1. Mose 42,1-38

Die erste Reise der Brüder nach Ägypten

"Was der euch sagt, das tut" (41,55) - dieser Pharaonenbefehl ist die Grundlage für die herausragende Stellung, in die Josef nun durch die Führung Gottes hineingeraten ist. Er wird zum Herrn über das ganze Land und über das Getreide erklärt. Das hebräische Wort, das für Getreide steht, kann auch Bruch, Zerbruch bedeuten. Ohne Getreide zerbricht jede Hoffnung auf Leben. Josef wird damit nicht nur zum Herrn über die Getreidesilos. Nein, er teilt das Leben förmlich aus (vgl. Joh 5,51 "Ich bin das lebendige Brot..."). Josef entscheidet über Leben und Tod.

1. Ankunft in Ägypten
Die Hungersnot hat nun auch das Haus des Segensträgers Jakob erreicht. Doch niemand in seinem Haus fühlt sich veranlaßt, den HERRN in der Not anzurufen. Gottes Fürsorge für seine Leute - keiner denkt daran. Dafür hat sich schnell herumgesprochen, wo es noch Vorräte an Getreide gibt. Die Frage wird nicht gestellt, wie es denn überhaupt sein kann, dass in Ägypten anscheinend unbegrenzte Mengen an Getreide vorliegen. Keiner, der in sich geht und überlegt: Für Wunder ist doch der lebendige Gott zuständig. Ob etwa der HERR...?
Auf Befehl ihres Vaters gelangen die Brüder ohne Benjamin ins Land der Pharaonen. Und das Unglaubliche geschieht: die Brüder werfen sich vor dem fremden Herrscher zugleich auf den Boden. Träume werden wahr. Josef erkennt seine Brüder, sie ihn aber nicht.
Ganz ähnlich ist es doch mit Jesus. Jeder Mensch steht ihm vor Augen, aber sie erkennen ihn oft nicht (vgl. Joh 1,10.11).
Die Frage bleibt: Warum gibt sich Josef nicht gleich seinen Brüdern zu erkennen? Warum der ganze Aufwand? Es folgt ein hartes Verhör, indem der Regent indirekt alles über seine Familiengeschichte erfragt. Josef will sie dazu bringen, dass sie sich mit der Schuld der Vergangenheit beschäftigen müssen. Darum gibt er auch die Anweisung, Simeon dazubehalten und Benjamin zu holen. Nun müssen sie wieder vor Jakob treten und bekennen, dass ein Bruder fehlt.

2. Überführt in Ägypten
Jetzt endlich, nach nahezu 20 Jahren, bricht die Wunde von Schuld auf. "Wir sahen die Angst seiner Seele" - so lange tragen sie nun schon das Bild des um Gnade flehenden Bruders mit sich herum. Noch immer hören sie in ihrem Herzen den eindringlichen Ruf Josefs, den sie verraten und verkauft haben. Gott überführt die Brüder von ihrer Schuld. Ein Ausleger meint: "Ein Sinn für Strafe begann in den Brüdern zu erwachen, einen Sinn, den Josefs Ruf um Gnade (V.21) und Jakobs Tränen (37,34-35) nicht erwecken konnte".
Auch heute noch ist es eine Gnadenstunde, wenn der Mensch seine Schuld im Lichte Gottes erkennen kann (vgl. Röm 3,9ff). Es soll für ihn eine heilsame Erkenntnis werden.

3. Rückkehr zu Jakob
Die Gemüter der Brüder kommen auch auf der Rückreise nicht zur Ruhe. Wie kommt das Geld in den Getreidesack? Stehen wir jetzt nicht auch noch als Diebe dar? Zum erstenmal stellen die Brüder die Frage nach Gott: "Warum hat Gott uns das angetan?" Sie können sich nicht aufrichtig freuen über die kostenlose Versorgung in der Hungersnot. Für die Menschen unserer Tage ist dies aber der Hinweis, dass wir uns Heil und Leben nicht erkaufen können (vgl. Jes 55,1).
Zutiefst beunruhigt gelangen die Brüder nach Hause. Ihr Bericht löst bei Jakob nur jammervolles Klagen aus: "es geht alles über mich". Vergessen hat Jakob die Zusage, die er bei der Schau der Himmelsleiter erhielt ("...durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden", 1. Mo 28,14). Seine Trauer über den Verlust Simeons und seine Angst um Benjamin verschließen ihm den vertrauensvollen Blick auf den, der allein helfen kann (vgl. Röm 8,28). So sind es nicht allein die Brüder, die in die Schule Gottes genommen werden.

Fragen zum Gespräch
Spricht sich heute auch so schnell herum, dass es in unseren Api-Häusern Getreide" = Leben gibt? "Es geht alles über mich" - haben wir manchmal auch diesen Eindruck?

Hermann Josef Dreßen, Malmsheim

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