Aktuelle Artikel aus der "Gemeinschaft"

Neben Erklärungen zu Bibeltexten bietet unser Magazin "Gemeinschaft" jeweils einen thematischen Schwerpunkt mit Artikeln unterschiedlichster Autoren. So beleuchten wir die Themen aus unteschiedlichen Blickwinkeln. Hier finden Sie jeden Montag einen thematischen Artikel aus der aktuellen Ausgabe.
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Juli 2017: Wenn sich alles ändert

Mo, 26. Juni 2017: Im Flug der Zeiten (Steffen Kern)
Mo, 3. Juli 2017: Veränderung: Abschied und neu anfangen! (Christiane Rösel)
Mo, 10. Juli 2017: "Ihre Tochter ist tot" (Stefan Lämmer)
Mo, 17. Juli 2017: Vom Schläger zum Prediger (Martin Schrott)
Mo, 24. Juli 2017: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne (Nicola Berstecher)

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Autorin: Nicola Berstecher, 1. Vorsitzende ACC Deutschland, Herrenberg
Lesedauer: ca. 4 Minuten

Abgesehen von den alltäglichen Abschieden im Kleinen, gibt es vier große Lebensereignisse, die Neuanfänge bzw. Abschiede in unserem Leben beinhalten. Manchmal suchen wir sie ganz bewusst, und mit manchen Veränderungen in unserem Leben müssen wir uns auseinandersetzen ob wir wollen oder nicht.

1. Veränderung des Lebensmittelpunktes durch Umzug

Wir sind zu einer sehr mobilen Gesellschaft geworden. Flexibilität ist gefordert, und führt dazu, dass immer mehr Menschen lange Anfahrten zur Arbeit in Kauf nehmen müssen, oder durch Umzüge ihren Lebensmittelpunkt verändern. Das kostet viel Kraft und Energie ein Zuhause loszulassen, und sich eine neue Lebenswelt aufzubauen.

2. Leben mit Krankheit – Abschied von der Gesundheit

Die Gesundheit bis ins hohe Alter hat in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Doch viele Menschen erleben die Herausforderung, sich im Laufe ihres Lebens mit einer chronischen Erkrankung oder einer lebensbedrohlichen Erkrankung auseinanderzusetzen.
Sie erleben viele kleine Abschiede von Aktivitäten, die sie nun nicht mehr ausführen können. Sie müssen sich mit dem letzten großen Abschied – dem Tod – auseinandersetzen, und erleben hier manche sehr schmerzhaften Prozesse. Auch bei der Erkrankung eines nahen Angehörigen werden diese Ablösungs- und Loslassprozesse hautnah miterlebt, jedoch oft in einer sehr hilflosen Zuschauerposition.

3. Die Kinder sind aus dem Haus

Sie haben im Laufe Ihres Lebens verschiedene Stadien im Zyklus Ihres Familienlebens zu bewältigen. Eine Phase ist die, in der die Kinder aus dem Haus gehen, lernen auf eigenen Füßen zu stehen, und sie ihrem Ehepartner überlassen oder alleine lassen. Auch dieser Abschied birgt die Chance auf einen Neuanfang, sich auf die nächste Lebensphase nun noch einmal ganz bewusst einzulassen.

4. Eintritt ins Rentenalter

Rente – das heißt Menschen müssen nicht mehr den größten Teil ihrer Tageszeit damit zubringen, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Auch wenn das Rentenantrittsalter immer weiter nach hinten verschoben wird, gehen viele Menschen in den Ruhestand im Vollbesitz ihrer körperlichen und geistigen Kräfte. Manchen trifft es auch früher, ohne eigenes Wollen durch den Verlust des Arbeitsplatzes oder die Frühverrentung. Für viele lang ersehnt, und zuerst ein Grund der Freude, trifft es doch auch viele Menschen völlig unvorbereitet, dass ihr Lebensalltag hier noch einmal komplett umgekrempelt wird.
Auch aus meinem Leben kenne ich diese „Abschiedsfragen“ bis auf die Rente, und die Probleme, die sich daraus ergeben können. Umzüge in eine andere Stadt oder gar ein anderes Land – wie wohltuend waren hier Menschen, die auf mich zugekommen sind und mich unterstützt haben. Das Leben mit einer chronischen Erkrankung (MS) und all ihren Höhen und Tiefen, und natürlich auch der Auszug unserer vier Kinder und die Herausforderung und Chance, unser Eheleben da fortzusetzen, wo wir einmal begonnen haben – zu zweit.
Vier große Lebensübergänge, die oft krisenhaft besetzt sind, und vor denen auch Menschen, die im Glauben ihren Halt haben, nicht gefeit sind. Manchmal ist es schwierig, alleine einen Weg zu finden. Hier kann ein gutes Seelsorge- oder Beratungsangebot bei einer Christlichen Seelsorge/Lebensberatung helfen. Die Seelsorge hat die Aufgabe, Menschen in ihrer Not zu begleiten, und durch Zuhören und Gebet einen Raum zu schaffen, um Entlastung von den Problemen zu finden. In der christlichen Lebensberatung geht es außerdem darum, durch Einbeziehung verschiedener beraterischer Methoden an den Schwierigkeiten zu arbeiten, und eine Besserung herbeizuführen. In der Therapie, die nur von Menschen durchgeführt werden darf, die eine Erlaubnis dazu haben, geht es um Heilung von psychischen Störungen. Hier bedarf es auch ärztlicher und medikamentöser Unterstützung. Bei allen dreien jedoch, möchten wir auch Gottes Möglichkeit der Veränderung miteinbeziehen.

ACC – Dachverband für Christliche Beratung

Seit über 15 Jahren gibt es in Deutschland einen Dachverband für Christliche Seelsorge und Lebensberatung (ACC), der es sich zur Aufgabe gemacht hat, christliche Ausbildungen in Lebensberatung/Seelsorge zu zertifizieren, und somit auf ein qualitativ hohes Niveau zu stellen.
ACC ist Mitglied bei der Deutschen Gesellschaft für Beratung, in der diese Standards deutschlandweit für alle (auch säkulare) Ausbildungen gelegt wurden. Außerdem sind wir Teil von ACC-Europa, und haben unsere Ausbildungsabschlüsse mit der Schweiz gegenseitig anerkannt.
Wir führen eine Liste mit LebensberaterInnen und SeelsorgerInnen auf unserer Homepage www.acc-deutschland.org, auf der Sie deutschlandweit fündig werden können. Die BeraterInnen sind in verschiedenen Werken ausgebildet und sind laufend in Fortbildung und Supervision. So garantieren sie neben dem christlichen Menschenbild auch eine hohe fachliche Ausbildung. Sowohl die geistliche Dimension,als auch die Verantwortung jedes Einzelnen für sein Leben zu stärken, und eben auch die Fachlichkeit des Beraters sind uns sehr wichtig. Aber auch wenn Sie Interesse an einer Ausbildung in Seelsorge oder Christlicher Lebensberatung haben, schauen Sie doch einmal auf unser Homepage vorbei und informieren sich über die verschiedenen Möglichkeiten der Ausbildungsinstitute.

Vom Schläger zum Prediger

Autor: Martin Schrott, Gemeinschaftsprediger bei den Apis
Lesedauer: ca. 8 Minuten

„Gestatten: Schrott – ein Name, ein Programm!“ Wer früher diese Worte von mir hörte, bekam ein gesundheitliches Problem. Zumindest bekam er Prügel. Wofür man mich noch kurze Zeit vorher hänselte, machte ich zu meinem Markenzeichen. Ich gehörte zu der Sorte Jugendliche, vor denen mich meine Eltern immer gewarnt hatten. Aber lassen Sie mich der Reihe nach erzählen.

Eigentlich fing alles ganz normal an

Geboren wurde ich 1964 in Nordenham. Das liegt dort, wo die Weser in die Nordsee fließt. Ich bin das dritte und jüngste Kind meiner Eltern. Mein älterer Bruder ist drei Jahre älter als ich, mein Bruder Thorsten ist drei Minuten älter. Ich bin ein Zwilling. Meine Eltern fuhren beide zur See. Bei den „Norddeutschen Seekabelwerken“ verlegten sie Strom- oder Telefonkabel auf dem Meeresgrund von Deutschland nach England, Dänemark oder nach Helgoland. Schon mein Großvater fuhr zur See; er arbeitete als Schiffskoch. Als Kind träumte ich davon, später selbst einmal zur See zu fahren. Und noch heute hat es mir das Meer angetan. Das steckt wohl in den Genen ...
Aus beruflichen Gründen zogen wir Ende der 1970er Jahre nach Bayern, genauer gesagt nach Oberfranken. Während mein Vater die Woche über auf dem Bau war, führte meine Mutter eine kleine Dorfgaststätte. Ich hatte eine herrliche, unbeschwerte und wirklich glückliche Kindheit. Meine freie Zeit verbrachte ich mit den anderen Dorfkindern auf Bäumen, auf Felsen, durchstreifte mit ihnen Wiesen und Wälder oder planschte in Bächen. Als die ersten Fernseher aufkamen, interessierte uns das als Kinder nicht. Schließlich hatten wir Ritter zu besiegen, Indianer zurückzudrängen, Seeräubern den Goldschatz abzujagen, den Sheriff von Nottingham in die Flucht zu schlagen oder andere Abenteuer zu bestehen.

Meine zwei schwersten Jahre – die 1. Klasse

Dann kam die Schule. Ich kann wohl mit Stolz behaupten (was ich jedoch lieber nicht tun sollte), dass ich sicher der erste und einzige Schüler war, der noch nicht einmal die erste Klasse schaffte. Nach einem halben Jahr empfahl meine Lehrerin, mich aus der Klasse zu nehmen und es im nächsten Jahr „noch einmal zu versuchen“. Der erste Grund für meine „vorzeitige Entlassung“ lag darin begründet, dass ich den Griffel – wir lernten das Schreiben noch auf Schiefertafeln! – wie einen Faustkeil hielt. Zweitens hatten Frau Richter und ich nicht das beste Verhältnis. Denn ich war Linkshänder. Zu Beginn der 1970er war das pädagogisch nicht besonders wertvoll. Regelmäßig bekam ich „Backpfeifen“ und „Kopfnüsse“ von ihr, wenn sie mich dabei erwischte, dass ich den Griffel in der linken Hand hielt. Zum Dritten mussten wir damals noch in alphabetischer Reihenfolge sitzen, und da kommt der Buchstabe „S“ ziemlich weit hinten. Dort, wo ich saß, konnte ich die Tafel nicht sehen. Aber Umsetzen ging nicht ... Als ich ein halbes Jahr später nochmals eingeschult wurde, schienen Pädagogik und Didaktik in Bayern einen Quantensprung vollzogen zu haben, doch meine Motivation für Schule war bereits dahin, bevor es richtig anfing.

Alles Schrott

Kurz nach meinem zwölften Geburtstag zogen wir als Familie in die nahe gelegene Kreisstadt Kulmbach. Mein Vater bekam eine Anstellung als Kastellan. So nennt man einen Burg- oder Schlossverwalter. Für meinen Vater war der Umzug in vieler Hinsicht ein Aufstieg. Für uns Kinder war der Aufstieg nur physikalischer Art, denn unser „Haus“, die „Plassenburg“, lag 124 m über der Stadt. Für mich war dieser Umzug der Beginn meiner persönlichen Katastrophe.
„Hallo Schrotthaufen!“ Meine neuen Klassenkameraden hänselten mich vom ersten Schultag an. „Hey, der stinkt nach Fisch! Fischkopf, du stinkst!“, spotteten sie. Damals trug ich nicht nur eine mega-hässliche Brille aus fettem Horngestell mit Gläsern so dick wie alte Fernseher, ich trug vor allem ein für mich unsichtbares Schild quer vor dem Kopf, auf dem stand: „Bitte schlagt mich!“ Alle außer mir schienen das gut lesen zu können. Und sie befolgten es!
Woche für Woche nahmen die Hänseleien und Prügeleien zu. Meistens stand ich einfach nur da und ließ es an mir geschehen. Spott, Hass und Gewalt waren mir bis dahin noch nie begegnet, und ich sah mich außerstande, mich in irgendeiner Weise zur Wehr setzen zu können. Okay, ich bekam auch schon mal eine Tracht Prügel, wenn wir als Kinder etwas ausgefressen hatten. Aber das war etwas anderes. Zum einen hatten wir es verdient. Zum anderen war hinterher alles wieder in Ordnung. Bei meinen Auseinandersetzungen nach der Schule war das nicht so. Die Kinder genossen es förmlich, einen Deppen gefunden zu haben, der sich noch nicht einmal wehrte, wenn man ihn schlug. Manche brachten Freunde mit, um sich an diesem „Happening“ zu beteiligen.

„Nomen est omen“ – Martin: der Kriegerische

Eines Tages meinte mein Vater: „Martin, du musst endlich anfangen, dich zu wehren. Die Krankenkasse zahlt dir nicht jede Woche eine neue Brille!“ Innerhalb des nächsten Jahres lernte ich mich zu wehren. Ich begann mit dem Training von Judo, Boxen und Karate. Schon nach wenigen Monaten stellten sich die Erfolge ein. Aus Feinden wurden Freunde, denn nun achteten sie mich. Mit der Zeit wurden wir zu einer eingeschworenen Clique.
Als ich 16 Jahre alt war, nannten mich alle „Schrotti – ein Name, ein Programm“. Als feste Bande tranken wir viel Alkohol, fast jeden Tag, prügelten uns mit anderen – hauptsächlich Ausländern, klauten in Kaufhäusern und randalierten in der Stadt. Wir beschädigten parkende Autos, zertrümmerten Schaufensterscheiben von Geschäften, brachen ein und brachen auf, um mitzunehmen, was wir zu Geld machen konnten. Ich gehörte nun zu der Art von Jugendlichen, vor denen mich meine Eltern immer gewarnt hatten.

Die große Veränderung

Von einem Tag auf den anderen änderte sich mein Leben radikal. Ein Schulkamerad wurde zu einer Veranstaltung eingeladen, traute sich allerdings nicht alleine „dort“ hin. Wo „dort“ war, sagte er nicht, bat mich aber, mitzukommen.
Als ich mit ihm in den Saal der landeskirchlichen Gemeinschaft kam, traf mich fast der Schlag: da saß meine ganze Clique. Sie wurden von dem Missionsteam auf der Straße angesprochen und eingeladen. Und sie beschlossen: „Den Laden nehmen wir auseinander!“ Vom Inhalt dieses Abends weiß ich nichts mehr. Es sprach mich nichts an. Doch hinterher gab’s noch Tee und Knabberzeug. Darum blieben wir. Einer von denen, die uns eingeladen hatten, war Norddeutscher. Das hörte ich an seinem Dialekt. Also wartete ich, bis ich mit ihm habe reden können. Ich wollte ihn fragen, woher er denn käme. Aber es lief alles ganz anders. Er unterhielt sich mit mir. Er fragte mich, ob mir dieses Leben denn gefiele, und wo ich denn in ein paar Jahren sein werde. Und dann fragte er mich, ob ich nicht Jesus Christus persönlich kennen lernen wollte. In wenigen Sätzen erklärte er mir von der Bibel her, dass Jesus der Sohn Gottes ist und mich liebt. Und wenn ich ihn bitte, in mein Leben zu kommen, mein Erlöser zu sein und mir den Weg zu einem sinnerfüllten Leben zu zeigen, dann wird er zu mir kommen.
Was hatte ich zu verlieren? Es konnte nur besser für mich werden. Wenn es stimmt, habe ich viel gewonnen. Wenn es nicht stimmt, so dachte ich mir, kann ich ja weitermachen wie bisher. Zum ersten Mal in meinem Leben sprach ich bewusst mit Gott. Und es stimmte. Gott kam und schenkte mir Vergebung. Tiefer Friede zog bei mir ein. Ich wusste auf einmal, was ich zutiefst suchte. Mein Leben bekam einen Sinn. Noch bevor ich mein erstes bewusstes „Amen“ sprach, spürte ich Jesus Christus und den Heiligen Geist in meinem Leben. Noch am selben Abend trennte ich mich von der Clique – als offizielles Mitglied.

Ein neues Leben einüben

Ich hielt immer wieder losen Kontakt zu meiner Clique, die auch immer wieder bei uns im Jugendbund auftauchte und „ihren Schrotti“ wiederhaben wollte. Aber ich ging nicht mehr zurück. Ich merkte, was für ein Riesenschauspieler ich war; ich spielte die Rolle, die sie von mir erwarteten: ich rauchte, obwohl es für meinen Leistungssport Gift war, ich trank viel Alkohol, damit ich keine Memme war, obwohl ich den gar nicht so toll vertrage, und vor kriminellen Aktionen oder Schlägereien hatte ich immer riesigen Bammel. Durch Jesus lernte ich, was Freiheit wirklich heißt. Jesus schenkte mir Vergebung, das war eine meiner ersten Lektionen. Doch dann begann er, mit mir zu reden, mich zu prägen und mir zu zeigen, dass mein Leben einen Sinn hat, einen Wert und Würde. Ich bekam ein Ziel für die Ewigkeit und merkte Schritt für Schritt, dass Jesus mich gebrauchen und einsetzen wollte.
Etwa zwei Jahre, nachdem ich Jesus Christus kennenlernen durfte, führte er mich mit einer Rocker-Clique zusammen, den „Dead Angels“. Sie waren in meiner „wilden Zeit“ unsere Erzfeinde. Während eines Tee-Mobil-Einsatzes in unserer Stadt schneite die Gang in den Bus und wurde kurzerhand in unsere Gemeinde eingeladen. Erst wollten sie nicht kommen, bis eine Mitarbeiterin aus unserer Jugendarbeit sagte: „Ihr könnt ruhig kommen. Wir kennen so ein Outfit. Wir haben auch einen Ex-Rocker bei uns!“ Kaum hatte sie das gesagt, betrat ich den Bus, und ich stand meinen alten Feinden gegenüber.
Was in den darauffolgenden Wochen und Monaten passierte, veränderte mein Leben grundlegend. Doch davon berichte ich ausführlich in meinem Buch: „Vom Rocker zum Retter“.

Buchtipp

Martin Schrott: "Vom Rocker zum Retter"
erschienen bei CV Dillenburg
4,90 €

„Ihre Tochter ist tot!“
Wie ein Vater von seiner Tochter Abschied nimmt und was ihm in der Trauer geholfen hat

Autor: Pfarrer Stefan Lämmer, Öschingen
Lesedauer: ca. 9 Minuten

Der Schock

Am Samstagmittag klingelt das Telefon. Unsere Tochter Dorothee meldet sich. Sie erzählt: „Wir fahren nachher zum Tauchen. Unter Anleitung von Experten gehen wir ins Wasser.“ Mitten in der Nacht klingelt wieder das Telefon. Unser Schwiegersohn erklärt: „Dorothee hatte einen Tauchunfall. Sie wurde reanimiert und ins Krankenhaus eingeliefert.“ Wir eilen zu unserem Kind in die Klinik.
Im Wartezimmer beten wir mit einigen Tauchkammeraden vom CVJM München für sie. Ich hoffe, dass sich alles zum Guten wendet. Doch am nächsten Tag müssen wir die schreckliche Nachricht hören: „Die Untersuchungen sind eindeutig. Der Gehirntod ist eingetreten.“ Wir müssen alle Hoffnung auf Gesundung begraben. Nichts hat uns so im Innersten getroffen wie dieser überraschende Tod. Wir verstanden unsere Tochter als Geschenk Gottes. Aus diesem Grund haben wir sie Dorothee genannt.

Der innere Schmerz

Am Anfang ist der Schmerz übermächtig. Am Anfang ist mir fast alles zu viel. In den ersten Wochen und Monaten weiß ich kaum, wie ich den Alltag bestehen soll. Irgendwie muss ich den heftigen inneren Schmerz überstehen. Irgendwie muss ich überleben.
An mir selbst beobachte ich, dass mich Kleinigkeiten mehr ärgern. Als ich kaum weiß, wie ich den Tag bestehen kann, da regen mich Lappalien auf. Der Schmerz über den Tod des eigenen Kindes weckt eine Wut, die zu ungerechtem Verhalten verleitet.

Die Hilfe in der Trauergruppe

Zufällig stoße ich in der Tageszeitung auf eine Einladung in eine Trauergruppe. Diese Einladung nehme ich gerne an. Ich erlebe die Gruppe als befreiend. Alle kennen den Schmerz. Alle wissen um die schwere Arbeit, die uns die Not des Todes abverlangt.
Der Schmerz lässt sich nicht vergleichen. Er wird individuell erfahren. Bei dem Propheten Jeremia heißt es (Kla 1,12): „Schaut doch und seht, ob irgendein Schmerz sei wie mein Schmerz, der mich getroffen hat.“ In dem geschützten Raum der Trauergruppe unter der gegenseitigen Verpflichtung der Verschwiegenheit und einfühlsamer Leitung können wir ungeschminkt erzählen. Wir dürfen berichten, was uns im Innersten schmerzt. Das Erzählen und das Erleben, dass mir geduldig zugehört wird, besitzt befreiende Kraft. Die gegenseitige Wertschätzung, die im aktiven Zuhören erfahren wird, hilft uns allen. Die Erlebniswelt jeder Person wird geachtet. Zwei Menschen können auf den gleichen Reiz unterschiedlich reagieren. Die eine Person erzählt: „Es ärgert mich, dass fast niemand mich auf meinen Verlust anspricht. Die meisten gehen einfach zur Tagesordnung über.“ Der nächste berichtet: „Es ist mir zu viel! Es schmerzt mich, wenn ich auf meine Trauer angesprochen werde.“ Es gilt beim Zuhören, sich in den anderen einzufühlen ohne zu werten. Dabei können unsere Seelen aufatmen.
Ich erlebe an mir selbst und beobachte es an Personen in unserer Trauergruppe: Wer sich mehrfach an das negative Erleben erinnert, ruft das Erlebnis in sein Bewusstsein zurück. Dabei verliert es langsam seinen stechenden Schmerz.

Das Gewirr der Gefühle

In der Trauergruppe lerne ich: Zur normalen Trauer gehört eine Vielzahl an Gefühlen: Wie ein verworrenes Wollknäuel habe ich meine Gefühle erlebt. Da war zum einen der Schock, der mich unvermutet traf. Ich durchlitt einen großen Schmerz über den Verlust unseres Kindes. Daneben erlebe ich das Gefühl der Minderwertigkeit. Mir wurde etwas genommen, das zum Wertvollsten unseres Lebens gehörte. Ich fühle eine richtige Wut einerseits auf die Tochter, die einen solchen Sport ausübte. Andererseits spüre ich mehr noch eine Wut auf Gott, der die Katastrophe zugelassen hat.
Daneben wächst langsam ein Gefühl der Dankbarkeit. Ich bin dankbar, dass wir unsere Beziehung positiv gelebt haben. Viele schöne Erinnerungen bleiben. Besondere Höhepunkte sind die Urlaube und Familienfeste. Ich erlebe, die Zeit allein heilt meine verletzten Gefühle nicht. Doch es braucht Zeit, damit ich wieder Boden unter die Füße bekomme.

Verdrängte Trauer belastet das Leben

Ich erlebe: Trauer ist mit Schmerzen verbunden. Trauer ist psychische Schwerstarbeit. Aus diesem verständlichen Grund wird die Trauer oft verdrängt. Nur nicht darüber reden. Nur nicht daran denken. Dieser Lösungsweg führt in die Sackgasse. „Trauern ist eine Basisfähigkeit unserer Seele.“ Ich traue mich zu trauern, auch wenn es schmerzt.
Ich besuche ein Trauerseminar. Ich beobachte: Der erfahrene Seelsorger geht auf unsere Gefühle ein. Er vermittelt uns die Erfahrung: Die Trauer wird durch Trauern besser. Wer die Trauer noch einmal spürt, im Inneren erlebt, kann sie leichter tragen. Je öfter ich der Erinnerung begegne, desto mehr verändert sich das Gefühl.

Die befreiende Kraft der Klage

Am ersten Jahrestag des Todes unserer Tochter versammeln wir uns am Grab zu einer Andacht. Ich hatte eine mir bekannte Pfarrerin um diese Aufgabe gebeten. Wir vereinbarten, dass sie einen Psalm ihrer Wahl liest und uns ein paar Gedanken weitergibt. Welchen Psalm wird sie auswählen? Sie wählt Psalm 13 – einen Klagepsalm.

Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen?
Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?
Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele
und mich ängsten in meinem Herzen täglich?
Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?
Schaue doch und erhöre mich, Herr, mein Gott!
Erleuchte meine Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe,
dass nicht mein Feind sich rühme, er sei meiner mächtig geworden, und meine Widersacher sich freuen, dass ich wanke.
Ich aber traue darauf, dass du so gnädig bist;
mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst.

Bei einem solchem Psalm fühle ich mich verstanden. Da kann ich mitbeten. Da wird der Schmerz ernst genommen.

Darf man klagen?

Immer wieder höre ich die Frage: „Darf man als Christenmensch klagen?“ Darf man vor Gott aussprechen, was die Seele zutiefst getroffen hat?  Man darf! Die Bibel überliefert uns Klagepsalmen. Die Klagen der Psalmen zeigen, dass den Leidenden und ihrem Schmerz Raum eingeräumt wird. Mancher Rat klingt fromm, aber er führt in die Sackgasse. Genauso der Ratschlag: „Lerne leiden, ohne zu klagen.“ Bei Lichte betrachtet, stellt sich schnell heraus: Er ist weder menschlich noch christlich; weder evangelisch noch biblisch. Wenn die Psalmen uns die Klage lehren, dann darf ich mutig und ehrlich klagend zu Gott beten. Die Klagepsalmen schenken mir Worte, damit ich nicht verstumme.

Was zeichnet die Klage aus?

Manchmal werde ich gefragt: Worin liegt das Besondere der Klagepsalmen?
Erstens wendet sich die Klage im Gegensatz zum ziellosen Jammern an Gott. Wer ein Klagegebet spricht, kennt einen Adressaten und sendet seinen Hilferuf an ihn. „Es muss nicht so sein, wie es ist, und es soll nicht so bleiben, wie es ist, sagt die Klage.“
Zweitens bieten mir die Klagepsalmen in meiner Sprachlosigkeit eine Sprache an. In einer Situation, die mich überfordert, beginne ich stammelnd einen Klagepsalm mitzusprechen. In einer Notsituation, in der Betroffene in ihrem Schmerz oft verstummen, bietet mir der Klagepsalm Worte an, die ich mitbeten kann.
Drittens wird die Not ungeschminkt vor Gott ausgesprochen. Unzensiert wird vor Gott in Worte gefasst, was die Seele belastet. Ungewollt klingen diese Worte gegenüber Gott oft unangemessen und unfromm, aber sie ringen um neues Vertrauen zu Gott.

Die Klage mündet in die Bitte

Wie die biblischen Klagen alle um den Adressaten wissen, so münden sie fast alle in die Bitte an Gott. Ja, diese Psalmen zielen auf die Bitte um Hilfe. Beatrice von Weizsäcker meint: „Ich kann und will es nicht bei der Klage belassen.“ Der nächste Schritt muss gefunden werden. Die innere Bewegung der Klagepsalmen hilft hier weiter. Die Klagepsalmen sind Bittgebete. Die dringliche Sprache unterstreicht, wie sehr die Bitten von der Not, von der Klage diktiert sind.
In der Bitte wende ich mich an den, der seinen Trost versprochen hat. Ich suche Hilfe bei dem, der seine Hilfe zugesagt hat. Die Bitte an Gott bringt zum Ausdruck: Wenn Gott seine Zuwendung erneut gewährt und auf mein Beten antwortet, kann ich leben. Wenn er sich wieder als „mein Gott“ zeigt, können meine Augen leuchten, finde ich neuen Trost.

Der Schmerz meldet sich wieder

Die Gefühle der Trauer haben sich manchmal überfallartig gemeldet. Da lag der Tod unserer Dorothee mehr als ein Jahr hinter uns. In unserer Trauergruppe liegen Texte über das Sterben aus. Wir sollen sie lesen und einen aussuchen, der uns anspricht. Bei mehreren geht mir ein Stich durch das Herz und es treibt mir die Tränen in die Augen.
Mehr als ein Jahr später ereilt uns eine niederschmetternde Diagnose. Eine nahe Verwandte bekommt vom Arzt eine Hiobsbotschaft. Wieder schmerzt es in der Seele.
In solchen Augenblicken merke ich, die Trauer ist ein sehr langwieriger Prozess. Manchmal habe ich den Eindruck: Der Trauerprozess gleicht einem Kreislauf. Die Phasen wiederholen sich. Oft geht es nach zwei Schritten nach vorne wieder einen zurück. Doch mit der Zeit wird es leichter. Ich merke, es ist kein endloser Kreislauf, sondern eine Spirale. Nach drei Jahren habe ich mich aus der Trauergruppe verabschiedet.

Eine Hoffnung bleibt

Im Gespräch mit Trauernden begreife ich: Eine Hoffnung lebt in vielen. Roland Kachler fasst sie in die Worte: „Eine große Hoffnung gibt es: den geliebten Menschen eines Tages wiederzusehen, nicht in diesem, sondern in einem ganz anderen, transzendenten und ewigen Leben.“ Es stellt sich die Frage: Trösten sich Trauernde bei solchen Hoffnungen mit einem vagen Wunschdenken? Lösen sich solche Erwartungen bei kritischer Nachfrage in Luft auf?

Der Zweifel gehört dazu

Wer das Neue Testament aufmerksam liest, entdeckt: Der Zweifel gehört zu den Berichten von der Auferstehung Jesu. Die Jünger reagieren auf die Nachricht der Frauen mit größter Skepsis (Lk 24,11): „Die Apostel hielten das alles für Geschwätz und glaubten ihnen nicht.“ Die beiden Jünger, die nach Emmaus gehen, erzählen dem „Fremden“ (Lk 24,22): „Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe.“

Die Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling als hilfreiches Bild für die Auferstehung

Neben allen Fragen und Zweifel steht die lebendige Hoffnung. Anja Wiese gibt in ihrer langjährigen Begleitung von Trauernden eine wichtige Beobachtung weiter. Sie schreibt: In den Bildern von schwer kranken Kindern taucht das Motiv des Schmetterlings immer wieder auf. Mir leuchtet dieses Bild ein. In der Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling ahne ich die Größe der Auferstehung.
Selbst in Baracken von Konzentrationslagern haben manche Inhaftierte Schmetterlinge in die Wände eingeritzt. Sie haben mit diesen Bildern ihre Hoffnung auf eine neue, bessere Welt ausgedrückt. Der irdische, biologische Prozess der Metamorphose bestärkt in mir die Hoffnung, die Tochter wiederzusehen.

Veränderung: Abschied und neu anfangen!

Autorin: Christiane Rösel, Landesreferentin bei den Apis
Lesedauer: ca. 10-12 Minuten

Mögen Sie Veränderungen? Oder geht es Ihnen wie der Frau, die zu mir meinte: „Schon wenn ich das Wort höre, leuchten bei mir die Alarmlampen.“ Und dann ist ja auch die Frage, welche Veränderungen gemeint sind? Manches würden Sie vielleicht gerne verändern, sich für etwas anderes entscheiden, aber es geht nicht. Andrerseits kostet Abschied nehmen und noch einmal neu anfangen Kraft – oft vielleicht sogar so viel, dass ich den Eindruck habe: Das ist jetzt wirklich nicht zu schaffen! Und doch müssen wir uns immer wieder verabschieden: Von einer Lebensphase in die nächste, von Freundinnen und Freunden, immer öfter auch beruflich: „Einmal Bäcker, immer Bäcker“ – das gilt heute für viele nicht mehr.

Wie wir mit Abschied nehmen und neu beginnen umgehen, ist nicht nur eine Typfrage – entscheidend ist sicher auch das Alter. Wir haben drei erwachsene Kinder, die sich mit einer jugendlichen Entdeckerfreude auf den Weg gemacht haben: Nach der Schule ins Freiwillige Soziale Jahr, von dort weiter an den Studienort ... Als für meinen Mann und mich nach 22 Jahren in Marburg der Wechsel in den Süden anstand, hat mich das dagegen ziemlich durchgeschüttelt. Schließlich bin ich in Hamburg aufgewachsen, da ist Walddorfhäslach einfach das andere Ende der Republik. Mittlerweile bin ich schneller am Mittelmeer als in meiner alten Heimat. Und nicht nur das, mit unserem Wechsel in den Süden ist auch unser jüngster Sohn ausgezogen, also war von jetzt auf gleich auch die Phase beendet, in der wir als Eltern direkt zuständig sind. Auf einmal saßen wir da zu zweit – und die Freundinnen, mit denen ich darüber reden konnte, waren weit weg.

Wer hätte das gedacht?

Mitten in dieser turbulenten Phase wurde ich gefragt: „Haben Sie ein Thema, und können Sie sich vorstellen, dazu etwas zu schreiben?“ Und ob ich ein Thema hatte! Aber ganz sicher wollte ich dazu nichts schreiben, schließlich steckte ich mittendrin. Das Lebensthema, das mich seitdem umtreibt, heißt: „Veränderung!“ Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es gleichzeitig passiert, auf allen Ebenen. Bevor ich dazu etwas schreiben würde, wollte ich es unter den Füßen haben. Wenigstens ein bisschen. Aber dann ließ mich die Anfrage nicht los: Lag darin nicht auch eine Chance? Würde das Schreiben mir nicht vielleicht helfen, die Veränderungen in meinem Leben zu bewältigen? Und vielleicht helfen ja sogar meine Fragen anderen Menschen mehr, als glatte Antworten es könnten. Außerdem habe ich etwas gelernt, was ich mit „Fairness der eigenen Wahrnehmung“ beschreiben würde. Natürlich wusste ich auch vorher, dass Veränderung für viele Menschen ein Thema ist. Aber ich wurde dafür noch mal ganz besonders sensibilisiert: Wie ist das, wenn sich Lebensträume nicht erfüllen? Wie können wir die Veränderungen im Alter mit Krankheit und Abschied bewältigen? Veränderung ist also offenbar immer wieder ein Thema in unserem Leben. Fragen tauchen auf:

// Wie schaffen Menschen es, Veränderungen zu bewältigen?
// Was kann und muss ich selbst tun, welche Prozesse brauchen aber auch Zeit?
// Was bedeutet das für die grundlegenden Lebensfragen – und wie sieht es mit der Alltagsbewältigung aus?
// Was mache ich mit den Fragen, Schwierigkeiten und Lasten, die ich nicht verändern kann?
// Und was heißt das alles für meinen Glauben?

Aufbruch, Umbruch – losgehen

Wenn wir in die Bibel schauen, begegnet uns dieses Thema immer wieder: Loslassen und aufbrechen. Bei Josef, Ruth und den Jüngern von Jesus scheint es uns auch völlig normal. Selbstverständlich haben sie sich auf den Weg gemacht, wenn Gott sie ruft. Und das oft noch viel radikaler, als viele von uns das erleben. Deshalb beschäftigt mich die Frage schon: Was mache ich mit dem, was ich dort lese? Und was trägt, wenn es darauf ankommt? Ja, ich habe Jesus Christus mein Leben anvertraut. Aber trägt der Glaube an ihn auch in den aktuellen Veränderungen?

Stellen Sie sich die Szene doch bitte einmal vor: Da sitzt ein 75-jähriger Nomade vor seinem Zelt und auf einmal spricht Gott zu ihm: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen werde!“ (1. Mose 12,1) Wenig später lesen wir, dass Abraham seine sieben Sachen packt und loszieht. Stopp! Wir wissen wohin – doch er hatte keine Ahnung. Es hilft mir, mir das immer wieder bewusst zu machen. Bei vielen biblischen Geschichten denke ich doch am Anfang das Ende schon mit. Ich weiß also auch hier bereits, wie es ausgeht. Abraham wusste es nicht. Was ihn wohl beschäftigte? Vielleicht: „Was sagt meine Familie? Wie reagieren die Nachbarn? Und wie erkläre ich das meiner Frau?“ Abraham verlässt alles, was er hat, weil Gott ihn anspricht. Was für eine Zumutung, oder? Was Abraham hat, das weiß er: Heimat, Verwandtschaft, Freunde. Das alles soll er aufgeben für eine unsichere Zukunft? Und wer ist eigentlich Gott, der das alles sagt? Diese Frage habe ich Gott in diesen Wochen und Monaten des Wechsels immer wieder hingehalten mit dieser einen Bitte: „Vater im Himmel, zeig du dich mir noch einmal neu. Und hilf mir, dir zu vertrauen. Sicher bin ich nicht – aber vertrauen möchte ich dir.“

Abraham geht nicht einfach so. Gottes Geschichte mit Abraham beginnt damit, dass er ihn segnet: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein!“ (1. Mose 12,2) Im Segen verbündet sich Gott mit ihm. Dieses Wort hat mir eine Freundin als Zeugenwort bei meiner Diensteinführung am Api-Freundestag zugesprochen. Und diese Verheißung steht über unserem Leben. In ihr erfahren wir, was Gnade ist: „Nicht erringen müssen, wovon man letztlich lebt!“ Wie zeigt sich das aber in unserem Alltag? Gibt es so etwas wie eine Veränderungskompetenz?

Wie gelingt Neues? Oder: Die Kraft aus der Krise.

In den letzten Jahren habe ich mich immer wieder einmal mit der Frage von Resilienz oder innerer Stärke beschäftigt. Psychologen beschreiben damit eine Fähigkeit, sich elastisch und anpassungsfähig den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Kann man Veränderungskompetenz also doch lernen? Können Menschen Kräfte entwickeln, die sie selbst nicht für möglich gehalten hätten? Diese innere Stärke im Leben anderer wahrzunehmen beeindruckt mich – aber jetzt bin ich selbst dran, mich noch einmal auf einen Weg zu machen. Diese Schritte noch einmal ganz persönlich durchzubuchstabieren. Und ich lerne dabei jede Menge von anderen:

1. Das werden wir schon schaffen: Optimismus


Ein wesentliches Merkmal innerer Stärke ist eine optimistische Grundhaltung. Das bedeutet nicht, dass sich alle Schwierigkeiten einfach auflösen, ganz sicher nicht. Aber auch zu überlegen: Was ist eigentlich gut, ermutigend in dem, was wir erleben? Und ja, darin steckt für mich auch eine Frage an meinen Glauben: Nicht – was muss ich schaffen? Sondern wie vieles konnten wir schon bewältigen, weil wir nicht alleine sind, sondern einen Vater im Himmel haben, der mit uns geht.

2. Nimm das Leben, wie es ist: Akzeptanz

Eine mütterliche Freundin hat mir einmal gesagt: „Weißt du, Christiane, manches ist ja nicht so leicht mit dem Älterwerden. Deshalb zählen wir nicht, was wir verloren haben, sondern was uns geblieben ist. Früher sind wir gerne gewandert, das geht nicht mehr. Aber eine Runde um den Block. Dafür reicht die Kraft. Und sich zu freuen, an jedem neuen Tag, der uns geschenkt ist.“

3. Eine neue Normalität: Neue Ziele setzen


Eine Freundin ist vor einigen Jahren sehr schwer erkrankt. Als wir darüber gesprochen haben, was sich für sie verändert hat, meinte sie: „Von jetzt auf gleich ist alles anders. Es gibt keine langfristigen Ziele, eigentlich leben wir im Moment von einer Therapiephase zur nächsten. Aber es ist so, auch das wird ein Stück Normalität. Die Ziele sehen anders aus, werden kleiner, überschaubarer – aber sie sind da.“

4. Raus aus dem Schneckenhaus: Die Opferrolle verlassen

Kennen Sie auch Momente, in denen Sie sich am liebsten verkriechen würden? Wo einem alles zu viel wird? Gibt es Lebensbereiche, Situationen, wo Sie sich ausgeliefert fühlen? Sich dann nicht einfach ins Schicksal zu fügen, sondern zu überlegen: Wie kann ich wieder „Land gewinnen“? Welche Schritte könnte ich tun, um Leben zurückzugewinnen? Und es ist wohl so, die Lieder und Texte, die wirklich die Kraft haben, Menschen zu ermutigen, sind in schweren Zeiten entstanden. Ja, Menschen hätten Opfer dieser schlimmen Umstände bleiben können, aber sie haben sich auf den Weg gemacht. Wussten Sie, dass das Lied „So nimm denn meine Hände“ von Julie Haussmann (1862) aufgrund einer tragischen Liebesgeschichte entstanden ist? Julie war mit einem Missionar verlobt, der nach Afrika ausreiste. Als sie schließlich mehrere Monate später dort ankam, war ihr Verlobter kurz vorher an einer Seuche gestorben. Tief betroffen und erschöpft zog sie sich zurück und schrieb dieses Lied: „So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehen und stehen, da nimm mich mit.“

5. Verantwortung übernehmen

Dieser Schritt knüpft an den vorigen an. Es gibt viele Situationen, die können wir nicht ändern. Auch wenn wir es wollten. Schnell kann es dann passieren, anderen die Schuld zuzuschieben. Ja, es kann sogar sein, dass Menschen an manchem Schuld tragen. Trotzdem wird sich nichts verändern, wenn wir nicht die Verantwortung für uns und unser Leben in die Hand nehmen.

6. Umgib Dich mit Verbündeten

Das ist nun wirklich mein persönlicher Lieblingsschritt der inneren Stärke: Bleib nicht allein. Kaum etwas ist für uns so wichtig wie die Erfahrung, mit anderen verbunden zu sein, gerade in Zeiten der Veränderung. Denn geteiltes Leid ist halbes Leid und geteilte Freude verdoppelt sich.

7. Mit Ausdauer durch das Leben

Spätestens in der Lebensmitte spüren wir doch: Das Leben ist kein Sprint – eher ein Marathon. Deshalb ist es gut, sich seine Kräfte einzuteilen. Mit Ausdauer durch das Leben zu gehen heißt auch, manchen Entwicklungen Zeit zu geben. Das fällt mir oft nicht leicht. Ich muss mich dem Neuen stellen, andererseits aber den Veränderungen die Zeit geben, Wurzeln zu schlagen. Wichtig ist dabei vermutlich, immer wieder einmal den eigenen Standort zu bestimmen, um Fortschritte auch wahrzunehmen: Was gelingt mir schon gut? Wo liegt meine ganz persönliche innere Stärke? Was ist abrufbar, wenn ich es brauche? Diese Fragen bieten eine gute Grundlage für weitere Veränderungen. Und in nächsten Schritten könnten wir dann überlegen, welchen neuen Gedanken wir Raum geben wollen, etwas zu versuchen, was man noch nicht probiert hat. Immer wieder einmal die vertraute Komfortzone zu verlassen.

Wenn Sie Ihre eigenen Veränderungsprozesse anschauen, welcher der aufgeführten Schritte ist vielleicht für Sie dran? An welchem Punkt befinden Sie sich? Was kann Ihnen helfen loszugehen und Schritte der Veränderung zu wagen? Was mich tröstet in allen Herausforderungen ist die Zusage unseres himmlischen Vaters, uns auf diesen Wegen zu begleiten.

Aufbruch
Auftrag und Zumutung
Geborgenheit und Lockruf
Zuflucht und Wagnis
Risiken eingehen
sitzen bleiben gilt nicht
Gott sagt zu mir:
„Ich bin der Ich-bin-da!“

Auf ein Wort: Im Flug der Zeiten

Autor: Pfarrer Steffen Kern, Vorsitzender der Apis
Lesedauer: ca. 2-3 Minuten

Liebe Leser,

Die Zeichen stehen auf Wandel. Die Zeiten ändern sich. Das war schon immer so: Beständig ist nur der Wandel. Diese Sätze sind Binsenweisheiten aus dem Volksmund, die doch eine tiefe Wahrheit aussprechen, die wir allzu häufig übersehen: Es ändert sich vielmehr, als wir wahrhaben wollen. Das lehrt uns ein Blick in die Geschichte:
Vor gut einhundert Jahren, als der Schönblick gebaut und eingeweiht wurde, tobte in Europa ein verheerender Krieg. Hunderttausende starben. Zugleich gingen Staatssysteme zu Ende; bald wurde die erste Republik ausgerufen. Und parallel dazu hielt das Automobil Einzug auf den Straßen. Der technische Fortschritt ging rasant voran.
Noch ein paar Jahre später konnte man – unvorstellbar – sogar Radio hören.

Heute lächeln wir müde über diese Errungenschaften, die uns wie Sandkasten-Spiele vorkommen angesichts der Entwicklungen, die uns gegenwärtig beschäftigen: Wieder gibt es politische Umwälzungen in der Welt, die atemberaubend sind.
Der Terror verbreitet seine Schrecken. Nationalismen erstarken neu. Auf den Straßen fahren die ersten selbstfahrenden  Autos, und ein Alltagsleben ohne das Internet ist kaum mehr vorstellbar. Wieder einmal leben wir im Zeitalter einer medialen Revolution.

Wie übrigens auch zur Zeit der Reformation vor 500 Jahren, die ohne den Buchdruck undenkbar gewesen wäre.  Alles wird anders: die Art, wie wir arbeiten, wohin wir reisen, wie wir leben. Das hat Folgen, auch für die Gemeinschaftsarbeit.

Was uns leitet

Die Zeiten ändern sich. Weil unsere Väter und Mütter das wahrgenommen haben, haben sie unseren Verband gegründet, den Schönblick gebaut und neue Formen des Gemeinschaftslebens geschaffen. Sie haben es ermöglicht, dass Menschen in Not geholfen wird. Die Hoffnung in ihrem Herzen hat ihr Handeln geprägt.  So entstanden diakonische Aufbrüche. Wir stehen wieder an so einer Schwelle:
Klassische Formen der Gemeinschaften werden kleiner und weniger; das gilt für manche Bibelstunden. Andere blühen auf und wachsen: Das gilt für Gemeinschaften, Gemeinden und diakonische Aufbrüche. Entscheidend ist, dass wir in diesem Wandel unserem Auftrag treu bleiben und uns an den Herrn halten, der mit uns durch die Zeiten geht und immer derselbe bleibt. Darum ist es gut, wenn wir uns als Gemeinschaftsverband gerade im Blick auf den Wandel an unser Leitwort erinnern:

„Ich lebe und ihr sollt auch leben“, sagt Jesus Christus.

Wir freuen uns an diesem Leben und vertrauen gemeinsam auf Gottes Wort. Wir laden ein zum Leben mit ihm und geben seine Liebe in Wort und Tat weiter. Auch für den Wandel in Ihrem persönlichen Leben enthält die Ausgabe dieses Magazins wertvolle und inspirierende Artikel.

Ab sofort veröffentlichen wir an dieser Stelle jeden Montag einen Artikel zum aktuellen Thema. Freuen Sie sich auf dieses neue Angebot auf unserer Website.