1. Mo 43,1-34

Die Kap.43-45 führen uns zum Höhepunkt der Josefsgeschichte. Hier lernen wir seine innere Größe kennen, seine zärtliche Liebe und den liebevollen Erzieher, der nur eins im Auge hatte, die Zurechtbringung seiner Brüder.
Die Erhaltung des Lebens von Jakobs Großfamilie forderte eine dringende Entscheidung. Eigentlich hätte viel früher reagiert werden müssen. Doch beide Parteien, Jakob sowie die Söhne, trauten sich nicht, das heisse Eisen anzupacken (10).

Das ungelöste Problem
Die Sachlage: Simeon schmort als Pfand in einem ägypt. Gefängnis vor sich hin. Monate waren inzwischen verflossen. Seine Brüder gingen ihrer Arbeit nach. Ihre alte Schuld und das schlechte Gewissen schoben sie weiter vor sich her. Vater Jakob´s Nein zu Benjamins Beteiligung an einer weiteren Ägyptenreise stand seit längerem im Raum. Er bringt die Familie dadurch in eine äußerst angespannte Lage. Verzögern und leugnen des Problems einerseits, beschuldigen der Söhne andererseits. Jakob stand mit dem Rücken zur Wand. An dieser Stelle hätte ich mir gewünscht, dass Jakob die Familie zum Gebet zusammenruft und ihre Lage Gott anvertraut. Leider hat das Jakob nie getan. Er weigerte sich noch immer, Gottes Hand am Werk zu erkennen. Wir lernen aber: Wenn Gott am Zug ist um etwas in unserem Leben zu klären, hilft kein Pläneschmieden und keine Sparmaßnahme mehr, - wie gut!
Erst als sich Juda zum Bürgen für Benjamin macht, sein eigenes Leben in die Wagschale wirft und eine sichere Rückkehr Benjamins verspricht, wird Jakob weich. (Kommt nicht aus dem Stamm Juda unser Bürge: JESUS!) - Seit Josefs Verkauf hatten die Söhne Jakobs viel gelernt. Ein neuer Geist der Selbstaufopferung und Solidarität wurde in Ansätzen sichtbar. In Jakob dagegen erwacht ein altes Muster. Was bei Esau funktionierte könnte auch bei diesem Ägypter funktionieren! Mit wertvollen Geschenken wie Honig, Früchten und Nüssen wollte er sich Ägyptens Herrscher versöhnlich stimmen. Zuletzt erinnert er sich dann doch noch an Gott, den Söhnen einen Reisesegen mitzugeben. So übergibt er zwar Gott dieses unsichere Unternehmen, doch sein Selbstmitleid nimmt ihn ganz gefangen und zeigt seine innere Zerissenheit. Ich gebe zu, Wagemutige mögen hinter Jakobs Handeln auch einen Glaubensschritt erkennen: Er läßt sein Kind Benjamin los und gibt es ab an Gott, - und er läßt Benjamin auch als eine mögliche Stütze fürs Alter los, um sich umso kräftiger an Gott festzuhalten.

Die gute Hand Gottes
Beladen mit Sorgen und Fragen kommen sie in Ägypten an. War Simon noch am Leben? Werden sie alle noch zu Sklaven gemacht? Die Bankett-Einladung vom Regierungschef Ägyptens verwunderte und alarmierte die Brüder. Unterschwellig war die ungeklärte Vergangenheit der eigentliche Unsicherheitsfaktor für die Gegenwart. Dementsprechend fiel ihr Unterwürfigkeitsgehabe aus. Während sie das Schlimmste befürchteten, hatte Josef das Beste für sie vorbereitet. Der Verwalter reagierte auf ihr Geständnis mit dem kurzen Satz: Schalom! Gott tat dies! Dieser Heide muß ihnen sagen, dass sie unverdiente Gnade ganz reich erfahren haben: Korn, Geld und Simeon!

Unverdiente Gnade
Wie erleichtert war Josef, als die Brüder eintrafen. Sehnlichst hatte er auf sie gewartet, und sich gefragt, ob sie Simeon seinem Schicksal überlassen würden, wie einst ihn. Nach über 20 Jahren sieht er seinen Bruder wieder, mit dem er beide Elternteile gemeinsam hatte. Dieses geliebte Gesicht! 20 Jahre Verlust und Einsamkeit fliegen an ihm vorbei. Der mächtige Mann kann seine Gefühle nicht mehr kontrollieren. Leider waren die Brüder zu diesem Zeitpunkt innerlich noch nicht soweit, dass er sich ihnen zu erkennen gegeben hätte. Ihr Erschrecken über sich selbst war noch zu oberflächlich.
Diese zehn Männer waren die Väter des Volkes Israel, das Gott zu einer großen Nation machen wollte, die ihn anbeten und durch welche sein eigener Sohn in die Welt geboren werden sollte. Doch im Augenblick stand eine große Schuld im Raum, von der sie erst noch überzeugt werden mußten. - Einer tiefen Freude über empfangene Vergebung muss ein Aufdecken der Schuld vorangehen. Gott arbeitete an diesem Ziel.

Die hungrigen Hebräer wußten nicht, wie ihnen geschah. Josef behandelte sie freundlich und zuvorkommend. Seine Gastfreundschaft versetzte sie in größte Unruhe. Mit einem schlechten Gewissen läßt sich eben nicht gut feiern! Dass sie dazuhin, elf Söhne von vier Müttern in richtiger Reihenfolge am Tisch saßen, steigerte ihr Unbehagen. Sie konnten es nur mit Gottes Gegenwart oder übernatürlichen Fähigkeiten des Ägypters in Zusammenhang bringen.
Ihr Bruder Benjamin bekam vom Festmenü eine fünffache Portion ab. Dies sollte wohl, neben seiner Freude ihn zu sehen, auch eine Prüfung sein, wie die Brüder auf neuerliche Bevorzugung von einem unter ihnen reagieren würden. War da noch der frühere Neid? Josef registrierte dankbar eine beginnende Veränderung.
Nein, sie waren nicht im falschen Film. Statt Rache zu nehmen beschenkt sie Josef mit einem ´Bankett der Gnade´. So wich schließlich auch die Furcht, denn, "die Liebe vertreibt sogar die Angst" (1.Joh.4,18).

Anregungen zum Gespräch
· Äußere Not (Trockenheit/wirtschaftl.Not) benützt Gott nicht selten zur Klärung der inneren Not (Schuld).
· Die Brüder werden ohne Benjamin vor Josef keine Chance haben, Leben zu retten (5). Werden wir einmal vor Gott eine Chance haben, unser (ewiges) Leben zu retten? (1.Joh.2,1-2; Hebr.7,25)
· Josefs Verwalter spricht für einen Ägypter ungewöhnliche Sätze (23). Könnten sie darauf hindeuten, dass er vielleicht sogar Josef´s Glauben angenommen hat? Welches Licht wirft das auf Josef?

Gotthilf Holl, Lauben