2.Mose 2,1-25

Gottes Rettung ist schon unterwegs
Moses Geburt und seine Flucht nach Midian

Nachfolgend eine Bibelarbeit über dieses Kapitel, gehalten von Pfarrer Immanuel Grözinger bei einem Biblischen Rüstkurs auf dem Schönblick. Er war Vorsitzender unseres Gemeinschaftsverbandes von 1964-1973. Wir geben seine Ausführungen (leicht) gekürzt wieder.

In der Zeit, als der Tyrannenwahnsinn des Pharao am heftigsten tobte, damals, als wirklich die neugeborenen Knaben umgebracht wurden – gerade in dieser Zeit, als der Tyrann seine Position am wenigsten bedroht wähnte, da wird der geboren, der das Werkzeug Gottes zur Befreiung Israels und zur Vernichtung des Tyrannen werden sollte: Mose.
Seine Eltern sind aus Levis Stamm. Levi, das war einer der Söhne Jakobs gewesen, der die Schmach und das Unrecht, das seiner Schwester Dina von dem Königssohn in Sichem angetan worden war, nicht ungerichtet lassen konnte. Jakob hat seinen Zorn verflucht und ihm den Anteil am Boden des Landes der Verheißung verweigert (1.Mose 49,5-7). Aus diesem Stamm sollte der Retter erstehen.
Können wir uns vorstellen, in welch furchtbare Not die Eltern kamen, als dieses Kind geboren wurde? Selbstverständlich hätte die Pflicht zur polizeilichen Anmeldung der Geburt bestanden, selbstverständlich sind schlimme Strafen angedroht gewesen für alle, die die Anzeige unterließen und Belohnungen für die, die die säumigen Eltern denunzierten. Im Hebräerbrief wird dieser Ungehorsam gegen das staatliche Gebot als Tat des Glaubens bezeichnet (Hebr 11,23), d.h. die Eltern brachten zum Ausdruck, dass sie Gottes Gebot mehr achteten als des Pharao Gebot.
Merkwürdig ist, dass sowohl hier wie auch in den neutestamentlichen Stellen, die sich mit den Eltern Moses befassen (Apg 7,20; Hebr 11,23) ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass Mose ein feines Kind war. Ich weiß nicht, ob damit bloß gesagt werden soll, dass es ein besonders nettes Kind war. Vielleicht haben die Eltern damals schon etwas von der Besonderheit dieses Mose gesehen, sodass sie merkten: Da ist uns von Gott eine besondere Gabe anvertraut und damit auch eine besondere Verantwortung. Drei Monate konnten die Eltern das Kind versteckt halten, dann ging es nicht mehr. Das Kind muss heraus aus dem Haus, weil es da am meisten gefährdet war. Aber wohin mit dem Kind? Es blieb anscheinend keine andere Möglichkeit als die, es im Schilf des Nils zu verstecken. Die Mutter baute für ihr Kind die rettende Arche. Dort im Schilf suchte ja niemand das Kind. Die ältere Schwestern, deren Herumsitzen oder –stehen am Nil nicht so auffällig war, sollte acht geben, dass dem Kind nichts passierte. Die Mutter würde dann von Zeit zu Zeit kommen und dem Kind Nahrung und Pflege zuteil werden lassen. Welch eine opferbereite Liebe steht hinter diesem Plan! Aber wie lange würde man auf diese Weise das Leben des Kindes verlängern können?

Es hat anscheinend nicht lange gedauert, da ist auch dieser verzweifelte Rettungsversuch einer Mutter zusammengebrochen. Er kam, wie es kommen musste: Das Kästchen wurde von den Ägyptern entdeckt. Nun war es ja wohl aus! Nein, jetzt fing es an! Gottes Hand wird sichtbar, die dort weitermachen kann, wo selbst die Mutterliebe ans Ende kommt. Gottes Hand wird sichtbar, die gerade den Vernichtungsplan des Pharao benützt, um einen Rettungsplan für Israel daraus zu machen. Wir meinen hier etwas vom Lachen Gottes über Tyrannenpläne zu hören. Der Pharao wollte aus Israel ein Sklavenvolk machen. Gott aber benützte seine Methoden, um dem Befreier Israels die bestmöglichste Erziehung zuteil werden zu lassen. Der kleine Mose kommt an den Königshof; aber nicht sofort, sondern erst nachdem er entwöhnt ist, d.h. ins schulpflichtige Alter kommt. Von der Tochter Pharaos her gesehen aus ganz alltäglichen Gründen: Ein Säugling muss ja Muttermilch haben. Von Gott her gesehen aus anderen Gründen: In die Seele des Knaben muss als Erstes nicht die Weisheit der Ägypter, sondern die Geisteswelt eines Abraham, Isaak und Jakob unauslöschlich eingedrückt werden.
Ja, Gott lacht ihrer. Sollte nicht auch uns, die wir angesichts des Tobens und der Ränke der widerchristlichen Mächte verzagen wollen, diese Erkenntnis zur freudigen Getrostheit verhelfen? Mose, der Retter Israels ist hier auch ein Schattenbild von Jesus, dem Retter der Welt, für den kein anderer Platz in der Herberge war als eine Krippe, und der auch durch die Wut des Tyrannen verfolgt durch Gottes Eingreifen bewahrt wurde.
Die Mutter, die die Linie des Glaubens durchgehalten und sich nicht dem Befehl des Tyrannen gebeugt hat, erhielt nicht nur ihr Kind wieder zurück, sondern auch noch das Kostgeld dazu. „Nichts ist umsonst, was hier der Glaube tut. Der Herr ist gut.“
Des großen Pharaos Tochter muss Gott Magddienste tun. Der künftige Befreier wird innerlich und äußerlich ausgerüstet zu seinem Werk. Und diese Ausrüstung ist auch nicht vergeblich. Der Mann, der am ägyptischen Königshof sicher wunderbare Möglichkeiten zur Karriere gehabt und sich selbst eine angenehme Zukunft hätte bereiten können, wenn er nur vergessen hätte, dass er aus Jakobs Hütten her kam, der vergisst das nicht. Er erwählt viel mehr, „viel lieber mit dem Volk Gottes Ungemach zu leiden, als die zeitliche Ergötzung der Sünde zu haben“ (Hebr 11,24-26).
Die Geschichte der Erzväter, der Aufbruch eines Abrahams, die Geduld eines Isaaks, der Kampf eines Jakob, die Leiden eines Josefs sind ihm nicht umsonst vor die jugendliche Seele gestellt worden. Auch er wollte Anteil haben an der Verheißung, die einem Abraham und seinem Samen gegeben war.
Mose entscheidet sich nicht für Ägypten, sondern für Israel. Das wird mit Recht vom Hebräerbrief als Entscheidung des Glaubens gerühmt, und Glaubenswege sind Segenswege. Jetzt muss bloß noch der Tag kommen, da Mose die Fahne der Revolution zu schwingen beginnt, da er die Brandfackel ins Pulverfass wirft und als nationaler Held sein Volk aus der Knechtschaft führt.
Aber: Es handelt sich da nicht um irgendein Volk, sondern um Gottes Volk, und da herrschen andere Gesetze. Da schafft es nicht Fleisch und Blut. Fleisch und Blut können uns etwas Vergängliches bauen. Gottes Plan aber geht aufs Unvergängliche, aufs Ewige. Und das kann nur durch Gottes Geist gewirkt werden, nur durch Menschen, die sich ganz als Werkzeug in Gottes Hand geben, die wirklich bereit sind, zu sagen: „Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre“.
Nicht Mose sollte der Befreier Israels werden, Gott wollte der Befreier sein. Der Mose, der aus eigener Kraft Gottes Volk befreien will, wird sofort zuschanden. Die ägyptische Ausbildung hat aus Mose keinen Ägypter gemacht; sein Herz gehört seinem Volk. Er sucht seine Brüder, und sein Herz entbrennt. Das Temperament, das er von Levi geerbt hat, das keine Ungerechtigkeit ertragen und mit ansehen kann, das flammt auf und reißt ihn fort zur Tat. Es ist zwar keine Affekthandlung im eigentlichen Sinn – sowenig wie bei seinem Stammvater Levi, als er in Sichem wütete. Aber es ist eine Tat seines Temperamentes, deren Größe wir nicht verkleinern wollen. Sie steht würdig neben vielen Heldentaten, die von der Geschichte mit dem Lorbeer geschmückt worden sind. Aber es ist keine Tat des Heiligen Geistes, keine Tat, die dem Aufbau des Reiches Gottes diente (vgl. Sach 4,6).
Der Widerhall der tapferen, selbstlosen Tat des Mose war niederschmetternd. Als er ein anderes Mal in seinem Eifer um Gerechtigkeit einen Hebräer zur Rede stellte, der seinem Mitbruder Unrecht tat, da merkt er, dass in Israel nicht mehr die Glut brannte, die nach Freiheit und Gerechtigkeit verlangt. Israel war auch innerlich ein Sklavenvolk geworden und wollte nicht aufgerüttelt werden. Israel war so erbärmlich geworden, dass es seinen Befreier den Ägyptern verriet.
Dieses Erlebnis muss für Mose furchtbar gewesen sein. Er, der die ägyptische Herrlichkeit um seiner leidenden Brüder willen drangegeben hatte, er wird zurückgestoßen und verraten. Beinahe hätte sich an Mose das Schicksal Jesu vollzogen, dass auch er der feindlichen Macht zur Aburteilung ausgeliefert worden wäre; er, der die Befreiung seines Volkes im Auge gehabt hatte. Mose musste fliehen.
Ja, es muss furchtbar für Mose gewesen sein. Jetzt hatte er ein verpfuschtes Leben. Die Chancen, die er am ägyptischen Hof hatte, waren unwiederbringlich verscherzt, und überdies hatte er auch noch sein Volk verloren. War das der Weg des Glaubens? War das der Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs und Josefs? War er nicht ein Narr gewesen, sich für diesen Gott zu entscheiden, der ihn jetzt so sitzen ließ? Waren die ägyptischen Götter nicht mehr wert? Es muss eine furchtbare Anfechtung für Mose gewesen sein. Soll es denn umsonst sein? (Ps 73). Wo war denn der Gott, der ihn aus dem Rohrkästchen im Nil an den Königshof geholt hatte?
Kennen wir diese Anfechtung nicht auch, wenn ein Weg, der im Glauben begonnen wurde, in Misserfolge und Leiden führt, statt - wie wir dachten - in Erfahrungen göttlicher Herrlichkeit, in Großtaten zum Aufbau des Reiches Gottes, in Rettungstaten an seinem Volk.
Was dann? Ja, dann sind wir in die zweite Klasse der göttlichen Schulung versetzt, in die Schule, in der wir lernen dürfen, nichts mehr von uns zu erwarten. Mose hatte Ja gesagt zu Gottes Ruf und hatte den Schritt gewagt und sich zu seinen Brüdern bekannt. Nun ging es darum, ob Mose auch weiter Ja sagt zu Gottes dunkler Führung, oder ob er ihm den Gehorsam aufkündigt oder in Bitterkeit versinkt.
Er tat das nicht. Das zeigt das Erlebnis am Brunnen. Obwohl er so üble Erfahrungen damit gemacht hatte, dass er gegen das Unrecht eingetreten war, blieb er doch dieser Linie treu. Er half den Töchtern des midianitischen Priesters beim Tränken der Herden gegen die Hirten, die die schwachen Mädchen wegstießen.
Es ist eine Szene ähnlich derjenigen, die uns von Jakob berichtet wird, als er zuerst Rahel sah (1.Mose 29). Beide Male hilft der Fremdling beim Tränken der Herden, aber das Motiv ist verschieden. Jakob wird getrieben durch die jäh aufflammende Liebe zu Rahel, Mose durch sein verletztes Rechtsgefühl. Beide finden durch ihre Hilfsbereitschaft in der Fremde Arbeit und Heimat.
Mose wird es als freundliche Führung Gottes angesehen haben, dass er als Fremdling und Flüchtling in den Sippenschutz der Midianiter aufgenommen wurde und nun ein zweites Mal in seinem Leben durch den Entschluss eines fremden Menschen ein rettendes Asyl fand.
Freilich, seine Seele kam dort bei Jethros Reguel nicht zur Ruhe, auch wenn sein Leib einen sicheren Ruheplatz fand. Tief in seiner Seele brannte die Sehnsucht nach seinem Volk, die Sehnsucht nach dem Lebenskreis, der unter den Verheißungen stand, die einst Abraham empfangen hatte. Ein Ausdruck dieser Sehnsucht ist der Name, den Mose seinem erstgeborenen Sohn gab: Gersom, das heißt Fremdling.
40 Jahre dauerte für Mose diese Zeit der Fremdlingschaft, diese Zeit der Hochschule seiner Berufsausbildung. In der Schule Pharaos hatte er gelernt, etwas zu sein. In der Hochschule in der Fremde musste er genau so lange lernen, nichts zu sein. Erst dann benützt Gott ihn als Werkzeug.
Wenn wir doch aus dieser Lebensführung des Mose die rechte Erkenntnis gewinnen würden: Auch die Wüstenzeit gehört zur Ausbildung der Gottesknechte, auch die Zeit, da ihnen alles aus den Händen genommen wird, auch die Zeit des Zerbrochenwerdens, des Kleinwerdens, die Zeit, da aller Glanz und Ruhm vor Menschen dahinschwinden. Und gerade diese Wüstenzeit ist die Hochschulzeit.
Die Hauptsache ist nur, dass in dieser Wüstenzeit der Blick zur Heimat nicht aufhört, dass die Verbitterung überwunden und ins Heimweh verwandelt wird, so wie es uns auch die Psalmen 42 und 43 zeigen mit dem wunderbaren Kehrreim: „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott! Denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.“ Freilich, diese Zeit des Kleinglaubens dauert länger, als wir es für nötig halten. Der ägyptische Pharao starb nicht sofort. Er lebte noch Jahrzehnte lang. Jahrzehnte lang wurde Mose in der Wüste belassen, Jahrzehnte lang wurde Israel unter furchtbaren Druck gesetzt. Was sollte in dieser Leidenszeit erreicht werden? Anscheinend das Seufzen und Schreiben, das Schreien zu dem, der der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs gewesen war. Das Schreien zu dem, der einst Israel in das gesegnete Weideland Gosen geführt hatte.
Als der alte Pharao starb, da ist wohl bei Israel die Hoffnung auf Besserung der Lage aufgekeimt. Eine Hoffnung, die menschlich zuschanden wurde. Der neue Pharao war nicht besser und milder als der alte.
Jetzt, als alle menschliche Hoffnung aus war, jetzt schrien die Kinder Israel zu dem Gott ihrer Väter, und er erhörte ihr Schreien und Wehklagen.
Am Anfang der Geschichte Israels steht die Bankrotterklärung der Kinder Israels. So wird klar, wer der Wirker dieser Geschichte war: Nicht die Kraft dieses verelendeten Volks, sondern der Gott, der an seine Verheißungen dachte, die er dem Abraham gegeben hatte. Er ist auch der Garant unserer Geschichte.

Pfarrer Immanuel Grözinger (gest. 1976)

Impulse zur Veranschaulichung für Eltern und Kinder:
Symbol für rotes Seil: Schilfstengel oder Körbchen.
Vorschlag: Jochebed, die Mutter Moses, oder Miriam, seine Schwester, erzählen die Geschichte aus ihrer Sicht.
Tipp zu V. 11ff: Vom ERF gibt es eine alte Kassette (vergriffen): „Gesucht wird - Kriminalfälle der Heiligen Schrift“. Vielleicht hat sie noch jemand in seinem Archiv?

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