Aktuelle Artikel aus der "Gemeinschaft"

Neben Erklärungen zu Bibeltexten bietet unser Magazin "Gemeinschaft" jeweils einen thematischen Schwerpunkt mit Artikeln unterschiedlichster Autoren. So beleuchten wir die Themen aus unteschiedlichen Blickwinkeln. Hier finden Sie jeden Montag einen thematischen Artikel aus der aktuellen Ausgabe.
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November 2017: Sünde

Sünde
Mo, 23. Oktober 2017: "Lass uns über Sünde reden" (Interview mit Andreas Boppart)
Mo, 30. Oktober 2017: ... da ist Sünde (Steffen Kern)
Mo, 6. November 2017: Sünde als Beziehungsstörung (Prof. Dr. Thorsten Dietz)
Mo, 13. November 2017: Rotlicht als klassischer "Sündenpfuhl"? (Interview mit Stefan Kuhn)
Do, 16. November 2017: Der breite und der schmale Weg (Joachim Haußmann)
Mo, 20. November 2017: Der fromme Sündenkatalog (Johannes Kuhn)

Der fromme Sündenkatalog

Autor: Johannes Kuhn, Landesreferent bei den Apis
Medienarbeit, Männerarbeit, Studienarbeit, SummerCity
Lesedauer: ca. 2-3 Minuten

Es war eines der Highlights auf dem Zeltlager am Bodensee: Ein aufregender Abend nur für Jungs. 150 angehende Männer sitzen gespannt im Zelt und warten, was in den nächsten 60 Minuten passiert. Die letzten Tage zuvor konnten sie ihre Fragen anonym in eine Box einwerfen. Auf der Bühne sitzen fünf bis sechs Mitarbeiter und Teilnehmer – freiwillig. Sie kennen die Fragen nicht und geben spontan eine Antwort darauf. Ganz unterschiedliche Typen mit einer Vielfalt im Denken – auch was Glauben angeht. Die Luft ist zum Schneiden dick, ein Kribbeln liegt in der Luft und jeder wartet gespannt darauf, welche Fragen auf den Tisch kommen …

Natürlich werden Fragen zum Glauben gestellt – warum Gott das Leid zulässt und wie man sich sicher sein kann, in den Himmel zu kommen. Wie das mit der Schöpfung war und ob wir nicht doch alle an den gleichen Gott glauben ... Heiße Eisen, bei denen man da oben auf der Bühne echt ins Schwitzen kommt. Aber was wirklich aufregend ist und worauf jeder der Jungs – ohne es zuzugeben – sehnsüchtig wartet, sind die Fragen rund ums Thema Liebe, Freundschaft und Sexualität. „Ist es Sünde, wenn ich mich selbst befriedige?“ – „Darf man vor der Ehe miteinander schlafen?“

Irgendwie stimmt mich die Fragestellung immer noch nachdenklich. So, als ob das Thema Sexualität per se weniger mit Schönheit als mit Schweigen, Scham und Schuldgefühlen zu tun hat. Diese Abende auf dem Bodenseelager haben immer wieder aufs Neue gezeigt, dass das Thema „Sexualität“ im Sündenregister scheinbar ganz oben steht … und wenn man sich die Schärfe in der Debatte rund ums Thema „Homosexualität“ vor Augen führt, kann man schon ins Grübeln kommen, warum das eigentlich so ist.

Ja, Sexualität ist ein sehr intimer, persönlicher und verletzlicher Bereich. Und es geht darum, auch hier in Heiligkeit zu leben und Gott zu ehren. Aber ist eine Verfehlung an dieser Stelle wirklich schlimmer als die Ungerechtigkeiten, die wir Tag für Tag produzieren? Warum werden Neid, Habgier, Hochmut, schlecht-über-andere-Reden, Geschwätzigkeit und all die anderen Dinge, die Paulus ebenso gerne aufzählt wie sexuelle Verfehlungen, still und heimlich geduldet und fast schon als salonfähig anerkannt gelebt? Kann es sein, dass wir einen inneren „Sündenkatalog“ aufgestellt haben, in dem manche Sünden schlimmer sind als andere? 

Ich wünsche mir, dass wir anfangen, diesen „Sündenkatalog“ recht einzuordnen, vor allem aber uns recht einzuordnen. Dass wir nicht mit dem Finger auf „die“ zeigen, egal wie wir denken. Dass unser Reden, Diskutieren und Handeln von der Nächstenliebe bestimmt ist. Dass wir uns das Wort Jesu vom Splitter und Balken neu zu Herzen nehmen. Dass wir uns selber hinterfragen und korrigieren lassen. Und nicht werten. Denn dazu haben wir kein Recht! Das verändert – uns, und die anderen.

Der breite und der schmale Weg

Autor: Joachim Haußmann
Mitarbeiter der Geschäftsstelle, Stuttgart
Lesedauer: ca. 5 Minuten

Warum ich mir als Teenager ein altes Bild an die Tür gehängt habe

Kennen Sie das Bild „Der breite und der schmale Weg“? Der Entwurf geht auf Charlotte Reihlen zurück. Es zeigt zwei Wege, wobei der eine, wie der Name schon sagt, breit ist und an dessen Ende Feuer, Zerstörung und Hölle zu sehen sind. Auf der anderen Seite aber, am Ende des schmalen Weges, findet sich eine goldene Stadt in den Wolken, das neue Jerusalem, flankiert von einem Regenbogen. 

Zum Geburtstag ein neues Poster

Mich hat das Bild schon immer beeindruckt. Die Großmutter meines Schulfreundes hatte das Bild an der Wand hängen in einem schönen großen Rahmen und auch bei „Schwester Berta“, der Freundin meiner über 90-jährigen Großmutter, hing solch ein Druck aus dem 19. Jahrhundert. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wie ich dazu kam, mir als Teenager einen Druck von diesem Bild zu wünschen. Es muss der 15. Geburtstag gewesen sein, als meine Schwester mit dem eingerollten Bild als Geschenk bei mir ankam. Der Druck wurde ausgepackt und mit Reisnägeln (!) – zum Leidwesen meiner Eltern – an der Innenseite der Zimmertür befestigt. Da gab es dann immer was zu kucken. Das Internet war noch nicht erfunden, und so warf ich beim Rausgehen immer wieder einen Blick darauf. Auch Freunde, die zu Besuch kamen, entdeckten spätestens beim Hinausgehen das Werk. Da gab es dann ganz unterschiedliche Reaktionen. Mein Freund, dessen Großmutter das gleiche Bild hatte, fand es aber irgendwie gut, dass ich solch eine „Tradition“ pflegte. Interessant finde ich im Nachhinein, dass mich keiner fragte, weshalb ich nicht einen Fußball- oder Fernsehstar an die Tür genagelt habe. Was mich damals faszinzierte, ist, in welcher Klarheit das in Wirklichkeit ja eher komplizierte menschliche Leben in „gut“ und „böse“ unterteilt wird. Ich las damals ein Buch, in dem C.S. Lewis schrieb: „Am Ende werden nur zwei Gruppen von Menschen vor Gott stehen - jene, die zu Gott sagen: ‚Dein Wille geschehe‘, und jene, zu denen Gott sagt: ‚Dein Wille geschehe‘. Alle, die in der Hölle sind, haben sie sich erwählt.“ Diese Klarheit hat dadurch natürlich auch eine gewisse Härte. 

Auf dem Weg

Vermutlich sieht man, wenn man älter wird, mehr Nuancen als ein Teenager. Wenn ich heute das Bild anschaue, dann fällt mir auch auf, dass es einen Platz „zwischen den Welten“ gibt. Ein kleiner, durchlässiger Zaun und eine Wiese geben Raum, um von der einen auf die andere Seite zu kommen. Mir fällt auf, dass auf beiden Seiten viele Schritte nötig sind, um das „Ziel“ zu erreichen. Eine „Abkehr von der Sünde geschieht nicht einfach mit der Bekehrung. Sie geschieht ein Leben lang“, schreibt Prof. Dr. Dietz in seinem Artikel. Entscheiden müssen wir uns aber alle einmal für einen Weg. Besser heute als morgen. Sich Jesus anzuvertrauen, der von sich als „dem Weg“ spricht, ist aber oft auch nicht so einfach wie es sich anhört. Ein frommes Leben führen geht vielleicht schon, aber von sich selber wegsehen auf die Möglichkeiten von Jesus und ihm konsequent nachfolgen, das ist streckenweise schwieriger (vgl. Lukas 9).

Foto: Werner Kuhnle

Rotlicht als klassischer "Sündenpfuhl"?

Interview mit Stefan Kuhn
Leiter des HoffnungsHaus in Stuttgart
Lesedauer: ca. 5 Minuten

Stefan, das Rotlichtviertel wird ja als klassischer „Sündenpfuhl“ angesehen. Stimmt das, findet man dort mehr Sünde als sonstwo?
Sünde bedeutet „Zielverfehlung“, also nicht so zu denken und zu handeln, wie es von Gott her für uns gedacht ist. Und ja, im Viertel wird dies in besonderer Weise sichtbar, es ist offensichtlicher. Jedoch hat Jesus nirgends so leidenschaftlich konfrontiert wie bei den „Frommen“, weil er genau dort die offensichtliche Unschuld hinterfragt und auf das harte oder überhebliche Herz hingewiesen hat (z.B. Röm 2).

Erlebst Du im HoffnungsHaus, welche Macht Sünde hat und wie sie gefangen nimmt?
Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass einen Sünde gefangen nehmen kann und schrittweise immer mehr in ungute Gewohnheiten und Abhängigkeiten führt und uns von Gott entfernt. Was für uns jedoch schon nochmal deutlicher wird, ist diese Macht, die Norm zu verändern. Was ist normal? Im Viertel ist nicht unsere Lebensweise, die nach Gottes Willen fragt, normal, sondern eine andere, in der die eigene Lust und Freiheit über alles gestellt wird – selbstverständlich auch über die Würde der Frauen.

Hast Du ein Erlebnis dazu?
„Das gilt für mich nicht mehr!“ So lautete die bestimmte Antwort eines jungen Transvestiten, nachdem er einer anderen Besucherin beim Lesen der Geschichte vom verlorenen Sohn, dessen Umkehr und die Annahme des liebenden Vaters zugehört hatte. „Das ist jetzt die Strafe, weil ich meine Kinder zurückgelassen habe!“ So das Fazit einer Afrikanerin über ihre Situation, die sich nur durch Prostitution über Wasser halten kann. „Naja, so schlimm kann es ja nicht sein!“ So die Gedanken, die manchmal schnell und unreflektiert aufkommen, wenn man die freundlichen und netten Nachbarn erlebt oder auch den Zwiespalt der Frauen, die einerseits ausgebeutet werden und andererseits im System auch sozialen Halt erfahren. Das sind für uns die spürbaren Auswirkungen von Sünde: Hoffnungslosigkeit, Selbstverurteilung und Verdrehung.

Vielen Dank für den persönlichen Einblick und Gottes Segen für Eure Arbeit!

Sünde als Beziehungsstörung: Eine theologische Einführung

Autor: Prof. Dr. Thorsten Dietz
Evangelische Hochschule TABOR, Marburg
Lesedauer: ca. 12-15 Minuten

Die vergessene Sünde

An vielen Orten und auf vielfältige Weise wird in diesem Jahr das 500. Jubiläum der Reformation gefeiert. An Martin Luther wird erinnert als Vorläufer von Gewissensfreiheit und Demokratie. Man erinnert an ihn als an den Lehrer der großen Grundwahrheiten, über Gottes Gnade und Christi Handeln, Glaube und Bibelvertrauen. Vieles daran ist gut und richtig. Auffällig ist: so gut wie nie geht es um das große Problem, das am Anfang seines reformatorischen Aufbruchs steht: Wie werden Menschen mit der Sünde fertig.
In seinem Kommentar zum Römerbrief von 1516 stellt Luther dieses Thema ins Zentrum seiner Überlegungen:Der Apostel Paulus tue in seinem Brief alles dafür, die Sünde groß zu machen. Nur wer erkennt, was Sünde ist, begreift überhaupt, warum die Gnade, Jesus Christus und der Glaube so unverzichtbar sind. Seine 95 Thesen zum Ablass beginnt Luther mit dem Aufruf zur Umkehr: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht ‚Tut Buße‘ usw. (Mt 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“ Dieser Reformator, der um Gnade und Vergebung gerungen hat, bleibt heute vielen fremd. Der Philosoph Andreas Urs Sommer sagt in einem Zeit Campus Interview im Sommer 2017: „Die für das Christentum einst fundamentale Vorstellung, erlösungsbedürftig zu sein, ist uns heute vollkommen fremd geworden.“ Auch die Kirche finde dafür keine Worte mehr. 
Wo aber diese Dimension der Befreiung undeutlich bleibt, da wird Gnade überflüssig, Jesus zum ethischen Vorbild und die Bibel zum Lehrbuch über allerlei theoretische Wahrheiten. Die befreiende Kraft von Luthers reformatorischen Einsichten bleibt unbegreiflich. Dass Luther in diesem Jubiläumsjahr vielen fern bleibt, hat entscheidend damit zu tun, dass seine zentrale Frage nach dem gnädigen Gott nicht mehr verstanden wird. Wie konnte es dazu kommen?

Die missbrauchte Sünde

Es ist billig, einfach allgemein über den Zeitgeist zu klagen, dass viele Menschen heute die biblische Wahrheit über die Sünde nicht mehr wahrhaben wollen. Wenn man mit Menschen ins Gespräch kommt, warum sie das Thema Sünde so befremdlich finden, hört man immer wieder folgendes: Die Kirchen haben mit dem Thema Sünde viel Unglück angerichtet. Das Thema Sünde wurde missbraucht, um andere Menschen auszugrenzen und abzuwerten. Sünde war immer der Makel der anderen. Klar, dass alle Menschen Sünder seien, war in der Kirche stets eine allgemeine Richtigkeit. In der Praxis aber waren Sünder immer die anderen. Und wenn darüber geredet wurde, dann hart und anklagend.

Christen sollten diesen Vorwurf nicht einfach abweisen. Hier ist manches aufzuarbeiten. Mit dem Thema Sünde ist gesündigt worden. Der Glaubwürdigkeitsverlust der christlichen Verkündigung ist erheblich. Im Grunde ist das eine tragische Geschichte: Wie kommt es, dass die biblische Erkenntnis, dass wir alle auf Gottes bedingungsloses Erbarmen angewiesen sind, so wenig Demut und Bescheidenheit zur Folge hatte? An vielen Stellen warnt Jesus vor Richtgeist anderen gegenüber: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ (Mt 7,1) Sünde sollte Jesus zufolge zuallererst eine Frage der Sache der Selbsterkenntnis sein: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.“ (Mt 7,3-5) Allzu viele Menschen haben im Laufe der Geschichte Christen in einer Weise erlebt, als würden diese Worte Jesu in ihrer Bibel vergessen worden sein. Wir müssen uns noch einmal neu besinnen, worum es beim Thema Sünde geht. 

Die erkannte Sünde

Was ist Sünde? Sünde ist eine Beziehungsstörung. Für Martin Luthers Auslegung der 10 Gebote war eine Sache grundlegend: Das erste Gebot ist das Haupt aller Gebote. Alles hängt an der Gottesbeziehung. Die Person macht die Werke gut, nicht umgekehrt. Wo das Vertrauen auf Gott geschwunden ist, auf das was trägt, da verliert der Mensch seinen Halt. Sünde ist Unglaube, Misstrauen gegenüber Gott. Denn so schreibt der Apostel Paulus: „Was nicht aus Glauben geschieht ist Sünde.“ (Röm 14,23; vgl. auch Mt 7,16-18) Wenn der Heilige Geist uns die Augen über die Sünde öffnet, dann geht es nicht vor allem um dieses und jenes Tun und Lassen, sondern um „Sünde: dass sie nicht an mich glauben“ (Joh 16,9). 

Darum geht es im Kern. Was Sünde ist, klärt sich nicht im Umgang mit moralischen Einzelfragen. Sünde ist zuerst eine Frage der Gottesbeziehung. Was bedeutet das? Sünde ist die Selbstbezogenheit, in der der Mensch sich selbst nur verfehlen kann, weil er als Geschöpf auf Beziehungen angelegt ist. Sünde ist Blindheit für das Gute, was Gott tut, Undankbarkeit für alles, was in unserem Leben Gabe und Geschenk ist. 

Sünde lässt sich nicht mittels eines ewigen Regelkanons festlegen. Der neutestamentliche Umgang mit diesem Thema ist anspruchsvoller. Wenn der Apostel Paulus formuliert: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich“ (1Kor 6,12) merken wir schnell: daraus lässt sich keine einfache Regelliste entwickeln. Wenn Paulus später fortsetzt: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf. Niemand suche das Seine, sondern was dem andern dient“ (1Kor 10,23-24) zeigt sich: Im Zentrum steht nicht eine Verbotslogik, was ich alles lassen muss, um nicht zu sündigen. Die biblische Logik ist umgekehrt: Entscheidend ist das Positive, das Gute, das aufbaut, das, was hilft und anderen dient. Der Maßstab ist die Liebe. Sünde ist eine Beziehungsstörung, das gilt für das Gottesverhältnis, aber auch darüber hinaus: Sünde ist alles, was der Liebe nicht gerecht wird. Sünde ist eine Beziehungsstörung, eine Entfremdung von Gott, von meinen Nächsten und mir selbst. Und weil der Gott der Bibel bedingungslose Liebe ist, ist das Wesen der Sünde Lieblosigkeit.

Sünde hat unendlich viele Gesichter. Sie ist unerschöpflich wie das menschliche Leben; leider. Darum kann es keine abschließende Systematik geben, was genau Sünde ist und was nicht. So etwas gibt uns die Bibel nicht an die Hand. Man kann sündigen mit Gedanken, Worten und Werken. Durch Übertreibung und Untertreibung, mit besten Absichten oder fahrlässig. Im Umgang mit Geld, Macht, Sexualität oder Wahrheit. Viele böse bzw. unmoralischen Handlungen kann man als Sünde bezeichnen, besser aber als Folgen der Sünde, als Konsequenzen der Beziehungsstörung zu Gott. Auf der moralischen Ebene falscher Handlungen geht Paulus davon aus, dass auch Nichtchristen genug vom eigentlichen Willen Gottes wissen, um die Verurteilung des Bösen zu teilen (Röm 2). In der christlichen Sündenlehre geht es um mehr als um Unmoral. Das griechische Wort für Sünde lautet wörtlich übersetzt Zielverfehlung. Seine Lebensbestimmung verfehlt der Mensch nicht nur auf moralisch fragwürdige Art und Weise. Sünde findet sich vielmehr auch im moralisch einwandfreien Leben. 

Nicht nur der über die Stränge schlagende Mensch ist der Sünder: Mutlosigkeit, Rückzug, Einigelung sind ebenso Formen das wahre Leben zu verpassen. In ihrer Fixierung auf Übertretungen hat die traditionelle Rede von Sünde viel zu wenig auf diese Formen geachtet, mit denen man sein Leben verpfuschen kann. Das Leben wird auch da verfehlt, wo Menschen ihre eigenen Möglichkeiten nicht entdecken, ihre Gaben nicht entfalten und einsetzen. Und ja, das ist schlimm, es ist eine ungeheure Tragödie, wie viel menschliches Potenzial in dieser Welt ungenutzt bleibt, wie viele Träume ungelebt, wie viele Wünsche unausgesprochen. So von Sünde reden heißt, Menschen nicht klein zu machen, sondern sie an ihre wahre Größe zu erinnern; sie nicht zu entehren, sondern ihnen ihre Würde als Ebenbild Gottes zurückzugeben; sich nicht der Empörung über ihr Versagen hinzugeben, sondern der Hoffnung auf ihre wirkliche Entfaltung. 

Darum kann es auch beim Hinweis auf solche Möglichkeiten des Versagens nicht darum gehen, sich selbst oder andere zu deprimieren. Wenn wir nicht lernen, so von Sünde zu reden, dass Menschen sich aufrichten statt sich wegzuducken, dann verfehlen wir dieses Thema. Unsere Rede von der Sünde müsste die befreiende Kraft einer guten Diagnose haben. Eine Diagnose, in der wir unser Leiden richtig wahrgenommen und beschrieben finden, unseren Lebensalltag wiedererkennen und zugleich hoffen dürfen, dass es so etwas wie einen heilsamen Umgang mit dieser Problematik geben könnte. Ja, eine Diagnose mag auch mit Schmerzen verbunden sein, vor allem wenn wir ahnen, dass wir viel früher ärztlichen Rat hätten einholen sollen. 

Im biblischen Sinne von Sünde sprechen heißt: Jesus Christus als Befreier und Erlöser groß machen. Darin unterscheidet sich die christliche Sündenerkenntnis von jedem Moralismus. Wenn unsere Rede über Sünde nicht Sehnsucht nach Heilung und Befreiung weckt, wenn unsere Worte als verletzend und nicht als heilsam empfunden werden, kann das daran liegen, dass dieser grundlegende biblische Horizont des Themas verloren ging.

Mit dem Thema Sünde ist gesündigt worden. Das ist tragisch. Es ist zugleich eine Erinnerung daran, wie tiefgreifend wir Menschen von Sünde bestimmt sind, selbst in unseren besten christlichen Absichten. Daher müssen wir im Umgang mit dieser Frage wie auch sonst immer wieder bei Jesus Maß nehmen. 

Die überwundene Sünde

Jesu Gleichnis vom Zöllner und vom Pharisäer wird von Lukas so eingeleitet: „Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis.“ (Lk 18,9) Wir kennen die drastische Gegenüberstellung, die Jesus vornimmt: hier der moralisch integre Pharisäer, der viel Gutes tut; dort der Zöllner, der überhaupt nicht bestreitet, dass sein Lebenswandel vor Gott zutiefst fragwürdig ist. Jesus behauptet nicht nur, dass vor Gott aber beide Sünder sind, was ja schon radikal genug wäre. Jesus kehrt die Hierarchie der moralischen Beurteilung geradezu auf den Kopf: „Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener.“ (Lk 18,14) Um diese Einsicht ging es Martin Luther, wenn er betonte, dass auch Christen Sünder bleiben. Das war kein Aufruf zur Gleichgültigkeit und Lauheit im Sinne einer billigen Gnade. Auch der gläubige Mensch lässt die Sünde nicht einfach hinter sich. Die Abkehr von der Sünde geschieht nicht einfach mit der Bekehrung. Sie geschieht ein Leben lang.

Gerade fromme Christen geraten an dieser Stelle oft in eine Falle. Sie wollen unbedingt ernst damit machen, die Sünde nicht herrschen zu lassen in ihrem Leben (Röm 6,12). Damit das irgendwie sichtbar und konkret wird, versuchen sie ihr Leben mit Hilfe von Verbotsregeln in den Griff zu kriegen. Bis heute gibt es immer wieder neue christliche Bewegungen, die nicht nur an die Erlösung in Christus glauben wollen, sondern in ihrem eigenen Leben sichtbar zeigen wollen, warum sie sich vorteilhaft von allen anderen Menschen abheben. Je wichtiger dieses Ziel wird, desto mehr treten konkrete Regeln in den Vordergrund, die man eindeutig und sichtbar halten kann. Aber Sünde wird nicht überwunden auf dem Wege einer Vermeidungsethik. Ein solcher Umgang mit Sünde ist zutiefst selbstbezüglich. Es ist zwar völlig richtig: Glaube bringt ein neues Leben mit sich. Die Nachfolge Jesu führt zu Veränderung. Unterschätzt wird dabei der in der Bibel häufig betonte Charakter der Sünde als Verblendung. In der Bibel ist Blindheit ein häufig verwendetes Bild im Zusammenhang der Sünde. Schon im Alten Testament heißt es, dass Bestechungsgeschenke blind für Unrecht machen (2Mo 23,8; 5Mo 16,19). Man kann blind sein für Gottes Reden und Handeln in der Geschichte (Jes 6,10; 29,9; 42,18f. u. ö.) „Du sahst wohl viel, aber du hast‘s nicht beachtet; deine Ohren waren offen, aber du hast nicht gehört.“ (Jes 42, 20)

Sünde ist eine Blindheit, die sich selbst nicht durchschaut. Im Alten Testament wird schon die Einsicht formuliert, dass wir in der Regel Sünde nicht unmittelbar erkennen: „Wer kann merken, wie oft er fehlet? Verzeihe mir die verborgenen Sünden!“ (Ps 19,13; vgl. Ps 90,8) Sünde ist für den Sünder unsichtbar. Sie ist das Wasser, in dem er lebt, die selbstverständliche Atmosphäre, die sein Denken immer schon durchdringt und bestimmt.
Sünde ist Blindheit, unvermutete Blindheit.

Darum ist es so fatal, wenn Christen vor allem danach streben, Sünde zu vermeiden und sich bloß keiner Schuld bewusst zu sein. Natürlich ist es mit dem christlichen Glauben unvereinbar, absichtlich und wissentlich zu sündigen. Wenn Paulus in der konkreten Auseinandersetzung mit den Korinthern sagt „Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst“ (1Kor 4,3), so muss man die Fortsetzung ganz ernst nehmen: „aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist‘s aber, der mich richtet. Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und das Trachten der Herzen offenbar machen wird.“ (1Kor 4,4-5) 

Die reformatorische Einsicht, dass Christen stets Gerechte und Sünder sind, hat nichts von ihrer Bedeutung verloren. Christen beten, wie Jesus sie gelehrt hat: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ (Mt 6,12) So beten wir gerade im Wissen, dass uns keine Sünde der Welt von Gott trennt, weil Christus der Welt Sünde getragen hat (Joh 1,29). Jeder Versuch, möglichst nichts falsch zu machen, nur nicht in Sünde geraten etc., unterschätzt die menschliche Fähigkeit zur Selbsttäuschung, die eigene Verführbarkeit und Verirrung nicht wahrhaben zu wollen. Darum ist das christliche Leben nicht vom Impuls geprägt, bloß nichts falsch zu machen – sondern das Richtige zu tun, in Liebe zu leben, in Wahrheit zu wandeln, nach der Gerechtigkeit zu streben und im Glauben zu wachsen. Überwindung der Sünde geschieht durch Wachstum in der Liebe.

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Thorsten Dietz: Sünde - Was Menschen heute von Gott trennt
Erschienen bei SCM R. Brockhaus
Preis: 16,95 €

Auf ein Wort: ... da ist Sünde

Autor: Pfarrer Steffen Kern, Vorsitzender der Apis
Lesedauer: ca. 2-3 Minuten

Liebe Apis, liebe Freunde,

wir feiern das Jubiläumsjahr der Reformation und hören in diesen Wochen viel von der reformatorischen Freiheit. In der Tat ist es die großartige Wiederentdeckung Martin Luthers und der Reformatoren, dass wir als Christen freie Menschen sind, weil Jesus Christus uns befreit. Durch seine Gnade leben wir. Darum feiern wir zu Recht diese Wiederentdeckung der Freiheit und beschreiben die Gemeinde Jesu Christi auch als „Kirche der Freiheit“. Diese Freiheit wird aber in vollem Maße nur erkannt, wenn wir zugleich sagen können, wovon wir befreit sind.

Mit dem Begriff der Sünde beschreibt die Bibel grundlegend, was uns gefangen hält und uns die Freiheit nimmt. Sünde ist viel mehr als ein Stückchen Schwarzwälder Kirschtorte zu viel, der eine oder andere Fehltritt oder ein schlagzeilenträchtiger Skandal. Sünde ist mehr als eine Tat oder Untat. Sünde beschreibt unser Wesen. Wir sind Sünder. Unser Herz ist von Jugend auf böse. Paulus hält zusammenfassend fest: „Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.“ (Röm 3,12b) Darum kommt es immer wieder entscheidend darauf an, dass uns Gott die Augen öffnet für diesen Zustand. Erst wenn uns unsere Sünde bewusst wird, können wir ermessen, was Gottes Gnade bedeutet. Erst dann können wir die Freiheit feiern, die uns Jesus Christus schenkt. Darum ist es gut und geboten, wenn wir im Blick auf uns immer wieder erkennen: Da ist Sünde. 

Da ist Freiheit!
Eine Gefahr hat aber die Sache mit der Sünde. Wir sollten sie nicht nur bei anderen, sondern zuerst bei uns selbst suchen. Nicht zufällig lehrt uns Jesus im Vaterunser beten: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Wir haben es nötig und brauchen es jeden Tag, dass Gott uns unsere Schuld vergibt, und zugleich bitten wir darum, dass wir anderen vergeben. Denn im Zustand der Sünde sind wir immer Täter und Opfer zugleich: Wir werden an anderen schuldig, aber auch andere werden an uns schuldig. 

Der verheerende Zusammenhang von Sünde und Tod kann nur durch Vergebung durchbrochen werden. Es ist darum entscheidend, dass wir das Evangelium als eine Botschaft der Freiheit begreifen: Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Wir dürfen als freie Menschen leben und auch anderen vergeben. Vergebung durchbricht den Teufelskreis der Sünde. Wo das geschieht, können wir mit großer Freude und Dankbarkeit feststellen: Da ist Freiheit. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen nicht nur für das Jubiläumsjahr 2017, sondern für Ihr ganzes Leben eine neue Freude am Evangelium.

Seien Sie herzlich gegrüßt

Ihr
Steffen Kern

"Lass uns über Sünde reden"

Ein Interview mit Andreas "Boppi" Boppart
Lesedauer: ca. 10 Minuten

Andreas „Boppi“ Boppart leitet Campus für Christus in der Schweiz und ist als gefragter Redner in ganz Europa unterwegs. Vor zwei Jahren veröffentlichte er ein bemerkenswertes Buch über Nachfolge mit dem Titel „Unfertig – Jesusnachfolge für Normalos“. Mit „The Four“ hat er die vier geistlichen Gesetze des Gründers von Campus für Christus aus den sechziger Jahren weiterentwickelt. Dort geht es auch um Sünde. Grund genug, sich zu einem Skype-Gespräch mit ihm zu verabreden.

„The Four“ ist eine Weiterentwicklung der vier geistlichen Gesetze. Dort wird u.a. auch die Trennung von Gott aufgrund der Sünde angesprochen an. Für manche wirkt das vielleicht platt. Welche Erfahrungen macht ihr damit?
Das ist eine Verdichtung des Evangeliums. Ich glaube, es ist ansteckend, wenn wir das Evangelium so vereinfacht weitergeben können. Solange wir selber eine Theologie hinter diesen vier Punkten haben, die größer, die weiter ist, ist es okay. Aber es hilft, Dinge auf den Punkt zu bringen: 1) In der Bibel geht es um einen Gott der Liebe. 2) Aber in unserem Leben gibt es eine Trennung, den Bruch von dieser Liebe, die Grundsünde. 3) Es gibt einen, der für dich gestorben ist. 4) Es geht darum, das wir uns entscheiden, uns in diese Liebe hineinzubewegen, Schritt für Schritt.
Diese Kampagne gibt es bereits in über 20 Ländern. Überall verstehen Menschen, worum es geht, fangen an, zu glauben oder auch nicht. Aber es hat eine Wirkung, wenn wir das Evangelium so weitergeben.

Das Interview als Video

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Dein Buch „Unfertig“ beschreibt ein Herzensanliegen von dir: Wir sind als Christen nie fertig, bemerken, dass Schuld in unserem Leben ist. Was hat dich bewogen, dieses Buch zu schreiben?

Der Schmerz über uns Christen, dass wir Maßstäbe zeichnen, die nicht lebbar sind. Wir ziehen alle über denselben Kamm. Wir sagen: Das sichtbare Sündige ist das Schlimmere als das andere. Eine gescheiterte Ehe ist etwas Schlimmes. Aber diese heimlichen Sachen werten wir weniger schlimm. Wir haben so eine Rangliste gemacht. Wenn z.B. die Sängerin der Lobpreisband hintenrum herumzickt, ist das nicht so schlimm, aber wenn eine Sünde sichtbar wird, z.B. in der Sexualität, dann stürzen wir uns drauf und verhalten uns nicht mehr wie die Schäfchen. Das ist doch irgendwo heuchlerisch und da war Jesus ganz scharf.
Das Hauptproblem sind nicht die moralischen Sünden sondern die grundsätzliche Trennung von Gott, aus der all die anderen Sünden kommen. Darum gilt es für jeden immer wieder persönlich darüber nachzudenken: Wo lebe ich nicht in der nahen Verbindung mit Gott? Wenn er alles für mich getan hat, was hat das dann für Konsequenzen für mich?)

Wo entdeckst du in deinem Leben, dass da so etwas wie Sünde ist und du Vergebung benötigst?
Ich entdecke es ständig, wenn ich meinen Gedanken zuhöre. Wie ich über Menschen denke, wie ich mich ärgere, wie ich mich überheblich auslasse, da merke ich: Da ist Sünde. Oder wenn ich mit meiner Frau oder meinen Kindern, die ich über alles liebe und mich trotzdem lieblos verhalte, da kommt mein unfertiges Wesen heraus. Und da stehen wir in der Gefahr, dass wir uns selbst kasteien. Das ist das Menschliche – keine Erklärung oder Entschuldigung. Aber das wirklich schlimme daran ist, dass wir nach außen hin nicht darüber reden. Wir bauen ein falsches Bild über uns selber auf und andere kriegen die Krise, weil sie denken, ich kriege alles auf die Reihe. Das gilt auch für unsere Gemeinden. Wir sind von Gott geheiligt, aber sind eben als Unfertige geheiligt. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns selber und den anderen nichts vorspielen. Wir sind scheinheilig sein, aber das befreit keine Menschen.

Wie kann es gelingen, dass wir dieses falsche Bild von uns, das wir gerne aufbauen, auch in unseren Gemeinden, aufbrechen, offener werden?
Es braucht eine Transformation hin zur Ehrlichkeit. Es fängt damit an, dass wir nicht nur Wahrheit predigen sondern ehrlich werden und sagen, was schief läuft. Wir müssen großzügig sein mit dem Versagen anderer. Wir müssen miteinander ins Gespräch kommen, es muss ein Thema werden.

Du bist als Verkündiger viel unterwegs und sprichst auch über Sünde. Dieses Thema ist nicht populär, weil es den Menschen an die eigene Grenze führt. Wie kann man in der Verkündigung liebevoll und klar darüber sprechen?
Viele Menschen verstehen das Wort Sünde nicht. Aber wenn man ihnen erklärt, was die Folge davon ist, haben sie ein Aha-Erlebnis. Sie erleben, wie Beziehungen zerbrechen, wie man mit der eigenen Identität Probleme hat, man beutet die Schöpfung aus, lebt getrennt von Gott. Wenn die Menschen verstehen, dass das die Folge eigener Sünde und einer von Gott entfernten Welt ist, dann gibt es für viele Menschen so ein Aha-Erlebnis: Da könnte was wiederhergestellt werden, wenn ich mich in die Beziehung zu Gott hineinbewege.

Und wie spricht man im persönlichen Umfeld Sünde direkt an?
Das ist heikel. Aber wenn wir unser Leben von dem Grundproblem der Sünde her verstehen, macht es uns das leichter, mit den Unfertigkeiten anderer umzugehen.

Wäre es nicht viel einfacher, wenn wir uns als Christen darauf einigen, hemmungslos zu sündigen, weil wir wissen, dass Jesus uns vergibt und alles ist okay?
Im Prinzip ein nettes Konzept, das so nur nicht aufgeht. Das eine ist, dass wir wirklich lernen dürfen, dass wir in, aus und durch die Vergebung leben dürfen. Uns ist bereits vergeben. Das ist sehr befreiend. Gleichzeitig gibt es den Prozess der Heiligung. Wir müssen zulassen, dass Gott uns verändert und wir merken, das passt nicht zu dem, was ich mit Jesus leben möchte.

Paulus schreibt im Korinther-Brief, dass uns alles erlaubt ist aber nicht alles zum Guten dient. Was ist für dich so ein Maßstab für dein Handeln im Alltag?
Ich versuche in der Bibel meinen Maßstab zu finden. Vermutlich hat da auch jeder seinen eigenen Maßstab. Ich versuche mich immer zu fragen: Was dient dem Leben? Oder führt es mich in Beklemmung? Sorgt es für schlechte Stimmung, Gedanken oder Gefühle? Ich glaube, wir dürfen da lernen und ganz auf das Reden und Wirken Gottes in unserem Leben vertrauen.

Die Beziehung zu Jesus zu suchen, zu stärken ist also ein Geheimnis?
Ja. Das ist eine sehr persönliche Geschichte. Wir sollen so leben, dass Gott Freude daran hat. Dieses Bild liebe ich. Ich frage mich immer wieder in meinem Leben: Wenn ich das jetzt tue: Hat Gott Freude daran? Und dann gibt es Dinge, wo ich merke: Da hat Gott jetzt keine Freude, auch wenn ich vielleicht Freude daran hätte.

Du schreibst in deinem Buch von einer Veränderung in der Nachfolge. Früher war klar, wie Nachfolge aussieht, was man als Christ tut. Heute leben viele Christen Nachfolge sehr freiheitsbetont und individuell. Was können die verschiedenen Generationen voneinander lernen?
Das ist in der Tat eine Spannung. Dieses Schwarz-Weiß-Denken, also das scheinbare Wissen, was richtig und falsch ist, will die heutige Generation häufig nicht mehr. Sie hat Gnade und Vergebung neu entdeckt und betont deshalb die Freiheit. Ich glaube, es braucht für gelingendes Leben ein Gleichgewicht aus gesundem Gehorsam und gesunder Freiheit.
Wenn wir die Freiheit wegnehmen, fällt der Gehorsam in eine Gesetzlichkeit hinein. Wenn wir den Gehorsam wegnehmen, wird die Freiheit zu einem reinen Lusttrieb. Beides für sich führt zu einem einseitigen Glauben. Beides miteinander gibt unserem Glauben eine gesunde Dynamik.
Das Wort Gottes ist ein Maßstab. Das müssen wir lesen, um zu verstehen, was für uns persönlich gilt.

Warum sollte man dein Buch „unfertig“ lesen?
Viele Nachfolgebücher waren für mich irgendwie nicht lebbar. Ich hab das, was drin stand, nie hinbekommen. Es war für mich unglaublich befreiend zu verstehen, dass wir unfertig sind und dass wir so bleiben bis in den Himmel rein. Und gleichzeitig möchte ich nicht dabei stehen bleiben. Es fordert mich heraus, mit meiner Unfertigkeit Jesus nachzufolgen. Wo sind meine Möglichkeiten? Wo sind die Herausforderungen, denen ich mich stelle, um Glauben zu wachsen. Das ist spannungsgeladen-abenteuerlich.  

Danke für das Gespräch!

Oktober 2017: Luther, fertig, los!

Die Reformation geht weiter
Mo, 2. Oktober 2017: "Entdecke die Freiheit: Jesus!" (Steffen Kern)
Mo, 9. Oktober 2017: Luther, fertig, los! Die Reformation geht weiter (Steffen Kern)
Mo, 16. Oktober 2017: Zurück auf Los! Die Apis vor neuen Herausforderungen (Steffen Kern)
Mo, 23. Oktober 2017: Martin Luthers Freundebuch (Sebastian Schmauder)

Luthers Freundebuch

Autor: Pfarrer Sebastian Schmauder, Holzelfingen
Gestaltung: Joachim Haußmann, Stuttgart

Martin Luthers Schriften, Briefe, Sermone, Predigten sind alle fein säuberlich editiert herausgegeben. Einzig sein Freundebuch ist bislang noch nicht aufgetaucht.
Wer durfte da hineinschreiben? Und was haben sie hineingeschrieben?
Hier ein kleiner Rekonstruktionsversuch…

Zurück auf Los!
Wir Apis vor neuen Herausforderungen

Autor: Steffen Kern, Journalist und Pfarrer
Vorsitzender der Apis, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 7-9 Minuten

Das Signal zum Aufbruch gilt allen Christen, jeder Gemeinde und Gemeinschaft. Eigentlich heißt es: „Jesus, fertig, los!“ – So war das an Pfingsten nach Passion und Ostern. Jesus, der Gekreuzigte, ist auferstanden und zum Himmel aufgefahren. Jetzt war die Geschichte aber nicht zu Ende, sondern sie begann. Jetzt ging es los: Pfingsten, der Anfang der Kirche, ist der Startpunkt, an den wir immer wieder zurückkehren und von dem wir neu aufbrechen. So ähnlich, auch wenn der Vergleich hinkt, wie bei einem Monopoly-Spiel: Es geht „zurück auf Los“! – Das gilt auch für uns als Apis. Wir sind ein Verband im Wandel. Auch Gemeinschaften sind wie die Kirche „semper reformanda“, stetig zu reformieren. Vieles führen wir weiter, manches beenden wir, anderes fangen wir neu an. Entscheidend ist, dass wir wie den Aufbruch wagen. Unser Zukunftsprozess „Apis 2025“ hat ja auch längst begonnen.

Lust auf Bibel: Ideen von Bibelbewegern gefragt

Ohne Bibelbezug keine Gottesbeziehung! Das ist völlig klar. Wir brauchen neue Formen des gemeinsamen Bibellesens. Wir Apis sind und bleiben Bibelbeweger. So wertvoll die alten Stunden sind, die wir natürlich erhalten und pflegen wollen, so entscheidend ist es, dass wir neue Formen finden, die für die Menschen unserer Zeit passen. Wir brauchen viele Formen des gemeinsamen Bibellesens, weil wir verschiedene Lebensformen haben. Ich staune, wie kreativ hier überall im Land probiert und experimentiert wird, und ich kann nur Mut machen, das weiter zu tun. Dafür brauchen wir auch neue Medien, neue Bibellesehilfen, gerade auch für Menschen, die zum ersten Mal zu einer Bibel greifen.
An dieser Stelle bleiben wir weiter dran: unser Magazin „Gemeinschaft“, unsere neue Website und neue geplante Publikationen sollten hier Impulse geben. Aber viel wichtiger sind die Ideen, die bei Ihnen und Euch vor Ort geschehen.

  • Wie bewegt Sie die Bibel?
  • Wie lesen Sie sie mit anderen zusammen?
  • Was gelingt, was scheitert?
  • Was haben Sie vor?

Schicken Sie uns doch Ihre Ideen! Auch Ihre Fragen, offenen Punkte...
Sie können Sie direkt auf unserer Website eingeben

Eines noch: Beim Teilen der Bibel mit anderen kommt es auch auf unsere Haltung an. Wir dürfen nicht als Besserwisser mit der Bibel in der Hand auftreten, sondern als Menschen, die Lust haben, das Wort Gottes zu hören, Neues zu entdecken und Gott durch die Bibel zu begegnen. Die Lust an der Bibel zu wecken, wie sie Psalm 1 beschreibt, geht allerdings nur, wenn wir sie selbst neu empfinden.

Heimatgeber gesucht: Liebe, die sich öffnet

Eine Gemeinschaft war die Kirche schon immer. Aber was heißt das in Zeiten des Individualismus? Wie leben wir Gemeinschaft im Zeitalter der Singles? Wir finden wir zusammen, wenn die Lebenswege immer unterschiedlicher aussehen? – Sicher ist: Neue Gemeinschaftsformen sind nötig. Das war eine Stärke des Pietismus, die wir neu (!) entdecken müssen: die „Gemeinschaftspflege“. Wir brauchen Christen, die ihre Häuser öffnen. Wir brauchen christliche Familien, die an ihren Tisch einladen. Wir brauchen gläubige Menschen, die ihr Leben mit denen teilen, die nicht wissen, was Gemeinschaft bedeutet. Gemeindeaufbau endet nicht an unserer Haustür. Der Rückzug ins Private ist keine geistliche Bewegung. Wir alle sind hier persönlich gefordert.

Als Apis wissen wir um diese Verantwortung. Gemeinschaft ist unser Markenzeichen. Wir wollen Heimatgeber sein, damit Menschen ein Zuhause finden. Die Prägekraft des Pietismus in Kirche und Land hinein, ja seine gesamte Existenz hängt entscheidend davon ab, ob es ihm gelingt, neue Formen der Gemeinschaft zu finden, die postmoderne Individualisten erreicht und einbindet. Sonst bleiben wir unter uns. Es kommt darauf an, dass wir im besten Sinne des Wortes zu Zeitgenossen werden, die die Ewigkeit im Herzen tragen. Die Menschen unserer Zeit sehnen sich nach Orientierung und Beziehung. Wir als Apis und als Kirche sind ihnen genau das schuldig.

Als Hoffnungsträger gesandt: Mut zu neuen Wegen

Darin bündelt sich alles. Als Christen wollen wir jeden Menschen mit den Augen des Vaters im Himmel sehen. Mit seinen Gaben, Möglichkeiten und Chancen. Ja, wir sind alle Sünder, aber wir bleiben geliebte Geschöpfe Gottes. Und weil es Vergebung gibt und ein Neuanfang für jeden möglich ist, gibt es bei Gott keine hoffnungslosen Fälle. Wir sehen darum jeden Menschen mit den Augen der Hoffnung. Wir sehen unser Land nicht als verlorenes Land, sondern als ein Hoffnungsland. Wir geben niemanden auf, keinen Menschen, unsere Kirche nicht, auch unsere Gesellschaft nicht – denn wir brechen auf in das Land der Verheißung. Darum ist es entscheidend, dass wir den alten Auftrag zu Diakonie und Evangelisation neu hören. Zu wem sendet uns Gott? Welche Menschen legt er uns aufs Herz? Für wen sollen wir Hoffnungsträger sein? – Beten wir hier um Klarheit! In dem Maße, wie diese reift, werden wir bereit, uns auf neue Wege zu wagen. Auch ganz wagemutig auf ganz neue Wege.

Und ehrlich gesagt: Nichts braucht unser Land mehr als wagemutige Jesus-Leute, die aufbrechen und losgehen.

Luther, fertig los! Die Reformation geht weiter

Autor: Steffen Kern, Journalist und Pfarrer
Vorsitzender der Apis, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 12-15 Minuten

Es sind Hammerschläge, die 500 Jahre später noch nachhallen: Ein Mönch aus Wittenberg schlägt 95 Leitsätze an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Geschehen am 31. Oktober 2017. Diese Schläge erschüttern die Welt. Und ganz gleich ob der junge Professor wirklich selbst den Hammer geschwungen hat: Nichts ist danach so, wie es vorher war. Die Kirche verändert sich radikal. Politik und Gesellschaft werden auf den Kopf gestellt. Schriften und Bücher werden gedruckt, vor allem aber die Bibel. Die Welt scheint sich fortan in eine andere Richtung zu drehen. Die Bedeutung der Reformation kann kaum überschätzt werden. Zugleich ist deutlich: Die Reformation ist kein abgeschlossenes Ereignis der Geschichte. „Ecclesia semper reformanda“, heißt es: Die Kirche ist ständig zu reformieren. Das ist 500 Jahre später so aktuell wie selten zuvor.

Die „Pleite des Jahres“?

So einfach ist das nicht mit dem Feiern der Reformation: Die unzähligen Feste, Empfänge, Ausstellungen und Events zum großen Jubiläum sind EKD-weit zumindest teilweise gefloppt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte Mitte Juli 2017 sogar: „Luther ist die Pleite des Jahres“ und verweist auf die immensen Kosten und die zugleich sehr ernüchternden Besucherzahlen sowohl beim Kirchentag und dessen Abschlussgottesdienst, den sogenannten „Kirchentagen auf dem Weg“ und der Weltausstellung in Wittenberg. Daneben stehen aber die vielen Initiativen in Gemeinden und Gemeinschaften. Vielleicht lässt sich eine Zwischenbilanz so formulieren: Je basisnäher das Fest der Reformation gefeiert wird und je näher an ihren Inhalten, desto wirkungsvoller ist es. Für viele wird der Gottesdienst in ihrer Gemeinde am bundesweiten Feiertag, dem 31. Oktober 2017, denn auch der eigentliche Höhepunkt sein. Entscheidend ist, dass wir die großen Entdeckungen der Reformation neu ins Zentrum rücken. Denn das sind die einzigen Quellen, durch die die Kirche erneuert wird. Das sehen wir, wenn wir die wesentlichen Errungenschaften der Reformation und des Pietismus in Erinnerung rufen. Von dort fällt ein Licht auf die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen.

Die Entdeckung „des Jahrtausends“

Was ist eigentlich reformatorisch? – Martin Luther selbst antwortet darauf in einer kleinen Notiz, die er 1522 an den Rand seiner Bibel schreibt. Neben einen Vers im Römerbrief notiert er: „Merke: dies ist das Hauptstück und die Mitte dieser Epistel und der ganzen Schrift!“ Damit verweist er auf Römer 3,28: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ Das ist die reformatorische Entdeckung. Nicht was ich leiste und bezahle, was ich mir erarbeite und verdiene, nicht Ablass und Gesetzestreue, sondern allein Gottes Erbarmen macht mich gerecht. Es ist die größte Entdeckung des zweiten Jahrtausends nach Christus, ja der Geschichte überhaupt. Die vier so genannten „Soli“ markieren deshalb am besten das Herzstück der Reformation: solus Christus, sola gratia, solo verbo/sola scriptura, sola fide. Zu deutsch: Allein Jesus Christus schenkt uns das Heil in Zeit und Ewigkeit. Allein aus Gnade werden wir vor Gott gerecht. Allein durch sein Wort werden wir frei gesprochen und hören Gottes Weisung für unser Leben. Allein durch den Glauben an ihn sind wir gerettet. – Selten waren diese vier Grundsätze so aktuell und umstritten wie heute, und zwar diesseits und jenseits kirchlicher Grenzen.

1) Allein Jesus Christus

Diese Einsicht ist alles andere als selbstverständlich. In Gesellschaft und Kirche neigen manche dazu, die Christologie und die Soteriologie, also die Lehren von Jesus Christus und der Erlösung durch ihn, in die zweite oder dritte Reihe zu schieben. Dass Jesus Christus für uns gestorben ist, die Sünde der Welt getragen und unsere Schuld gesühnt hat, dass er nach drei Tagen leiblich auferstanden ist, wird allzu oft in Zweifel gezogen. Ebenso wird angezweifelt, dass er, von einer Jungfrau geboren, der Sohn Gottes ist. Und das erst recht angesichts dessen, dass wir mit Menschen anderen Glaubens zusammen leben. Dass wir mit ihnen den Frieden suchen, gute Nachbarschaft leben und alles tun, um Fremdenhass, politische Feindseligkeiten bis hin zu Gewalt und Terror zu überwinden, ist uns aufgetragen. Aber auch das Gespräch über Religionsgrenzen hinweg löst unser zentrales Bekenntnis nicht auf: Allein in Jesus Christus finden wir das Leben. – Diese Wahrheit trägt uns, und diese Wahrheit bringen wir ins Gespräch ein: Jesus Christus ist der einzige Trost im Leben und im Sterben. Das sagen wir, wohlwissend dass unser Gegenüber einen anderen Glauben hat und anderes für wahr hält. Die größte Herausforderung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird darin bestehen, dass wir Christen unser Christuszeugnis klar und eindeutig, werbend und einmütig, liebevoll und einladend weiter geben.

2) Allein aus Gnade

Gott wendet sich uns zu. Er ist uns buchstäblich zugeneigt. Seine Barmherzigkeit kennt keine Grenze: Kein Graben ist zu tief, keine Mauer zu hoch, keine Schuld zu groß, dass er sie nicht überwinden würde. Gottes Liebe lässt uns leben. Allein seine Gnade genügt. Martin Luther führt aus, was Gottes Liebe von menschlicher Liebe unterscheidet: „Die Liebe Gottes findet das für sie Liebenswerte nicht vor, sondern erschafft es.“ Was für ein Wunder: Gott sieht in mir nicht den Sünder, den Heuchler oder den Lügner, sondern sein geliebtes Kind. Dass mich mein Vater im Himmel so ansieht – das allein gibt mir Ansehen. So sehr wir, wie Luther in seiner erste These entfaltet, zu täglicher Buße aufgefordert und verpflichtet sind, so klar ist: Aus Gnade werden wir selig, nicht aus uns. Alles ist Gottes Gabe (vgl. Eph 2,8). „Barmherzig, geduldig und gnädig ist der Herr.“ Das ist das Wesen Gottes, das in Jesus Christus ein Gesicht und einen Namen findet. Nicht zufällig, sondern zwingend. Der Schöpfer muss uns in Gestalt eines Geschöpfes nahekommen, weil Gott gnädig ist. Nichts können wir dazu tun, auch nicht ein bisschen. Er spricht uns gerecht.

3) Allein durch das Wort

Es ist geheimnisvoll und wunderbar, es ist nicht zu erklären – und geschieht doch immer wieder: Gott redet. Ein Mensch hört und wagt es, diesem Wort zu vertrauen. Das heißt glauben. Alles beginnt und wird erhalten durch Gottes Reden. Darum lesen wir in der Bibel. Darum predigen wir aus der Bibel. Darum verlassen wir uns auf diese Schrift. Denn sie wird lebendig. Gottes Geist wirkt das Wunder. Seit zweitausend Jahren werden Menschen durch diese Worte angesprochen und verändert. Darum ist die Bibel einzigartig: Gott zeigt sich in diesen Schriften. Was er für uns getan hat und wer er für uns ist, wird offenbar. Das Entscheidende dabei: Wir werden persönlich angesprochen und freigesprochen. Es ist wie bei der Schöpfung: Gott spricht und es ist da. Wie bei Lazarus: Jesus ruft ihn und er erwacht zum Leben. Wie Paulus es schreibt: Ein neuer Mensch sind wir. Was wir hören, wenn Gott redet, ist sein Urteil über uns: ein Freispruch um Jesu Christi willen. Der alte Mensch wird getötet, der neue geschaffen. Wir haben das Evangelium nicht wie einen Besitz in der Hand, aber wir hören und empfangen es immer wieder neu. So, nur so wird uns der Himmel gewiss.

4) Allein durch den Glauben

Der Glaube kommt aus dem Hören. Aus eben diesem Hören! Gottes Wort und Glaube gehören zusammen, sagt Luther. Und der Theologe Eberhard Jüngel formuliert treffend: „Allein der Glaube lässt Gott Gott sein.“ So werden wir in das Geschehen, das Gott allein tut, einbezogen. Jesus sagt am Kreuz Ja zu uns; im Glauben sagen wir Ja zu ihm. Jesus sagt in Taufe und Abendmahl, dass wir ganz zu ihm gehören; im Glauben sagen wir unser Ja dazu. Jesus sagt: „Dir sind deine Sünden vergeben“; im Glauben sagen wir: „Amen. Ja, so soll es sein.“ Glauben heißt nicht mehr, als Gottes Wort gelten zu lassen. Gott nicht zu widersprechen, sondern sein Wort in mein Herz und mein ganzes Leben klingen zu lassen. Das Bekenntnis unseres Glaubens ist nichts anderes als das Echo von Gottes Wort in unserem Leben. Das hat Folgen. Denn dieses Wort verändert uns. Darum hat der Glaube Früchte wie ein guter Baum. Ein solches Menschenleben wird gesegnet und zum Segen für andere.

Der Schlüssel aller Aufbrüche

Das Evangelium von der Gnade Gottes und der Rechtfertigung des Sünders ist darum die einzigartige Kraft Gottes, die dazu angetan ist, verlorene Menschen zu retten und heil zu machen, die Welt aus den Angeln zu heben und uns den Himmel zu öffnen. Darin liegt das Erneuerungspotential der Kirche. Das ist die Kraft aller Aufbrüche. Das hat Verheißung. Nichts anderes und niemand sonst. Alle Versuche, das Reich Gottes mit Geld und Gut oder Strategie und Struktur zu schaffen, scheitern. All das braucht es auch, aber das Eigentliche bleibt die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus.

Die Welt aus den Angeln gehoben ...

Die Reformation hat wirklich die Welt aus den Angeln gehoben. Martin Luther hat die Bibel ins Deutsche übersetzt, 1522 das Neue, 1534 das Alte Testament. Jeder Mensch sollte die Bibel in seiner Sprache hören, lesen und verstehen können. Kirchenlieder wurden auf Deutsch geschrieben, der Gottesdienst in deutscher Sprache gefeiert. Außerdem sollte jeder wissen, woran wir als Christen glauben, darum wurden Katechismen herausgegeben. Die Reformation wurde zu einer Glaubens- und Bildungsbewegung des Volkes. Schulen wurden gegründet. Das Priestertum aller Glaubenden wurde festgehalten: Es braucht außer Jesus Christus keinen amtlichen Papst oder Priester mehr – wir alle können füreinander Priester werden und uns das Evangelium gegenseitig zusagen. Die Zahl der Sakramente wurde auf die beiden „Wortzeichen“ (Brenz) begrenzt, die Jesus auch tatsächlich selbst eingesetzt hat und durch die er uns nahe ist: Taufe und Abendmahl.

... und den Himmel geöffnet

So wuchs eine neue Gewissheit des Glaubens. Vorher konnte man sich seines Heils nie sicher sein. Das Christentum des frühen Mittelalters war zumindest in weiten Teilen zu einer trostlosen Angelegenheit geworden, durch den regen Ablasshandel zumal. Wer konnte schon sagen, wie viele Jahre im Fegefeuer einem wirklich verblieben, ob man genug für Gott getan habe und ob man fromm genug war? – Trost und Gewissheit wachsen immer dann, wenn wir auf Jesus Christus sehen. Die Reformation hat diesen Blick wieder frei gemacht. – Natürlich hatte auch die Reformation Schattenseiten. Die Bauernkriege, Luthers elende Schriften über die Juden oder die zunehmenden konfessionellen Streitigkeiten – all das zeigt, dass wir auch nach der Reformation jenseits von Eden leben. Eben darum gilt es, die Hammerschläge aus Wittenberg immer wieder als Startsignal zu hören, um zum Wesentlichen aufzubrechen. Das haben viele seither getan, und das steht auch heute an.

Pietismus: „Reformation 2.0“

Der Pietismus ist so eine Art „Reformation 2.0“. Ein Aufbruch, der neu ernst gemacht hat mit der Einsicht: Die Reformation geht weiter. So wurde das „Priestertum aller Glaubenden“ viel konsequenter gelebt. Nicht nur Pfarrer, sondern auch Laien, Christenmenschen „wie du und ich“, durften das Evangelium weiter sagen – damals alles andere als selbstverständlich. So entstanden besonders in Württemberg die „Brüdertische“, eine revolutionäre Neuerung. Während die Predigten von den Kanzeln allzu gelehrt und zunehmend alltagsfern wurden, brachten diese Brüder Bibel und alltägliches Leben zusammen. Der Glaube sollte doch mit dem Leben etwas zu tun haben. So trafen sich die Menschen in kleinen Gruppen, Konventikel oder später „Stunden“ genannt. Überall entstanden solche Treffen und Versammlungen. Eine Bewegung, die das ganze Land erfasste. Martin Luther hatte diese besondere Form des Gottesdienstes bereits im Blick. In seiner Vorrede zur Deutschen Messe schrieb er von Treffen derer, „die mit Ernst Christen sein wollen“. Rund 150 Jahre später wurden solche Versammlungen von Philipp Jakob Spener in Frankfurt, Dresden und Berlin begründet und gehalten. August Hermann Francke gründete Schulen, Waisenhäuser und Bildungseinrichtungen in Halle, Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf wurde zu einem Pionier der Weltmission, der Württemberger Johann Albrecht Bengel revolutionierte die Textforschung in der Bibelwissenschaft ... Viele und vieles andere ließe sich nennen.

Auf der Höhe der Zeit

Pietisten waren Menschen, die das Evangelium ernst genommen haben. Natürlich gilt auch hier wie bei der Reformation: Es gab Schattenseiten, große sogar. Manche verwechselten das Evangelium mit Gesetzlichkeit, andere mit Freizügigkeit. Manche wollten das Reich Gottes mit Gewalt schaffen, andere gerieten ins Schwärmen und verloren den Bodenkontakt zu dieser Welt. Und doch, der Pietismus als ganzer zeigt: Die Reformation geht weiter. Menschen haben sich das Evangelium immer wieder zu Herzen und in die Hände und Beine gehen lassen. Sie waren Berührte, Erweckte, Aufgewachte. Sie hatten klar vor Augen, wer Jesus für sie ist, und zugleich hatten sie einen Blick für diese Welt. Sie hörten seinen Auftrag. Sie ließen sich senden. Sie gingen neue Wege in seinem Namen zu den Menschen ihrer Zeit. Sie hatten ihr Ohr am Puls der Ewigkeit und waren gerade deshalb auf der Höhe der Zeit.

„Christus-optimistisch“ gegen Kirchenuntergangs-Propheten

All das sind nicht nur Bewegungen der Geschichte. Die Reformation zu feiern, heißt eben nicht nur, sich die Anekdoten der Vergangenheit zu erzählen, das Historische zu inszenieren und sich im Glanz vergangener Tage zu sonnen. All das darf sein, ja ist sogar unverzichtbar. Wir müssen wissen, wo wir herkommen. Und nur wer die Geschichte studiert, gewinnt eine Vision für die Zukunft. Das Entscheidende aber ist: Dass wir heute Gottes Wort hören, dass wir uns heute senden lassen und heute im Namen unseres Gottes Neues wagen. Entscheidend ist, dass wir zurück zu den Wurzeln gehen, nicht nur sehen. Jede Erneuerung der Kirche wird nur durch eine Rückbesinnung auf Jesus und sein Wort, nur durch eine solche Umkehr geschehen. Sie bleibt unverfügbar, aber das Wunder ist: Sie bleibt auch verheißen. Mit Philipp Jakob Spener will ich darum allen Kulturpessimisten und Kirchenuntergangspropheten trotzen, die doch eine stete Konjunktur zu haben scheinen, und „Christus-optimistisch“ festhalten: „Wir haben nicht zu zweifeln, dass Gott einen besseren Zustand seiner Kirche hier auf Erden versprochen hat.“

Auf ein Wort: "Entdecke die Freiheit: Jesus!"

Autor: Pfarrer Steffen Kern, Vorsitzender der Apis
Lesedauer: ca. 2-3 Minuten

Liebe Apis, liebe Freunde,

es wird ein historisches Ereignis. Zumindest was das Datum angeht steht das heute schon fest. Die große Konferenz zum Reformationsjubiläum findet in diesem Jahr nicht am 1. November statt so wie die vielen Konferenzen in Jahren und Jahrzehnten zuvor, sondern erstmals am Sonntag, den 5. November 2017. Der letzte Tag der Herbstferien ist der große Festtag, an dem vier Gemeinschaftsverbände in Württemberg gemeinsam ein großes Fest in der Porsche-Arena feiern. Ganz herzlich laden wir Sie heute schon zu diesem besonderen Ereignis ein. Streichen Sie sich darum den 5. November dick im Kalender an!

Freiheit: Schlüsselbegriff der Reformation
Der Liebenzeller und der Süddeutsche Gemeinschaftsverband sowie der Christusbund und wir Apis haben das Thema für diesen Tag gewählt: „Entdecke die Freiheit: Jesus!“ Freiheit ist der Schlüsselbegriff der Reformation. Luthers vielleicht bekannteste Schrift handelt „von der Freiheit  eines  Christenmenschen“. Sie beschreibt die Freiheit von Sünde, Tod und Verhängnis und die Freiheit zu einem Dienst der Liebe zu den Menschen und der Hoffnung für diese Welt. Selten wurde Luthers berühmter Doppelsatz so häufig zitiert wie in diesem Jubiläumsjahr: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Aber genau in dieser Spannung leben wir als Christen unsere Berufung. Von Jesus befreit und gesandt zum Dienst in dieser Welt. Es kommt darauf an, dass wir diese Freiheit in Jesus Christus neu entdecken.

Am 5. November werden wir das Evangelium neu hören, wir werden Gott zur Ehre singen und einen Tag der Gemeinschaft erleben. Laden Sie viele zu diesem einzigartigen Fest ein. Es ist eine Premiere, dass wir als Gemeinschaftsverbände so einen Tag gemeinsam gestalten, und ich bin überzeugt davon, dass dieser Tag zum Segen für uns alle werden kann.

Ihnen persönlich wünsche ich von Herzen, dass Sie die Freiheit in Jesus Christus heute erleben, wenn Sie diese Zeilen lesen. Denn es gilt: Zur Freiheit hat uns Christus befreit!

Seien Sie freundlich gegrüßt
Ihr Steffen Kern, Vorsitzender der Apis

August/September 2017: Nichts tun

Mo, 7. August 2017: Immer mit der Ruhe (Steffen Kern)
Mo, 21. August 2017: Rhythmus im Blut - zwischen Müssen und Muße (Joachim Klein)
Mo, 4. September 2017: Gottesdienst - Auszeit für die Seele? (Dorothee Gabler)
Mo, 18. September 2017: Ein "Stiller im Lande" und seine "Stille Zeit" (Dr. Thomas Baumann)

Ein "Stiller im Lande" und seine "Stille Zeit"

Autor: Dr. Thomas Baumann, Historiker und Germanist
Schwanau
Lesedauer: ca. 5-7 Minuten

Gerhard Tersteegen und das Gebet

Du durchdringest alles;
lass dein schönstes Lichte,
Herr, berühren mein Gesichte.
Wie die zarten Blumen
willig sich entfalten
und der Sonne stille halten,
lass mich so
still und froh
deine Strahlen fassen
und dich wirken lassen.

Diese Strophe aus seinem bekanntesten Lied „Gott ist gegenwärtig“ beschreibt sehr schön ein zentrales Thema in Leben und Glauben Gerhard Tersteegens (1697-1769): In der Gegenwart Gottes blüht der Mensch erst auf.

So wie die zarte Blume sich der Sonne zuwendet, damit diese durch ihre Strahlen den Wandlungsprozess der Photosynthese in Gang setzt, der Lichtenergie in chemische Energie umwandelt und Leben ermöglicht, so will ich mich Jesus zuwenden, ihn anschauen, mich dem lebendigen Gott hinhalten, damit er in mir wirken, mein Wesen verändern kann, sodass es dem Wesen Jesu ähnlicher wird. Es ist interessant, wie Tersteegen, als Arzneikundler und großer Kenner der Heilpflanzen, hier eine naturwissenschaftliche Beobachtung auf eine sehr poetische Weise als Bild für eine geistliche Realität nutzt. Indem wir Jesus anschauen, werden wir durch den Heiligen Geist verwandelt in sein Bild, sagt Paulus der Gemeinde in Korinth (2Kor 3,18).

Das braucht Stille. Das braucht Zeit. Das, was dann später mit dem Fachausdruck „Stille Zeit“ für eine persönliche Zeit mit Gott bezeichnet wurde, ist ja oft sehr ausgefüllt mit Bibellektüre, Gebet, dem Lesen geistlicher Impulse aus Kalendern und Andachtsbüchern und dagegen ist natürlich überhaupt nichts einzuwenden. Aber manchmal fehlt dabei, wenn wir ehrlich sind, die Stille und die Zeit. Tersteegen war auch ein großer Leser und Fürbitter. Aber er hat sehr großen Wert darauf gelegt, sich immer wieder Zeiten der Stille nur mit dem lebendigen Gott allein zu nehmen, um in der Gegenwart Gottes aufzutanken, neue Kraft zu schöpfen, korrigiert zu werden, Weisung für Entscheidungen zu empfangen, verwandelt zu werden.

Leben in Gottes Gegenwart

Tersteegen hatte das selbst auch erst lernen müssen, geholfen haben ihm dabei die Schriften der Mystiker, die er las und von denen er einige ins Deutsche übersetzte, darunter auch einige des lothringischen Karmeliterbruders „Lorenz von der Auferstehung“. Bruder Lorenz sagte einmal: „Wir müssen danach trachten, uns in der Gegenwart Gottes festzumachen, und uns mit ihm in einem ununterbrochenen Gespräch befinden.“ Dieser Gedanke geht über das hinaus, was wir gewöhnlich unter „Stiller Zeit“ als Zeit mit Gott verstehen und weist darauf hin, dass unser ganzes Leben in Gottes Gegenwart gelebt werden soll und kann. Bruder Lorenz sah gerade in den praktischen Aufgaben des Alltags eine Gelegenheit, mit Gott verbunden zu sein: „Man darf nicht müde werden oder gar aufhören, etwas Geringes aus Liebe zu Gott zu tun, der nicht die Größe des Werks ansieht, sondern die Liebe, aus der es kommt.“ Und so strebt auch Gerhard Tersteegen danach, immer mit Gott in Verbindung zu stehen. „Beten ist, den allgegenwärtigen Gott ansehen und sich von ihm besehen zu lassen“, schreibt er einmal in einem Brief.

Mache mich einfältig,
innig, abgeschieden,
sanft und still in deinem Frieden;
mach mich reinen Herzens,
dass ich deine Klarheit
schauen mag in Geist und Wahrheit;
lass mein Herz
überwärts
wie ein Adler schweben
und in dir nur leben.

Es dauerte eine Weile, bis ich Gerhard Tersteegen entdeckte; um ehrlich zu sein, war er mir bis vor wenigen Jahren zu „innig abgeschieden“, zu weltflüchtig. Je mehr ich jedoch spüre, wie gut mir stille Zeiten der Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott tun, damit ich „in der Welt“ fröhlich und gelassen mein Tagewerk tun kann, desto mehr schätze ich die Gedanken dieses Bruders aus dem 18. Jahrhundert. Wenn mein Herz im Licht Gottes hell und rein geworden ist, von seinem Frieden erfüllt, dann bin ich mir meiner Identität als Kind Gottes bewusst und kann den Menschen, mit denen ich zu tun habe, frei und freundlich und offen begegnen, mein Herz schwebt wie ein Adler über den Dingen, die es sonst beschweren.

Um in meinem Alltag in Gottes Gegenwart zu leben, muss ich mir Inseln der Stille, des Schweigens und Hörens auf Gottes Stimme schaffen. Gott zu hören braucht Zeit und Ruhe. Wenn wir unserem inneren Menschen etwas wirklich Gutes gönnen wollen, dann planen wir im Urlaub Stunden, vielleicht auch halbe oder ganze Tage ein, in denen wir Zeit mit Gott „verschwenden“, wie John Ortberg das einmal ausgedrückt hat. Zweckfreie Zeiten ohne Pläne und Ziele, in denen wir zur Ruhe kommen und Gott die Gelegenheit geben, uns zu begegnen.

„Gott ist ein stilles Wesen und wohnt in der stillen Ewigkeit. So muss auch dein Gemüt wie ein stilles und klares Wasser werden, worin sich die Klarheit Gottes spiegeln und abbilden kann. Meide deshalb alle Beunruhigungen, Verwirrung und ungestümes Wesen von innen und von außen. Nichts in der ganzen Welt ist es wert, dass du dich drüber stören solltest, selbst deine begangenen Fehler müssen dich nur demütigen, aber nicht beunruhigen. Gott ist in seinem heiligen Tempel (Hab 2,20), es sei stille vor seinem Angesicht alles, was in dir ist! stille mit deinem Munde, stille mit deinem Willen, stille mit deinen Begierden und Gedanken, stille mit deinem eigenen Wirken. O wie nützlich und köstlich ist ein sanfter und stiller Geist vor Gottes Angesicht (1Petr 3,4)“, schreibt Gerhard Tersteegen in seiner Kurzen Anleitung, Gott zu suchen. Er war ein „Stiller im Lande“, der uns auch heute noch viel zu sagen hat.

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Baumann, Thomas
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Gedanken zum geistlichen Leben

Auftanken, Kraft schöpfen, heil werden in Gottes Gegenwart. Frieden finden mitten in einer hektischen, unruhigen und unzufriedenen Welt.

erschienen im Neufeld-Verlag (ISBN 978-3-86256-012-7)
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Gottesdienst - Auszeit für die Seele?

Autor: Dorothee Gabler, Pfarrerin
Benningen am Neckar
Lesedauer: ca. 5-7 Minuten

Es war Sonntag – der zweite Sonntag im Monat. Im Wohnzimmer waren die Stühle in Reihen gestellt, die Sessel umgedreht mit Blick zum Esstisch. Um den Tisch saßen Männer, vor ihnen lagen Bibeln und das Gemeinschaftsliederbuch. Auf den Stühlen nahmen vor allem die Frauen Platz. Am Klavier wartete unser Opa, um die Lieder zu begleiten. Die alte Wohnzimmeruhr bewegte sich tickend auf 14.00 Uhr zu. Hinten auf dem Sofa saßen wir vier Mädchen – meist waren wir die einzigen Kinder. Gespannt schauten wir auf die Tür: Wie viele „Brüder“ würden wohl noch kommen, um am sogenannten Brüdertisch Platz zu nehmen? Doch zum Glück war es meistens verlässlich: Die „Stund“ dauerte eine Stunde. Und als dann endlich „Die Gnade“ gesungen wurde, haben wir dankbar mitgesungen, weil wir es wieder einmal geschafft hatten.

Diese monatliche Api-Stunde im Wohnzimmer meiner Eltern haben wir als Kinder immer miterlebt. Schon mein Vater war als Kind mit seinen drei Geschwistern bei dieser Api-Stunde selbstverständlich mit dabei gewesen.

Gottesdienst

Als Gottesdienst hätten wir es damals nicht bezeichnet. Überhaupt war der Begriff Gottesdienst bei uns weniger gebräuchlich: Morgens ging man in „die Kirche“ und mittags in die „Stund“, immer am zweiten Sonntag im Monat.

Von klein auf wurden wir so darin geübt, dass zum Sonntag das Hören auf Gott, das Singen und Beten gehört! Kindgemäß waren diese Gottesdienste nicht unbedingt, weder in der Kirche noch im heimischen Wohnzimmer. Aber dies hatte auch niemand behauptet! Obwohl es ganz unterhaltsam sein konnte: Unter den redenden Brüdern gab es einzelne, die uns damals als Kinder wahrgenommen und als Hörende angesprochen haben. Spannende Geschichten, die das Leben schrieb, eigenständige Interpretationen der biblischen Texte, all das haben wir Sonntag für Sonntag in der Kirche und monatlich auch noch in der „Stund“ mitbekommen. Das regelmäßige Hören von Predigten und Betrachtungen zu biblischen Texten hat mich auf jeden Fall sehr geprägt.

Entscheidend war damals nicht, ob uns dieser Gottesdienst „etwas bringt“. Diese Frage spielte auch für die Erwachsenen eine untergeordnete Rolle. Wer zu den Apis gehörte, der ging in die Kirche und in die „Stund“. Der Besuch dieses zusätzlichen Gottesdienstes war so etwas wie ein Bekenntnis, dass man zu denen gehört, die mit Ernst Christen sein wollen.

Wie viel hat sich seit damals geändert! Es gibt vermutlich immer weniger Familien, die sich und ihren Kindern so etwas zumuten: am Sonntag regelmäßig, vielleicht sogar mehrmals, einen Gottesdienst zu besuchen! Doch im Rückblick muss ich zugeben, dass mir dieses Einüben eines regelmäßigen Gottesdienstbesuchs nicht geschadet hat. Auch wenn ich mich zeitweise als Teeny dagegen auflehnte, so hat meine Seele dennoch viel mitbekommen, von dem ich heute zehre. Das Feiern der Gottesdienste hat meine Seele genährt.

Auszeit oder Mahlzeit?

Als Auszeit für die Seele haben wir Gottesdienste damals nicht empfunden. Er war eher Mahlzeit für die Seele. So wie man nicht nur isst, wenn man Hunger hat, sondern das regelmäßige Essen zu einer gesunden Ernährung gehört, ist es auch mit dem Gottesdienst. Manchmal schmeckt es einem, manchmal hat man weniger Appetit, manches ist schwer verdaulich und von manchem kann man lange zehren. Natürlich schließt dieses regelmäßige Essen nicht aus, dass man auch etwas zu sich nimmt, wenn der Hunger plagt.

Heute ist der Besuch des Gottesdienstes für viele ein Termin, für den man sich immer neu entscheidet. Früher hatte das Leben einen verlässlicheren Rhythmus. Der Sonntag gab den Takt vor. Heute leben fast alle nach Terminkalender, gerade die Wochenenden sind voller Termine. Zudem sind die Sonntage zu Tagen geworden, an denen man all das erledigt, was man im Laufe der Woche nicht geschafft hat. Oft geht es am Wochenende pausenlos weiter, so dass man die Zeit im Jahr herbeisehnt, wo endlich eine längere Auszeit kommt und man den Terminkalender beiseitelegen kann.

Sonntage sind zu Pausentagen geworden. Man sehnt sich nach Zeiten, wo man mal „nichts hat“. Freie Zeiten – nicht heilige Zeiten – sind die Taktgeber des Lebensrhythmus. Ein sonntäglicher Gottesdienstbesuch ist fast anachronistisch.

Seele

In der Kirchengemeinde begegnet mir immer wieder dieser Satz: „Wissen Sie, Frau Pfarrer, ich glaube auch an Gott, aber deshalb muss ich nicht immer in die Kirche gehen!“ Selbst bei denen, die mit Ernst Christen sein wollen, gehört der regelmäßige Gottesdienstbesuch am Sonntag nicht mehr zum Kennzeichen ihres christlichen Lebens. Zudem kann man sich heute ja viele tolle Bibelarbeiten und Predigten im Netz anhören, zu jedem beliebigen Zeitpunkt. Um Nahrung für die Seele zu bekommen, ist man nicht mehr auf den Besuch einer Veranstaltung angewiesen.

Doch ist der Gottesdienst tatsächlich nur etwas für die eigene Seele?

Der Praktische Theologe Christian Möller hat 1988 in Thesen zu „Gottesdienst als Gemeindeaufbau“ den Gottesdienst folgendermaßen beschrieben: „Im Gottesdienst der sonntäglich versammelten Gemeinde nimmt der Leib Christi öffentliche Gestalt an und feiert die Liturgie im Blick auf Wort und Sakrament als eine öffentliche Dienstleistung, die der Ehre Gottes dient und so dem Frieden auf Erden zugutekommt.“

Privat oder öffentlich?

Im Gottesdienst versammelten sich die Gläubigen am Auferstehungstag in der Öffentlichkeit, um öffentlich das Wort Gottes zu verkündigen. Im Alltag traf man sich täglich hin und her in den Häusern. Gottesdienste als öffentliche Veranstaltung hat man liturgisch gestaltet. Das Wort „Liturgie“ stammt aus dem Griechischen; es ist von den Wortstämmen leiitos = öffentlich, und ergon = Werk abzuleiten. Im profanen Sprachgebrauch bezeichnete Leiturgia den „Dienst zum Wohle der Allgemeinheit“. Es geht also nicht nur um die Seele oder die Seelen der Gläubigen. Die Feier des Gottesdienstes ist vor allem eine öffentliche Aufgabe!

Im Gottesdienst begegnet Gott der Welt, wo Menschen sich in seinem Namen versammeln. Der Gottesdienst macht Gott als den Herrn der Welt öffentlich groß. Darin unterscheidet er sich vom Gebet des Einzelnen und dem Dienst der Liebe an Einzelnen. Die Väter und Mütter haben darum Gebäude gebaut, die weithin sichtbar waren und Gott einen erkennbaren Platz in der Welt eingeräumt haben. Der Besuch des Gottesdienstes ist öffentlicher Dienst!

Übrigens, wenn Paulus auf Reisen war, besuchte er immer die Gottesdienste in der Fremde, um die Gemeinden zu stärken. So wurde sichtbar, dass Gottes Reich alle Grenzen übersteigt! Lassen wir uns neu von Paulus anstecken in diesem Sommer und feiern wir Gottesdienste mit in anderen Orten und Ländern, als Mahlzeit für die Seele, als Stärkung der Gemeinden und als öffentliches Zeichen der Hoffnung, dass der Herr der Welt kommt!

Rhythmus im Blut - zwischen Müssen und Muße

Autor: Joachim Klein, Dozent, Studienleiter und Coach
Theologisches Seminar Adelshofen
Lesedauer: ca. 10-12 Minuten

Haben Sie ein gutes Rhythmus-Gefühl?

Tanzen verlangt dabei eine wichtige Kompetenz: Koordinationskompetenz! Die Fähigkeit, auf den Rahmen (vorgegebener Rhythmus) und auf sich selbst zu achten, wie man einsteigt und sich dazu bewegt, dazu auch noch den Partner beachten und eine gute Abstimmung zu finden. Dieses Bild ist für mich ein hilfreicher Hinweis, wie wir in Zeiten von ständiger Veränderung, Beschleunigung und nachlassender Aufmerksamkeit zu einem guten Spiel von Arbeit, Ausgleich, Aufmerksamkeit für Gott kommen … mit dem eigenen Rhythmus. Aber leichter gesagt als getan. Ist es nicht so?

„Wir sind eine gehetzte Generation“, las ich in einem Buch bereits in den 90ern. Alles also gar nicht so neu mit Stress, Hektik und einem „viel-zu-viel“? Und tatsächlich stehen wir geschichtlich nicht zum ersten Mal in der Auseinandersetzung mit Beschleunigung und Stress. Aber es hat sich sicher multipliziert, wie der Soziologe Hartmut Rosa in seinem Buch „Beschleunigung und Entfremdung“ festhält. Sein Grundtenor: durch die ständige Hetze und das „mal schnell“ verlieren wir den Bezug zu Menschen, zu uns selbst und – ich möchte ergänzen – auch zu Gott. Wir leben dann meist eher in der Vergangenheit (Verklärung, Erinnerung oder Klage) oder der Zukunft, die uns unter Druck setzt: „es muss jetzt aber besser werden“ und wir beschäftigen uns nur noch damit. Es fehlen der gegenwärtige Bezug und das wirkliche Sein im Alltag – „jetzt bin ich wirklich ganz da“. Das merke ich auch im einen oder anderen Gespräch mit Menschen. Mich betrifft es in meiner Aufgabe als Mentor in der Begleitung. Hier braucht es manchmal eine bewusste Hilfestellung, einen klaren Schnitt zu setzen zwischen dem, was gerade noch auf meinen Mentée eingeprasselt ist durch „WhatsApp“ oder „Facebook“ und was jetzt kommt im 4-Augen-Gespräch. Und mir selbst tut dieser Schnitt manchmal auch sehr gut – ein Blickwechsel hin zur Person, die gerade neben mir sitzt: „jetzt sind wir hier“ und „wir sind g-a-n-z hier“.

Früher nannte man es Muße – heute Faulenzen.

Haben Sie sich schon eine To-do-Liste für ausgiebiges Faulenzen geschrieben? Das klingt für manche eher absurd. Vertrauter ist man mit Arbeitslisten, wann welcher Abgabetermin in der Firma drängt, oder welche Familienangelegenheiten noch diese Woche zu regeln sind. Dabei sind Konzepte von „Work-Life-Balance“ hilfreich – aber auch nichts Neues. Schon bei der Frage nach dem Faulenzen zeigt sich in unserem Denken letztlich eins: unsere innere Haltung. Denn Lebens- und Zeitmanagement hat zumeist nichts mit Zeit, aber ganz viel mit unserer inneren Haltung und in Folge mit unserem Verhalten zu tun. Beides lässt sich zum Glück verändern. Und Nichtstun muss man regelrecht einüben. Ruhe kommt nicht von alleine. Wann haben Sie das letzte Mal so richtig gefaulenzt? Erinnern Sie sich daran? Wirklich Dinge liegen lassen, keine Termine annehmen, Abstand gewinnen. Ruhe finden! Nichtstun steht meistens in unseren Gemeinden nicht besonders hoch im Kurs. Vielleicht passt es einfach nicht so gut zur Geschäftigkeit des Neuen Testaments: Das Evangelium muss raus und „laufen“. Verschwiegen werden oft die nicht niedergeschriebenen Zwischenzeiten, Ruhepausen und eben unerwähnten Alltagsabläufe – ganz zu schweigen von den Fortbewegungsmitteln, die mit anderer Geschwindigkeit unterwegs waren.

Höher im Kurs stand die freie Zeit bei den Griechen. Bei ihnen galt die Muße historisch als eine von Arbeit und Sorgen freie Lebenslage, natürlich nur für männliche Bürger – diese Einschränkung zeigt auch schon einiges. Ruhe und Freiheit war bei ihnen Voraussetzung der Muße. Und heute spricht man von Muße als freie Zeit oder die Zeit der Ruhe, auch Untätigkeit. Interessant, dass sie verwandt ist mit dem Deutschen „müssen“, „messen“ und dem „Zeitpunkt“. Es geht um eine Gelegenheit, etwas tun zu können. Viel zu lange hat man sich mit dem davon abgeleiteten Begriff „überflüssig“ aufgehalten, um am Ende doch feststellen zu müssen: Muße ist nicht überflüssige, sondern wertvolle Zeit, wenn sie als rechte Gelegenheit verstanden wird und richtig gefüllt wird, denn: auch wenn wir nichts tun, müssen wir entscheiden, wie wir das tun.

Im alten Rom gewinnt die Muße einen ähnlichen Stellenwert, wie das für uns lang ersehnte Wochenende als Ausgleich für die Wochenarbeit. Auch bei uns gibt es eine hohe Erwartung an die arbeitsfreie Zeit und damit verbunden: Ruhe und Erholung. Oftmals kommt es aber gar nicht dazu, denn in dieser freien Zeit muss all das untergebracht werden, was man in der Arbeitszeit nicht privat organisieren konnte: Zeit mit Freunden, Zeit mit der Familie, Erlebnisse und Ereignisse, an die man auch Jahre später noch denken möchte. Sind wir dabei möglicherweise manchmal zu stark „weltgebunden“ und abhängig von der uns gegebenen Lebenszeit? Bringt uns diese Begrenzung unter Druck – „ich muss alles dort reinpacken“? Steht aber nicht gerade unsere Zeit, wie das bekannte Lied sagt, „in seinen Händen“?

Chillen – die Gegenbewegung zum Burn-Out

So verwundert es nicht, dass „Nichtstun“ nach meiner Beobachtung lange verpönt war in Gemeinden. Vielleicht  ist es das auch immer noch. Bis die heranwachsende Generation der Meinung war: ausgebrannte Hauptamtliche und gestresste Eltern – „wir haben die Nase voll!“ Doch selbst den Jüngeren scheint es nicht so gut zu gelingen, die freie Zeit wirklich als frei zu erleben. Dabei hatten sie doch so gut begonnen, in der neuen Generation und ihrer „Chill-Kultur“ einen guten Gegentrend zu setzen zu den viel zu vollen und durchgestylten Wochenplänen der Vorzeigemenschen und auch Vorzeigechristen. Muße hier als Protestbewegung. Nicht alles muss nützlich sein. Und es braucht eben auch Zeit, wieder zu sich selbst zu kommen. Also eine Gegenwehr zur Daueranspannung und Dauerpräsenz. Mit der digitalen Dauerpräsenz, wie man die jüngere Generation oftmals erlebt, scheint hier alles genommen, was als eine gute Trendwende begann. Gut dabei: die Jungen haben wieder mehr im Blick, dass es eine Begrenzung der Arbeit braucht. Der Begriff der „Muße“ spielt dabei allerdings gar keine Rolle mehr.

Aber wie ist das eigentlich mit Muße in der Bibel?

„Wenn Gott gute, große Hechte und guten Rheinwein erschaffen darf, dann darf ich sie wohl auch essen und trinken.“ Martin Luthers Worte über Genuss zeigen einen wesentlichen Zugang zum Thema. Muße, Ruhe, Genuss gehören in eine Reihe: die Betonung des Augenblicks. Das Ankommen bei sich selbst, beim anderen, bei Gott. Doch in der Bibel merken wir auch, dass das Thema eine ganz andere Qualität bekommt. Die Voraussetzung für Ruhe und Freiheit: „Kommt her zu mir alle, die ihr niedergedrückt und belastet seid: ich will euch Ruhe schaffen!“ (Mt 11,28) Muße zeigt sich in der Bibel verheißungsvoll. Jesus spricht uns Ruhe und Freiheit zu – dort, wo wir uns auf ihn einlassen. Hintergrund hier ist der Gesetzes- und Regeldruck, der vor allem durch pharisäisches Denken das Leben der Leute bestimmte. Aber so weit sind wir davon wohl gar nicht entfernt. Welche von außen auferlegten oder selbstauferlegten Regeln bestimmen unseren Alltag und unsere Beziehungen, unsere Gottesbeziehung und verkrampfen uns im Miteinander der Gemeinde, der Familie oder im Umgang mit uns selbst? Laut Techniker Krankenkasse ist nicht nur der Druck von außen, sondern sind vor allem die eigenen hohen Ansprüche schuld an Stress (Stress-Studie 2016). Auch alles eine Frage der Prägung!

Unvorstellbar: Gottes freier Tag!

Kultur prägt! Und so wären wohl die meisten sehr empört, wenn sie Gottes Kultur direkt nach der Erschaffung des Menschen vor Augen hätten. Statement: Bei uns nicht! Denn da schafft Gott den Menschen – und das erste, was der Mensch am nächsten Tag erlebt ist Auszeit, Ruhe, Pause (1Mo 2,3). Gott gibt durch sich selbst ein Vorbild! Kann das gut gehen? Es gibt doch so viel zu tun! Ja, wir hätten das anders gemacht. Zumindest das Smartphone hätte an bleiben müssen oder wir hätten viel Arbeit in den perfekt geplanten Gottesdienst stecken müssen oder der Ausflug mit der Familie hätte schon ein Highlight werden müssen. Und das kostet eben Arbeit.

Gedanken, die gut nachvollziehbar sind. Wir haben gut gelernt in unserer Kultur. Gut gelernt, dass es ohne Arbeit eben nicht geht. Gut gelernt, dass man viel investieren muss. Ja, zugegeben, manchmal auch zu viel. Aber so ist das eben. Damit zufrieden geben? Ja, auch eine Option.
Gott hat sich von Anfang an damit nicht zufrieden gegeben und startet das Leben mit einem „Sabbat“. Und damit wir es nicht vergessen, gibt er es als gutes Gebot mit auf den Weg (2Mo 20,8-11). Vielleicht braucht es immer wieder diese Erinnerung. Wie oft haben sich Menschen auf den Weg gemacht, die guten Rahmenbedingungen neu zu ordnen. Keine gute Idee, wie die Geschichte zeigte. Der Französische Revolutionskalender (1792-1805) führte eine 10-Tage-Woche ein – nicht besonders beliebt bei den Menschen damals. Am Ende hat es sich nicht bewährt und hatte negative Auswirkungen auf Beziehungen, Familie und die Gesellschaft. Vielleicht ist deshalb auch die Erinnerung von Jesus im Neuen Testament so wichtig: Er unterstreicht die gute Ordnung „Der Sabbat ist für den Menschen gemacht …“ (Mk 2,27). Und hier zeigt sich auch das wahre Bedürfnis: nicht Gott braucht eine Auszeit (wie bei der Schöpfung), sondern wir haben sie bitter nötig.

Es lässt sich biblisch feststellen: Gottes gute Auszeiten ziehen sich quer durch sein Wort. Nicht nur in der Schöpfung und den Geboten. Sondern er führt sein Volk ins verheißene Land und gibt ihnen darin Ruhe (Jos 21,44; vorläufig). In Jesus zeigt sich dann im Neuen Testament, wie sich gerade in ihm alles erfüllt (Lk 4,16-21) und er selbst als Person der Ort der Ruhe ist. Und am Ende stellt sich Gott vor, dass wir zum Ziel zur ewigen Ruhe und Fülle (Offb 21,6) bei ihm kommen. Also nicht nur zu Beginn bei den Geboten finden sich Hinweise zu Ruhe und „Muße“ – aber gerade dort lassen sich neben dem guten Sabbatgebot auch Hinweise finden, die den Alltag durchzogen: Feste, Festzeiten, Gottesdienstzeiten und hilfreiche Rituale von Gemeinschaft, Beziehung, Ruhe und Feiern – Genuss.
Es gab besondere Festtage (Sabbat) und Jahresfeste (Passah, Fest der ungesäuerten Brote, Laubhüttenfest). Aber Gott führte auch alle sieben Jahre das Sabbatjahr (2Mo 23,10) und das Jubeljahr alle 50 Jahre (3Mo 25,3-4.10) ein. Sie erinnerten das Volk an die eigene Geschichte und Gottes Wunder. Eine Fokussierung auf Wesentliches, das Zusammenhalt schafft und Gemeinschaft stiftet. Denn Erholung ist mehr als Nichtstun. Diese wichtigen Rahmen waren gute Hilfen für die Gemeinschaft. Ruhe für Land, Tier, Mensch. Wie ist bei uns der Pendelschlag zwischen Arbeit und Ruhe? Zwischen Orientierung und Umsetzung? Manchmal muss man den Rückzug bewusst suchen. Jesus hat ihn immer wieder bewusst in den Alltag eingebaut und verantwortlich vertreten: Und aus diesen Zeiten geschah und geschieht bis heute Wegweisung, Klarheit und Bestätigung der Berufung. Für Jesus wurde damals angesichts der Aussage „alle fragen nach dir“ (vgl. Mk 1,35-38) klar: ich muss weiterziehen.

Blick auf zwei Tapetenwechsel

Tapetenwechsel mitten im Alltag

Hilfreich können kleine „Stopps“ sein. Sozusagen der Urlaub zwischen dem Urlaub. Keine 3 Tage wegfahren; sondern 3 Minuten abschalten, 1 Minute beten, 30 Sekunden innehalten und sich bewusst machen: Er ist da! Ein kurzer Tapetenwechsel hilft – vielleicht nur durch das Schließen der Augen oder sich kurz durch ein Bibelwort oder ein kurzes Gebet zu besinnen und den Blick zu weiten auf den, der weiter sieht und Weite schenkt. So bekommt man mittendrin eine neue Aussicht, manchmal auch unterstützt durch kurzes Rausgehen aus dem Zimmer/Haus/Ort. Für mich ist immer wieder eine gute Unterstützung, wenn ich in meinem Raum einen Sessel habe, der nur dafür reserviert ist. Das ist sozusagen ein „geschützter“ Raum für Auszeit. Es braucht aber auch die großen Zeiten.

Tapetenwechsel aus dem Alltag heraus

Hier fällt uns zuallererst der Urlaub ein. Haben Sie schon den Urlaub für nächstes Jahr gebucht oder zumindest geplant? Manche planen den Urlaub ja schon Jahre voraus. Das ist gut, dass man die großen Auszeiten nicht dem Zufall überlässt. Aber haben Sie auch mal ein Wochenende hier, einen Stillen Tag dort im Jahr platziert? Wenn wir Zeiten nicht aussparen, dann fliegen die Tage so dahin und wir sind am Ende enttäuscht, dass nichts mehr übrigbleibt. Vielleicht hilft zur Planung ja auch, wie es Gerhard Maier einmal zu Zeiten der Stille vor Gott für sich verfasst hat: „eine stille Viertelstunde an jedem Tag, eine stille Stunde jede Woche, einen stillen Tag jeden Monat und eine stille Woche jedes Jahr.“ Es könnte gut sein, sich selbst einen Rhythmus zu geben als Gegenrhythmus zur Außenwelt. Und sich damit mutig der großen Herausforderung unserer Zeit zu stellen: Begrenzen und sich begrenzen! Engagement und Arbeit begrenzen. Ihnen den Platz zu geben, der ihnen zusteht, wie es Luther bei Melanchthon machte. Sie waren zu Gast bei Spalatin zum Essen. Melanchthon war so von seinen Gedanken in Beschlag genommen, dass er sich andauernd um die Apologetik des Augsburger Bekenntnisses drehte. Selbst beim Essen war nicht Schluss, sodass er parallel zum Essen weiterschrieb. Da stand Luther auf, nahm ihm die Feder weg und sprach: „Man kann Gott nicht allein mit Arbeit, sondern auch mit Feiern und Ruhen dienen, darum hat er das dritte Gebot gegeben und den Sabbath [sic] geboten.“ Es braucht Mut, aufzuhören und anderem Raum zu geben. 

Es muss ja nicht immer Tanzen sein, das den Ausgleich schafft. Aber wichtig, es auch und gerade im Kleinen zu genießen. Für mich ist das der Spaziergang am Abend mit meiner Frau. Die Luft genießen, die Gemeinschaft schätzen, die Freiheit von der Last des Tages oder der Arbeit feiern und das mit Frau und Gott: im wahrsten Sinne ein „Feier-Abend“!    

Auf ein Wort: Immer mit der Ruhe!

Autor: Pfarrer Steffen Kern, Vorsitzender der Apis
Lesedauer: ca. 2-3 Minuten

Liebe Leser,

nein, es geht nicht um Faulheit. Schon gar nicht um den Müßiggang, der bekanntlich „aller Laster Anfang“ ist. Und erst recht nicht darum, das nicht zu tun, was uns zu tun geboten  ist. Ganz  im  Gegenteil!  Es  ist  wichtig,  dass  wir unseren Aufgaben und Pflichten nachkommen: in Familie, Beruf und Gemeinde. Aber in all diesen Lebensbereichen braucht es gelegentlich auch Abstand vom Tun. Wir brauchen Pausen. Wir brauchen Ruhe. Gerade wir schaffigen Schwaben haben es nötig, den Segen des Nichtstuns zu entdecken.

Unser Schöpfer hat genau das in seine Schöpfung hinein gelegt: Nach sechs Tagen einen Ruhetag. Und er gebietet uns genau das, was er selbst tut: Am siebten Tag soll die Arbeit ruhen. Ein Tag der Gott gehört. Eine Auszeit, die uns das Fenster zur Ewigkeit offen hält. Einmal nichts tun, um neu zu entdecken, dass Gott selbst das Entscheidende tut: Er ist es, der uns geschaffen hat, nicht wir selbst. Er ist es, der uns am Leben hält, nicht wir selbst. Und er ist es, der uns durch Kreuz und Auferstehung eröst, befreit und gerettet hat, nicht wir  selbst. Darum  ist  es  eine  der  wichtigsten buchstäblich „frommen“ Übungen, einmal die Beine hochzulegen und die Seele baumeln zu lassen. Weil Gott sein Reich selbst baut.

Die Seele baumeln lassen

Was der Sonntag für die Woche ist, das ist der Urlaub für das Jahr. Die Sommerpause steht an. Viele brechen auf, um einmal abzuschalten und aufzutanken. Wir dürfen das bewusst und mit bestem Gewissen tun: eben nichts tun. Martin  Luther  schrieb an seinen Freund Melanchthon, der sich allzu oft von Sorgen übermannen ließ:

„Gott wird auch durch Nichtstun gedient,
ja durch keine Sache mehr als durch Nichtstun.
Deshalb nämlich hat er gewollt,
dass vor anderen Dingen der Sabbat
so streng gehalten werde.
Siehe zu, dass du dies nicht verachtest.
Es ist Gottes Wort, was ich dir schreibe.“

So wird unser Nichtstun zu einer Form des Gottesdienstes. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen für Ihren Sommer ein gesegnetes Nichtstun und viel Freude mit der Sommerausgabe der "Gemeinschaft"

Ihr Steffen Kern
Vorsitzender der Apis

Juli 2017: Wenn sich alles ändert

Mo, 26. Juni 2017: Im Flug der Zeiten (Steffen Kern)
Mo, 3. Juli 2017: Veränderung: Abschied und neu anfangen! (Christiane Rösel)
Mo, 10. Juli 2017: "Ihre Tochter ist tot" (Stefan Lämmer)
Mo, 17. Juli 2017: Vom Schläger zum Prediger (Martin Schrott)
Mo, 24. Juli 2017: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne (Nicola Berstecher)

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Autorin: Nicola Berstecher, 1. Vorsitzende ACC Deutschland, Herrenberg
Lesedauer: ca. 4 Minuten

Abgesehen von den alltäglichen Abschieden im Kleinen, gibt es vier große Lebensereignisse, die Neuanfänge bzw. Abschiede in unserem Leben beinhalten. Manchmal suchen wir sie ganz bewusst, und mit manchen Veränderungen in unserem Leben müssen wir uns auseinandersetzen ob wir wollen oder nicht.

1. Veränderung des Lebensmittelpunktes durch Umzug

Wir sind zu einer sehr mobilen Gesellschaft geworden. Flexibilität ist gefordert, und führt dazu, dass immer mehr Menschen lange Anfahrten zur Arbeit in Kauf nehmen müssen, oder durch Umzüge ihren Lebensmittelpunkt verändern. Das kostet viel Kraft und Energie ein Zuhause loszulassen, und sich eine neue Lebenswelt aufzubauen.

2. Leben mit Krankheit – Abschied von der Gesundheit

Die Gesundheit bis ins hohe Alter hat in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Doch viele Menschen erleben die Herausforderung, sich im Laufe ihres Lebens mit einer chronischen Erkrankung oder einer lebensbedrohlichen Erkrankung auseinanderzusetzen.
Sie erleben viele kleine Abschiede von Aktivitäten, die sie nun nicht mehr ausführen können. Sie müssen sich mit dem letzten großen Abschied – dem Tod – auseinandersetzen, und erleben hier manche sehr schmerzhaften Prozesse. Auch bei der Erkrankung eines nahen Angehörigen werden diese Ablösungs- und Loslassprozesse hautnah miterlebt, jedoch oft in einer sehr hilflosen Zuschauerposition.

3. Die Kinder sind aus dem Haus

Sie haben im Laufe Ihres Lebens verschiedene Stadien im Zyklus Ihres Familienlebens zu bewältigen. Eine Phase ist die, in der die Kinder aus dem Haus gehen, lernen auf eigenen Füßen zu stehen, und sie ihrem Ehepartner überlassen oder alleine lassen. Auch dieser Abschied birgt die Chance auf einen Neuanfang, sich auf die nächste Lebensphase nun noch einmal ganz bewusst einzulassen.

4. Eintritt ins Rentenalter

Rente – das heißt Menschen müssen nicht mehr den größten Teil ihrer Tageszeit damit zubringen, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Auch wenn das Rentenantrittsalter immer weiter nach hinten verschoben wird, gehen viele Menschen in den Ruhestand im Vollbesitz ihrer körperlichen und geistigen Kräfte. Manchen trifft es auch früher, ohne eigenes Wollen durch den Verlust des Arbeitsplatzes oder die Frühverrentung. Für viele lang ersehnt, und zuerst ein Grund der Freude, trifft es doch auch viele Menschen völlig unvorbereitet, dass ihr Lebensalltag hier noch einmal komplett umgekrempelt wird.
Auch aus meinem Leben kenne ich diese „Abschiedsfragen“ bis auf die Rente, und die Probleme, die sich daraus ergeben können. Umzüge in eine andere Stadt oder gar ein anderes Land – wie wohltuend waren hier Menschen, die auf mich zugekommen sind und mich unterstützt haben. Das Leben mit einer chronischen Erkrankung (MS) und all ihren Höhen und Tiefen, und natürlich auch der Auszug unserer vier Kinder und die Herausforderung und Chance, unser Eheleben da fortzusetzen, wo wir einmal begonnen haben – zu zweit.
Vier große Lebensübergänge, die oft krisenhaft besetzt sind, und vor denen auch Menschen, die im Glauben ihren Halt haben, nicht gefeit sind. Manchmal ist es schwierig, alleine einen Weg zu finden. Hier kann ein gutes Seelsorge- oder Beratungsangebot bei einer Christlichen Seelsorge/Lebensberatung helfen. Die Seelsorge hat die Aufgabe, Menschen in ihrer Not zu begleiten, und durch Zuhören und Gebet einen Raum zu schaffen, um Entlastung von den Problemen zu finden. In der christlichen Lebensberatung geht es außerdem darum, durch Einbeziehung verschiedener beraterischer Methoden an den Schwierigkeiten zu arbeiten, und eine Besserung herbeizuführen. In der Therapie, die nur von Menschen durchgeführt werden darf, die eine Erlaubnis dazu haben, geht es um Heilung von psychischen Störungen. Hier bedarf es auch ärztlicher und medikamentöser Unterstützung. Bei allen dreien jedoch, möchten wir auch Gottes Möglichkeit der Veränderung miteinbeziehen.

ACC – Dachverband für Christliche Beratung

Seit über 15 Jahren gibt es in Deutschland einen Dachverband für Christliche Seelsorge und Lebensberatung (ACC), der es sich zur Aufgabe gemacht hat, christliche Ausbildungen in Lebensberatung/Seelsorge zu zertifizieren, und somit auf ein qualitativ hohes Niveau zu stellen.
ACC ist Mitglied bei der Deutschen Gesellschaft für Beratung, in der diese Standards deutschlandweit für alle (auch säkulare) Ausbildungen gelegt wurden. Außerdem sind wir Teil von ACC-Europa, und haben unsere Ausbildungsabschlüsse mit der Schweiz gegenseitig anerkannt.
Wir führen eine Liste mit LebensberaterInnen und SeelsorgerInnen auf unserer Homepage www.acc-deutschland.org, auf der Sie deutschlandweit fündig werden können. Die BeraterInnen sind in verschiedenen Werken ausgebildet und sind laufend in Fortbildung und Supervision. So garantieren sie neben dem christlichen Menschenbild auch eine hohe fachliche Ausbildung. Sowohl die geistliche Dimension,als auch die Verantwortung jedes Einzelnen für sein Leben zu stärken, und eben auch die Fachlichkeit des Beraters sind uns sehr wichtig. Aber auch wenn Sie Interesse an einer Ausbildung in Seelsorge oder Christlicher Lebensberatung haben, schauen Sie doch einmal auf unser Homepage vorbei und informieren sich über die verschiedenen Möglichkeiten der Ausbildungsinstitute.

Vom Schläger zum Prediger

Autor: Martin Schrott, Gemeinschaftsprediger bei den Apis
Lesedauer: ca. 8 Minuten

„Gestatten: Schrott – ein Name, ein Programm!“ Wer früher diese Worte von mir hörte, bekam ein gesundheitliches Problem. Zumindest bekam er Prügel. Wofür man mich noch kurze Zeit vorher hänselte, machte ich zu meinem Markenzeichen. Ich gehörte zu der Sorte Jugendliche, vor denen mich meine Eltern immer gewarnt hatten. Aber lassen Sie mich der Reihe nach erzählen.

Eigentlich fing alles ganz normal an

Geboren wurde ich 1964 in Nordenham. Das liegt dort, wo die Weser in die Nordsee fließt. Ich bin das dritte und jüngste Kind meiner Eltern. Mein älterer Bruder ist drei Jahre älter als ich, mein Bruder Thorsten ist drei Minuten älter. Ich bin ein Zwilling. Meine Eltern fuhren beide zur See. Bei den „Norddeutschen Seekabelwerken“ verlegten sie Strom- oder Telefonkabel auf dem Meeresgrund von Deutschland nach England, Dänemark oder nach Helgoland. Schon mein Großvater fuhr zur See; er arbeitete als Schiffskoch. Als Kind träumte ich davon, später selbst einmal zur See zu fahren. Und noch heute hat es mir das Meer angetan. Das steckt wohl in den Genen ...
Aus beruflichen Gründen zogen wir Ende der 1970er Jahre nach Bayern, genauer gesagt nach Oberfranken. Während mein Vater die Woche über auf dem Bau war, führte meine Mutter eine kleine Dorfgaststätte. Ich hatte eine herrliche, unbeschwerte und wirklich glückliche Kindheit. Meine freie Zeit verbrachte ich mit den anderen Dorfkindern auf Bäumen, auf Felsen, durchstreifte mit ihnen Wiesen und Wälder oder planschte in Bächen. Als die ersten Fernseher aufkamen, interessierte uns das als Kinder nicht. Schließlich hatten wir Ritter zu besiegen, Indianer zurückzudrängen, Seeräubern den Goldschatz abzujagen, den Sheriff von Nottingham in die Flucht zu schlagen oder andere Abenteuer zu bestehen.

Meine zwei schwersten Jahre – die 1. Klasse

Dann kam die Schule. Ich kann wohl mit Stolz behaupten (was ich jedoch lieber nicht tun sollte), dass ich sicher der erste und einzige Schüler war, der noch nicht einmal die erste Klasse schaffte. Nach einem halben Jahr empfahl meine Lehrerin, mich aus der Klasse zu nehmen und es im nächsten Jahr „noch einmal zu versuchen“. Der erste Grund für meine „vorzeitige Entlassung“ lag darin begründet, dass ich den Griffel – wir lernten das Schreiben noch auf Schiefertafeln! – wie einen Faustkeil hielt. Zweitens hatten Frau Richter und ich nicht das beste Verhältnis. Denn ich war Linkshänder. Zu Beginn der 1970er war das pädagogisch nicht besonders wertvoll. Regelmäßig bekam ich „Backpfeifen“ und „Kopfnüsse“ von ihr, wenn sie mich dabei erwischte, dass ich den Griffel in der linken Hand hielt. Zum Dritten mussten wir damals noch in alphabetischer Reihenfolge sitzen, und da kommt der Buchstabe „S“ ziemlich weit hinten. Dort, wo ich saß, konnte ich die Tafel nicht sehen. Aber Umsetzen ging nicht ... Als ich ein halbes Jahr später nochmals eingeschult wurde, schienen Pädagogik und Didaktik in Bayern einen Quantensprung vollzogen zu haben, doch meine Motivation für Schule war bereits dahin, bevor es richtig anfing.

Alles Schrott

Kurz nach meinem zwölften Geburtstag zogen wir als Familie in die nahe gelegene Kreisstadt Kulmbach. Mein Vater bekam eine Anstellung als Kastellan. So nennt man einen Burg- oder Schlossverwalter. Für meinen Vater war der Umzug in vieler Hinsicht ein Aufstieg. Für uns Kinder war der Aufstieg nur physikalischer Art, denn unser „Haus“, die „Plassenburg“, lag 124 m über der Stadt. Für mich war dieser Umzug der Beginn meiner persönlichen Katastrophe.
„Hallo Schrotthaufen!“ Meine neuen Klassenkameraden hänselten mich vom ersten Schultag an. „Hey, der stinkt nach Fisch! Fischkopf, du stinkst!“, spotteten sie. Damals trug ich nicht nur eine mega-hässliche Brille aus fettem Horngestell mit Gläsern so dick wie alte Fernseher, ich trug vor allem ein für mich unsichtbares Schild quer vor dem Kopf, auf dem stand: „Bitte schlagt mich!“ Alle außer mir schienen das gut lesen zu können. Und sie befolgten es!
Woche für Woche nahmen die Hänseleien und Prügeleien zu. Meistens stand ich einfach nur da und ließ es an mir geschehen. Spott, Hass und Gewalt waren mir bis dahin noch nie begegnet, und ich sah mich außerstande, mich in irgendeiner Weise zur Wehr setzen zu können. Okay, ich bekam auch schon mal eine Tracht Prügel, wenn wir als Kinder etwas ausgefressen hatten. Aber das war etwas anderes. Zum einen hatten wir es verdient. Zum anderen war hinterher alles wieder in Ordnung. Bei meinen Auseinandersetzungen nach der Schule war das nicht so. Die Kinder genossen es förmlich, einen Deppen gefunden zu haben, der sich noch nicht einmal wehrte, wenn man ihn schlug. Manche brachten Freunde mit, um sich an diesem „Happening“ zu beteiligen.

„Nomen est omen“ – Martin: der Kriegerische

Eines Tages meinte mein Vater: „Martin, du musst endlich anfangen, dich zu wehren. Die Krankenkasse zahlt dir nicht jede Woche eine neue Brille!“ Innerhalb des nächsten Jahres lernte ich mich zu wehren. Ich begann mit dem Training von Judo, Boxen und Karate. Schon nach wenigen Monaten stellten sich die Erfolge ein. Aus Feinden wurden Freunde, denn nun achteten sie mich. Mit der Zeit wurden wir zu einer eingeschworenen Clique.
Als ich 16 Jahre alt war, nannten mich alle „Schrotti – ein Name, ein Programm“. Als feste Bande tranken wir viel Alkohol, fast jeden Tag, prügelten uns mit anderen – hauptsächlich Ausländern, klauten in Kaufhäusern und randalierten in der Stadt. Wir beschädigten parkende Autos, zertrümmerten Schaufensterscheiben von Geschäften, brachen ein und brachen auf, um mitzunehmen, was wir zu Geld machen konnten. Ich gehörte nun zu der Art von Jugendlichen, vor denen mich meine Eltern immer gewarnt hatten.

Die große Veränderung

Von einem Tag auf den anderen änderte sich mein Leben radikal. Ein Schulkamerad wurde zu einer Veranstaltung eingeladen, traute sich allerdings nicht alleine „dort“ hin. Wo „dort“ war, sagte er nicht, bat mich aber, mitzukommen.
Als ich mit ihm in den Saal der landeskirchlichen Gemeinschaft kam, traf mich fast der Schlag: da saß meine ganze Clique. Sie wurden von dem Missionsteam auf der Straße angesprochen und eingeladen. Und sie beschlossen: „Den Laden nehmen wir auseinander!“ Vom Inhalt dieses Abends weiß ich nichts mehr. Es sprach mich nichts an. Doch hinterher gab’s noch Tee und Knabberzeug. Darum blieben wir. Einer von denen, die uns eingeladen hatten, war Norddeutscher. Das hörte ich an seinem Dialekt. Also wartete ich, bis ich mit ihm habe reden können. Ich wollte ihn fragen, woher er denn käme. Aber es lief alles ganz anders. Er unterhielt sich mit mir. Er fragte mich, ob mir dieses Leben denn gefiele, und wo ich denn in ein paar Jahren sein werde. Und dann fragte er mich, ob ich nicht Jesus Christus persönlich kennen lernen wollte. In wenigen Sätzen erklärte er mir von der Bibel her, dass Jesus der Sohn Gottes ist und mich liebt. Und wenn ich ihn bitte, in mein Leben zu kommen, mein Erlöser zu sein und mir den Weg zu einem sinnerfüllten Leben zu zeigen, dann wird er zu mir kommen.
Was hatte ich zu verlieren? Es konnte nur besser für mich werden. Wenn es stimmt, habe ich viel gewonnen. Wenn es nicht stimmt, so dachte ich mir, kann ich ja weitermachen wie bisher. Zum ersten Mal in meinem Leben sprach ich bewusst mit Gott. Und es stimmte. Gott kam und schenkte mir Vergebung. Tiefer Friede zog bei mir ein. Ich wusste auf einmal, was ich zutiefst suchte. Mein Leben bekam einen Sinn. Noch bevor ich mein erstes bewusstes „Amen“ sprach, spürte ich Jesus Christus und den Heiligen Geist in meinem Leben. Noch am selben Abend trennte ich mich von der Clique – als offizielles Mitglied.

Ein neues Leben einüben

Ich hielt immer wieder losen Kontakt zu meiner Clique, die auch immer wieder bei uns im Jugendbund auftauchte und „ihren Schrotti“ wiederhaben wollte. Aber ich ging nicht mehr zurück. Ich merkte, was für ein Riesenschauspieler ich war; ich spielte die Rolle, die sie von mir erwarteten: ich rauchte, obwohl es für meinen Leistungssport Gift war, ich trank viel Alkohol, damit ich keine Memme war, obwohl ich den gar nicht so toll vertrage, und vor kriminellen Aktionen oder Schlägereien hatte ich immer riesigen Bammel. Durch Jesus lernte ich, was Freiheit wirklich heißt. Jesus schenkte mir Vergebung, das war eine meiner ersten Lektionen. Doch dann begann er, mit mir zu reden, mich zu prägen und mir zu zeigen, dass mein Leben einen Sinn hat, einen Wert und Würde. Ich bekam ein Ziel für die Ewigkeit und merkte Schritt für Schritt, dass Jesus mich gebrauchen und einsetzen wollte.
Etwa zwei Jahre, nachdem ich Jesus Christus kennenlernen durfte, führte er mich mit einer Rocker-Clique zusammen, den „Dead Angels“. Sie waren in meiner „wilden Zeit“ unsere Erzfeinde. Während eines Tee-Mobil-Einsatzes in unserer Stadt schneite die Gang in den Bus und wurde kurzerhand in unsere Gemeinde eingeladen. Erst wollten sie nicht kommen, bis eine Mitarbeiterin aus unserer Jugendarbeit sagte: „Ihr könnt ruhig kommen. Wir kennen so ein Outfit. Wir haben auch einen Ex-Rocker bei uns!“ Kaum hatte sie das gesagt, betrat ich den Bus, und ich stand meinen alten Feinden gegenüber.
Was in den darauffolgenden Wochen und Monaten passierte, veränderte mein Leben grundlegend. Doch davon berichte ich ausführlich in meinem Buch: „Vom Rocker zum Retter“.

Buchtipp

Martin Schrott: "Vom Rocker zum Retter"
erschienen bei CV Dillenburg
4,90 €

„Ihre Tochter ist tot!“
Wie ein Vater von seiner Tochter Abschied nimmt und was ihm in der Trauer geholfen hat

Autor: Pfarrer Stefan Lämmer, Öschingen
Lesedauer: ca. 9 Minuten

Der Schock

Am Samstagmittag klingelt das Telefon. Unsere Tochter Dorothee meldet sich. Sie erzählt: „Wir fahren nachher zum Tauchen. Unter Anleitung von Experten gehen wir ins Wasser.“ Mitten in der Nacht klingelt wieder das Telefon. Unser Schwiegersohn erklärt: „Dorothee hatte einen Tauchunfall. Sie wurde reanimiert und ins Krankenhaus eingeliefert.“ Wir eilen zu unserem Kind in die Klinik.
Im Wartezimmer beten wir mit einigen Tauchkammeraden vom CVJM München für sie. Ich hoffe, dass sich alles zum Guten wendet. Doch am nächsten Tag müssen wir die schreckliche Nachricht hören: „Die Untersuchungen sind eindeutig. Der Gehirntod ist eingetreten.“ Wir müssen alle Hoffnung auf Gesundung begraben. Nichts hat uns so im Innersten getroffen wie dieser überraschende Tod. Wir verstanden unsere Tochter als Geschenk Gottes. Aus diesem Grund haben wir sie Dorothee genannt.

Der innere Schmerz

Am Anfang ist der Schmerz übermächtig. Am Anfang ist mir fast alles zu viel. In den ersten Wochen und Monaten weiß ich kaum, wie ich den Alltag bestehen soll. Irgendwie muss ich den heftigen inneren Schmerz überstehen. Irgendwie muss ich überleben.
An mir selbst beobachte ich, dass mich Kleinigkeiten mehr ärgern. Als ich kaum weiß, wie ich den Tag bestehen kann, da regen mich Lappalien auf. Der Schmerz über den Tod des eigenen Kindes weckt eine Wut, die zu ungerechtem Verhalten verleitet.

Die Hilfe in der Trauergruppe

Zufällig stoße ich in der Tageszeitung auf eine Einladung in eine Trauergruppe. Diese Einladung nehme ich gerne an. Ich erlebe die Gruppe als befreiend. Alle kennen den Schmerz. Alle wissen um die schwere Arbeit, die uns die Not des Todes abverlangt.
Der Schmerz lässt sich nicht vergleichen. Er wird individuell erfahren. Bei dem Propheten Jeremia heißt es (Kla 1,12): „Schaut doch und seht, ob irgendein Schmerz sei wie mein Schmerz, der mich getroffen hat.“ In dem geschützten Raum der Trauergruppe unter der gegenseitigen Verpflichtung der Verschwiegenheit und einfühlsamer Leitung können wir ungeschminkt erzählen. Wir dürfen berichten, was uns im Innersten schmerzt. Das Erzählen und das Erleben, dass mir geduldig zugehört wird, besitzt befreiende Kraft. Die gegenseitige Wertschätzung, die im aktiven Zuhören erfahren wird, hilft uns allen. Die Erlebniswelt jeder Person wird geachtet. Zwei Menschen können auf den gleichen Reiz unterschiedlich reagieren. Die eine Person erzählt: „Es ärgert mich, dass fast niemand mich auf meinen Verlust anspricht. Die meisten gehen einfach zur Tagesordnung über.“ Der nächste berichtet: „Es ist mir zu viel! Es schmerzt mich, wenn ich auf meine Trauer angesprochen werde.“ Es gilt beim Zuhören, sich in den anderen einzufühlen ohne zu werten. Dabei können unsere Seelen aufatmen.
Ich erlebe an mir selbst und beobachte es an Personen in unserer Trauergruppe: Wer sich mehrfach an das negative Erleben erinnert, ruft das Erlebnis in sein Bewusstsein zurück. Dabei verliert es langsam seinen stechenden Schmerz.

Das Gewirr der Gefühle

In der Trauergruppe lerne ich: Zur normalen Trauer gehört eine Vielzahl an Gefühlen: Wie ein verworrenes Wollknäuel habe ich meine Gefühle erlebt. Da war zum einen der Schock, der mich unvermutet traf. Ich durchlitt einen großen Schmerz über den Verlust unseres Kindes. Daneben erlebe ich das Gefühl der Minderwertigkeit. Mir wurde etwas genommen, das zum Wertvollsten unseres Lebens gehörte. Ich fühle eine richtige Wut einerseits auf die Tochter, die einen solchen Sport ausübte. Andererseits spüre ich mehr noch eine Wut auf Gott, der die Katastrophe zugelassen hat.
Daneben wächst langsam ein Gefühl der Dankbarkeit. Ich bin dankbar, dass wir unsere Beziehung positiv gelebt haben. Viele schöne Erinnerungen bleiben. Besondere Höhepunkte sind die Urlaube und Familienfeste. Ich erlebe, die Zeit allein heilt meine verletzten Gefühle nicht. Doch es braucht Zeit, damit ich wieder Boden unter die Füße bekomme.

Verdrängte Trauer belastet das Leben

Ich erlebe: Trauer ist mit Schmerzen verbunden. Trauer ist psychische Schwerstarbeit. Aus diesem verständlichen Grund wird die Trauer oft verdrängt. Nur nicht darüber reden. Nur nicht daran denken. Dieser Lösungsweg führt in die Sackgasse. „Trauern ist eine Basisfähigkeit unserer Seele.“ Ich traue mich zu trauern, auch wenn es schmerzt.
Ich besuche ein Trauerseminar. Ich beobachte: Der erfahrene Seelsorger geht auf unsere Gefühle ein. Er vermittelt uns die Erfahrung: Die Trauer wird durch Trauern besser. Wer die Trauer noch einmal spürt, im Inneren erlebt, kann sie leichter tragen. Je öfter ich der Erinnerung begegne, desto mehr verändert sich das Gefühl.

Die befreiende Kraft der Klage

Am ersten Jahrestag des Todes unserer Tochter versammeln wir uns am Grab zu einer Andacht. Ich hatte eine mir bekannte Pfarrerin um diese Aufgabe gebeten. Wir vereinbarten, dass sie einen Psalm ihrer Wahl liest und uns ein paar Gedanken weitergibt. Welchen Psalm wird sie auswählen? Sie wählt Psalm 13 – einen Klagepsalm.

Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen?
Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?
Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele
und mich ängsten in meinem Herzen täglich?
Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?
Schaue doch und erhöre mich, Herr, mein Gott!
Erleuchte meine Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe,
dass nicht mein Feind sich rühme, er sei meiner mächtig geworden, und meine Widersacher sich freuen, dass ich wanke.
Ich aber traue darauf, dass du so gnädig bist;
mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst.

Bei einem solchem Psalm fühle ich mich verstanden. Da kann ich mitbeten. Da wird der Schmerz ernst genommen.

Darf man klagen?

Immer wieder höre ich die Frage: „Darf man als Christenmensch klagen?“ Darf man vor Gott aussprechen, was die Seele zutiefst getroffen hat?  Man darf! Die Bibel überliefert uns Klagepsalmen. Die Klagen der Psalmen zeigen, dass den Leidenden und ihrem Schmerz Raum eingeräumt wird. Mancher Rat klingt fromm, aber er führt in die Sackgasse. Genauso der Ratschlag: „Lerne leiden, ohne zu klagen.“ Bei Lichte betrachtet, stellt sich schnell heraus: Er ist weder menschlich noch christlich; weder evangelisch noch biblisch. Wenn die Psalmen uns die Klage lehren, dann darf ich mutig und ehrlich klagend zu Gott beten. Die Klagepsalmen schenken mir Worte, damit ich nicht verstumme.

Was zeichnet die Klage aus?

Manchmal werde ich gefragt: Worin liegt das Besondere der Klagepsalmen?
Erstens wendet sich die Klage im Gegensatz zum ziellosen Jammern an Gott. Wer ein Klagegebet spricht, kennt einen Adressaten und sendet seinen Hilferuf an ihn. „Es muss nicht so sein, wie es ist, und es soll nicht so bleiben, wie es ist, sagt die Klage.“
Zweitens bieten mir die Klagepsalmen in meiner Sprachlosigkeit eine Sprache an. In einer Situation, die mich überfordert, beginne ich stammelnd einen Klagepsalm mitzusprechen. In einer Notsituation, in der Betroffene in ihrem Schmerz oft verstummen, bietet mir der Klagepsalm Worte an, die ich mitbeten kann.
Drittens wird die Not ungeschminkt vor Gott ausgesprochen. Unzensiert wird vor Gott in Worte gefasst, was die Seele belastet. Ungewollt klingen diese Worte gegenüber Gott oft unangemessen und unfromm, aber sie ringen um neues Vertrauen zu Gott.

Die Klage mündet in die Bitte

Wie die biblischen Klagen alle um den Adressaten wissen, so münden sie fast alle in die Bitte an Gott. Ja, diese Psalmen zielen auf die Bitte um Hilfe. Beatrice von Weizsäcker meint: „Ich kann und will es nicht bei der Klage belassen.“ Der nächste Schritt muss gefunden werden. Die innere Bewegung der Klagepsalmen hilft hier weiter. Die Klagepsalmen sind Bittgebete. Die dringliche Sprache unterstreicht, wie sehr die Bitten von der Not, von der Klage diktiert sind.
In der Bitte wende ich mich an den, der seinen Trost versprochen hat. Ich suche Hilfe bei dem, der seine Hilfe zugesagt hat. Die Bitte an Gott bringt zum Ausdruck: Wenn Gott seine Zuwendung erneut gewährt und auf mein Beten antwortet, kann ich leben. Wenn er sich wieder als „mein Gott“ zeigt, können meine Augen leuchten, finde ich neuen Trost.

Der Schmerz meldet sich wieder

Die Gefühle der Trauer haben sich manchmal überfallartig gemeldet. Da lag der Tod unserer Dorothee mehr als ein Jahr hinter uns. In unserer Trauergruppe liegen Texte über das Sterben aus. Wir sollen sie lesen und einen aussuchen, der uns anspricht. Bei mehreren geht mir ein Stich durch das Herz und es treibt mir die Tränen in die Augen.
Mehr als ein Jahr später ereilt uns eine niederschmetternde Diagnose. Eine nahe Verwandte bekommt vom Arzt eine Hiobsbotschaft. Wieder schmerzt es in der Seele.
In solchen Augenblicken merke ich, die Trauer ist ein sehr langwieriger Prozess. Manchmal habe ich den Eindruck: Der Trauerprozess gleicht einem Kreislauf. Die Phasen wiederholen sich. Oft geht es nach zwei Schritten nach vorne wieder einen zurück. Doch mit der Zeit wird es leichter. Ich merke, es ist kein endloser Kreislauf, sondern eine Spirale. Nach drei Jahren habe ich mich aus der Trauergruppe verabschiedet.

Eine Hoffnung bleibt

Im Gespräch mit Trauernden begreife ich: Eine Hoffnung lebt in vielen. Roland Kachler fasst sie in die Worte: „Eine große Hoffnung gibt es: den geliebten Menschen eines Tages wiederzusehen, nicht in diesem, sondern in einem ganz anderen, transzendenten und ewigen Leben.“ Es stellt sich die Frage: Trösten sich Trauernde bei solchen Hoffnungen mit einem vagen Wunschdenken? Lösen sich solche Erwartungen bei kritischer Nachfrage in Luft auf?

Der Zweifel gehört dazu

Wer das Neue Testament aufmerksam liest, entdeckt: Der Zweifel gehört zu den Berichten von der Auferstehung Jesu. Die Jünger reagieren auf die Nachricht der Frauen mit größter Skepsis (Lk 24,11): „Die Apostel hielten das alles für Geschwätz und glaubten ihnen nicht.“ Die beiden Jünger, die nach Emmaus gehen, erzählen dem „Fremden“ (Lk 24,22): „Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe.“

Die Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling als hilfreiches Bild für die Auferstehung

Neben allen Fragen und Zweifel steht die lebendige Hoffnung. Anja Wiese gibt in ihrer langjährigen Begleitung von Trauernden eine wichtige Beobachtung weiter. Sie schreibt: In den Bildern von schwer kranken Kindern taucht das Motiv des Schmetterlings immer wieder auf. Mir leuchtet dieses Bild ein. In der Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling ahne ich die Größe der Auferstehung.
Selbst in Baracken von Konzentrationslagern haben manche Inhaftierte Schmetterlinge in die Wände eingeritzt. Sie haben mit diesen Bildern ihre Hoffnung auf eine neue, bessere Welt ausgedrückt. Der irdische, biologische Prozess der Metamorphose bestärkt in mir die Hoffnung, die Tochter wiederzusehen.

Veränderung: Abschied und neu anfangen!

Autorin: Christiane Rösel, Landesreferentin bei den Apis
Lesedauer: ca. 10-12 Minuten

Mögen Sie Veränderungen? Oder geht es Ihnen wie der Frau, die zu mir meinte: „Schon wenn ich das Wort höre, leuchten bei mir die Alarmlampen.“ Und dann ist ja auch die Frage, welche Veränderungen gemeint sind? Manches würden Sie vielleicht gerne verändern, sich für etwas anderes entscheiden, aber es geht nicht. Andrerseits kostet Abschied nehmen und noch einmal neu anfangen Kraft – oft vielleicht sogar so viel, dass ich den Eindruck habe: Das ist jetzt wirklich nicht zu schaffen! Und doch müssen wir uns immer wieder verabschieden: Von einer Lebensphase in die nächste, von Freundinnen und Freunden, immer öfter auch beruflich: „Einmal Bäcker, immer Bäcker“ – das gilt heute für viele nicht mehr.

Wie wir mit Abschied nehmen und neu beginnen umgehen, ist nicht nur eine Typfrage – entscheidend ist sicher auch das Alter. Wir haben drei erwachsene Kinder, die sich mit einer jugendlichen Entdeckerfreude auf den Weg gemacht haben: Nach der Schule ins Freiwillige Soziale Jahr, von dort weiter an den Studienort ... Als für meinen Mann und mich nach 22 Jahren in Marburg der Wechsel in den Süden anstand, hat mich das dagegen ziemlich durchgeschüttelt. Schließlich bin ich in Hamburg aufgewachsen, da ist Walddorfhäslach einfach das andere Ende der Republik. Mittlerweile bin ich schneller am Mittelmeer als in meiner alten Heimat. Und nicht nur das, mit unserem Wechsel in den Süden ist auch unser jüngster Sohn ausgezogen, also war von jetzt auf gleich auch die Phase beendet, in der wir als Eltern direkt zuständig sind. Auf einmal saßen wir da zu zweit – und die Freundinnen, mit denen ich darüber reden konnte, waren weit weg.

Wer hätte das gedacht?

Mitten in dieser turbulenten Phase wurde ich gefragt: „Haben Sie ein Thema, und können Sie sich vorstellen, dazu etwas zu schreiben?“ Und ob ich ein Thema hatte! Aber ganz sicher wollte ich dazu nichts schreiben, schließlich steckte ich mittendrin. Das Lebensthema, das mich seitdem umtreibt, heißt: „Veränderung!“ Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es gleichzeitig passiert, auf allen Ebenen. Bevor ich dazu etwas schreiben würde, wollte ich es unter den Füßen haben. Wenigstens ein bisschen. Aber dann ließ mich die Anfrage nicht los: Lag darin nicht auch eine Chance? Würde das Schreiben mir nicht vielleicht helfen, die Veränderungen in meinem Leben zu bewältigen? Und vielleicht helfen ja sogar meine Fragen anderen Menschen mehr, als glatte Antworten es könnten. Außerdem habe ich etwas gelernt, was ich mit „Fairness der eigenen Wahrnehmung“ beschreiben würde. Natürlich wusste ich auch vorher, dass Veränderung für viele Menschen ein Thema ist. Aber ich wurde dafür noch mal ganz besonders sensibilisiert: Wie ist das, wenn sich Lebensträume nicht erfüllen? Wie können wir die Veränderungen im Alter mit Krankheit und Abschied bewältigen? Veränderung ist also offenbar immer wieder ein Thema in unserem Leben. Fragen tauchen auf:

// Wie schaffen Menschen es, Veränderungen zu bewältigen?
// Was kann und muss ich selbst tun, welche Prozesse brauchen aber auch Zeit?
// Was bedeutet das für die grundlegenden Lebensfragen – und wie sieht es mit der Alltagsbewältigung aus?
// Was mache ich mit den Fragen, Schwierigkeiten und Lasten, die ich nicht verändern kann?
// Und was heißt das alles für meinen Glauben?

Aufbruch, Umbruch – losgehen

Wenn wir in die Bibel schauen, begegnet uns dieses Thema immer wieder: Loslassen und aufbrechen. Bei Josef, Ruth und den Jüngern von Jesus scheint es uns auch völlig normal. Selbstverständlich haben sie sich auf den Weg gemacht, wenn Gott sie ruft. Und das oft noch viel radikaler, als viele von uns das erleben. Deshalb beschäftigt mich die Frage schon: Was mache ich mit dem, was ich dort lese? Und was trägt, wenn es darauf ankommt? Ja, ich habe Jesus Christus mein Leben anvertraut. Aber trägt der Glaube an ihn auch in den aktuellen Veränderungen?

Stellen Sie sich die Szene doch bitte einmal vor: Da sitzt ein 75-jähriger Nomade vor seinem Zelt und auf einmal spricht Gott zu ihm: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen werde!“ (1. Mose 12,1) Wenig später lesen wir, dass Abraham seine sieben Sachen packt und loszieht. Stopp! Wir wissen wohin – doch er hatte keine Ahnung. Es hilft mir, mir das immer wieder bewusst zu machen. Bei vielen biblischen Geschichten denke ich doch am Anfang das Ende schon mit. Ich weiß also auch hier bereits, wie es ausgeht. Abraham wusste es nicht. Was ihn wohl beschäftigte? Vielleicht: „Was sagt meine Familie? Wie reagieren die Nachbarn? Und wie erkläre ich das meiner Frau?“ Abraham verlässt alles, was er hat, weil Gott ihn anspricht. Was für eine Zumutung, oder? Was Abraham hat, das weiß er: Heimat, Verwandtschaft, Freunde. Das alles soll er aufgeben für eine unsichere Zukunft? Und wer ist eigentlich Gott, der das alles sagt? Diese Frage habe ich Gott in diesen Wochen und Monaten des Wechsels immer wieder hingehalten mit dieser einen Bitte: „Vater im Himmel, zeig du dich mir noch einmal neu. Und hilf mir, dir zu vertrauen. Sicher bin ich nicht – aber vertrauen möchte ich dir.“

Abraham geht nicht einfach so. Gottes Geschichte mit Abraham beginnt damit, dass er ihn segnet: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein!“ (1. Mose 12,2) Im Segen verbündet sich Gott mit ihm. Dieses Wort hat mir eine Freundin als Zeugenwort bei meiner Diensteinführung am Api-Freundestag zugesprochen. Und diese Verheißung steht über unserem Leben. In ihr erfahren wir, was Gnade ist: „Nicht erringen müssen, wovon man letztlich lebt!“ Wie zeigt sich das aber in unserem Alltag? Gibt es so etwas wie eine Veränderungskompetenz?

Wie gelingt Neues? Oder: Die Kraft aus der Krise.

In den letzten Jahren habe ich mich immer wieder einmal mit der Frage von Resilienz oder innerer Stärke beschäftigt. Psychologen beschreiben damit eine Fähigkeit, sich elastisch und anpassungsfähig den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Kann man Veränderungskompetenz also doch lernen? Können Menschen Kräfte entwickeln, die sie selbst nicht für möglich gehalten hätten? Diese innere Stärke im Leben anderer wahrzunehmen beeindruckt mich – aber jetzt bin ich selbst dran, mich noch einmal auf einen Weg zu machen. Diese Schritte noch einmal ganz persönlich durchzubuchstabieren. Und ich lerne dabei jede Menge von anderen:

1. Das werden wir schon schaffen: Optimismus


Ein wesentliches Merkmal innerer Stärke ist eine optimistische Grundhaltung. Das bedeutet nicht, dass sich alle Schwierigkeiten einfach auflösen, ganz sicher nicht. Aber auch zu überlegen: Was ist eigentlich gut, ermutigend in dem, was wir erleben? Und ja, darin steckt für mich auch eine Frage an meinen Glauben: Nicht – was muss ich schaffen? Sondern wie vieles konnten wir schon bewältigen, weil wir nicht alleine sind, sondern einen Vater im Himmel haben, der mit uns geht.

2. Nimm das Leben, wie es ist: Akzeptanz

Eine mütterliche Freundin hat mir einmal gesagt: „Weißt du, Christiane, manches ist ja nicht so leicht mit dem Älterwerden. Deshalb zählen wir nicht, was wir verloren haben, sondern was uns geblieben ist. Früher sind wir gerne gewandert, das geht nicht mehr. Aber eine Runde um den Block. Dafür reicht die Kraft. Und sich zu freuen, an jedem neuen Tag, der uns geschenkt ist.“

3. Eine neue Normalität: Neue Ziele setzen


Eine Freundin ist vor einigen Jahren sehr schwer erkrankt. Als wir darüber gesprochen haben, was sich für sie verändert hat, meinte sie: „Von jetzt auf gleich ist alles anders. Es gibt keine langfristigen Ziele, eigentlich leben wir im Moment von einer Therapiephase zur nächsten. Aber es ist so, auch das wird ein Stück Normalität. Die Ziele sehen anders aus, werden kleiner, überschaubarer – aber sie sind da.“

4. Raus aus dem Schneckenhaus: Die Opferrolle verlassen

Kennen Sie auch Momente, in denen Sie sich am liebsten verkriechen würden? Wo einem alles zu viel wird? Gibt es Lebensbereiche, Situationen, wo Sie sich ausgeliefert fühlen? Sich dann nicht einfach ins Schicksal zu fügen, sondern zu überlegen: Wie kann ich wieder „Land gewinnen“? Welche Schritte könnte ich tun, um Leben zurückzugewinnen? Und es ist wohl so, die Lieder und Texte, die wirklich die Kraft haben, Menschen zu ermutigen, sind in schweren Zeiten entstanden. Ja, Menschen hätten Opfer dieser schlimmen Umstände bleiben können, aber sie haben sich auf den Weg gemacht. Wussten Sie, dass das Lied „So nimm denn meine Hände“ von Julie Haussmann (1862) aufgrund einer tragischen Liebesgeschichte entstanden ist? Julie war mit einem Missionar verlobt, der nach Afrika ausreiste. Als sie schließlich mehrere Monate später dort ankam, war ihr Verlobter kurz vorher an einer Seuche gestorben. Tief betroffen und erschöpft zog sie sich zurück und schrieb dieses Lied: „So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehen und stehen, da nimm mich mit.“

5. Verantwortung übernehmen

Dieser Schritt knüpft an den vorigen an. Es gibt viele Situationen, die können wir nicht ändern. Auch wenn wir es wollten. Schnell kann es dann passieren, anderen die Schuld zuzuschieben. Ja, es kann sogar sein, dass Menschen an manchem Schuld tragen. Trotzdem wird sich nichts verändern, wenn wir nicht die Verantwortung für uns und unser Leben in die Hand nehmen.

6. Umgib Dich mit Verbündeten

Das ist nun wirklich mein persönlicher Lieblingsschritt der inneren Stärke: Bleib nicht allein. Kaum etwas ist für uns so wichtig wie die Erfahrung, mit anderen verbunden zu sein, gerade in Zeiten der Veränderung. Denn geteiltes Leid ist halbes Leid und geteilte Freude verdoppelt sich.

7. Mit Ausdauer durch das Leben

Spätestens in der Lebensmitte spüren wir doch: Das Leben ist kein Sprint – eher ein Marathon. Deshalb ist es gut, sich seine Kräfte einzuteilen. Mit Ausdauer durch das Leben zu gehen heißt auch, manchen Entwicklungen Zeit zu geben. Das fällt mir oft nicht leicht. Ich muss mich dem Neuen stellen, andererseits aber den Veränderungen die Zeit geben, Wurzeln zu schlagen. Wichtig ist dabei vermutlich, immer wieder einmal den eigenen Standort zu bestimmen, um Fortschritte auch wahrzunehmen: Was gelingt mir schon gut? Wo liegt meine ganz persönliche innere Stärke? Was ist abrufbar, wenn ich es brauche? Diese Fragen bieten eine gute Grundlage für weitere Veränderungen. Und in nächsten Schritten könnten wir dann überlegen, welchen neuen Gedanken wir Raum geben wollen, etwas zu versuchen, was man noch nicht probiert hat. Immer wieder einmal die vertraute Komfortzone zu verlassen.

Wenn Sie Ihre eigenen Veränderungsprozesse anschauen, welcher der aufgeführten Schritte ist vielleicht für Sie dran? An welchem Punkt befinden Sie sich? Was kann Ihnen helfen loszugehen und Schritte der Veränderung zu wagen? Was mich tröstet in allen Herausforderungen ist die Zusage unseres himmlischen Vaters, uns auf diesen Wegen zu begleiten.

Aufbruch
Auftrag und Zumutung
Geborgenheit und Lockruf
Zuflucht und Wagnis
Risiken eingehen
sitzen bleiben gilt nicht
Gott sagt zu mir:
„Ich bin der Ich-bin-da!“

Auf ein Wort: Im Flug der Zeiten

Autor: Pfarrer Steffen Kern, Vorsitzender der Apis
Lesedauer: ca. 2-3 Minuten

Liebe Leser,

Die Zeichen stehen auf Wandel. Die Zeiten ändern sich. Das war schon immer so: Beständig ist nur der Wandel. Diese Sätze sind Binsenweisheiten aus dem Volksmund, die doch eine tiefe Wahrheit aussprechen, die wir allzu häufig übersehen: Es ändert sich vielmehr, als wir wahrhaben wollen. Das lehrt uns ein Blick in die Geschichte:
Vor gut einhundert Jahren, als der Schönblick gebaut und eingeweiht wurde, tobte in Europa ein verheerender Krieg. Hunderttausende starben. Zugleich gingen Staatssysteme zu Ende; bald wurde die erste Republik ausgerufen. Und parallel dazu hielt das Automobil Einzug auf den Straßen. Der technische Fortschritt ging rasant voran.
Noch ein paar Jahre später konnte man – unvorstellbar – sogar Radio hören.

Heute lächeln wir müde über diese Errungenschaften, die uns wie Sandkasten-Spiele vorkommen angesichts der Entwicklungen, die uns gegenwärtig beschäftigen: Wieder gibt es politische Umwälzungen in der Welt, die atemberaubend sind.
Der Terror verbreitet seine Schrecken. Nationalismen erstarken neu. Auf den Straßen fahren die ersten selbstfahrenden  Autos, und ein Alltagsleben ohne das Internet ist kaum mehr vorstellbar. Wieder einmal leben wir im Zeitalter einer medialen Revolution.

Wie übrigens auch zur Zeit der Reformation vor 500 Jahren, die ohne den Buchdruck undenkbar gewesen wäre.  Alles wird anders: die Art, wie wir arbeiten, wohin wir reisen, wie wir leben. Das hat Folgen, auch für die Gemeinschaftsarbeit.

Was uns leitet

Die Zeiten ändern sich. Weil unsere Väter und Mütter das wahrgenommen haben, haben sie unseren Verband gegründet, den Schönblick gebaut und neue Formen des Gemeinschaftslebens geschaffen. Sie haben es ermöglicht, dass Menschen in Not geholfen wird. Die Hoffnung in ihrem Herzen hat ihr Handeln geprägt.  So entstanden diakonische Aufbrüche. Wir stehen wieder an so einer Schwelle:
Klassische Formen der Gemeinschaften werden kleiner und weniger; das gilt für manche Bibelstunden. Andere blühen auf und wachsen: Das gilt für Gemeinschaften, Gemeinden und diakonische Aufbrüche. Entscheidend ist, dass wir in diesem Wandel unserem Auftrag treu bleiben und uns an den Herrn halten, der mit uns durch die Zeiten geht und immer derselbe bleibt. Darum ist es gut, wenn wir uns als Gemeinschaftsverband gerade im Blick auf den Wandel an unser Leitwort erinnern:

„Ich lebe und ihr sollt auch leben“, sagt Jesus Christus.

Wir freuen uns an diesem Leben und vertrauen gemeinsam auf Gottes Wort. Wir laden ein zum Leben mit ihm und geben seine Liebe in Wort und Tat weiter. Auch für den Wandel in Ihrem persönlichen Leben enthält die Ausgabe dieses Magazins wertvolle und inspirierende Artikel.

Ab sofort veröffentlichen wir an dieser Stelle jeden Montag einen Artikel zum aktuellen Thema. Freuen Sie sich auf dieses neue Angebot auf unserer Website.