2.Mose 32,1-29

Der Mensch als (allzu!) kreatives Wesen ...

Schwer zu schlucken ...
„Wie man in den Wald reinruft ...“, erklären wir unseren Kindern manchmal und weisen sie so darauf hin, dass manches, was ihnen nicht gefällt, nur das Echo ihres Verhaltens ist. Und Kritik schlucken wir bekanntlich nicht so einfach runter. Doch nur selten meinen wir das so wörtlich wie Mose mit dem, was er dem Volk Israel verabreicht; hier in der Übersetzung Martin Bubers: „Er nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, verbrannte es im Feuer, zermalmte es, bis dass es stob, streute es aufs Wasser, gab´s den Söhnen Israels zu schlucken. Mose sprach zu Aaron: Was hat dir dieses Volk getan, dass du so große Versündigung über es hast kommen lassen?“
Die Alttestamentler teilen die Erzählung vom Sinai in zwei Teile. Der eine Teil stellt das priesterliche Handeln in den Vordergrund, der andere die persönliche Offenbarung und Beziehung Israels zu seinem Gott. Nach den priesterlichen Ausführungen in den Kapiteln 19-24 legen die Kapitel 32 bis 34 den Schwerpunkt wieder auf die persönliche Beziehung zwischen Israel und seinem Gott. - Und nachdem der Vermittler dieser Beziehung, Mose, unerwartet lange auf dem Gottesberg zubringt, verzweifelt das Volk hieran: (1) In einer Art Vakuum bilden sie unter großen persönlichen Opfern Gott sichtbar nach - in Form eines Stieres (V. 1-6). (2) Der Anklage Gottes stellt sich Mose entgegen und verzichtet auf eine eigene, persönliche Heilsverheißung um des verführten Volkes willen (V. 7-14). (3) Dennoch muss das Volk die Konsequenzen seines Handelns wenigstens ansatzweise tragen: 3000 Männer bezahlen für ihre Verführbarkeit mit dem Leben (V. 15-29).

Schluckfest
Israel bildet seinen Gott nach. - Nicht einen anderen Gott, sondern Jahwe, den HERRN; weil sie seine Unfassbarkeit nicht ertragen können, geben sie ihm eine Gestalt, die sie von den zahlreichen Göttern der Umgebung her kennen, nämlich als Stier. Mit Mose sieht auch der Apostel Paulus hierin das Grundproblem menschlicher Religiosität: Wir spüren, fassen, empfinden, dass wir ohne irgendetwas Höherem nicht leben können und dass da doch irgendetwas sein muss, was mir als Mensch Anerkennung, Sinn und Lebensglück schenkt. - Und da Gott einerseits meiner natürlichen menschlichen Erfahrung seit der Vertreibung aus dem Paradies entzogen ist, die Sinnesorgane für die Wahrnehmung gesperrt sind - ich andererseits doch ohne Gotteserfahrung nicht leben kann, darum gestaltet unser Herz Bilder von Kräften, Mächten oder Personen, die meinem Leben einen letzten Halt geben. In meiner Phantasie stilisiere ich jede Abhängigkeit zu einem Gott. - Und waren dies früher Fruchtbarkeit und Autoritäten, so sind dies heute für den einen Macht und Geld, für den anderen Orientierungsmarken (Markenklamotten, Markenessen etc. geben auch Orientierung im Dschungel der Auswahl, die wir doch inzwischen in fast allen Lebensbereichen genießen!) oder - für die, die von nichts abhängig sein wollen - ihr Ich. (vgl. Röm 1,19-23). Wenn es darum geht, unsere eigene Kreativität und Phantasie zu feiern - da wachsen wir über uns selbst hinaus. Um im oben gewählten Bild zu bleiben: Wenn es darum geht, sich selbst zu feiern, erweist sich so mancher Zeitgenosse als ausgesprochen ausdauernd und schluckfest.

Schluckbeschwerden
Wir „belauschen“ ein sehr persönliches Gespräch zwischen Mose und seinem Gott; Mose setzt sich selbstlos für sein Volk ein, indem er Gott sein Wort vorhält. - Israel hat einen Fürsprecher bei Gott und weiß hiervon nichts. Sie sind ja nach wie vor damit beschäftigt, sich selbst und ihre Gottesphantasien zu feiern. Hier ist das Volk Israel Bild unserer Zeit: damit beschäftigt, sich Glück in zahllosen Zweigen der Unterhaltungsindustrie zu besorgen; damit beschäftigt, sich den Sinn des Lebens in VHS-Kursen über Philosophen aller Richtungen erklären zu lassen; damit beschäftigt, sich gegenseitig permanent selbst zu bestätigen („ich bin o.k., du bist o.k.“), vergessen wir zu leicht, dass Jesus uns ein Lebensglück geschenkt hat, das keiner Ergänzung bedürfte (vgl. Joh 4,13), uns den Sinn unseres Lebens gegeben und gesagt hat (vgl. Joh 7,38; 2.Kor 5,15), der keiner weiteren Ergänzung bedarf und uns als seine Kinder anerkennt (1.Joh 3,1). Weil auch wir Kinder unserer Zeit sind, hilft es geistlich weiter, uns dies vom Wort Gottes her immer wieder neu vergewissern zu lassen. Manchmal braucht es dazu erst einmal „Schluckbeschwerden“, dass Gott uns durch persönliche Schicksalsschläge aus unserem Selbstmachglück, Selbstmachsinn und unserer Selbstbestätigung herausholt, dass Gott Sand ins Getriebe unseres Lebens gibt und wir überhaupt wieder ins Fragen kommen: Warum?. Wohl dem, dem Gott auf diesem Weg „Schluckbeschwerden“ schenkt!

Schluckauf
Dem Volk Israel kommt das wieder hoch, was es runtergeschluckt hat: die eigenen falschen Gottesvorstellungen. „Wie man´s in den Wald reinruft ...“ gilt auch für das, was man runtergeschluckt hat. - Jedenfalls dann, wenn´s unverdaulich war, kommt´s gewiss wieder hoch. Auch das haben all die selbstphantasierten Gottesvorstellungen gemein, dass sie in hohem Maße unverdaulich sind.
Die Folgen seines Handelns bekommt das Volk Israel so natürlicherweise wieder auf den Tisch. Glauben wir, dass unsere (Fehl-)entscheidungen folgenlos bleiben werden? Ärzte sprechen von Krankheiten, deren Ursache ein krankmachendes Gottesbild sind. Eigene Gottesvorstellungen können unser seelisches, leibliches und geistliches Leben schwer belasten. Eine vertrauensvolle Beziehung zu Gott, wie ihn uns die Schrift lehrt, erweist Gott als Arzt, der auf jegliche Weise Heilung schenken kann. Auf jeden Fall geistlich, denn das hat er uns versprochen. Manchmal auch seelisch und körperlich. Immer aber so, wie es auf lange Sicht am Besten ist.

Fragen zum Gespräch:
· Wohin lenke ich meine Phantasie, wenn ich mit nichts beschäftigt bin?
· Was gibt mir Orientierung (beim Einkauf, in meinem Verhalten und meiner Wortwahl), worauf richtet sich die Erwartung von Hilfe, wenn es mir nicht gut geht? (vgl. Röm 1,21).
· Habe ich schon einmal die Erfahrung vom „Sand im Getriebe“ im eigenen Leben gemacht? Wie hat mich das verändert?

Pfarrer Thomas Wingert, Denkingen
Landesbeauftragter für Evangelisation

Impulse zur Veranschaulichung für Kinder und Erwachsene:
Einstieg: Wir warten auf Bruder…, der den Hauptteil der Verkündigung hat! Es dauert … Wie reagieren wir?
Überleitung: Heute hören wir eine Geschichte, in der das Warten ein echtes Problem war. Geschichte erzählen oder vorlesen.
Impulsfrage: Wo suchen wir uns eigene Lösungen, weil wir nicht warten können?

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