3. Mose 19

„Ihr sollt heilig sein“

In der grundsätzlichen Einführung zu 3. Mose wurde die „Heiligkeit“ als das verbindende Thema der Sinaithora dargestellt. Was aber bedeutet „heilig“ bzw. „Heiligung“?

1. Was bedeutet „heilig“?
Die Grundbedeutung des hebräischen Wortes konnte bisher nicht mit Sicherheit geklärt werden. Vielleicht bedeutet das Wort „scheiden“, „trennen“ und wäre damit ein Hinweis auf die Unterscheidung von heilig und profan, was in den Reinheitsgeboten eine große Rolle spielt.
Damit bekommt der Begriff keine klare innere Bedeutung. Er ist vielmehr ein Verhältnisbegriff.
Nach der biblischen Darstellung ist zunächst ausschließlich Gott heilig (Jes 6,3). Wer diesem Gott begegnet, erfährt seine Unheiligkeit und Unreinheit, die sein Leben tödlich bedroht (Jes 6,5).
Heilig wird dann, was Gott zu sich in Beziehung setzt (Menschen, Gebäude, bestimmte Tage …). Heilig wird man durch Berufung. Es ist zunächst ein verliehenes, kein verdientes Prädikat (2Mo 19,6).
Wer aber von Gott heilig gemacht ist, kann nicht ein profanes Leben weiterführen. Er ist beauftragt, so zu leben, wie es Gott entspricht. „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.“ In dieser Entsprechung spiegelt sich die Urbestimmung des Menschen zu Gottes Ebenbild wider.

2. Die Heiligung des Lebens
„Heiligung“ ist die Umsetzung der verliehenen „Heiligkeit“. Die Heiligung umfasst das ganze Leben. Dies macht 3Mo 19 deutlich. Das Kapitel entfaltet im Unterschied zu vielen anderen Kapiteln in 3. Mose kein einheitliches Thema ausführlicher, sondern stellt viele Einzelgebote zusammen, die die verschiedensten Lebensbereiche betreffen: das Verhältnis zu Gott wird angesprochen (V. 12), kultische Fragen werden geregelt (V. 5-8). Einen breiten Raum nimmt das Miteinander Israels, das Verhältnis zum Nächsten ein: Er soll nicht ausgenützt (V. 13) und nicht verleumdet werden (V. 16). Im Gericht soll Gerechtigkeit herrschen (V. 15.35f). Damit sind nur einige wenige Aspekte aus Kap. 19 genannt.
Die verschiedensten Gebote sind in diesem einen Kapitel fünfzehn Mal begründet mit demselben Satz: „Ich bin der Herr“. Damit wird unterstrichen, dass gerade das Verhalten im Alltag mit Gott zu tun hat und aus dem Glauben nicht ausgegrenzt werden darf.

3. Heilig in Christus
Im Grundsatzartikel zu 3. Mose wurde auf die Spannung zwischen Sünde und Heiligkeit verwiesen. Auf der einen Seite steht die Aufgabe der Heiligung, auf der anderen die Tatsache der sich immer neu wiederholenden Sünde. Kann also der Mensch das ihm gesetzte Ziel letztlich nie erreichen? In diese Bresche tritt Jesus. Er ist uns gemacht zur Gerechtigkeit und zur Heiligkeit (1Kor 1,30). Durch ihn und in ihm sind wir Geheiligte und Heilige. Er hat alles getan, was von uns gefordert ist. Damit wird allerdings die Heiligung des Lebens nicht gleichgültig. Sie ist uns aufgetragen. Aber sie ist gebunden an die Gemeinschaft mit Jesus. „Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig …“ (Mt 11,29). In ihm wirft uns auch das immer wieder erfahrene Scheitern nicht aus der Bahn, solange wir bei ihm und in ihm bleiben. Dann gilt die Verheißung: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit“ (1.Joh 1,9).
In Christus und nur in ihm haben und sind wir alles.

Fragen:
· Wie kann man rechte und falsche Heiligung beschreiben und unterscheiden?
· Welche konkreten Felder des Alltags bedürfen heute in besonderer Weise der Heiligung?

Pfarrer Hartmut Schmid

Impulse zur Veranschaulichung für Kinder und Erwachsene:
Frage: Gibt es hier Vater und Sohn / Mutter und Tochter?
Bitte kurz aufstehen! Sehen sie sich ähnlich?
> Gottes Ziel mit seinen Kindern ist es, dass sie ihm in ihrer Art immer ähnlicher werden (s. die Begründung an ganz vielen Stellen im Text: "... Ich bin der Herr!") Wie könnte das immer mehr so werden? Was prägt uns?

3. Mose 25

Was Sabbatjahr und Erlassjahr uns zu sagen haben

1. Kapitel 25 und 26 im Gesamtzusammenhang des 3. Mosebuches
In der Gesetzessammlung des 3. Mosebuches (Levitikus) sollen uns nicht die Leviten gelesen werden, so dass uns Hören und Sehen vergeht. Auch in diesem Teil der Bibel will uns Gott helfen, dass wir in seiner Nähe zurechtkommen.

2. Inhalt von 3. Mose 25
Unser Kapitel enthält Ausführungen über die uns von Gott geschenkten Ruhezeiten: den Sabbat, das Sabbatjahr und das Erlassjahr (25,2).

3. Sabbatjahr und Erlassjahr in der Bibel
a) Sabbatjahr (Brachjahr)
(siehe auch "gemeinschaft" Nr. 5/2004 S. 9f.)
Der Siebenerrhythmus verbindet das Sabbatjahr wie das Erlassjahr mit der Gott gegebenen Siebentagewoche.

b) Erlassjahr (auch Jobel-, Jubel-, Hall-, Freijahr.)
In 3.Mose 25 wird die soziale Bedeutung des Erlassjahres an konkreten Beispielen (Familie/Haus) ausgeführt.
Dass Sabbat- und Erlassjahr auch Versorgungsprobleme brachten, lassen die Verse 18-22 ahnen.
Jes 61 nimmt die Botschaft vom Erlass- und Jobeljahr so auf, dass sie über den Gottesknecht zu uns kommt. Das Neue Testament zeigt uns, wie diese Verheißung in Jesus ihre Erfüllung findet (Lk 4,18-21).

Anmerkungen zu den einzelnen Versen
Vers 1: Zuerst werden wir daran erinnert: Die Bestimmungen über Sabbat, Sabbatjahr und Erlassjahr gehören in den Bundesschluss. Gottes Volk lebt von seinem Gott. Sein Wort ruft sein Volk in seine lebensschaffende Nähe. Er wartet darauf, dass es in der Lebensverbindung mit seinem Herrn bleibt und lebt. Ja, gewiss, Gottes Gebote binden auch. Aber sie sind Verbindungen wie Lebensadern. Sie sorgen dafür, dass unser Blutkreislauf im Gang bleibt. So wird in der Bibel anschaulich: Gottes Gebote, auch seine Verbote sind Liebeszeichen; durch sie erfahren wir, wie sehr wir Gott am Herzen liegen.

Vers 2: Hier werden die Ausführungen über das Sabbatjahr und Jubeljahr an die Gabe und Bebauung des gelobten Landes gebunden.
In der Feier der Gott geschenkten Ruhepausen wird das Land und die Existenz des auserwählten Gottesvolkes festgemacht. Es gibt Juden, die das Überleben Israels in der Fremde bis zum heutigen Tag mit der regelmäßigen Feier des Sabbats zusammenbringen.

Verse 3-7: Zeitpunkt und Gestaltung des Sabbatjahres.

Verse 8-12 enthalten Angaben über das Erlassjahr.
Ein Schlüsselwort ist die Heiligung (10+12). Hier geht es nicht nur um unsere persönliche Lebensbeziehung zu Gott. Auch unsere Mitmenschen (6) und die Kreatur (7), ja die ganze Schöpfung (4) sind in Gottes zurechtbringendes Heilmachen einbezogen. Unser Umgang mit dem Nächsten und mit unserer Umwelt soll davon etwas ans Licht bringen.

Verse 13-55 verstärken diese sozialen Auswirkungen.

Zum Nachdenken und Nachhandeln
Gehorsam gegen Gottes Wort heißt nicht, dass wir die 55 Verse dieses Kapitels buchstabengetreu ausfüllen. Manche Details haben ihren ursprünglichen Sitz im Leben in damaligen zwischenmenschlichen Beziehungen und ihren Störungen. Aber auch wir sollen in 3.Mose 25 Gottes guten Willen wahrnehmen und ihm gehorsam werden. Wenn wir am Anfang und dann immer wieder in unseren Versen daran erinnert werden, dass unser Besitz und unser Leben ein von Gott anvertrautes Land ist, dann hat das Konsequenzen für das, was wir tun. Wir dürfen alles so brauchen, wie wir es von Gott empfangen haben: als ein Geschenk, das sich im Teilen entfaltet.

Für uns Christen heißt das:
In unserem Tun und Lassen soll zeichenhaft sichtbar werden, dass wir Jesu Ruf unter die befreiende Herrschaft des Reiches Gottes gehorsam werden.
Wie ernst wir unsere Heiligung nehmen, wird sich im Teilen mit Armen, Hilfsbedürftigen, Hungernden und Gefangenen ausweisen (Verse 6, 13, 35).

Frage zum Gespräch
Was bedeutet es für mich, wenn in unserem Text deutlich wird: Zu meiner persönlichen Heiligung gehört auch ein geistlicher Umgang mit meinem Besitz und Geld?

Dekan i.R. Dieter Eisenhardt, Backnang

Impulse zur Veranschaulichung für Kinder und Erwachsene:
· Liedvorschlag: "Kommt in sein Tor mit dankbarem Herzen ..." mit Bewegungen singen.
· Kleine "Schuldscheine" austeilen. Jeder überlegt sich: Wo trage ich jemandem eine Sache immer noch nach? > Ermutigung, diesen "Schuldschein" im Namen Jesu zu zerreißen und den anderen innerlich in die Freiheit zu entlassen.

3.Mose 26

Erinnerung an Gottes Gesetz als Wiederentdeckung einer (fast) vergessenen Lebensgabe

1. Gottes Volk lebt in Gottes Erinnerung
Wie dicht die beiden Kapitel 25+26 zusammengehören, wird gleich in den beiden ersten Versen sichtbar. Dort wie hier geht es um Gottes Treue, die in der Gabe der Zehn Gebote zum Ausdruck kommt und sich im Geschenk heilsamer Ruhepausen (Sabbat) auswirkt.
Auch in dem Abschnitt nach Vers 2, wo uns viele, auch belastende Ausführungsbestimmungen und dunkle Drohworte begegnen, dürfen wir uns an das halten, was am Anfang steht. Gottes Volk lebt von Gottes Erinnerung.
Wie Kapitel 25 knüpft auch Kapitel 26 an 2.Mose 23 an. Handelt es sich in unserem Bibelabschnitt also nur um eine Wiederholung?
Wie sehr wir von Erinnerung leben, erfahren nicht nur ältere Menschen. Die "Gottesvergessenheit" ist eine schlimme Krankheit unserer Zeit, und sie macht auch vor frommen Kreisen nicht Halt.
Gott weiß das, und er will uns helfen. Indem er ein Wort aus früheren Zeiten in Erinnerung ruft, macht er es für unsere heutige Zeit lebendig. Das ist der tiefere Sinn der biblischen Wiederholungen: Erinnerung, die zurechtbringen und heimsuchen will.

2. Beobachtungen zu den einzelnen Versen
Gerichtsankündigungen, die auf den Ungehorsam des Gottesvolkes folgen (14-39), nehmen mehr als die Hälfte unseres Kapitels ein.
Aber Gottes Wort beginnt nicht mit dem Fluch, sondern mit der Verheißung überreichen Segens, und es endet nicht mit dem Todesurteil, sondern mit Gottes Erinnerung an den Bundesschluss (42+45): "Ich will ihnen zugut an meinen Bund mit den Vorfahren gedenken, die ich aus Ägyptenland führte vor den Augen der Völker, auf dass ich ihr Gott wäre, ich, der Herr." Die Drohbotschaft des Wortes Gottes gehört also hinein in die Frohbotschaft des Wortes Gottes. Auch die Verkündigung des Gerichts ist eine Seite des Evangeliums, selbst wenn sie uns manchmal sehr dunkel erscheint.

Anmerkung zu den Versen 7+8:
Hier geht es nicht um Befriedung allzu menschlicher Rachegefühle, mit der wir uns auf Kosten anderer durchsetzen, sondern um die Ehre Gottes, die der Herr mit seinem gefährdeten Volk zusammenschreibt. Er schenkt den Ohnmächtigen mitten in der hoffnungslosen Übermacht seiner Feinde seinen Sieg.

Anmerkung zu en Versen 15-39:
Auch diese Verse, in denen uns manches fremd erscheint, sind nicht diktiert von einem blind wütenden Schicksal. Gott kündigt seine Strafen an, damit wir innehalten auf unserem verkehrten Wege und umkehren und miteinander wieder zurechtkommen und gemeinsam heimfinden zum Vater. Das ist das letzte Ziel seiner Heimsuchungen.

3. Vom Sinn Gott geschenkter Ruhetage und Ruhezeiten
Sabbat und Sabbatjahr, Sonntag und Feierzeiten sind Gottesgeschenke. Sie erinnern an den Geschenkcharakter des Heils.
Ich bin nicht erst durch meine Arbeit und Leistung gerechtfertigt. Vor allem meinem Tun steht Gottes Werk und sein Ruhetag. Als Kind meines Vaters im Himmel bin ich wohl versorgt. Ich kann es mir leisten, Pausen zu machen und zu feiern (Mt 11,25-30).
In der Feier des Sabbats kommt der Morgenglanz der Ewigkeit zum Vorschein. Gottes ewiger Ruhetag ist nicht von öder Langeweile geprägt (Mt 11,25-30). Christen dürfen davon ausgehen: Jeder Sonntag ist ein kleines Osterfest.

Frage zum Gespräch:
· Was könnte geschehen, wenn wir Ruhetage nicht nur unter den Zwängen des Terminkalenders, sondern im Lichte der Gnade wahrnehmen?
Die Bedeutung des Entwurfs 3Mo 25 für die großen ökonomischen und ökologischen Probleme der Gegenwart kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Eine direkte und wörtliche Anwendung der Thora-Bestimmungen ist zwar in einer völlig veränderten Welt ausgeschlossen, aber die ethisch in 3Mo 25 angezeigte Richtung könnte eindeutiger nicht sein: Der Logik der Produktionssteigerung und der Profitmaximierung ist im Namen Jahwes klar und bestimmt zu widersprechen, der Ausbeutung der Erde zu widerstehen; versklavende Handels- und Arbeitsbedingungen sind zu beenden; die Schuldenberge dürfen nicht länger der Hebel für die reichen und mächtigen Industrienationen sein, ihren Reichtum und ihre Macht weiter zu vermehren.

Dekan i.R. Dieter Eisenhardt

Impulse zur Veranschaulichung für Kinder und Erwachsene:
Beispielgeschichte zu "Ungehorsam hat Folgen" - z.B. "Die Schuldkiste" erzählen oder "Alle Freude dahin" aus "Geschichten für die Jungschar von A-Z", S.20. Deutlich machen: Schuldbekenntnis und erfahrene Vergebung lassen aufatmen!

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