Lk 18,9) Wir kennen die drastische Gegenüberstellung, die Jesus vornimmt: hier der moralisch integre Pharisäer, der viel Gutes tut; dort der Zöllner, der überhaupt nicht bestreitet, dass sein Lebenswandel vor Gott zutiefst fragwürdig ist. Jesus behauptet nicht nur, dass vor Gott aber beide Sünder sind, was ja schon radikal genug wäre. Jesus kehrt die Hierarchie der moralischen Beurteilung geradezu auf den Kopf: „Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener.“ (Lk 18,14) Um diese Einsicht ging es Martin Luther, wenn er betonte, dass auch Christen Sünder bleiben. Das war kein Aufruf zur Gleichgültigkeit und Lauheit im Sinne einer billigen Gnade. Auch der gläubige Mensch lässt die Sünde nicht einfach hinter sich. Die Abkehr von der Sünde geschieht nicht einfach mit der Bekehrung. Sie geschieht ein Leben lang.

Gerade fromme Christen geraten an dieser Stelle oft in eine Falle. Sie wollen unbedingt ernst damit machen, die Sünde nicht herrschen zu lassen in ihrem Leben (Röm 6,12). Damit das irgendwie sichtbar und konkret wird, versuchen sie ihr Leben mit Hilfe von Verbotsregeln in den Griff zu kriegen. Bis heute gibt es immer wieder neue christliche Bewegungen, die nicht nur an die Erlösung in Christus glauben wollen, sondern in ihrem eigenen Leben sichtbar zeigen wollen, warum sie sich vorteilhaft von allen anderen Menschen abheben. Je wichtiger dieses Ziel wird, desto mehr treten konkrete Regeln in den Vordergrund, die man eindeutig und sichtbar halten kann. Aber Sünde wird nicht überwunden auf dem Wege einer Vermeidungsethik. Ein solcher Umgang mit Sünde ist zutiefst selbstbezüglich. Es ist zwar völlig richtig: Glaube bringt ein neues Leben mit sich. Die Nachfolge Jesu führt zu Veränderung. Unterschätzt wird dabei der in der Bibel häufig betonte Charakter der Sünde als Verblendung. In der Bibel ist Blindheit ein häufig verwendetes Bild im Zusammenhang der Sünde. Schon im Alten Testament heißt es, dass Bestechungsgeschenke blind für Unrecht machen (2Mo 23,8; 5Mo 16,19). Man kann blind sein für Gottes Reden und Handeln in der Geschichte (Jes 6,10; 29,9; 42,18f. u. ö.) „Du sahst wohl viel, aber du hast‘s nicht beachtet; deine Ohren waren offen, aber du hast nicht gehört.“ (Jes 42, 20)

Sünde ist eine Blindheit, die sich selbst nicht durchschaut. Im Alten Testament wird schon die Einsicht formuliert, dass wir in der Regel Sünde nicht unmittelbar erkennen: „Wer kann merken, wie oft er fehlet? Verzeihe mir die verborgenen Sünden!“ (Ps 19,13; vgl. Ps 90,8) Sünde ist für den Sünder unsichtbar. Sie ist das Wasser, in dem er lebt, die selbstverständliche Atmosphäre, die sein Denken immer schon durchdringt und bestimmt.
Sünde ist Blindheit, unvermutete Blindheit.

Darum ist es so fatal, wenn Christen vor allem danach streben, Sünde zu vermeiden und sich bloß keiner Schuld bewusst zu sein. Natürlich ist es mit dem christlichen Glauben unvereinbar, absichtlich und wissentlich zu sündigen. Wenn Paulus in der konkreten Auseinandersetzung mit den Korinthern sagt „Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst“ (1Kor 4,3), so muss man die Fortsetzung ganz ernst nehmen: „aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist‘s aber, der mich richtet. Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und das Trachten der Herzen offenbar machen wird.“ (1Kor 4,4-5) 

Die reformatorische Einsicht, dass Christen stets Gerechte und Sünder sind, hat nichts von ihrer Bedeutung verloren. Christen beten, wie Jesus sie gelehrt hat: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ (Mt 6,12) So beten wir gerade im Wissen, dass uns keine Sünde der Welt von Gott trennt, weil Christus der Welt Sünde getragen hat (Joh 1,29). Jeder Versuch, möglichst nichts falsch zu machen, nur nicht in Sünde geraten etc., unterschätzt die menschliche Fähigkeit zur Selbsttäuschung, die eigene Verführbarkeit und Verirrung nicht wahrhaben zu wollen. Darum ist das christliche Leben nicht vom Impuls geprägt, bloß nichts falsch zu machen – sondern das Richtige zu tun, in Liebe zu leben, in Wahrheit zu wandeln, nach der Gerechtigkeit zu streben und im Glauben zu wachsen. Überwindung der Sünde geschieht durch Wachstum in der Liebe.

Buchempfehlung

Thorsten Dietz: Sünde - Was Menschen heute von Gott trennt
Erschienen bei SCM R. Brockhaus
Preis: 16,95 €

Auf ein Wort: ... da ist Sünde

Autor: Pfarrer Steffen Kern, Vorsitzender der Apis
Lesedauer: ca. 2-3 Minuten

Liebe Apis, liebe Freunde,

wir feiern das Jubiläumsjahr der Reformation und hören in diesen Wochen viel von der reformatorischen Freiheit. In der Tat ist es die großartige Wiederentdeckung Martin Luthers und der Reformatoren, dass wir als Christen freie Menschen sind, weil Jesus Christus uns befreit. Durch seine Gnade leben wir. Darum feiern wir zu Recht diese Wiederentdeckung der Freiheit und beschreiben die Gemeinde Jesu Christi auch als „Kirche der Freiheit“. Diese Freiheit wird aber in vollem Maße nur erkannt, wenn wir zugleich sagen können, wovon wir befreit sind.

Mit dem Begriff der Sünde beschreibt die Bibel grundlegend, was uns gefangen hält und uns die Freiheit nimmt. Sünde ist viel mehr als ein Stückchen Schwarzwälder Kirschtorte zu viel, der eine oder andere Fehltritt oder ein schlagzeilenträchtiger Skandal. Sünde ist mehr als eine Tat oder Untat. Sünde beschreibt unser Wesen. Wir sind Sünder. Unser Herz ist von Jugend auf böse. Paulus hält zusammenfassend fest: „Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.“ (Röm 3,12b) Darum kommt es immer wieder entscheidend darauf an, dass uns Gott die Augen öffnet für diesen Zustand. Erst wenn uns unsere Sünde bewusst wird, können wir ermessen, was Gottes Gnade bedeutet. Erst dann können wir die Freiheit feiern, die uns Jesus Christus schenkt. Darum ist es gut und geboten, wenn wir im Blick auf uns immer wieder erkennen: Da ist Sünde. 

Da ist Freiheit!
Eine Gefahr hat aber die Sache mit der Sünde. Wir sollten sie nicht nur bei anderen, sondern zuerst bei uns selbst suchen. Nicht zufällig lehrt uns Jesus im Vaterunser beten: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Wir haben es nötig und brauchen es jeden Tag, dass Gott uns unsere Schuld vergibt, und zugleich bitten wir darum, dass wir anderen vergeben. Denn im Zustand der Sünde sind wir immer Täter und Opfer zugleich: Wir werden an anderen schuldig, aber auch andere werden an uns schuldig. 

Der verheerende Zusammenhang von Sünde und Tod kann nur durch Vergebung durchbrochen werden. Es ist darum entscheidend, dass wir das Evangelium als eine Botschaft der Freiheit begreifen: Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Wir dürfen als freie Menschen leben und auch anderen vergeben. Vergebung durchbricht den Teufelskreis der Sünde. Wo das geschieht, können wir mit großer Freude und Dankbarkeit feststellen: Da ist Freiheit. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen nicht nur für das Jubiläumsjahr 2017, sondern für Ihr ganzes Leben eine neue Freude am Evangelium.

Seien Sie herzlich gegrüßt

Ihr
Steffen Kern

"Lass uns über Sünde reden"

Ein Interview mit Andreas "Boppi" Boppart
Lesedauer: ca. 10 Minuten

Andreas „Boppi“ Boppart leitet Campus für Christus in der Schweiz und ist als gefragter Redner in ganz Europa unterwegs. Vor zwei Jahren veröffentlichte er ein bemerkenswertes Buch über Nachfolge mit dem Titel „Unfertig – Jesusnachfolge für Normalos“. Mit „The Four“ hat er die vier geistlichen Gesetze des Gründers von Campus für Christus aus den sechziger Jahren weiterentwickelt. Dort geht es auch um Sünde. Grund genug, sich zu einem Skype-Gespräch mit ihm zu verabreden.

„The Four“ ist eine Weiterentwicklung der vier geistlichen Gesetze. Dort wird u.a. auch die Trennung von Gott aufgrund der Sünde angesprochen an. Für manche wirkt das vielleicht platt. Welche Erfahrungen macht ihr damit?
Das ist eine Verdichtung des Evangeliums. Ich glaube, es ist ansteckend, wenn wir das Evangelium so vereinfacht weitergeben können. Solange wir selber eine Theologie hinter diesen vier Punkten haben, die größer, die weiter ist, ist es okay. Aber es hilft, Dinge auf den Punkt zu bringen: 1) In der Bibel geht es um einen Gott der Liebe. 2) Aber in unserem Leben gibt es eine Trennung, den Bruch von dieser Liebe, die Grundsünde. 3) Es gibt einen, der für dich gestorben ist. 4) Es geht darum, das wir uns entscheiden, uns in diese Liebe hineinzubewegen, Schritt für Schritt.
Diese Kampagne gibt es bereits in über 20 Ländern. Überall verstehen Menschen, worum es geht, fangen an, zu glauben oder auch nicht. Aber es hat eine Wirkung, wenn wir das Evangelium so weitergeben.

Das Interview als Video

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Dein Buch „Unfertig“ beschreibt ein Herzensanliegen von dir: Wir sind als Christen nie fertig, bemerken, dass Schuld in unserem Leben ist. Was hat dich bewogen, dieses Buch zu schreiben?

Der Schmerz über uns Christen, dass wir Maßstäbe zeichnen, die nicht lebbar sind. Wir ziehen alle über denselben Kamm. Wir sagen: Das sichtbare Sündige ist das Schlimmere als das andere. Eine gescheiterte Ehe ist etwas Schlimmes. Aber diese heimlichen Sachen werten wir weniger schlimm. Wir haben so eine Rangliste gemacht. Wenn z.B. die Sängerin der Lobpreisband hintenrum herumzickt, ist das nicht so schlimm, aber wenn eine Sünde sichtbar wird, z.B. in der Sexualität, dann stürzen wir uns drauf und verhalten uns nicht mehr wie die Schäfchen. Das ist doch irgendwo heuchlerisch und da war Jesus ganz scharf.
Das Hauptproblem sind nicht die moralischen Sünden sondern die grundsätzliche Trennung von Gott, aus der all die anderen Sünden kommen. Darum gilt es für jeden immer wieder persönlich darüber nachzudenken: Wo lebe ich nicht in der nahen Verbindung mit Gott? Wenn er alles für mich getan hat, was hat das dann für Konsequenzen für mich?)

Wo entdeckst du in deinem Leben, dass da so etwas wie Sünde ist und du Vergebung benötigst?
Ich entdecke es ständig, wenn ich meinen Gedanken zuhöre. Wie ich über Menschen denke, wie ich mich ärgere, wie ich mich überheblich auslasse, da merke ich: Da ist Sünde. Oder wenn ich mit meiner Frau oder meinen Kindern, die ich über alles liebe und mich trotzdem lieblos verhalte, da kommt mein unfertiges Wesen heraus. Und da stehen wir in der Gefahr, dass wir uns selbst kasteien. Das ist das Menschliche – keine Erklärung oder Entschuldigung. Aber das wirklich schlimme daran ist, dass wir nach außen hin nicht darüber reden. Wir bauen ein falsches Bild über uns selber auf und andere kriegen die Krise, weil sie denken, ich kriege alles auf die Reihe. Das gilt auch für unsere Gemeinden. Wir sind von Gott geheiligt, aber sind eben als Unfertige geheiligt. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns selber und den anderen nichts vorspielen. Wir sind scheinheilig sein, aber das befreit keine Menschen.

Wie kann es gelingen, dass wir dieses falsche Bild von uns, das wir gerne aufbauen, auch in unseren Gemeinden, aufbrechen, offener werden?
Es braucht eine Transformation hin zur Ehrlichkeit. Es fängt damit an, dass wir nicht nur Wahrheit predigen sondern ehrlich werden und sagen, was schief läuft. Wir müssen großzügig sein mit dem Versagen anderer. Wir müssen miteinander ins Gespräch kommen, es muss ein Thema werden.

Du bist als Verkündiger viel unterwegs und sprichst auch über Sünde. Dieses Thema ist nicht populär, weil es den Menschen an die eigene Grenze führt. Wie kann man in der Verkündigung liebevoll und klar darüber sprechen?
Viele Menschen verstehen das Wort Sünde nicht. Aber wenn man ihnen erklärt, was die Folge davon ist, haben sie ein Aha-Erlebnis. Sie erleben, wie Beziehungen zerbrechen, wie man mit der eigenen Identität Probleme hat, man beutet die Schöpfung aus, lebt getrennt von Gott. Wenn die Menschen verstehen, dass das die Folge eigener Sünde und einer von Gott entfernten Welt ist, dann gibt es für viele Menschen so ein Aha-Erlebnis: Da könnte was wiederhergestellt werden, wenn ich mich in die Beziehung zu Gott hineinbewege.

Und wie spricht man im persönlichen Umfeld Sünde direkt an?
Das ist heikel. Aber wenn wir unser Leben von dem Grundproblem der Sünde her verstehen, macht es uns das leichter, mit den Unfertigkeiten anderer umzugehen.

Wäre es nicht viel einfacher, wenn wir uns als Christen darauf einigen, hemmungslos zu sündigen, weil wir wissen, dass Jesus uns vergibt und alles ist okay?
Im Prinzip ein nettes Konzept, das so nur nicht aufgeht. Das eine ist, dass wir wirklich lernen dürfen, dass wir in, aus und durch die Vergebung leben dürfen. Uns ist bereits vergeben. Das ist sehr befreiend. Gleichzeitig gibt es den Prozess der Heiligung. Wir müssen zulassen, dass Gott uns verändert und wir merken, das passt nicht zu dem, was ich mit Jesus leben möchte.

Paulus schreibt im Korinther-Brief, dass uns alles erlaubt ist aber nicht alles zum Guten dient. Was ist für dich so ein Maßstab für dein Handeln im Alltag?
Ich versuche in der Bibel meinen Maßstab zu finden. Vermutlich hat da auch jeder seinen eigenen Maßstab. Ich versuche mich immer zu fragen: Was dient dem Leben? Oder führt es mich in Beklemmung? Sorgt es für schlechte Stimmung, Gedanken oder Gefühle? Ich glaube, wir dürfen da lernen und ganz auf das Reden und Wirken Gottes in unserem Leben vertrauen.

Die Beziehung zu Jesus zu suchen, zu stärken ist also ein Geheimnis?
Ja. Das ist eine sehr persönliche Geschichte. Wir sollen so leben, dass Gott Freude daran hat. Dieses Bild liebe ich. Ich frage mich immer wieder in meinem Leben: Wenn ich das jetzt tue: Hat Gott Freude daran? Und dann gibt es Dinge, wo ich merke: Da hat Gott jetzt keine Freude, auch wenn ich vielleicht Freude daran hätte.

Du schreibst in deinem Buch von einer Veränderung in der Nachfolge. Früher war klar, wie Nachfolge aussieht, was man als Christ tut. Heute leben viele Christen Nachfolge sehr freiheitsbetont und individuell. Was können die verschiedenen Generationen voneinander lernen?
Das ist in der Tat eine Spannung. Dieses Schwarz-Weiß-Denken, also das scheinbare Wissen, was richtig und falsch ist, will die heutige Generation häufig nicht mehr. Sie hat Gnade und Vergebung neu entdeckt und betont deshalb die Freiheit. Ich glaube, es braucht für gelingendes Leben ein Gleichgewicht aus gesundem Gehorsam und gesunder Freiheit.
Wenn wir die Freiheit wegnehmen, fällt der Gehorsam in eine Gesetzlichkeit hinein. Wenn wir den Gehorsam wegnehmen, wird die Freiheit zu einem reinen Lusttrieb. Beides für sich führt zu einem einseitigen Glauben. Beides miteinander gibt unserem Glauben eine gesunde Dynamik.
Das Wort Gottes ist ein Maßstab. Das müssen wir lesen, um zu verstehen, was für uns persönlich gilt.

Warum sollte man dein Buch „unfertig“ lesen?
Viele Nachfolgebücher waren für mich irgendwie nicht lebbar. Ich hab das, was drin stand, nie hinbekommen. Es war für mich unglaublich befreiend zu verstehen, dass wir unfertig sind und dass wir so bleiben bis in den Himmel rein. Und gleichzeitig möchte ich nicht dabei stehen bleiben. Es fordert mich heraus, mit meiner Unfertigkeit Jesus nachzufolgen. Wo sind meine Möglichkeiten? Wo sind die Herausforderungen, denen ich mich stelle, um Glauben zu wachsen. Das ist spannungsgeladen-abenteuerlich.  

Danke für das Gespräch!

Oktober 2017: Luther, fertig, los!

Die Reformation geht weiter
Mo, 2. Oktober 2017: "Entdecke die Freiheit: Jesus!" (Steffen Kern)
Mo, 9. Oktober 2017: Luther, fertig, los! Die Reformation geht weiter (Steffen Kern)
Mo, 16. Oktober 2017: Zurück auf Los! Die Apis vor neuen Herausforderungen (Steffen Kern)
Mo, 23. Oktober 2017: Martin Luthers Freundebuch (Sebastian Schmauder)

Luthers Freundebuch

Autor: Pfarrer Sebastian Schmauder, Holzelfingen
Gestaltung: Joachim Haußmann, Stuttgart

Martin Luthers Schriften, Briefe, Sermone, Predigten sind alle fein säuberlich editiert herausgegeben. Einzig sein Freundebuch ist bislang noch nicht aufgetaucht.
Wer durfte da hineinschreiben? Und was haben sie hineingeschrieben?
Hier ein kleiner Rekonstruktionsversuch…

Zurück auf Los!
Wir Apis vor neuen Herausforderungen

Autor: Steffen Kern, Journalist und Pfarrer
Vorsitzender der Apis, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 7-9 Minuten

Das Signal zum Aufbruch gilt allen Christen, jeder Gemeinde und Gemeinschaft. Eigentlich heißt es: „Jesus, fertig, los!“ – So war das an Pfingsten nach Passion und Ostern. Jesus, der Gekreuzigte, ist auferstanden und zum Himmel aufgefahren. Jetzt war die Geschichte aber nicht zu Ende, sondern sie begann. Jetzt ging es los: Pfingsten, der Anfang der Kirche, ist der Startpunkt, an den wir immer wieder zurückkehren und von dem wir neu aufbrechen. So ähnlich, auch wenn der Vergleich hinkt, wie bei einem Monopoly-Spiel: Es geht „zurück auf Los“! – Das gilt auch für uns als Apis. Wir sind ein Verband im Wandel. Auch Gemeinschaften sind wie die Kirche „semper reformanda“, stetig zu reformieren. Vieles führen wir weiter, manches beenden wir, anderes fangen wir neu an. Entscheidend ist, dass wir wie den Aufbruch wagen. Unser Zukunftsprozess „Apis 2025“ hat ja auch längst begonnen.

Lust auf Bibel: Ideen von Bibelbewegern gefragt

Ohne Bibelbezug keine Gottesbeziehung! Das ist völlig klar. Wir brauchen neue Formen des gemeinsamen Bibellesens. Wir Apis sind und bleiben Bibelbeweger. So wertvoll die alten Stunden sind, die wir natürlich erhalten und pflegen wollen, so entscheidend ist es, dass wir neue Formen finden, die für die Menschen unserer Zeit passen. Wir brauchen viele Formen des gemeinsamen Bibellesens, weil wir verschiedene Lebensformen haben. Ich staune, wie kreativ hier überall im Land probiert und experimentiert wird, und ich kann nur Mut machen, das weiter zu tun. Dafür brauchen wir auch neue Medien, neue Bibellesehilfen, gerade auch für Menschen, die zum ersten Mal zu einer Bibel greifen.
An dieser Stelle bleiben wir weiter dran: unser Magazin „Gemeinschaft“, unsere neue Website und neue geplante Publikationen sollten hier Impulse geben. Aber viel wichtiger sind die Ideen, die bei Ihnen und Euch vor Ort geschehen.

  • Wie bewegt Sie die Bibel?
  • Wie lesen Sie sie mit anderen zusammen?
  • Was gelingt, was scheitert?
  • Was haben Sie vor?

Schicken Sie uns doch Ihre Ideen! Auch Ihre Fragen, offenen Punkte...
Sie können Sie direkt auf unserer Website eingeben

Eines noch: Beim Teilen der Bibel mit anderen kommt es auch auf unsere Haltung an. Wir dürfen nicht als Besserwisser mit der Bibel in der Hand auftreten, sondern als Menschen, die Lust haben, das Wort Gottes zu hören, Neues zu entdecken und Gott durch die Bibel zu begegnen. Die Lust an der Bibel zu wecken, wie sie Psalm 1 beschreibt, geht allerdings nur, wenn wir sie selbst neu empfinden.

Heimatgeber gesucht: Liebe, die sich öffnet

Eine Gemeinschaft war die Kirche schon immer. Aber was heißt das in Zeiten des Individualismus? Wie leben wir Gemeinschaft im Zeitalter der Singles? Wir finden wir zusammen, wenn die Lebenswege immer unterschiedlicher aussehen? – Sicher ist: Neue Gemeinschaftsformen sind nötig. Das war eine Stärke des Pietismus, die wir neu (!) entdecken müssen: die „Gemeinschaftspflege“. Wir brauchen Christen, die ihre Häuser öffnen. Wir brauchen christliche Familien, die an ihren Tisch einladen. Wir brauchen gläubige Menschen, die ihr Leben mit denen teilen, die nicht wissen, was Gemeinschaft bedeutet. Gemeindeaufbau endet nicht an unserer Haustür. Der Rückzug ins Private ist keine geistliche Bewegung. Wir alle sind hier persönlich gefordert.

Als Apis wissen wir um diese Verantwortung. Gemeinschaft ist unser Markenzeichen. Wir wollen Heimatgeber sein, damit Menschen ein Zuhause finden. Die Prägekraft des Pietismus in Kirche und Land hinein, ja seine gesamte Existenz hängt entscheidend davon ab, ob es ihm gelingt, neue Formen der Gemeinschaft zu finden, die postmoderne Individualisten erreicht und einbindet. Sonst bleiben wir unter uns. Es kommt darauf an, dass wir im besten Sinne des Wortes zu Zeitgenossen werden, die die Ewigkeit im Herzen tragen. Die Menschen unserer Zeit sehnen sich nach Orientierung und Beziehung. Wir als Apis und als Kirche sind ihnen genau das schuldig.

Als Hoffnungsträger gesandt: Mut zu neuen Wegen

Darin bündelt sich alles. Als Christen wollen wir jeden Menschen mit den Augen des Vaters im Himmel sehen. Mit seinen Gaben, Möglichkeiten und Chancen. Ja, wir sind alle Sünder, aber wir bleiben geliebte Geschöpfe Gottes. Und weil es Vergebung gibt und ein Neuanfang für jeden möglich ist, gibt es bei Gott keine hoffnungslosen Fälle. Wir sehen darum jeden Menschen mit den Augen der Hoffnung. Wir sehen unser Land nicht als verlorenes Land, sondern als ein Hoffnungsland. Wir geben niemanden auf, keinen Menschen, unsere Kirche nicht, auch unsere Gesellschaft nicht – denn wir brechen auf in das Land der Verheißung. Darum ist es entscheidend, dass wir den alten Auftrag zu Diakonie und Evangelisation neu hören. Zu wem sendet uns Gott? Welche Menschen legt er uns aufs Herz? Für wen sollen wir Hoffnungsträger sein? – Beten wir hier um Klarheit! In dem Maße, wie diese reift, werden wir bereit, uns auf neue Wege zu wagen. Auch ganz wagemutig auf ganz neue Wege.

Und ehrlich gesagt: Nichts braucht unser Land mehr als wagemutige Jesus-Leute, die aufbrechen und losgehen.

Luther, fertig los! Die Reformation geht weiter

Autor: Steffen Kern, Journalist und Pfarrer
Vorsitzender der Apis, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 12-15 Minuten

Es sind Hammerschläge, die 500 Jahre später noch nachhallen: Ein Mönch aus Wittenberg schlägt 95 Leitsätze an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Geschehen am 31. Oktober 2017. Diese Schläge erschüttern die Welt. Und ganz gleich ob der junge Professor wirklich selbst den Hammer geschwungen hat: Nichts ist danach so, wie es vorher war. Die Kirche verändert sich radikal. Politik und Gesellschaft werden auf den Kopf gestellt. Schriften und Bücher werden gedruckt, vor allem aber die Bibel. Die Welt scheint sich fortan in eine andere Richtung zu drehen. Die Bedeutung der Reformation kann kaum überschätzt werden. Zugleich ist deutlich: Die Reformation ist kein abgeschlossenes Ereignis der Geschichte. „Ecclesia semper reformanda“, heißt es: Die Kirche ist ständig zu reformieren. Das ist 500 Jahre später so aktuell wie selten zuvor.

Die „Pleite des Jahres“?

So einfach ist das nicht mit dem Feiern der Reformation: Die unzähligen Feste, Empfänge, Ausstellungen und Events zum großen Jubiläum sind EKD-weit zumindest teilweise gefloppt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte Mitte Juli 2017 sogar: „Luther ist die Pleite des Jahres“ und verweist auf die immensen Kosten und die zugleich sehr ernüchternden Besucherzahlen sowohl beim Kirchentag und dessen Abschlussgottesdienst, den sogenannten „Kirchentagen auf dem Weg“ und der Weltausstellung in Wittenberg. Daneben stehen aber die vielen Initiativen in Gemeinden und Gemeinschaften. Vielleicht lässt sich eine Zwischenbilanz so formulieren: Je basisnäher das Fest der Reformation gefeiert wird und je näher an ihren Inhalten, desto wirkungsvoller ist es. Für viele wird der Gottesdienst in ihrer Gemeinde am bundesweiten Feiertag, dem 31. Oktober 2017, denn auch der eigentliche Höhepunkt sein. Entscheidend ist, dass wir die großen Entdeckungen der Reformation neu ins Zentrum rücken. Denn das sind die einzigen Quellen, durch die die Kirche erneuert wird. Das sehen wir, wenn wir die wesentlichen Errungenschaften der Reformation und des Pietismus in Erinnerung rufen. Von dort fällt ein Licht auf die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen.

Die Entdeckung „des Jahrtausends“

Was ist eigentlich reformatorisch? – Martin Luther selbst antwortet darauf in einer kleinen Notiz, die er 1522 an den Rand seiner Bibel schreibt. Neben einen Vers im Römerbrief notiert er: „Merke: dies ist das Hauptstück und die Mitte dieser Epistel und der ganzen Schrift!“ Damit verweist er auf Römer 3,28: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ Das ist die reformatorische Entdeckung. Nicht was ich leiste und bezahle, was ich mir erarbeite und verdiene, nicht Ablass und Gesetzestreue, sondern allein Gottes Erbarmen macht mich gerecht. Es ist die größte Entdeckung des zweiten Jahrtausends nach Christus, ja der Geschichte überhaupt. Die vier so genannten „Soli“ markieren deshalb am besten das Herzstück der Reformation: solus Christus, sola gratia, solo verbo/sola scriptura, sola fide. Zu deutsch: Allein Jesus Christus schenkt uns das Heil in Zeit und Ewigkeit. Allein aus Gnade werden wir vor Gott gerecht. Allein durch sein Wort werden wir frei gesprochen und hören Gottes Weisung für unser Leben. Allein durch den Glauben an ihn sind wir gerettet. – Selten waren diese vier Grundsätze so aktuell und umstritten wie heute, und zwar diesseits und jenseits kirchlicher Grenzen.

1) Allein Jesus Christus

Diese Einsicht ist alles andere als selbstverständlich. In Gesellschaft und Kirche neigen manche dazu, die Christologie und die Soteriologie, also die Lehren von Jesus Christus und der Erlösung durch ihn, in die zweite oder dritte Reihe zu schieben. Dass Jesus Christus für uns gestorben ist, die Sünde der Welt getragen und unsere Schuld gesühnt hat, dass er nach drei Tagen leiblich auferstanden ist, wird allzu oft in Zweifel gezogen. Ebenso wird angezweifelt, dass er, von einer Jungfrau geboren, der Sohn Gottes ist. Und das erst recht angesichts dessen, dass wir mit Menschen anderen Glaubens zusammen leben. Dass wir mit ihnen den Frieden suchen, gute Nachbarschaft leben und alles tun, um Fremdenhass, politische Feindseligkeiten bis hin zu Gewalt und Terror zu überwinden, ist uns aufgetragen. Aber auch das Gespräch über Religionsgrenzen hinweg löst unser zentrales Bekenntnis nicht auf: Allein in Jesus Christus finden wir das Leben. – Diese Wahrheit trägt uns, und diese Wahrheit bringen wir ins Gespräch ein: Jesus Christus ist der einzige Trost im Leben und im Sterben. Das sagen wir, wohlwissend dass unser Gegenüber einen anderen Glauben hat und anderes für wahr hält. Die größte Herausforderung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird darin bestehen, dass wir Christen unser Christuszeugnis klar und eindeutig, werbend und einmütig, liebevoll und einladend weiter geben.

2) Allein aus Gnade

Gott wendet sich uns zu. Er ist uns buchstäblich zugeneigt. Seine Barmherzigkeit kennt keine Grenze: Kein Graben ist zu tief, keine Mauer zu hoch, keine Schuld zu groß, dass er sie nicht überwinden würde. Gottes Liebe lässt uns leben. Allein seine Gnade genügt. Martin Luther führt aus, was Gottes Liebe von menschlicher Liebe unterscheidet: „Die Liebe Gottes findet das für sie Liebenswerte nicht vor, sondern erschafft es.“ Was für ein Wunder: Gott sieht in mir nicht den Sünder, den Heuchler oder den Lügner, sondern sein geliebtes Kind. Dass mich mein Vater im Himmel so ansieht – das allein gibt mir Ansehen. So sehr wir, wie Luther in seiner erste These entfaltet, zu täglicher Buße aufgefordert und verpflichtet sind, so klar ist: Aus Gnade werden wir selig, nicht aus uns. Alles ist Gottes Gabe (vgl. Eph 2,8). „Barmherzig, geduldig und gnädig ist der Herr.“ Das ist das Wesen Gottes, das in Jesus Christus ein Gesicht und einen Namen findet. Nicht zufällig, sondern zwingend. Der Schöpfer muss uns in Gestalt eines Geschöpfes nahekommen, weil Gott gnädig ist. Nichts können wir dazu tun, auch nicht ein bisschen. Er spricht uns gerecht.

3) Allein durch das Wort

Es ist geheimnisvoll und wunderbar, es ist nicht zu erklären – und geschieht doch immer wieder: Gott redet. Ein Mensch hört und wagt es, diesem Wort zu vertrauen. Das heißt glauben. Alles beginnt und wird erhalten durch Gottes Reden. Darum lesen wir in der Bibel. Darum predigen wir aus der Bibel. Darum verlassen wir uns auf diese Schrift. Denn sie wird lebendig. Gottes Geist wirkt das Wunder. Seit zweitausend Jahren werden Menschen durch diese Worte angesprochen und verändert. Darum ist die Bibel einzigartig: Gott zeigt sich in diesen Schriften. Was er für uns getan hat und wer er für uns ist, wird offenbar. Das Entscheidende dabei: Wir werden persönlich angesprochen und freigesprochen. Es ist wie bei der Schöpfung: Gott spricht und es ist da. Wie bei Lazarus: Jesus ruft ihn und er erwacht zum Leben. Wie Paulus es schreibt: Ein neuer Mensch sind wir. Was wir hören, wenn Gott redet, ist sein Urteil über uns: ein Freispruch um Jesu Christi willen. Der alte Mensch wird getötet, der neue geschaffen. Wir haben das Evangelium nicht wie einen Besitz in der Hand, aber wir hören und empfangen es immer wieder neu. So, nur so wird uns der Himmel gewiss.

4) Allein durch den Glauben

Der Glaube kommt aus dem Hören. Aus eben diesem Hören! Gottes Wort und Glaube gehören zusammen, sagt Luther. Und der Theologe Eberhard Jüngel formuliert treffend: „Allein der Glaube lässt Gott Gott sein.“ So werden wir in das Geschehen, das Gott allein tut, einbezogen. Jesus sagt am Kreuz Ja zu uns; im Glauben sagen wir Ja zu ihm. Jesus sagt in Taufe und Abendmahl, dass wir ganz zu ihm gehören; im Glauben sagen wir unser Ja dazu. Jesus sagt: „Dir sind deine Sünden vergeben“; im Glauben sagen wir: „Amen. Ja, so soll es sein.“ Glauben heißt nicht mehr, als Gottes Wort gelten zu lassen. Gott nicht zu widersprechen, sondern sein Wort in mein Herz und mein ganzes Leben klingen zu lassen. Das Bekenntnis unseres Glaubens ist nichts anderes als das Echo von Gottes Wort in unserem Leben. Das hat Folgen. Denn dieses Wort verändert uns. Darum hat der Glaube Früchte wie ein guter Baum. Ein solches Menschenleben wird gesegnet und zum Segen für andere.

Der Schlüssel aller Aufbrüche

Das Evangelium von der Gnade Gottes und der Rechtfertigung des Sünders ist darum die einzigartige Kraft Gottes, die dazu angetan ist, verlorene Menschen zu retten und heil zu machen, die Welt aus den Angeln zu heben und uns den Himmel zu öffnen. Darin liegt das Erneuerungspotential der Kirche. Das ist die Kraft aller Aufbrüche. Das hat Verheißung. Nichts anderes und niemand sonst. Alle Versuche, das Reich Gottes mit Geld und Gut oder Strategie und Struktur zu schaffen, scheitern. All das braucht es auch, aber das Eigentliche bleibt die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus.

Die Welt aus den Angeln gehoben ...

Die Reformation hat wirklich die Welt aus den Angeln gehoben. Martin Luther hat die Bibel ins Deutsche übersetzt, 1522 das Neue, 1534 das Alte Testament. Jeder Mensch sollte die Bibel in seiner Sprache hören, lesen und verstehen können. Kirchenlieder wurden auf Deutsch geschrieben, der Gottesdienst in deutscher Sprache gefeiert. Außerdem sollte jeder wissen, woran wir als Christen glauben, darum wurden Katechismen herausgegeben. Die Reformation wurde zu einer Glaubens- und Bildungsbewegung des Volkes. Schulen wurden gegründet. Das Priestertum aller Glaubenden wurde festgehalten: Es braucht außer Jesus Christus keinen amtlichen Papst oder Priester mehr – wir alle können füreinander Priester werden und uns das Evangelium gegenseitig zusagen. Die Zahl der Sakramente wurde auf die beiden „Wortzeichen“ (Brenz) begrenzt, die Jesus auch tatsächlich selbst eingesetzt hat und durch die er uns nahe ist: Taufe und Abendmahl.

... und den Himmel geöffnet

So wuchs eine neue Gewissheit des Glaubens. Vorher konnte man sich seines Heils nie sicher sein. Das Christentum des frühen Mittelalters war zumindest in weiten Teilen zu einer trostlosen Angelegenheit geworden, durch den regen Ablasshandel zumal. Wer konnte schon sagen, wie viele Jahre im Fegefeuer einem wirklich verblieben, ob man genug für Gott getan habe und ob man fromm genug war? – Trost und Gewissheit wachsen immer dann, wenn wir auf Jesus Christus sehen. Die Reformation hat diesen Blick wieder frei gemacht. – Natürlich hatte auch die Reformation Schattenseiten. Die Bauernkriege, Luthers elende Schriften über die Juden oder die zunehmenden konfessionellen Streitigkeiten – all das zeigt, dass wir auch nach der Reformation jenseits von Eden leben. Eben darum gilt es, die Hammerschläge aus Wittenberg immer wieder als Startsignal zu hören, um zum Wesentlichen aufzubrechen. Das haben viele seither getan, und das steht auch heute an.

Pietismus: „Reformation 2.0“

Der Pietismus ist so eine Art „Reformation 2.0“. Ein Aufbruch, der neu ernst gemacht hat mit der Einsicht: Die Reformation geht weiter. So wurde das „Priestertum aller Glaubenden“ viel konsequenter gelebt. Nicht nur Pfarrer, sondern auch Laien, Christenmenschen „wie du und ich“, durften das Evangelium weiter sagen – damals alles andere als selbstverständlich. So entstanden besonders in Württemberg die „Brüdertische“, eine revolutionäre Neuerung. Während die Predigten von den Kanzeln allzu gelehrt und zunehmend alltagsfern wurden, brachten diese Brüder Bibel und alltägliches Leben zusammen. Der Glaube sollte doch mit dem Leben etwas zu tun haben. So trafen sich die Menschen in kleinen Gruppen, Konventikel oder später „Stunden“ genannt. Überall entstanden solche Treffen und Versammlungen. Eine Bewegung, die das ganze Land erfasste. Martin Luther hatte diese besondere Form des Gottesdienstes bereits im Blick. In seiner Vorrede zur Deutschen Messe schrieb er von Treffen derer, „die mit Ernst Christen sein wollen“. Rund 150 Jahre später wurden solche Versammlungen von Philipp Jakob Spener in Frankfurt, Dresden und Berlin begründet und gehalten. August Hermann Francke gründete Schulen, Waisenhäuser und Bildungseinrichtungen in Halle, Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf wurde zu einem Pionier der Weltmission, der Württemberger Johann Albrecht Bengel revolutionierte die Textforschung in der Bibelwissenschaft ... Viele und vieles andere ließe sich nennen.

Auf der Höhe der Zeit

Pietisten waren Menschen, die das Evangelium ernst genommen haben. Natürlich gilt auch hier wie bei der Reformation: Es gab Schattenseiten, große sogar. Manche verwechselten das Evangelium mit Gesetzlichkeit, andere mit Freizügigkeit. Manche wollten das Reich Gottes mit Gewalt schaffen, andere gerieten ins Schwärmen und verloren den Bodenkontakt zu dieser Welt. Und doch, der Pietismus als ganzer zeigt: Die Reformation geht weiter. Menschen haben sich das Evangelium immer wieder zu Herzen und in die Hände und Beine gehen lassen. Sie waren Berührte, Erweckte, Aufgewachte. Sie hatten klar vor Augen, wer Jesus für sie ist, und zugleich hatten sie einen Blick für diese Welt. Sie hörten seinen Auftrag. Sie ließen sich senden. Sie gingen neue Wege in seinem Namen zu den Menschen ihrer Zeit. Sie hatten ihr Ohr am Puls der Ewigkeit und waren gerade deshalb auf der Höhe der Zeit.

„Christus-optimistisch“ gegen Kirchenuntergangs-Propheten

All das sind nicht nur Bewegungen der Geschichte. Die Reformation zu feiern, heißt eben nicht nur, sich die Anekdoten der Vergangenheit zu erzählen, das Historische zu inszenieren und sich im Glanz vergangener Tage zu sonnen. All das darf sein, ja ist sogar unverzichtbar. Wir müssen wissen, wo wir herkommen. Und nur wer die Geschichte studiert, gewinnt eine Vision für die Zukunft. Das Entscheidende aber ist: Dass wir heute Gottes Wort hören, dass wir uns heute senden lassen und heute im Namen unseres Gottes Neues wagen. Entscheidend ist, dass wir zurück zu den Wurzeln gehen, nicht nur sehen. Jede Erneuerung der Kirche wird nur durch eine Rückbesinnung auf Jesus und sein Wort, nur durch eine solche Umkehr geschehen. Sie bleibt unverfügbar, aber das Wunder ist: Sie bleibt auch verheißen. Mit Philipp Jakob Spener will ich darum allen Kulturpessimisten und Kirchenuntergangspropheten trotzen, die doch eine stete Konjunktur zu haben scheinen, und „Christus-optimistisch“ festhalten: „Wir haben nicht zu zweifeln, dass Gott einen besseren Zustand seiner Kirche hier auf Erden versprochen hat.“

Auf ein Wort: "Entdecke die Freiheit: Jesus!"

Autor: Pfarrer Steffen Kern, Vorsitzender der Apis
Lesedauer: ca. 2-3 Minuten

Liebe Apis, liebe Freunde,

es wird ein historisches Ereignis. Zumindest was das Datum angeht steht das heute schon fest. Die große Konferenz zum Reformationsjubiläum findet in diesem Jahr nicht am 1. November statt so wie die vielen Konferenzen in Jahren und Jahrzehnten zuvor, sondern erstmals am Sonntag, den 5. November 2017. Der letzte Tag der Herbstferien ist der große Festtag, an dem vier Gemeinschaftsverbände in Württemberg gemeinsam ein großes Fest in der Porsche-Arena feiern. Ganz herzlich laden wir Sie heute schon zu diesem besonderen Ereignis ein. Streichen Sie sich darum den 5. November dick im Kalender an!

Freiheit: Schlüsselbegriff der Reformation
Der Liebenzeller und der Süddeutsche Gemeinschaftsverband sowie der Christusbund und wir Apis haben das Thema für diesen Tag gewählt: „Entdecke die Freiheit: Jesus!“ Freiheit ist der Schlüsselbegriff der Reformation. Luthers vielleicht bekannteste Schrift handelt „von der Freiheit  eines  Christenmenschen“. Sie beschreibt die Freiheit von Sünde, Tod und Verhängnis und die Freiheit zu einem Dienst der Liebe zu den Menschen und der Hoffnung für diese Welt. Selten wurde Luthers berühmter Doppelsatz so häufig zitiert wie in diesem Jubiläumsjahr: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Aber genau in dieser Spannung leben wir als Christen unsere Berufung. Von Jesus befreit und gesandt zum Dienst in dieser Welt. Es kommt darauf an, dass wir diese Freiheit in Jesus Christus neu entdecken.

Am 5. November werden wir das Evangelium neu hören, wir werden Gott zur Ehre singen und einen Tag der Gemeinschaft erleben. Laden Sie viele zu diesem einzigartigen Fest ein. Es ist eine Premiere, dass wir als Gemeinschaftsverbände so einen Tag gemeinsam gestalten, und ich bin überzeugt davon, dass dieser Tag zum Segen für uns alle werden kann.

Ihnen persönlich wünsche ich von Herzen, dass Sie die Freiheit in Jesus Christus heute erleben, wenn Sie diese Zeilen lesen. Denn es gilt: Zur Freiheit hat uns Christus befreit!

Seien Sie freundlich gegrüßt
Ihr Steffen Kern, Vorsitzender der Apis

August/September 2017: Nichts tun

Mo, 7. August 2017: Immer mit der Ruhe (Steffen Kern)
Mo, 21. August 2017: Rhythmus im Blut - zwischen Müssen und Muße (Joachim Klein)
Mo, 4. September 2017: Gottesdienst - Auszeit für die Seele? (Dorothee Gabler)
Mo, 18. September 2017: Ein "Stiller im Lande" und seine "Stille Zeit" (Dr. Thomas Baumann)

Ein "Stiller im Lande" und seine "Stille Zeit"

Autor: Dr. Thomas Baumann, Historiker und Germanist
Schwanau
Lesedauer: ca. 5-7 Minuten

Gerhard Tersteegen und das Gebet

Du durchdringest alles;
lass dein schönstes Lichte,
Herr, berühren mein Gesichte.
Wie die zarten Blumen
willig sich entfalten
und der Sonne stille halten,
lass mich so
still und froh
deine Strahlen fassen
und dich wirken lassen.

Diese Strophe aus seinem bekanntesten Lied „Gott ist gegenwärtig“ beschreibt sehr schön ein zentrales Thema in Leben und Glauben Gerhard Tersteegens (1697-1769): In der Gegenwart Gottes blüht der Mensch erst auf.

So wie die zarte Blume sich der Sonne zuwendet, damit diese durch ihre Strahlen den Wandlungsprozess der Photosynthese in Gang setzt, der Lichtenergie in chemische Energie umwandelt und Leben ermöglicht, so will ich mich Jesus zuwenden, ihn anschauen, mich dem lebendigen Gott hinhalten, damit er in mir wirken, mein Wesen verändern kann, sodass es dem Wesen Jesu ähnlicher wird. Es ist interessant, wie Tersteegen, als Arzneikundler und großer Kenner der Heilpflanzen, hier eine naturwissenschaftliche Beobachtung auf eine sehr poetische Weise als Bild für eine geistliche Realität nutzt. Indem wir Jesus anschauen, werden wir durch den Heiligen Geist verwandelt in sein Bild, sagt Paulus der Gemeinde in Korinth (2Kor 3,18).

Das braucht Stille. Das braucht Zeit. Das, was dann später mit dem Fachausdruck „Stille Zeit“ für eine persönliche Zeit mit Gott bezeichnet wurde, ist ja oft sehr ausgefüllt mit Bibellektüre, Gebet, dem Lesen geistlicher Impulse aus Kalendern und Andachtsbüchern und dagegen ist natürlich überhaupt nichts einzuwenden. Aber manchmal fehlt dabei, wenn wir ehrlich sind, die Stille und die Zeit. Tersteegen war auch ein großer Leser und Fürbitter. Aber er hat sehr großen Wert darauf gelegt, sich immer wieder Zeiten der Stille nur mit dem lebendigen Gott allein zu nehmen, um in der Gegenwart Gottes aufzutanken, neue Kraft zu schöpfen, korrigiert zu werden, Weisung für Entscheidungen zu empfangen, verwandelt zu werden.

Leben in Gottes Gegenwart

Tersteegen hatte das selbst auch erst lernen müssen, geholfen haben ihm dabei die Schriften der Mystiker, die er las und von denen er einige ins Deutsche übersetzte, darunter auch einige des lothringischen Karmeliterbruders „Lorenz von der Auferstehung“. Bruder Lorenz sagte einmal: „Wir müssen danach trachten, uns in der Gegenwart Gottes festzumachen, und uns mit ihm in einem ununterbrochenen Gespräch befinden.“ Dieser Gedanke geht über das hinaus, was wir gewöhnlich unter „Stiller Zeit“ als Zeit mit Gott verstehen und weist darauf hin, dass unser ganzes Leben in Gottes Gegenwart gelebt werden soll und kann. Bruder Lorenz sah gerade in den praktischen Aufgaben des Alltags eine Gelegenheit, mit Gott verbunden zu sein: „Man darf nicht müde werden oder gar aufhören, etwas Geringes aus Liebe zu Gott zu tun, der nicht die Größe des Werks ansieht, sondern die Liebe, aus der es kommt.“ Und so strebt auch Gerhard Tersteegen danach, immer mit Gott in Verbindung zu stehen. „Beten ist, den allgegenwärtigen Gott ansehen und sich von ihm besehen zu lassen“, schreibt er einmal in einem Brief.

Mache mich einfältig,
innig, abgeschieden,
sanft und still in deinem Frieden;
mach mich reinen Herzens,
dass ich deine Klarheit
schauen mag in Geist und Wahrheit;
lass mein Herz
überwärts
wie ein Adler schweben
und in dir nur leben.

Es dauerte eine Weile, bis ich Gerhard Tersteegen entdeckte; um ehrlich zu sein, war er mir bis vor wenigen Jahren zu „innig abgeschieden“, zu weltflüchtig. Je mehr ich jedoch spüre, wie gut mir stille Zeiten der Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott tun, damit ich „in der Welt“ fröhlich und gelassen mein Tagewerk tun kann, desto mehr schätze ich die Gedanken dieses Bruders aus dem 18. Jahrhundert. Wenn mein Herz im Licht Gottes hell und rein geworden ist, von seinem Frieden erfüllt, dann bin ich mir meiner Identität als Kind Gottes bewusst und kann den Menschen, mit denen ich zu tun habe, frei und freundlich und offen begegnen, mein Herz schwebt wie ein Adler über den Dingen, die es sonst beschweren.

Um in meinem Alltag in Gottes Gegenwart zu leben, muss ich mir Inseln der Stille, des Schweigens und Hörens auf Gottes Stimme schaffen. Gott zu hören braucht Zeit und Ruhe. Wenn wir unserem inneren Menschen etwas wirklich Gutes gönnen wollen, dann planen wir im Urlaub Stunden, vielleicht auch halbe oder ganze Tage ein, in denen wir Zeit mit Gott „verschwenden“, wie John Ortberg das einmal ausgedrückt hat. Zweckfreie Zeiten ohne Pläne und Ziele, in denen wir zur Ruhe kommen und Gott die Gelegenheit geben, uns zu begegnen.

„Gott ist ein stilles Wesen und wohnt in der stillen Ewigkeit. So muss auch dein Gemüt wie ein stilles und klares Wasser werden, worin sich die Klarheit Gottes spiegeln und abbilden kann. Meide deshalb alle Beunruhigungen, Verwirrung und ungestümes Wesen von innen und von außen. Nichts in der ganzen Welt ist es wert, dass du dich drüber stören solltest, selbst deine begangenen Fehler müssen dich nur demütigen, aber nicht beunruhigen. Gott ist in seinem heiligen Tempel (Hab 2,20), es sei stille vor seinem Angesicht alles, was in dir ist! stille mit deinem Munde, stille mit deinem Willen, stille mit deinen Begierden und Gedanken, stille mit deinem eigenen Wirken. O wie nützlich und köstlich ist ein sanfter und stiller Geist vor Gottes Angesicht (1Petr 3,4)“, schreibt Gerhard Tersteegen in seiner Kurzen Anleitung, Gott zu suchen. Er war ein „Stiller im Lande“, der uns auch heute noch viel zu sagen hat.

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Baumann, Thomas
In Gottes Gegenwart
Gedanken zum geistlichen Leben

Auftanken, Kraft schöpfen, heil werden in Gottes Gegenwart. Frieden finden mitten in einer hektischen, unruhigen und unzufriedenen Welt.

erschienen im Neufeld-Verlag (ISBN 978-3-86256-012-7)
Preis: 9,90 €

Gottesdienst - Auszeit für die Seele?

Autor: Dorothee Gabler, Pfarrerin
Benningen am Neckar
Lesedauer: ca. 5-7 Minuten

Es war Sonntag – der zweite Sonntag im Monat. Im Wohnzimmer waren die Stühle in Reihen gestellt, die Sessel umgedreht mit Blick zum Esstisch. Um den Tisch saßen Männer, vor ihnen lagen Bibeln und das Gemeinschaftsliederbuch. Auf den Stühlen nahmen vor allem die Frauen Platz. Am Klavier wartete unser Opa, um die Lieder zu begleiten. Die alte Wohnzimmeruhr bewegte sich tickend auf 14.00 Uhr zu. Hinten auf dem Sofa saßen wir vier Mädchen – meist waren wir die einzigen Kinder. Gespannt schauten wir auf die Tür: Wie viele „Brüder“ würden wohl noch kommen, um am sogenannten Brüdertisch Platz zu nehmen? Doch zum Glück war es meistens verlässlich: Die „Stund“ dauerte eine Stunde. Und als dann endlich „Die Gnade“ gesungen wurde, haben wir dankbar mitgesungen, weil wir es wieder einmal geschafft hatten.

Diese monatliche Api-Stunde im Wohnzimmer meiner Eltern haben wir als Kinder immer miterlebt. Schon mein Vater war als Kind mit seinen drei Geschwistern bei dieser Api-Stunde selbstverständlich mit dabei gewesen.

Gottesdienst

Als Gottesdienst hätten wir es damals nicht bezeichnet. Überhaupt war der Begriff Gottesdienst bei uns weniger gebräuchlich: Morgens ging man in „die Kirche“ und mittags in die „Stund“, immer am zweiten Sonntag im Monat.

Von klein auf wurden wir so darin geübt, dass zum Sonntag das Hören auf Gott, das Singen und Beten gehört! Kindgemäß waren diese Gottesdienste nicht unbedingt, weder in der Kirche noch im heimischen Wohnzimmer. Aber dies hatte auch niemand behauptet! Obwohl es ganz unterhaltsam sein konnte: Unter den redenden Brüdern gab es einzelne, die uns damals als Kinder wahrgenommen und als Hörende angesprochen haben. Spannende Geschichten, die das Leben schrieb, eigenständige Interpretationen der biblischen Texte, all das haben wir Sonntag für Sonntag in der Kirche und monatlich auch noch in der „Stund“ mitbekommen. Das regelmäßige Hören von Predigten und Betrachtungen zu biblischen Texten hat mich auf jeden Fall sehr geprägt.

Entscheidend war damals nicht, ob uns dieser Gottesdienst „etwas bringt“. Diese Frage spielte auch für die Erwachsenen eine untergeordnete Rolle. Wer zu den Apis gehörte, der ging in die Kirche und in die „Stund“. Der Besuch dieses zusätzlichen Gottesdienstes war so etwas wie ein Bekenntnis, dass man zu denen gehört, die mit Ernst Christen sein wollen.

Wie viel hat sich seit damals geändert! Es gibt vermutlich immer weniger Familien, die sich und ihren Kindern so etwas zumuten: am Sonntag regelmäßig, vielleicht sogar mehrmals, einen Gottesdienst zu besuchen! Doch im Rückblick muss ich zugeben, dass mir dieses Einüben eines regelmäßigen Gottesdienstbesuchs nicht geschadet hat. Auch wenn ich mich zeitweise als Teeny dagegen auflehnte, so hat meine Seele dennoch viel mitbekommen, von dem ich heute zehre. Das Feiern der Gottesdienste hat meine Seele genährt.

Auszeit oder Mahlzeit?

Als Auszeit für die Seele haben wir Gottesdienste damals nicht empfunden. Er war eher Mahlzeit für die Seele. So wie man nicht nur isst, wenn man Hunger hat, sondern das regelmäßige Essen zu einer gesunden Ernährung gehört, ist es auch mit dem Gottesdienst. Manchmal schmeckt es einem, manchmal hat man weniger Appetit, manches ist schwer verdaulich und von manchem kann man lange zehren. Natürlich schließt dieses regelmäßige Essen nicht aus, dass man auch etwas zu sich nimmt, wenn der Hunger plagt.

Heute ist der Besuch des Gottesdienstes für viele ein Termin, für den man sich immer neu entscheidet. Früher hatte das Leben einen verlässlicheren Rhythmus. Der Sonntag gab den Takt vor. Heute leben fast alle nach Terminkalender, gerade die Wochenenden sind voller Termine. Zudem sind die Sonntage zu Tagen geworden, an denen man all das erledigt, was man im Laufe der Woche nicht geschafft hat. Oft geht es am Wochenende pausenlos weiter, so dass man die Zeit im Jahr herbeisehnt, wo endlich eine längere Auszeit kommt und man den Terminkalender beiseitelegen kann.

Sonntage sind zu Pausentagen geworden. Man sehnt sich nach Zeiten, wo man mal „nichts hat“. Freie Zeiten – nicht heilige Zeiten – sind die Taktgeber des Lebensrhythmus. Ein sonntäglicher Gottesdienstbesuch ist fast anachronistisch.

Seele

In der Kirchengemeinde begegnet mir immer wieder dieser Satz: „Wissen Sie, Frau Pfarrer, ich glaube auch an Gott, aber deshalb muss ich nicht immer in die Kirche gehen!“ Selbst bei denen, die mit Ernst Christen sein wollen, gehört der regelmäßige Gottesdienstbesuch am Sonntag nicht mehr zum Kennzeichen ihres christlichen Lebens. Zudem kann man sich heute ja viele tolle Bibelarbeiten und Predigten im Netz anhören, zu jedem beliebigen Zeitpunkt. Um Nahrung für die Seele zu bekommen, ist man nicht mehr auf den Besuch einer Veranstaltung angewiesen.

Doch ist der Gottesdienst tatsächlich nur etwas für die eigene Seele?

Der Praktische Theologe Christian Möller hat 1988 in Thesen zu „Gottesdienst als Gemeindeaufbau“ den Gottesdienst folgendermaßen beschrieben: „Im Gottesdienst der sonntäglich versammelten Gemeinde nimmt der Leib Christi öffentliche Gestalt an und feiert die Liturgie im Blick auf Wort und Sakrament als eine öffentliche Dienstleistung, die der Ehre Gottes dient und so dem Frieden auf Erden zugutekommt.“

Privat oder öffentlich?

Im Gottesdienst versammelten sich die Gläubigen am Auferstehungstag in der Öffentlichkeit, um öffentlich das Wort Gottes zu verkündigen. Im Alltag traf man sich täglich hin und her in den Häusern. Gottesdienste als öffentliche Veranstaltung hat man liturgisch gestaltet. Das Wort „Liturgie“ stammt aus dem Griechischen; es ist von den Wortstämmen leiitos = öffentlich, und ergon = Werk abzuleiten. Im profanen Sprachgebrauch bezeichnete Leiturgia den „Dienst zum Wohle der Allgemeinheit“. Es geht also nicht nur um die Seele oder die Seelen der Gläubigen. Die Feier des Gottesdienstes ist vor allem eine öffentliche Aufgabe!

Im Gottesdienst begegnet Gott der Welt, wo Menschen sich in seinem Namen versammeln. Der Gottesdienst macht Gott als den Herrn der Welt öffentlich groß. Darin unterscheidet er sich vom Gebet des Einzelnen und dem Dienst der Liebe an Einzelnen. Die Väter und Mütter haben darum Gebäude gebaut, die weithin sichtbar waren und Gott einen erkennbaren Platz in der Welt eingeräumt haben. Der Besuch des Gottesdienstes ist öffentlicher Dienst!

Übrigens, wenn Paulus auf Reisen war, besuchte er immer die Gottesdienste in der Fremde, um die Gemeinden zu stärken. So wurde sichtbar, dass Gottes Reich alle Grenzen übersteigt! Lassen wir uns neu von Paulus anstecken in diesem Sommer und feiern wir Gottesdienste mit in anderen Orten und Ländern, als Mahlzeit für die Seele, als Stärkung der Gemeinden und als öffentliches Zeichen der Hoffnung, dass der Herr der Welt kommt!

Rhythmus im Blut - zwischen Müssen und Muße

Autor: Joachim Klein, Dozent, Studienleiter und Coach
Theologisches Seminar Adelshofen
Lesedauer: ca. 10-12 Minuten

Haben Sie ein gutes Rhythmus-Gefühl?

Tanzen verlangt dabei eine wichtige Kompetenz: Koordinationskompetenz! Die Fähigkeit, auf den Rahmen (vorgegebener Rhythmus) und auf sich selbst zu achten, wie man einsteigt und sich dazu bewegt, dazu auch noch den Partner beachten und eine gute Abstimmung zu finden. Dieses Bild ist für mich ein hilfreicher Hinweis, wie wir in Zeiten von ständiger Veränderung, Beschleunigung und nachlassender Aufmerksamkeit zu einem guten Spiel von Arbeit, Ausgleich, Aufmerksamkeit für Gott kommen … mit dem eigenen Rhythmus. Aber leichter gesagt als getan. Ist es nicht so?

„Wir sind eine gehetzte Generation“, las ich in einem Buch bereits in den 90ern. Alles also gar nicht so neu mit Stress, Hektik und einem „viel-zu-viel“? Und tatsächlich stehen wir geschichtlich nicht zum ersten Mal in der Auseinandersetzung mit Beschleunigung und Stress. Aber es hat sich sicher multipliziert, wie der Soziologe Hartmut Rosa in seinem Buch „Beschleunigung und Entfremdung“ festhält. Sein Grundtenor: durch die ständige Hetze und das „mal schnell“ verlieren wir den Bezug zu Menschen, zu uns selbst und – ich möchte ergänzen – auch zu Gott. Wir leben dann meist eher in der Vergangenheit (Verklärung, Erinnerung oder Klage) oder der Zukunft, die uns unter Druck setzt: „es muss jetzt aber besser werden“ und wir beschäftigen uns nur noch damit. Es fehlen der gegenwärtige Bezug und das wirkliche Sein im Alltag – „jetzt bin ich wirklich ganz da“. Das merke ich auch im einen oder anderen Gespräch mit Menschen. Mich betrifft es in meiner Aufgabe als Mentor in der Begleitung. Hier braucht es manchmal eine bewusste Hilfestellung, einen klaren Schnitt zu setzen zwischen dem, was gerade noch auf meinen Mentée eingeprasselt ist durch „WhatsApp“ oder „Facebook“ und was jetzt kommt im 4-Augen-Gespräch. Und mir selbst tut dieser Schnitt manchmal auch sehr gut – ein Blickwechsel hin zur Person, die gerade neben mir sitzt: „jetzt sind wir hier“ und „wir sind g-a-n-z hier“.

Früher nannte man es Muße – heute Faulenzen.

Haben Sie sich schon eine To-do-Liste für ausgiebiges Faulenzen geschrieben? Das klingt für manche eher absurd. Vertrauter ist man mit Arbeitslisten, wann welcher Abgabetermin in der Firma drängt, oder welche Familienangelegenheiten noch diese Woche zu regeln sind. Dabei sind Konzepte von „Work-Life-Balance“ hilfreich – aber auch nichts Neues. Schon bei der Frage nach dem Faulenzen zeigt sich in unserem Denken letztlich eins: unsere innere Haltung. Denn Lebens- und Zeitmanagement hat zumeist nichts mit Zeit, aber ganz viel mit unserer inneren Haltung und in Folge mit unserem Verhalten zu tun. Beides lässt sich zum Glück verändern. Und Nichtstun muss man regelrecht einüben. Ruhe kommt nicht von alleine. Wann haben Sie das letzte Mal so richtig gefaulenzt? Erinnern Sie sich daran? Wirklich Dinge liegen lassen, keine Termine annehmen, Abstand gewinnen. Ruhe finden! Nichtstun steht meistens in unseren Gemeinden nicht besonders hoch im Kurs. Vielleicht passt es einfach nicht so gut zur Geschäftigkeit des Neuen Testaments: Das Evangelium muss raus und „laufen“. Verschwiegen werden oft die nicht niedergeschriebenen Zwischenzeiten, Ruhepausen und eben unerwähnten Alltagsabläufe – ganz zu schweigen von den Fortbewegungsmitteln, die mit anderer Geschwindigkeit unterwegs waren.

Höher im Kurs stand die freie Zeit bei den Griechen. Bei ihnen galt die Muße historisch als eine von Arbeit und Sorgen freie Lebenslage, natürlich nur für männliche Bürger – diese Einschränkung zeigt auch schon einiges. Ruhe und Freiheit war bei ihnen Voraussetzung der Muße. Und heute spricht man von Muße als freie Zeit oder die Zeit der Ruhe, auch Untätigkeit. Interessant, dass sie verwandt ist mit dem Deutschen „müssen“, „messen“ und dem „Zeitpunkt“. Es geht um eine Gelegenheit, etwas tun zu können. Viel zu lange hat man sich mit dem davon abgeleiteten Begriff „überflüssig“ aufgehalten, um am Ende doch feststellen zu müssen: Muße ist nicht überflüssige, sondern wertvolle Zeit, wenn sie als rechte Gelegenheit verstanden wird und richtig gefüllt wird, denn: auch wenn wir nichts tun, müssen wir entscheiden, wie wir das tun.

Im alten Rom gewinnt die Muße einen ähnlichen Stellenwert, wie das für uns lang ersehnte Wochenende als Ausgleich für die Wochenarbeit. Auch bei uns gibt es eine hohe Erwartung an die arbeitsfreie Zeit und damit verbunden: Ruhe und Erholung. Oftmals kommt es aber gar nicht dazu, denn in dieser freien Zeit muss all das untergebracht werden, was man in der Arbeitszeit nicht privat organisieren konnte: Zeit mit Freunden, Zeit mit der Familie, Erlebnisse und Ereignisse, an die man auch Jahre später noch denken möchte. Sind wir dabei möglicherweise manchmal zu stark „weltgebunden“ und abhängig von der uns gegebenen Lebenszeit? Bringt uns diese Begrenzung unter Druck – „ich muss alles dort reinpacken“? Steht aber nicht gerade unsere Zeit, wie das bekannte Lied sagt, „in seinen Händen“?

Chillen – die Gegenbewegung zum Burn-Out

So verwundert es nicht, dass „Nichtstun“ nach meiner Beobachtung lange verpönt war in Gemeinden. Vielleicht  ist es das auch immer noch. Bis die heranwachsende Generation der Meinung war: ausgebrannte Hauptamtliche und gestresste Eltern – „wir haben die Nase voll!“ Doch selbst den Jüngeren scheint es nicht so gut zu gelingen, die freie Zeit wirklich als frei zu erleben. Dabei hatten sie doch so gut begonnen, in der neuen Generation und ihrer „Chill-Kultur“ einen guten Gegentrend zu setzen zu den viel zu vollen und durchgestylten Wochenplänen der Vorzeigemenschen und auch Vorzeigechristen. Muße hier als Protestbewegung. Nicht alles muss nützlich sein. Und es braucht eben auch Zeit, wieder zu sich selbst zu kommen. Also eine Gegenwehr zur Daueranspannung und Dauerpräsenz. Mit der digitalen Dauerpräsenz, wie man die jüngere Generation oftmals erlebt, scheint hier alles genommen, was als eine gute Trendwende begann. Gut dabei: die Jungen haben wieder mehr im Blick, dass es eine Begrenzung der Arbeit braucht. Der Begriff der „Muße“ spielt dabei allerdings gar keine Rolle mehr.

Aber wie ist das eigentlich mit Muße in der Bibel?

„Wenn Gott gute, große Hechte und guten Rheinwein erschaffen darf, dann darf ich sie wohl auch essen und trinken.“ Martin Luthers Worte über Genuss zeigen einen wesentlichen Zugang zum Thema. Muße, Ruhe, Genuss gehören in eine Reihe: die Betonung des Augenblicks. Das Ankommen bei sich selbst, beim anderen, bei Gott. Doch in der Bibel merken wir auch, dass das Thema eine ganz andere Qualität bekommt. Die Voraussetzung für Ruhe und Freiheit: „Kommt her zu mir alle, die ihr niedergedrückt und belastet seid: ich will euch Ruhe schaffen!“ (Mt 11,28) Muße zeigt sich in der Bibel verheißungsvoll. Jesus spricht uns Ruhe und Freiheit zu – dort, wo wir uns auf ihn einlassen. Hintergrund hier ist der Gesetzes- und Regeldruck, der vor allem durch pharisäisches Denken das Leben der Leute bestimmte. Aber so weit sind wir davon wohl gar nicht entfernt. Welche von außen auferlegten oder selbstauferlegten Regeln bestimmen unseren Alltag und unsere Beziehungen, unsere Gottesbeziehung und verkrampfen uns im Miteinander der Gemeinde, der Familie oder im Umgang mit uns selbst? Laut Techniker Krankenkasse ist nicht nur der Druck von außen, sondern sind vor allem die eigenen hohen Ansprüche schuld an Stress (Stress-Studie 2016). Auch alles eine Frage der Prägung!

Unvorstellbar: Gottes freier Tag!

Kultur prägt! Und so wären wohl die meisten sehr empört, wenn sie Gottes Kultur direkt nach der Erschaffung des Menschen vor Augen hätten. Statement: Bei uns nicht! Denn da schafft Gott den Menschen – und das erste, was der Mensch am nächsten Tag erlebt ist Auszeit, Ruhe, Pause (1Mo 2,3). Gott gibt durch sich selbst ein Vorbild! Kann das gut gehen? Es gibt doch so viel zu tun! Ja, wir hätten das anders gemacht. Zumindest das Smartphone hätte an bleiben müssen oder wir hätten viel Arbeit in den perfekt geplanten Gottesdienst stecken müssen oder der Ausflug mit der Familie hätte schon ein Highlight werden müssen. Und das kostet eben Arbeit.

Gedanken, die gut nachvollziehbar sind. Wir haben gut gelernt in unserer Kultur. Gut gelernt, dass es ohne Arbeit eben nicht geht. Gut gelernt, dass man viel investieren muss. Ja, zugegeben, manchmal auch zu viel. Aber so ist das eben. Damit zufrieden geben? Ja, auch eine Option.
Gott hat sich von Anfang an damit nicht zufrieden gegeben und startet das Leben mit einem „Sabbat“. Und damit wir es nicht vergessen, gibt er es als gutes Gebot mit auf den Weg (2Mo 20,8-11). Vielleicht braucht es immer wieder diese Erinnerung. Wie oft haben sich Menschen auf den Weg gemacht, die guten Rahmenbedingungen neu zu ordnen. Keine gute Idee, wie die Geschichte zeigte. Der Französische Revolutionskalender (1792-1805) führte eine 10-Tage-Woche ein – nicht besonders beliebt bei den Menschen damals. Am Ende hat es sich nicht bewährt und hatte negative Auswirkungen auf Beziehungen, Familie und die Gesellschaft. Vielleicht ist deshalb auch die Erinnerung von Jesus im Neuen Testament so wichtig: Er unterstreicht die gute Ordnung „Der Sabbat ist für den Menschen gemacht …“ (Mk 2,27). Und hier zeigt sich auch das wahre Bedürfnis: nicht Gott braucht eine Auszeit (wie bei der Schöpfung), sondern wir haben sie bitter nötig.

Es lässt sich biblisch feststellen: Gottes gute Auszeiten ziehen sich quer durch sein Wort. Nicht nur in der Schöpfung und den Geboten. Sondern er führt sein Volk ins verheißene Land und gibt ihnen darin Ruhe (Jos 21,44; vorläufig). In Jesus zeigt sich dann im Neuen Testament, wie sich gerade in ihm alles erfüllt (Lk 4,16-21) und er selbst als Person der Ort der Ruhe ist. Und am Ende stellt sich Gott vor, dass wir zum Ziel zur ewigen Ruhe und Fülle (Offb 21,6) bei ihm kommen. Also nicht nur zu Beginn bei den Geboten finden sich Hinweise zu Ruhe und „Muße“ – aber gerade dort lassen sich neben dem guten Sabbatgebot auch Hinweise finden, die den Alltag durchzogen: Feste, Festzeiten, Gottesdienstzeiten und hilfreiche Rituale von Gemeinschaft, Beziehung, Ruhe und Feiern – Genuss.
Es gab besondere Festtage (Sabbat) und Jahresfeste (Passah, Fest der ungesäuerten Brote, Laubhüttenfest). Aber Gott führte auch alle sieben Jahre das Sabbatjahr (2Mo 23,10) und das Jubeljahr alle 50 Jahre (3Mo 25,3-4.10) ein. Sie erinnerten das Volk an die eigene Geschichte und Gottes Wunder. Eine Fokussierung auf Wesentliches, das Zusammenhalt schafft und Gemeinschaft stiftet. Denn Erholung ist mehr als Nichtstun. Diese wichtigen Rahmen waren gute Hilfen für die Gemeinschaft. Ruhe für Land, Tier, Mensch. Wie ist bei uns der Pendelschlag zwischen Arbeit und Ruhe? Zwischen Orientierung und Umsetzung? Manchmal muss man den Rückzug bewusst suchen. Jesus hat ihn immer wieder bewusst in den Alltag eingebaut und verantwortlich vertreten: Und aus diesen Zeiten geschah und geschieht bis heute Wegweisung, Klarheit und Bestätigung der Berufung. Für Jesus wurde damals angesichts der Aussage „alle fragen nach dir“ (vgl. Mk 1,35-38) klar: ich muss weiterziehen.

Blick auf zwei Tapetenwechsel

Tapetenwechsel mitten im Alltag

Hilfreich können kleine „Stopps“ sein. Sozusagen der Urlaub zwischen dem Urlaub. Keine 3 Tage wegfahren; sondern 3 Minuten abschalten, 1 Minute beten, 30 Sekunden innehalten und sich bewusst machen: Er ist da! Ein kurzer Tapetenwechsel hilft – vielleicht nur durch das Schließen der Augen oder sich kurz durch ein Bibelwort oder ein kurzes Gebet zu besinnen und den Blick zu weiten auf den, der weiter sieht und Weite schenkt. So bekommt man mittendrin eine neue Aussicht, manchmal auch unterstützt durch kurzes Rausgehen aus dem Zimmer/Haus/Ort. Für mich ist immer wieder eine gute Unterstützung, wenn ich in meinem Raum einen Sessel habe, der nur dafür reserviert ist. Das ist sozusagen ein „geschützter“ Raum für Auszeit. Es braucht aber auch die großen Zeiten.

Tapetenwechsel aus dem Alltag heraus

Hier fällt uns zuallererst der Urlaub ein. Haben Sie schon den Urlaub für nächstes Jahr gebucht oder zumindest geplant? Manche planen den Urlaub ja schon Jahre voraus. Das ist gut, dass man die großen Auszeiten nicht dem Zufall überlässt. Aber haben Sie auch mal ein Wochenende hier, einen Stillen Tag dort im Jahr platziert? Wenn wir Zeiten nicht aussparen, dann fliegen die Tage so dahin und wir sind am Ende enttäuscht, dass nichts mehr übrigbleibt. Vielleicht hilft zur Planung ja auch, wie es Gerhard Maier einmal zu Zeiten der Stille vor Gott für sich verfasst hat: „eine stille Viertelstunde an jedem Tag, eine stille Stunde jede Woche, einen stillen Tag jeden Monat und eine stille Woche jedes Jahr.“ Es könnte gut sein, sich selbst einen Rhythmus zu geben als Gegenrhythmus zur Außenwelt. Und sich damit mutig der großen Herausforderung unserer Zeit zu stellen: Begrenzen und sich begrenzen! Engagement und Arbeit begrenzen. Ihnen den Platz zu geben, der ihnen zusteht, wie es Luther bei Melanchthon machte. Sie waren zu Gast bei Spalatin zum Essen. Melanchthon war so von seinen Gedanken in Beschlag genommen, dass er sich andauernd um die Apologetik des Augsburger Bekenntnisses drehte. Selbst beim Essen war nicht Schluss, sodass er parallel zum Essen weiterschrieb. Da stand Luther auf, nahm ihm die Feder weg und sprach: „Man kann Gott nicht allein mit Arbeit, sondern auch mit Feiern und Ruhen dienen, darum hat er das dritte Gebot gegeben und den Sabbath [sic] geboten.“ Es braucht Mut, aufzuhören und anderem Raum zu geben. 

Es muss ja nicht immer Tanzen sein, das den Ausgleich schafft. Aber wichtig, es auch und gerade im Kleinen zu genießen. Für mich ist das der Spaziergang am Abend mit meiner Frau. Die Luft genießen, die Gemeinschaft schätzen, die Freiheit von der Last des Tages oder der Arbeit feiern und das mit Frau und Gott: im wahrsten Sinne ein „Feier-Abend“!    

Auf ein Wort: Immer mit der Ruhe!

Autor: Pfarrer Steffen Kern, Vorsitzender der Apis
Lesedauer: ca. 2-3 Minuten

Liebe Leser,

nein, es geht nicht um Faulheit. Schon gar nicht um den Müßiggang, der bekanntlich „aller Laster Anfang“ ist. Und erst recht nicht darum, das nicht zu tun, was uns zu tun geboten  ist. Ganz  im  Gegenteil!  Es  ist  wichtig,  dass  wir unseren Aufgaben und Pflichten nachkommen: in Familie, Beruf und Gemeinde. Aber in all diesen Lebensbereichen braucht es gelegentlich auch Abstand vom Tun. Wir brauchen Pausen. Wir brauchen Ruhe. Gerade wir schaffigen Schwaben haben es nötig, den Segen des Nichtstuns zu entdecken.

Unser Schöpfer hat genau das in seine Schöpfung hinein gelegt: Nach sechs Tagen einen Ruhetag. Und er gebietet uns genau das, was er selbst tut: Am siebten Tag soll die Arbeit ruhen. Ein Tag der Gott gehört. Eine Auszeit, die uns das Fenster zur Ewigkeit offen hält. Einmal nichts tun, um neu zu entdecken, dass Gott selbst das Entscheidende tut: Er ist es, der uns geschaffen hat, nicht wir selbst. Er ist es, der uns am Leben hält, nicht wir selbst. Und er ist es, der uns durch Kreuz und Auferstehung eröst, befreit und gerettet hat, nicht wir  selbst. Darum  ist  es  eine  der  wichtigsten buchstäblich „frommen“ Übungen, einmal die Beine hochzulegen und die Seele baumeln zu lassen. Weil Gott sein Reich selbst baut.

Die Seele baumeln lassen

Was der Sonntag für die Woche ist, das ist der Urlaub für das Jahr. Die Sommerpause steht an. Viele brechen auf, um einmal abzuschalten und aufzutanken. Wir dürfen das bewusst und mit bestem Gewissen tun: eben nichts tun. Martin  Luther  schrieb an seinen Freund Melanchthon, der sich allzu oft von Sorgen übermannen ließ:

„Gott wird auch durch Nichtstun gedient,
ja durch keine Sache mehr als durch Nichtstun.
Deshalb nämlich hat er gewollt,
dass vor anderen Dingen der Sabbat
so streng gehalten werde.
Siehe zu, dass du dies nicht verachtest.
Es ist Gottes Wort, was ich dir schreibe.“

So wird unser Nichtstun zu einer Form des Gottesdienstes. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen für Ihren Sommer ein gesegnetes Nichtstun und viel Freude mit der Sommerausgabe der "Gemeinschaft"

Ihr Steffen Kern
Vorsitzender der Apis

Juli 2017: Wenn sich alles ändert

Mo, 26. Juni 2017: Im Flug der Zeiten (Steffen Kern)
Mo, 3. Juli 2017: Veränderung: Abschied und neu anfangen! (Christiane Rösel)
Mo, 10. Juli 2017: "Ihre Tochter ist tot" (Stefan Lämmer)
Mo, 17. Juli 2017: Vom Schläger zum Prediger (Martin Schrott)
Mo, 24. Juli 2017: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne (Nicola Berstecher)

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Autorin: Nicola Berstecher, 1. Vorsitzende ACC Deutschland, Herrenberg
Lesedauer: ca. 4 Minuten

Abgesehen von den alltäglichen Abschieden im Kleinen, gibt es vier große Lebensereignisse, die Neuanfänge bzw. Abschiede in unserem Leben beinhalten. Manchmal suchen wir sie ganz bewusst, und mit manchen Veränderungen in unserem Leben müssen wir uns auseinandersetzen ob wir wollen oder nicht.

1. Veränderung des Lebensmittelpunktes durch Umzug

Wir sind zu einer sehr mobilen Gesellschaft geworden. Flexibilität ist gefordert, und führt dazu, dass immer mehr Menschen lange Anfahrten zur Arbeit in Kauf nehmen müssen, oder durch Umzüge ihren Lebensmittelpunkt verändern. Das kostet viel Kraft und Energie ein Zuhause loszulassen, und sich eine neue Lebenswelt aufzubauen.

2. Leben mit Krankheit – Abschied von der Gesundheit

Die Gesundheit bis ins hohe Alter hat in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Doch viele Menschen erleben die Herausforderung, sich im Laufe ihres Lebens mit einer chronischen Erkrankung oder einer lebensbedrohlichen Erkrankung auseinanderzusetzen.
Sie erleben viele kleine Abschiede von Aktivitäten, die sie nun nicht mehr ausführen können. Sie müssen sich mit dem letzten großen Abschied – dem Tod – auseinandersetzen, und erleben hier manche sehr schmerzhaften Prozesse. Auch bei der Erkrankung eines nahen Angehörigen werden diese Ablösungs- und Loslassprozesse hautnah miterlebt, jedoch oft in einer sehr hilflosen Zuschauerposition.

3. Die Kinder sind aus dem Haus

Sie haben im Laufe Ihres Lebens verschiedene Stadien im Zyklus Ihres Familienlebens zu bewältigen. Eine Phase ist die, in der die Kinder aus dem Haus gehen, lernen auf eigenen Füßen zu stehen, und sie ihrem Ehepartner überlassen oder alleine lassen. Auch dieser Abschied birgt die Chance auf einen Neuanfang, sich auf die nächste Lebensphase nun noch einmal ganz bewusst einzulassen.

4. Eintritt ins Rentenalter

Rente – das heißt Menschen müssen nicht mehr den größten Teil ihrer Tageszeit damit zubringen, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Auch wenn das Rentenantrittsalter immer weiter nach hinten verschoben wird, gehen viele Menschen in den Ruhestand im Vollbesitz ihrer körperlichen und geistigen Kräfte. Manchen trifft es auch früher, ohne eigenes Wollen durch den Verlust des Arbeitsplatzes oder die Frühverrentung. Für viele lang ersehnt, und zuerst ein Grund der Freude, trifft es doch auch viele Menschen völlig unvorbereitet, dass ihr Lebensalltag hier noch einmal komplett umgekrempelt wird.
Auch aus meinem Leben kenne ich diese „Abschiedsfragen“ bis auf die Rente, und die Probleme, die sich daraus ergeben können. Umzüge in eine andere Stadt oder gar ein anderes Land – wie wohltuend waren hier Menschen, die auf mich zugekommen sind und mich unterstützt haben. Das Leben mit einer chronischen Erkrankung (MS) und all ihren Höhen und Tiefen, und natürlich auch der Auszug unserer vier Kinder und die Herausforderung und Chance, unser Eheleben da fortzusetzen, wo wir einmal begonnen haben – zu zweit.
Vier große Lebensübergänge, die oft krisenhaft besetzt sind, und vor denen auch Menschen, die im Glauben ihren Halt haben, nicht gefeit sind. Manchmal ist es schwierig, alleine einen Weg zu finden. Hier kann ein gutes Seelsorge- oder Beratungsangebot bei einer Christlichen Seelsorge/Lebensberatung helfen. Die Seelsorge hat die Aufgabe, Menschen in ihrer Not zu begleiten, und durch Zuhören und Gebet einen Raum zu schaffen, um Entlastung von den Problemen zu finden. In der christlichen Lebensberatung geht es außerdem darum, durch Einbeziehung verschiedener beraterischer Methoden an den Schwierigkeiten zu arbeiten, und eine Besserung herbeizuführen. In der Therapie, die nur von Menschen durchgeführt werden darf, die eine Erlaubnis dazu haben, geht es um Heilung von psychischen Störungen. Hier bedarf es auch ärztlicher und medikamentöser Unterstützung. Bei allen dreien jedoch, möchten wir auch Gottes Möglichkeit der Veränderung miteinbeziehen.

ACC – Dachverband für Christliche Beratung

Seit über 15 Jahren gibt es in Deutschland einen Dachverband für Christliche Seelsorge und Lebensberatung (ACC), der es sich zur Aufgabe gemacht hat, christliche Ausbildungen in Lebensberatung/Seelsorge zu zertifizieren, und somit auf ein qualitativ hohes Niveau zu stellen.
ACC ist Mitglied bei der Deutschen Gesellschaft für Beratung, in der diese Standards deutschlandweit für alle (auch säkulare) Ausbildungen gelegt wurden. Außerdem sind wir Teil von ACC-Europa, und haben unsere Ausbildungsabschlüsse mit der Schweiz gegenseitig anerkannt.
Wir führen eine Liste mit LebensberaterInnen und SeelsorgerInnen auf unserer Homepage www.acc-deutschland.org, auf der Sie deutschlandweit fündig werden können. Die BeraterInnen sind in verschiedenen Werken ausgebildet und sind laufend in Fortbildung und Supervision. So garantieren sie neben dem christlichen Menschenbild auch eine hohe fachliche Ausbildung. Sowohl die geistliche Dimension,als auch die Verantwortung jedes Einzelnen für sein Leben zu stärken, und eben auch die Fachlichkeit des Beraters sind uns sehr wichtig. Aber auch wenn Sie Interesse an einer Ausbildung in Seelsorge oder Christlicher Lebensberatung haben, schauen Sie doch einmal auf unser Homepage vorbei und informieren sich über die verschiedenen Möglichkeiten der Ausbildungsinstitute.

Vom Schläger zum Prediger

Autor: Martin Schrott, Gemeinschaftsprediger bei den Apis
Lesedauer: ca. 8 Minuten

„Gestatten: Schrott – ein Name, ein Programm!“ Wer früher diese Worte von mir hörte, bekam ein gesundheitliches Problem. Zumindest bekam er Prügel. Wofür man mich noch kurze Zeit vorher hänselte, machte ich zu meinem Markenzeichen. Ich gehörte zu der Sorte Jugendliche, vor denen mich meine Eltern immer gewarnt hatten. Aber lassen Sie mich der Reihe nach erzählen.

Eigentlich fing alles ganz normal an

Geboren wurde ich 1964 in Nordenham. Das liegt dort, wo die Weser in die Nordsee fließt. Ich bin das dritte und jüngste Kind meiner Eltern. Mein älterer Bruder ist drei Jahre älter als ich, mein Bruder Thorsten ist drei Minuten älter. Ich bin ein Zwilling. Meine Eltern fuhren beide zur See. Bei den „Norddeutschen Seekabelwerken“ verlegten sie Strom- oder Telefonkabel auf dem Meeresgrund von Deutschland nach England, Dänemark oder nach Helgoland. Schon mein Großvater fuhr zur See; er arbeitete als Schiffskoch. Als Kind träumte ich davon, später selbst einmal zur See zu fahren. Und noch heute hat es mir das Meer angetan. Das steckt wohl in den Genen ...
Aus beruflichen Gründen zogen wir Ende der 1970er Jahre nach Bayern, genauer gesagt nach Oberfranken. Während mein Vater die Woche über auf dem Bau war, führte meine Mutter eine kleine Dorfgaststätte. Ich hatte eine herrliche, unbeschwerte und wirklich glückliche Kindheit. Meine freie Zeit verbrachte ich mit den anderen Dorfkindern auf Bäumen, auf Felsen, durchstreifte mit ihnen Wiesen und Wälder oder planschte in Bächen. Als die ersten Fernseher aufkamen, interessierte uns das als Kinder nicht. Schließlich hatten wir Ritter zu besiegen, Indianer zurückzudrängen, Seeräubern den Goldschatz abzujagen, den Sheriff von Nottingham in die Flucht zu schlagen oder andere Abenteuer zu bestehen.

Meine zwei schwersten Jahre – die 1. Klasse

Dann kam die Schule. Ich kann wohl mit Stolz behaupten (was ich jedoch lieber nicht tun sollte), dass ich sicher der erste und einzige Schüler war, der noch nicht einmal die erste Klasse schaffte. Nach einem halben Jahr empfahl meine Lehrerin, mich aus der Klasse zu nehmen und es im nächsten Jahr „noch einmal zu versuchen“. Der erste Grund für meine „vorzeitige Entlassung“ lag darin begründet, dass ich den Griffel – wir lernten das Schreiben noch auf Schiefertafeln! – wie einen Faustkeil hielt. Zweitens hatten Frau Richter und ich nicht das beste Verhältnis. Denn ich war Linkshänder. Zu Beginn der 1970er war das pädagogisch nicht besonders wertvoll. Regelmäßig bekam ich „Backpfeifen“ und „Kopfnüsse“ von ihr, wenn sie mich dabei erwischte, dass ich den Griffel in der linken Hand hielt. Zum Dritten mussten wir damals noch in alphabetischer Reihenfolge sitzen, und da kommt der Buchstabe „S“ ziemlich weit hinten. Dort, wo ich saß, konnte ich die Tafel nicht sehen. Aber Umsetzen ging nicht ... Als ich ein halbes Jahr später nochmals eingeschult wurde, schienen Pädagogik und Didaktik in Bayern einen Quantensprung vollzogen zu haben, doch meine Motivation für Schule war bereits dahin, bevor es richtig anfing.

Alles Schrott

Kurz nach meinem zwölften Geburtstag zogen wir als Familie in die nahe gelegene Kreisstadt Kulmbach. Mein Vater bekam eine Anstellung als Kastellan. So nennt man einen Burg- oder Schlossverwalter. Für meinen Vater war der Umzug in vieler Hinsicht ein Aufstieg. Für uns Kinder war der Aufstieg nur physikalischer Art, denn unser „Haus“, die „Plassenburg“, lag 124 m über der Stadt. Für mich war dieser Umzug der Beginn meiner persönlichen Katastrophe.
„Hallo Schrotthaufen!“ Meine neuen Klassenkameraden hänselten mich vom ersten Schultag an. „Hey, der stinkt nach Fisch! Fischkopf, du stinkst!“, spotteten sie. Damals trug ich nicht nur eine mega-hässliche Brille aus fettem Horngestell mit Gläsern so dick wie alte Fernseher, ich trug vor allem ein für mich unsichtbares Schild quer vor dem Kopf, auf dem stand: „Bitte schlagt mich!“ Alle außer mir schienen das gut lesen zu können. Und sie befolgten es!
Woche für Woche nahmen die Hänseleien und Prügeleien zu. Meistens stand ich einfach nur da und ließ es an mir geschehen. Spott, Hass und Gewalt waren mir bis dahin noch nie begegnet, und ich sah mich außerstande, mich in irgendeiner Weise zur Wehr setzen zu können. Okay, ich bekam auch schon mal eine Tracht Prügel, wenn wir als Kinder etwas ausgefressen hatten. Aber das war etwas anderes. Zum einen hatten wir es verdient. Zum anderen war hinterher alles wieder in Ordnung. Bei meinen Auseinandersetzungen nach der Schule war das nicht so. Die Kinder genossen es förmlich, einen Deppen gefunden zu haben, der sich noch nicht einmal wehrte, wenn man ihn schlug. Manche brachten Freunde mit, um sich an diesem „Happening“ zu beteiligen.

„Nomen est omen“ – Martin: der Kriegerische

Eines Tages meinte mein Vater: „Martin, du musst endlich anfangen, dich zu wehren. Die Krankenkasse zahlt dir nicht jede Woche eine neue Brille!“ Innerhalb des nächsten Jahres lernte ich mich zu wehren. Ich begann mit dem Training von Judo, Boxen und Karate. Schon nach wenigen Monaten stellten sich die Erfolge ein. Aus Feinden wurden Freunde, denn nun achteten sie mich. Mit der Zeit wurden wir zu einer eingeschworenen Clique.
Als ich 16 Jahre alt war, nannten mich alle „Schrotti – ein Name, ein Programm“. Als feste Bande tranken wir viel Alkohol, fast jeden Tag, prügelten uns mit anderen – hauptsächlich Ausländern, klauten in Kaufhäusern und randalierten in der Stadt. Wir beschädigten parkende Autos, zertrümmerten Schaufensterscheiben von Geschäften, brachen ein und brachen auf, um mitzunehmen, was wir zu Geld machen konnten. Ich gehörte nun zu der Art von Jugendlichen, vor denen mich meine Eltern immer gewarnt hatten.

Die große Veränderung

Von einem Tag auf den anderen änderte sich mein Leben radikal. Ein Schulkamerad wurde zu einer Veranstaltung eingeladen, traute sich allerdings nicht alleine „dort“ hin. Wo „dort“ war, sagte er nicht, bat mich aber, mitzukommen.
Als ich mit ihm in den Saal der landeskirchlichen Gemeinschaft kam, traf mich fast der Schlag: da saß meine ganze Clique. Sie wurden von dem Missionsteam auf der Straße angesprochen und eingeladen. Und sie beschlossen: „Den Laden nehmen wir auseinander!“ Vom Inhalt dieses Abends weiß ich nichts mehr. Es sprach mich nichts an. Doch hinterher gab’s noch Tee und Knabberzeug. Darum blieben wir. Einer von denen, die uns eingeladen hatten, war Norddeutscher. Das hörte ich an seinem Dialekt. Also wartete ich, bis ich mit ihm habe reden können. Ich wollte ihn fragen, woher er denn käme. Aber es lief alles ganz anders. Er unterhielt sich mit mir. Er fragte mich, ob mir dieses Leben denn gefiele, und wo ich denn in ein paar Jahren sein werde. Und dann fragte er mich, ob ich nicht Jesus Christus persönlich kennen lernen wollte. In wenigen Sätzen erklärte er mir von der Bibel her, dass Jesus der Sohn Gottes ist und mich liebt. Und wenn ich ihn bitte, in mein Leben zu kommen, mein Erlöser zu sein und mir den Weg zu einem sinnerfüllten Leben zu zeigen, dann wird er zu mir kommen.
Was hatte ich zu verlieren? Es konnte nur besser für mich werden. Wenn es stimmt, habe ich viel gewonnen. Wenn es nicht stimmt, so dachte ich mir, kann ich ja weitermachen wie bisher. Zum ersten Mal in meinem Leben sprach ich bewusst mit Gott. Und es stimmte. Gott kam und schenkte mir Vergebung. Tiefer Friede zog bei mir ein. Ich wusste auf einmal, was ich zutiefst suchte. Mein Leben bekam einen Sinn. Noch bevor ich mein erstes bewusstes „Amen“ sprach, spürte ich Jesus Christus und den Heiligen Geist in meinem Leben. Noch am selben Abend trennte ich mich von der Clique – als offizielles Mitglied.

Ein neues Leben einüben

Ich hielt immer wieder losen Kontakt zu meiner Clique, die auch immer wieder bei uns im Jugendbund auftauchte und „ihren Schrotti“ wiederhaben wollte. Aber ich ging nicht mehr zurück. Ich merkte, was für ein Riesenschauspieler ich war; ich spielte die Rolle, die sie von mir erwarteten: ich rauchte, obwohl es für meinen Leistungssport Gift war, ich trank viel Alkohol, damit ich keine Memme war, obwohl ich den gar nicht so toll vertrage, und vor kriminellen Aktionen oder Schlägereien hatte ich immer riesigen Bammel. Durch Jesus lernte ich, was Freiheit wirklich heißt. Jesus schenkte mir Vergebung, das war eine meiner ersten Lektionen. Doch dann begann er, mit mir zu reden, mich zu prägen und mir zu zeigen, dass mein Leben einen Sinn hat, einen Wert und Würde. Ich bekam ein Ziel für die Ewigkeit und merkte Schritt für Schritt, dass Jesus mich gebrauchen und einsetzen wollte.
Etwa zwei Jahre, nachdem ich Jesus Christus kennenlernen durfte, führte er mich mit einer Rocker-Clique zusammen, den „Dead Angels“. Sie waren in meiner „wilden Zeit“ unsere Erzfeinde. Während eines Tee-Mobil-Einsatzes in unserer Stadt schneite die Gang in den Bus und wurde kurzerhand in unsere Gemeinde eingeladen. Erst wollten sie nicht kommen, bis eine Mitarbeiterin aus unserer Jugendarbeit sagte: „Ihr könnt ruhig kommen. Wir kennen so ein Outfit. Wir haben auch einen Ex-Rocker bei uns!“ Kaum hatte sie das gesagt, betrat ich den Bus, und ich stand meinen alten Feinden gegenüber.
Was in den darauffolgenden Wochen und Monaten passierte, veränderte mein Leben grundlegend. Doch davon berichte ich ausführlich in meinem Buch: „Vom Rocker zum Retter“.

Buchtipp

Martin Schrott: "Vom Rocker zum Retter"
erschienen bei CV Dillenburg
4,90 €

„Ihre Tochter ist tot!“
Wie ein Vater von seiner Tochter Abschied nimmt und was ihm in der Trauer geholfen hat

Autor: Pfarrer Stefan Lämmer, Öschingen
Lesedauer: ca. 9 Minuten

Der Schock

Am Samstagmittag klingelt das Telefon. Unsere Tochter Dorothee meldet sich. Sie erzählt: „Wir fahren nachher zum Tauchen. Unter Anleitung von Experten gehen wir ins Wasser.“ Mitten in der Nacht klingelt wieder das Telefon. Unser Schwiegersohn erklärt: „Dorothee hatte einen Tauchunfall. Sie wurde reanimiert und ins Krankenhaus eingeliefert.“ Wir eilen zu unserem Kind in die Klinik.
Im Wartezimmer beten wir mit einigen Tauchkammeraden vom CVJM München für sie. Ich hoffe, dass sich alles zum Guten wendet. Doch am nächsten Tag müssen wir die schreckliche Nachricht hören: „Die Untersuchungen sind eindeutig. Der Gehirntod ist eingetreten.“ Wir müssen alle Hoffnung auf Gesundung begraben. Nichts hat uns so im Innersten getroffen wie dieser überraschende Tod. Wir verstanden unsere Tochter als Geschenk Gottes. Aus diesem Grund haben wir sie Dorothee genannt.

Der innere Schmerz

Am Anfang ist der Schmerz übermächtig. Am Anfang ist mir fast alles zu viel. In den ersten Wochen und Monaten weiß ich kaum, wie ich den Alltag bestehen soll. Irgendwie muss ich den heftigen inneren Schmerz überstehen. Irgendwie muss ich überleben.
An mir selbst beobachte ich, dass mich Kleinigkeiten mehr ärgern. Als ich kaum weiß, wie ich den Tag bestehen kann, da regen mich Lappalien auf. Der Schmerz über den Tod des eigenen Kindes weckt eine Wut, die zu ungerechtem Verhalten verleitet.

Die Hilfe in der Trauergruppe

Zufällig stoße ich in der Tageszeitung auf eine Einladung in eine Trauergruppe. Diese Einladung nehme ich gerne an. Ich erlebe die Gruppe als befreiend. Alle kennen den Schmerz. Alle wissen um die schwere Arbeit, die uns die Not des Todes abverlangt.
Der Schmerz lässt sich nicht vergleichen. Er wird individuell erfahren. Bei dem Propheten Jeremia heißt es (Kla 1,12): „Schaut doch und seht, ob irgendein Schmerz sei wie mein Schmerz, der mich getroffen hat.“ In dem geschützten Raum der Trauergruppe unter der gegenseitigen Verpflichtung der Verschwiegenheit und einfühlsamer Leitung können wir ungeschminkt erzählen. Wir dürfen berichten, was uns im Innersten schmerzt. Das Erzählen und das Erleben, dass mir geduldig zugehört wird, besitzt befreiende Kraft. Die gegenseitige Wertschätzung, die im aktiven Zuhören erfahren wird, hilft uns allen. Die Erlebniswelt jeder Person wird geachtet. Zwei Menschen können auf den gleichen Reiz unterschiedlich reagieren. Die eine Person erzählt: „Es ärgert mich, dass fast niemand mich auf meinen Verlust anspricht. Die meisten gehen einfach zur Tagesordnung über.“ Der nächste berichtet: „Es ist mir zu viel! Es schmerzt mich, wenn ich auf meine Trauer angesprochen werde.“ Es gilt beim Zuhören, sich in den anderen einzufühlen ohne zu werten. Dabei können unsere Seelen aufatmen.
Ich erlebe an mir selbst und beobachte es an Personen in unserer Trauergruppe: Wer sich mehrfach an das negative Erleben erinnert, ruft das Erlebnis in sein Bewusstsein zurück. Dabei verliert es langsam seinen stechenden Schmerz.

Das Gewirr der Gefühle

In der Trauergruppe lerne ich: Zur normalen Trauer gehört eine Vielzahl an Gefühlen: Wie ein verworrenes Wollknäuel habe ich meine Gefühle erlebt. Da war zum einen der Schock, der mich unvermutet traf. Ich durchlitt einen großen Schmerz über den Verlust unseres Kindes. Daneben erlebe ich das Gefühl der Minderwertigkeit. Mir wurde etwas genommen, das zum Wertvollsten unseres Lebens gehörte. Ich fühle eine richtige Wut einerseits auf die Tochter, die einen solchen Sport ausübte. Andererseits spüre ich mehr noch eine Wut auf Gott, der die Katastrophe zugelassen hat.
Daneben wächst langsam ein Gefühl der Dankbarkeit. Ich bin dankbar, dass wir unsere Beziehung positiv gelebt haben. Viele schöne Erinnerungen bleiben. Besondere Höhepunkte sind die Urlaube und Familienfeste. Ich erlebe, die Zeit allein heilt meine verletzten Gefühle nicht. Doch es braucht Zeit, damit ich wieder Boden unter die Füße bekomme.

Verdrängte Trauer belastet das Leben

Ich erlebe: Trauer ist mit Schmerzen verbunden. Trauer ist psychische Schwerstarbeit. Aus diesem verständlichen Grund wird die Trauer oft verdrängt. Nur nicht darüber reden. Nur nicht daran denken. Dieser Lösungsweg führt in die Sackgasse. „Trauern ist eine Basisfähigkeit unserer Seele.“ Ich traue mich zu trauern, auch wenn es schmerzt.
Ich besuche ein Trauerseminar. Ich beobachte: Der erfahrene Seelsorger geht auf unsere Gefühle ein. Er vermittelt uns die Erfahrung: Die Trauer wird durch Trauern besser. Wer die Trauer noch einmal spürt, im Inneren erlebt, kann sie leichter tragen. Je öfter ich der Erinnerung begegne, desto mehr verändert sich das Gefühl.

Die befreiende Kraft der Klage

Am ersten Jahrestag des Todes unserer Tochter versammeln wir uns am Grab zu einer Andacht. Ich hatte eine mir bekannte Pfarrerin um diese Aufgabe gebeten. Wir vereinbarten, dass sie einen Psalm ihrer Wahl liest und uns ein paar Gedanken weitergibt. Welchen Psalm wird sie auswählen? Sie wählt Psalm 13 – einen Klagepsalm.

Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen?
Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?
Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele
und mich ängsten in meinem Herzen täglich?
Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?
Schaue doch und erhöre mich, Herr, mein Gott!
Erleuchte meine Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe,
dass nicht mein Feind sich rühme, er sei meiner mächtig geworden, und meine Widersacher sich freuen, dass ich wanke.
Ich aber traue darauf, dass du so gnädig bist;
mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst.

Bei einem solchem Psalm fühle ich mich verstanden. Da kann ich mitbeten. Da wird der Schmerz ernst genommen.

Darf man klagen?

Immer wieder höre ich die Frage: „Darf man als Christenmensch klagen?“ Darf man vor Gott aussprechen, was die Seele zutiefst getroffen hat?  Man darf! Die Bibel überliefert uns Klagepsalmen. Die Klagen der Psalmen zeigen, dass den Leidenden und ihrem Schmerz Raum eingeräumt wird. Mancher Rat klingt fromm, aber er führt in die Sackgasse. Genauso der Ratschlag: „Lerne leiden, ohne zu klagen.“ Bei Lichte betrachtet, stellt sich schnell heraus: Er ist weder menschlich noch christlich; weder evangelisch noch biblisch. Wenn die Psalmen uns die Klage lehren, dann darf ich mutig und ehrlich klagend zu Gott beten. Die Klagepsalmen schenken mir Worte, damit ich nicht verstumme.

Was zeichnet die Klage aus?

Manchmal werde ich gefragt: Worin liegt das Besondere der Klagepsalmen?
Erstens wendet sich die Klage im Gegensatz zum ziellosen Jammern an Gott. Wer ein Klagegebet spricht, kennt einen Adressaten und sendet seinen Hilferuf an ihn. „Es muss nicht so sein, wie es ist, und es soll nicht so bleiben, wie es ist, sagt die Klage.“
Zweitens bieten mir die Klagepsalmen in meiner Sprachlosigkeit eine Sprache an. In einer Situation, die mich überfordert, beginne ich stammelnd einen Klagepsalm mitzusprechen. In einer Notsituation, in der Betroffene in ihrem Schmerz oft verstummen, bietet mir der Klagepsalm Worte an, die ich mitbeten kann.
Drittens wird die Not ungeschminkt vor Gott ausgesprochen. Unzensiert wird vor Gott in Worte gefasst, was die Seele belastet. Ungewollt klingen diese Worte gegenüber Gott oft unangemessen und unfromm, aber sie ringen um neues Vertrauen zu Gott.

Die Klage mündet in die Bitte

Wie die biblischen Klagen alle um den Adressaten wissen, so münden sie fast alle in die Bitte an Gott. Ja, diese Psalmen zielen auf die Bitte um Hilfe. Beatrice von Weizsäcker meint: „Ich kann und will es nicht bei der Klage belassen.“ Der nächste Schritt muss gefunden werden. Die innere Bewegung der Klagepsalmen hilft hier weiter. Die Klagepsalmen sind Bittgebete. Die dringliche Sprache unterstreicht, wie sehr die Bitten von der Not, von der Klage diktiert sind.
In der Bitte wende ich mich an den, der seinen Trost versprochen hat. Ich suche Hilfe bei dem, der seine Hilfe zugesagt hat. Die Bitte an Gott bringt zum Ausdruck: Wenn Gott seine Zuwendung erneut gewährt und auf mein Beten antwortet, kann ich leben. Wenn er sich wieder als „mein Gott“ zeigt, können meine Augen leuchten, finde ich neuen Trost.

Der Schmerz meldet sich wieder

Die Gefühle der Trauer haben sich manchmal überfallartig gemeldet. Da lag der Tod unserer Dorothee mehr als ein Jahr hinter uns. In unserer Trauergruppe liegen Texte über das Sterben aus. Wir sollen sie lesen und einen aussuchen, der uns anspricht. Bei mehreren geht mir ein Stich durch das Herz und es treibt mir die Tränen in die Augen.
Mehr als ein Jahr später ereilt uns eine niederschmetternde Diagnose. Eine nahe Verwandte bekommt vom Arzt eine Hiobsbotschaft. Wieder schmerzt es in der Seele.
In solchen Augenblicken merke ich, die Trauer ist ein sehr langwieriger Prozess. Manchmal habe ich den Eindruck: Der Trauerprozess gleicht einem Kreislauf. Die Phasen wiederholen sich. Oft geht es nach zwei Schritten nach vorne wieder einen zurück. Doch mit der Zeit wird es leichter. Ich merke, es ist kein endloser Kreislauf, sondern eine Spirale. Nach drei Jahren habe ich mich aus der Trauergruppe verabschiedet.

Eine Hoffnung bleibt

Im Gespräch mit Trauernden begreife ich: Eine Hoffnung lebt in vielen. Roland Kachler fasst sie in die Worte: „Eine große Hoffnung gibt es: den geliebten Menschen eines Tages wiederzusehen, nicht in diesem, sondern in einem ganz anderen, transzendenten und ewigen Leben.“ Es stellt sich die Frage: Trösten sich Trauernde bei solchen Hoffnungen mit einem vagen Wunschdenken? Lösen sich solche Erwartungen bei kritischer Nachfrage in Luft auf?

Der Zweifel gehört dazu

Wer das Neue Testament aufmerksam liest, entdeckt: Der Zweifel gehört zu den Berichten von der Auferstehung Jesu. Die Jünger reagieren auf die Nachricht der Frauen mit größter Skepsis (Lk 24,11): „Die Apostel hielten das alles für Geschwätz und glaubten ihnen nicht.“ Die beiden Jünger, die nach Emmaus gehen, erzählen dem „Fremden“ (Lk 24,22): „Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe.“

Die Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling als hilfreiches Bild für die Auferstehung

Neben allen Fragen und Zweifel steht die lebendige Hoffnung. Anja Wiese gibt in ihrer langjährigen Begleitung von Trauernden eine wichtige Beobachtung weiter. Sie schreibt: In den Bildern von schwer kranken Kindern taucht das Motiv des Schmetterlings immer wieder auf. Mir leuchtet dieses Bild ein. In der Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling ahne ich die Größe der Auferstehung.
Selbst in Baracken von Konzentrationslagern haben manche Inhaftierte Schmetterlinge in die Wände eingeritzt. Sie haben mit diesen Bildern ihre Hoffnung auf eine neue, bessere Welt ausgedrückt. Der irdische, biologische Prozess der Metamorphose bestärkt in mir die Hoffnung, die Tochter wiederzusehen.

Veränderung: Abschied und neu anfangen!

Autorin: Christiane Rösel, Landesreferentin bei den Apis
Lesedauer: ca. 10-12 Minuten

Mögen Sie Veränderungen? Oder geht es Ihnen wie der Frau, die zu mir meinte: „Schon wenn ich das Wort höre, leuchten bei mir die Alarmlampen.“ Und dann ist ja auch die Frage, welche Veränderungen gemeint sind? Manches würden Sie vielleicht gerne verändern, sich für etwas anderes entscheiden, aber es geht nicht. Andrerseits kostet Abschied nehmen und noch einmal neu anfangen Kraft – oft vielleicht sogar so viel, dass ich den Eindruck habe: Das ist jetzt wirklich nicht zu schaffen! Und doch müssen wir uns immer wieder verabschieden: Von einer Lebensphase in die nächste, von Freundinnen und Freunden, immer öfter auch beruflich: „Einmal Bäcker, immer Bäcker“ – das gilt heute für viele nicht mehr.

Wie wir mit Abschied nehmen und neu beginnen umgehen, ist nicht nur eine Typfrage – entscheidend ist sicher auch das Alter. Wir haben drei erwachsene Kinder, die sich mit einer jugendlichen Entdeckerfreude auf den Weg gemacht haben: Nach der Schule ins Freiwillige Soziale Jahr, von dort weiter an den Studienort ... Als für meinen Mann und mich nach 22 Jahren in Marburg der Wechsel in den Süden anstand, hat mich das dagegen ziemlich durchgeschüttelt. Schließlich bin ich in Hamburg aufgewachsen, da ist Walddorfhäslach einfach das andere Ende der Republik. Mittlerweile bin ich schneller am Mittelmeer als in meiner alten Heimat. Und nicht nur das, mit unserem Wechsel in den Süden ist auch unser jüngster Sohn ausgezogen, also war von jetzt auf gleich auch die Phase beendet, in der wir als Eltern direkt zuständig sind. Auf einmal saßen wir da zu zweit – und die Freundinnen, mit denen ich darüber reden konnte, waren weit weg.

Wer hätte das gedacht?

Mitten in dieser turbulenten Phase wurde ich gefragt: „Haben Sie ein Thema, und können Sie sich vorstellen, dazu etwas zu schreiben?“ Und ob ich ein Thema hatte! Aber ganz sicher wollte ich dazu nichts schreiben, schließlich steckte ich mittendrin. Das Lebensthema, das mich seitdem umtreibt, heißt: „Veränderung!“ Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es gleichzeitig passiert, auf allen Ebenen. Bevor ich dazu etwas schreiben würde, wollte ich es unter den Füßen haben. Wenigstens ein bisschen. Aber dann ließ mich die Anfrage nicht los: Lag darin nicht auch eine Chance? Würde das Schreiben mir nicht vielleicht helfen, die Veränderungen in meinem Leben zu bewältigen? Und vielleicht helfen ja sogar meine Fragen anderen Menschen mehr, als glatte Antworten es könnten. Außerdem habe ich etwas gelernt, was ich mit „Fairness der eigenen Wahrnehmung“ beschreiben würde. Natürlich wusste ich auch vorher, dass Veränderung für viele Menschen ein Thema ist. Aber ich wurde dafür noch mal ganz besonders sensibilisiert: Wie ist das, wenn sich Lebensträume nicht erfüllen? Wie können wir die Veränderungen im Alter mit Krankheit und Abschied bewältigen? Veränderung ist also offenbar immer wieder ein Thema in unserem Leben. Fragen tauchen auf:

// Wie schaffen Menschen es, Veränderungen zu bewältigen?
// Was kann und muss ich selbst tun, welche Prozesse brauchen aber auch Zeit?
// Was bedeutet das für die grundlegenden Lebensfragen – und wie sieht es mit der Alltagsbewältigung aus?
// Was mache ich mit den Fragen, Schwierigkeiten und Lasten, die ich nicht verändern kann?
// Und was heißt das alles für meinen Glauben?

Aufbruch, Umbruch – losgehen

Wenn wir in die Bibel schauen, begegnet uns dieses Thema immer wieder: Loslassen und aufbrechen. Bei Josef, Ruth und den Jüngern von Jesus scheint es uns auch völlig normal. Selbstverständlich haben sie sich auf den Weg gemacht, wenn Gott sie ruft. Und das oft noch viel radikaler, als viele von uns das erleben. Deshalb beschäftigt mich die Frage schon: Was mache ich mit dem, was ich dort lese? Und was trägt, wenn es darauf ankommt? Ja, ich habe Jesus Christus mein Leben anvertraut. Aber trägt der Glaube an ihn auch in den aktuellen Veränderungen?

Stellen Sie sich die Szene doch bitte einmal vor: Da sitzt ein 75-jähriger Nomade vor seinem Zelt und auf einmal spricht Gott zu ihm: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen werde!“ (1. Mose 12,1) Wenig später lesen wir, dass Abraham seine sieben Sachen packt und loszieht. Stopp! Wir wissen wohin – doch er hatte keine Ahnung. Es hilft mir, mir das immer wieder bewusst zu machen. Bei vielen biblischen Geschichten denke ich doch am Anfang das Ende schon mit. Ich weiß also auch hier bereits, wie es ausgeht. Abraham wusste es nicht. Was ihn wohl beschäftigte? Vielleicht: „Was sagt meine Familie? Wie reagieren die Nachbarn? Und wie erkläre ich das meiner Frau?“ Abraham verlässt alles, was er hat, weil Gott ihn anspricht. Was für eine Zumutung, oder? Was Abraham hat, das weiß er: Heimat, Verwandtschaft, Freunde. Das alles soll er aufgeben für eine unsichere Zukunft? Und wer ist eigentlich Gott, der das alles sagt? Diese Frage habe ich Gott in diesen Wochen und Monaten des Wechsels immer wieder hingehalten mit dieser einen Bitte: „Vater im Himmel, zeig du dich mir noch einmal neu. Und hilf mir, dir zu vertrauen. Sicher bin ich nicht – aber vertrauen möchte ich dir.“

Abraham geht nicht einfach so. Gottes Geschichte mit Abraham beginnt damit, dass er ihn segnet: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein!“ (1. Mose 12,2) Im Segen verbündet sich Gott mit ihm. Dieses Wort hat mir eine Freundin als Zeugenwort bei meiner Diensteinführung am Api-Freundestag zugesprochen. Und diese Verheißung steht über unserem Leben. In ihr erfahren wir, was Gnade ist: „Nicht erringen müssen, wovon man letztlich lebt!“ Wie zeigt sich das aber in unserem Alltag? Gibt es so etwas wie eine Veränderungskompetenz?

Wie gelingt Neues? Oder: Die Kraft aus der Krise.

In den letzten Jahren habe ich mich immer wieder einmal mit der Frage von Resilienz oder innerer Stärke beschäftigt. Psychologen beschreiben damit eine Fähigkeit, sich elastisch und anpassungsfähig den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Kann man Veränderungskompetenz also doch lernen? Können Menschen Kräfte entwickeln, die sie selbst nicht für möglich gehalten hätten? Diese innere Stärke im Leben anderer wahrzunehmen beeindruckt mich – aber jetzt bin ich selbst dran, mich noch einmal auf einen Weg zu machen. Diese Schritte noch einmal ganz persönlich durchzubuchstabieren. Und ich lerne dabei jede Menge von anderen:

1. Das werden wir schon schaffen: Optimismus


Ein wesentliches Merkmal innerer Stärke ist eine optimistische Grundhaltung. Das bedeutet nicht, dass sich alle Schwierigkeiten einfach auflösen, ganz sicher nicht. Aber auch zu überlegen: Was ist eigentlich gut, ermutigend in dem, was wir erleben? Und ja, darin steckt für mich auch eine Frage an meinen Glauben: Nicht – was muss ich schaffen? Sondern wie vieles konnten wir schon bewältigen, weil wir nicht alleine sind, sondern einen Vater im Himmel haben, der mit uns geht.

2. Nimm das Leben, wie es ist: Akzeptanz

Eine mütterliche Freundin hat mir einmal gesagt: „Weißt du, Christiane, manches ist ja nicht so leicht mit dem Älterwerden. Deshalb zählen wir nicht, was wir verloren haben, sondern was uns geblieben ist. Früher sind wir gerne gewandert, das geht nicht mehr. Aber eine Runde um den Block. Dafür reicht die Kraft. Und sich zu freuen, an jedem neuen Tag, der uns geschenkt ist.“

3. Eine neue Normalität: Neue Ziele setzen


Eine Freundin ist vor einigen Jahren sehr schwer erkrankt. Als wir darüber gesprochen haben, was sich für sie verändert hat, meinte sie: „Von jetzt auf gleich ist alles anders. Es gibt keine langfristigen Ziele, eigentlich leben wir im Moment von einer Therapiephase zur nächsten. Aber es ist so, auch das wird ein Stück Normalität. Die Ziele sehen anders aus, werden kleiner, überschaubarer – aber sie sind da.“

4. Raus aus dem Schneckenhaus: Die Opferrolle verlassen

Kennen Sie auch Momente, in denen Sie sich am liebsten verkriechen würden? Wo einem alles zu viel wird? Gibt es Lebensbereiche, Situationen, wo Sie sich ausgeliefert fühlen? Sich dann nicht einfach ins Schicksal zu fügen, sondern zu überlegen: Wie kann ich wieder „Land gewinnen“? Welche Schritte könnte ich tun, um Leben zurückzugewinnen? Und es ist wohl so, die Lieder und Texte, die wirklich die Kraft haben, Menschen zu ermutigen, sind in schweren Zeiten entstanden. Ja, Menschen hätten Opfer dieser schlimmen Umstände bleiben können, aber sie haben sich auf den Weg gemacht. Wussten Sie, dass das Lied „So nimm denn meine Hände“ von Julie Haussmann (1862) aufgrund einer tragischen Liebesgeschichte entstanden ist? Julie war mit einem Missionar verlobt, der nach Afrika ausreiste. Als sie schließlich mehrere Monate später dort ankam, war ihr Verlobter kurz vorher an einer Seuche gestorben. Tief betroffen und erschöpft zog sie sich zurück und schrieb dieses Lied: „So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehen und stehen, da nimm mich mit.“

5. Verantwortung übernehmen

Dieser Schritt knüpft an den vorigen an. Es gibt viele Situationen, die können wir nicht ändern. Auch wenn wir es wollten. Schnell kann es dann passieren, anderen die Schuld zuzuschieben. Ja, es kann sogar sein, dass Menschen an manchem Schuld tragen. Trotzdem wird sich nichts verändern, wenn wir nicht die Verantwortung für uns und unser Leben in die Hand nehmen.

6. Umgib Dich mit Verbündeten

Das ist nun wirklich mein persönlicher Lieblingsschritt der inneren Stärke: Bleib nicht allein. Kaum etwas ist für uns so wichtig wie die Erfahrung, mit anderen verbunden zu sein, gerade in Zeiten der Veränderung. Denn geteiltes Leid ist halbes Leid und geteilte Freude verdoppelt sich.

7. Mit Ausdauer durch das Leben

Spätestens in der Lebensmitte spüren wir doch: Das Leben ist kein Sprint – eher ein Marathon. Deshalb ist es gut, sich seine Kräfte einzuteilen. Mit Ausdauer durch das Leben zu gehen heißt auch, manchen Entwicklungen Zeit zu geben. Das fällt mir oft nicht leicht. Ich muss mich dem Neuen stellen, andererseits aber den Veränderungen die Zeit geben, Wurzeln zu schlagen. Wichtig ist dabei vermutlich, immer wieder einmal den eigenen Standort zu bestimmen, um Fortschritte auch wahrzunehmen: Was gelingt mir schon gut? Wo liegt meine ganz persönliche innere Stärke? Was ist abrufbar, wenn ich es brauche? Diese Fragen bieten eine gute Grundlage für weitere Veränderungen. Und in nächsten Schritten könnten wir dann überlegen, welchen neuen Gedanken wir Raum geben wollen, etwas zu versuchen, was man noch nicht probiert hat. Immer wieder einmal die vertraute Komfortzone zu verlassen.

Wenn Sie Ihre eigenen Veränderungsprozesse anschauen, welcher der aufgeführten Schritte ist vielleicht für Sie dran? An welchem Punkt befinden Sie sich? Was kann Ihnen helfen loszugehen und Schritte der Veränderung zu wagen? Was mich tröstet in allen Herausforderungen ist die Zusage unseres himmlischen Vaters, uns auf diesen Wegen zu begleiten.

Aufbruch
Auftrag und Zumutung
Geborgenheit und Lockruf
Zuflucht und Wagnis
Risiken eingehen
sitzen bleiben gilt nicht
Gott sagt zu mir:
„Ich bin der Ich-bin-da!“

Auf ein Wort: Im Flug der Zeiten

Autor: Pfarrer Steffen Kern, Vorsitzender der Apis
Lesedauer: ca. 2-3 Minuten

Liebe Leser,

Die Zeichen stehen auf Wandel. Die Zeiten ändern sich. Das war schon immer so: Beständig ist nur der Wandel. Diese Sätze sind Binsenweisheiten aus dem Volksmund, die doch eine tiefe Wahrheit aussprechen, die wir allzu häufig übersehen: Es ändert sich vielmehr, als wir wahrhaben wollen. Das lehrt uns ein Blick in die Geschichte:
Vor gut einhundert Jahren, als der Schönblick gebaut und eingeweiht wurde, tobte in Europa ein verheerender Krieg. Hunderttausende starben. Zugleich gingen Staatssysteme zu Ende; bald wurde die erste Republik ausgerufen. Und parallel dazu hielt das Automobil Einzug auf den Straßen. Der technische Fortschritt ging rasant voran.
Noch ein paar Jahre später konnte man – unvorstellbar – sogar Radio hören.

Heute lächeln wir müde über diese Errungenschaften, die uns wie Sandkasten-Spiele vorkommen angesichts der Entwicklungen, die uns gegenwärtig beschäftigen: Wieder gibt es politische Umwälzungen in der Welt, die atemberaubend sind.
Der Terror verbreitet seine Schrecken. Nationalismen erstarken neu. Auf den Straßen fahren die ersten selbstfahrenden  Autos, und ein Alltagsleben ohne das Internet ist kaum mehr vorstellbar. Wieder einmal leben wir im Zeitalter einer medialen Revolution.

Wie übrigens auch zur Zeit der Reformation vor 500 Jahren, die ohne den Buchdruck undenkbar gewesen wäre.  Alles wird anders: die Art, wie wir arbeiten, wohin wir reisen, wie wir leben. Das hat Folgen, auch für die Gemeinschaftsarbeit.

Was uns leitet

Die Zeiten ändern sich. Weil unsere Väter und Mütter das wahrgenommen haben, haben sie unseren Verband gegründet, den Schönblick gebaut und neue Formen des Gemeinschaftslebens geschaffen. Sie haben es ermöglicht, dass Menschen in Not geholfen wird. Die Hoffnung in ihrem Herzen hat ihr Handeln geprägt.  So entstanden diakonische Aufbrüche. Wir stehen wieder an so einer Schwelle:
Klassische Formen der Gemeinschaften werden kleiner und weniger; das gilt für manche Bibelstunden. Andere blühen auf und wachsen: Das gilt für Gemeinschaften, Gemeinden und diakonische Aufbrüche. Entscheidend ist, dass wir in diesem Wandel unserem Auftrag treu bleiben und uns an den Herrn halten, der mit uns durch die Zeiten geht und immer derselbe bleibt. Darum ist es gut, wenn wir uns als Gemeinschaftsverband gerade im Blick auf den Wandel an unser Leitwort erinnern:

„Ich lebe und ihr sollt auch leben“, sagt Jesus Christus.

Wir freuen uns an diesem Leben und vertrauen gemeinsam auf Gottes Wort. Wir laden ein zum Leben mit ihm und geben seine Liebe in Wort und Tat weiter. Auch für den Wandel in Ihrem persönlichen Leben enthält die Ausgabe dieses Magazins wertvolle und inspirierende Artikel.

Ab sofort veröffentlichen wir an dieser Stelle jeden Montag einen Artikel zum aktuellen Thema. Freuen Sie sich auf dieses neue Angebot auf unserer Website.