1. Mose 44, 1-34

Juda und Jesus leiden für andere

Die Söhne Jakobs sind in Kap. 43 das zweite Mal nach Ägypten gereist, um Getreide einzukaufen. In Kap. 44 treten sie die Heimreise an. In dieser Familiengeschichte tritt Gott nicht aktiv als Handelnder auf. Trotzdem werden die Personen von Gott eingeholt. Den Brüdern Josefs wird bewusst, dass sie nicht nur vor den Menschen, sondern vor Gott schuldig geworden sind (V. 16). Betrachten wir den Text der Reihe nach.

1. Der Befehl (V. 1-2)
In den ersten beiden Versen beauftragt der Wesir Josef seinen Hausverwalter, am Abend vor der Abreise der Söhne Jakobs das Einkaufsgeld in die Getreidesäcke zu legen. Außer-dem wird der silberne Becher in Benjamins Sack versteckt. Mit dieser Geheimaktion stürzt Josef seine Brüder in einen Gewissenskonflikt. Ihr Verhältnis zu Benjamin wird auf den Prüfstand gestellt.

2. Der Becher (V. 3-17)
Bei Josefs Becher handelt es sich um ein Trinkgefäß in "Blumenkelchform". Aus V. 5 könnte man ableiten, dass der Becher für die Wahrsagerei benutzt wird. In Mesopotamien gab es Becherwahrsagung. Ob Josef für diesen Zweck den silbernen Becher verwandt hat, kann man aus dieser Bibelstelle nicht belegen. Josef konnte auf seinen Becher nicht verzichten, weil er gewohnt war, daraus zu trinken.
Wer nun diesen Becher gestohlen hat, muss dafür büßen. Im Glauben ihrer Unschuld würden die Brüder sogar die Todesstrafe auf sich nehmen. Die Brüder sind bereit, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Egal, was auf sie zukommt, sie wollen zusammenstehen. Obwohl der Becher beim Jüngsten gefunden wurde, machten sie ihm keinen Vorwurf. Gemeinsam trauern sie um diesen Befund (V. 13). In Erinnerung des Verkaufs von Josef füh-len sie sich mitschuldig. Sie sind bereit, gemeinsam zu haften.
Für uns stellt sich die Frage, wie wir zur Schuld unserer "Väter" (z. B. Holocaust) stehen sollen. Richard von Weizsäcker dazu: "Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird." Wir können zumindest Trauer zeigen über das Unrecht in unserem Volk (z. B. Abtreibung). Verantwortung können wir dadurch übernehmen, wenn wir das in unserer Macht Stehende tun, um geschehene Verbrechen nicht zu wiederholen.
Die Brüder verharren nicht in der Trauer. Sie werden tätig. Sie bepacken ihre Esel und reisen zurück zum Haus des Josef. Wo ein Konflikt bewältigt werden muss, sollte zu Beginn eine mutige Tat stehen. Wenn wir resignieren, vertiefen wir nur den Konflikt!
In V. 16 geht es nicht primär um den gefundenen Becher, sondern um das, was Gott gefunden hat. Dem Juda wurde klar, dass alle Brüder schuldig geworden sind. Damit wurde etwas gefunden, was gar nicht gesucht wurde!

3. Der Bürge (V. 18-34)
Juda als Sprecher der Brüder bürgt mit seinem Leben für Benjamin. Er hält eine große Rede (die längste Rede im 1. Buch Mose), um Josef zur Freigabe von Benjamin zu bewegen. In seiner Einleitung (V. 18) bittet Juda unerschrocken und respektvoll, ohne sich zu erniedrigen. Im Hauptteil der Rede (V. 19-32) schildert er den Sachverhalt (Kap. 43f mit Auszügen). Er macht deutlich, dass das Leben des Vaters unauflöslich mit dem des Benjamin, dem Sohn seiner Lieblingsfrau Rahel, verbunden ist. Zum Abschluss trägt Juda eine Bitte vor (V. 33f): Juda will sich für den Jüngsten opfern. Unter allen Umständen muss Benjamin zu seinem Vater zurückkehren. Mit seinem stellvertretenden Leiden will er die Schuld des Benjamin und das Verbrechen an Josef sühnen.
Interessant die Beobachtung, dass später einer aus dem Stamm Juda (Mi. 5,1) stellvertretend für alle Menschen gelitten hat: Jesus Christus.

Fragen: Worin besteht der Unterschied zwischen dem stellvertretenden Leiden des Juda und von Jesus Christus?

Pfarrer Johannes Hruby, Oberstenfeld-Gronau

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