Israel
„Gemeinschaft“, 7/10 – Grundsatzartikel
Grundwort Israel
Grundwort Israel - das Wort hat seinen Grund im Stammvater Israel. Jakob (bedeutet „Fersenhalter“, „Listiger“ oder „Betrüger“) kennzeichnen zwei Pole: 1. Betrug und 2. Gottes unverdiente Gnade (Symbol für Israel). Menschlich gesehen erscheint er als ein eher unsympathischer Charakter. Jakob bediente sich der Hinterlist, der Lüge und der Täuschung, um sein Ziel zu erreichen. Dies zeigt, dass die Bibel keinen Wert darauf legt, uns mit Sympathien zu umschmeicheln. Ihre Akteure sind keine moralischen Vorzeigetypen. Esau hinterlässt den menschlich gefälligeren Eindruck. Jakob kann nur aufgrund der Rechtfertigung des Gottlosen existieren. Und das ist der Existenzgrund für ganz Israel, nicht bestimmte Charaktereigenschaften, zumal diese in Gestalt des schlau und listig Berechnenden und Situationen egoistisch Ausnutzenden dagegen sprechen.
Aber Gott schaut nicht auf das, was jedes Auge oder eine psychologische Analyse sehen kann, er hatte seine eigene Einschätzung der Person und sagte: „Jakob habe ich geliebt.“
Sein Bruder Esau war ein begabter Jäger, ein Mann des Feldes, der seine Vorrechte und den Segen als Erstgeborener gering achtete und sie für den Preis einer bloßen Mahlzeit verkaufte.
Jakob, der Segenshungrige: Auf der menschlichen Ebene wird deutlich, dass Esau den Segen Gottes für unbedeutend erachtete, während Jakob ein starkes Verlangen und einen Drang nach den Segnungen hatte, die er von seinem Vater empfangen konnte. Der Segen kommt zu denen, die sich nach ihm sehnen, und er weicht von denen, die ihn nicht wollen. Welch einen Segenshunger Jakob hatte, zeigte sich erneut im nächtlichen Kampf mit »dem Mann«, dem übernatürlichen Gegner am Fluss Jabbok: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ (Gen 32,27).
Jakob erkauft das Recht des Erstgeborenen (25,29-34) und erschleicht den Segen des Erstgeborenen (27,14-29). Damit wird er zum Träger der Linie, die vom Urvater weiterführt bis in fernste Geschlechter. Jakob ahnt, was jene Verheißung bedeutet, die er dem unsteten und ungestümen Esau, dem dieser Segen wenig begehrenswert erscheint, um einen geringen Preis nimmt, - ein rätselhaftes Ineinander von göttlicher Vorsehung und menschlicher Verirrung und Verwirrung, das nun einmal die Geschichte, nicht zuletzt auch die Geschichte Israels wie auch die Geschichte der Kirche ausmacht. Auch Israel ist ein Abbild des gefallenen Menschen, aber zugleich ein Vorbild, dass Gott sich des Verirrten und Widersprüchlichen erbarmt.
Jakob zwischen Bethel und Jabbok; wir begegnen der »Paradoxie« des göttlichen Handelns: in der Niederlage erhält er die Verheißung, im Wohlstand überfällt ihn Gott bei Nacht. Beidesmal geht es um den Segen. Wurde am Jabbok der erschlichene Segen im Kampf mit Gott legitimiert?
Jakob sieht sich neu und wird zu einem, der erkennt, dass er „zu gering ist aller Barmherzigkeit und Treue“, die ihm geschehen ist (32,11). Der »Mann« am Jabbok fragte: „Was ist dein Name?“ Jakob wurde damit aufgefordert, seine Persönlichkeit als Betrüger und Lügner, seinen Egoismus und seine Sünde zu bekennen, denn sein Name war eine Reflexion seines Wesens und Verhaltens. Ohne irgendetwas zu verbergen bekannte Jakob seine wahre Lage vor Gott. Darauf erhielt er den Namen der Befreiung und Berufung.
Der Name „Israel“ wird gemeinhin übersetzt mit „Gottesstreiter“ oder „er kämpft mit Gott“ (sara = kämpfen). Die grammatikalisch genauere Wiedergabe müsste lauten „Gott kämpft“, denn in sonstigen mit „el“ zusammengesetzten Eigennamen übernimmt „el“ die Funktion des Subjekts. Theologisch kommt durch „Gott kämpft“ zum Ausdruck, dass Gott gleichsam auf beiden Seiten kämpft, um sich ein Volk, Israel, zu erkämpfen. Und damit verweist diese Doppelseitigkeit prophetisch auf die Stellvertretungsthematik im NT: Gott wird Mensch und erkämpft an des Menschen Stelle die Versöhnung mit Gott am Kreuz von Golgatha. Der Kampf am Jabbok entspricht dann dem lutherischen „Was Christum treibet“ und bildet die Rechtfertigung des Sünders im Voraus prophetisch ab. Somit gipfelt das „Gott kämpft“, Israel, in Jesus Christus, der zugleich das wahre Israel in Person als auch Maßstab für die Zugehörigkeit zu Israel ist. Weiter wird methodisch manifestiert, dass Gottes Volk auf dem Weg über Belastungs- und Zerreißproben errungen und gesammelt wird. Die Welt indessen möchte ein solches, von Gott errungenes Volk, Israel, nicht freigeben, sondern gefangen halten und als Sklaven benutzen. Darum ist das Ringen um Freiheit unvermeidlich und letztlich ein Ringen mit Gott, der der Herr aller Mächte ist. Die gesamte Geschichte des Volkes Gottes im alten und neuen Bund spiegelt diesen Kampf um gleichzeitige Loslösung aus den Klammern der Welt und den Dienst für diese Welt wider. „Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe, und wie ich euch auf Adlersflügeln getragen und euch zu mir gebracht habe. Wenn ihr nun wirklich meiner Stimme Gehör schenken und gehorchen werdet und meinen Bund bewahrt, so sollt ihr vor allen Völkern mein besonderes Eigentum sein; denn die ganze Erde gehört mir, ihr aber sollt mir ein Königreich und ein heiliges Volk sein!“ (Ex 19,4-6a).
Jakob-Israel ist der Vater der zwölf Stämme, der „Kinder Israel“. Diese besiedeln das in den Bundesschlüssen gelobte Land Kanaan, das im AT und NT dann als „Land Israel“ bezeichnet wird. Zwei Jahrhunderte lang lebte das Volk in zwei getrennten Staaten, von denen der südliche „Juda“, der nördliche „Israel“ hieß. Das Nordreich wurde 722 v.Chr. zerstört, der Verbleib der zehn Stämme ist unklar (eine These von Carsten Peter Thiede besagt, dass ein Teil der heutigen Palästinenser von in jener Zeit nicht deportierten Israeliten abstammen könnte). Seither bezeichnen die beiden Namen „Israel“ und „Juda“ den Rest des Volkes, also die Stämme des Südreichs: Juda, Benjamin und Teile Levis. Beide Namen erscheinen auch im NT.
Ab 1.1.1939 mussten deutsche Bürger jüdischer Abstammung als weiteren Vornamen „Israel“, bei weiblichen Personen „Sara“ (dt. „Fürstin“ - Erzmutter Israels) tragen. Der jüdische Lehrer Dr. Yaakov Zur erinnert sich, „dass ich darüber gar nicht so böse gewesen war. Denn der biblische Jakob war von Gott gesegnet worden … Dadurch habe ich gelernt: Das Leben ist kein Picknick. Du musst dich dem Leben stellen, du musst weiterleben, du bist verantwortlich für andere, die deine Hilfe brauchen.“
Die säkularen zionistischen Gründer des Judenstaates betonten mit der Namenswahl „Israel“ die historische Kontinuität zum biblischen Gottesvolk und seiner Geschichte im Land Israel. Als „israelisch“ bezeichnet man heute die Staatsangehörigkeit, die neben jüdischen auch anderen Bürgern zuteilwird. Die jüdischen Bürger sind Teil des Volkes Israel, ebenso wie alle Juden, die in der weltweiten Diaspora leben.
Für das Land Israel verwendet das römisch geprägte Christentum die Territorialbezeichnung „Palästina“. Mit dem Namen „Syria Palaestina“ (Philisterland) versuchten die Römer nach der Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes (135 n.Chr.) und der Umbenennung Jerusalems in „Aelia Capitolina“ die Erinnerung an das jüdische Erbe auszulöschen. Philister gab es damals seit Jahrhunderten nicht mehr, und im Text der Bibel ist „Palästina“ als Landesbezeichnung nirgends zu finden. Auf den Landkarten manch christlicher Bibelausgaben wird der Begriff dennoch verwendet und damit an eine unbiblische und judenfeindliche römische Sprachregelung angeknüpft. Auch die Bezeichnung „Land der Bibel“ in den Karten der Deutschen Bibelgesellschaft vermeidet den biblischen Namen „Land Israel“.
Joseph - Jesus - Typologie: Erniedrigung und Erhöhung als Grundkennzeichen Israels
Im Talmud wird der Messias mit zweierlei genealogischen Prädikaten versehen: Ben Joseph und Ben David. Insgesamt betrachtet finden wir im AT kaum eine Persönlichkeit, die in solch erstaunlicher Weise Jesus Christus in seinem irdischen Leben vorabbildet wie Joseph, der Sohn Jakobs. Man kann dies auch als eine analoge heilsgeschichtliche Prophetie im Blick auf den Messias begreifen. Deshalb der folgende heilsgeschichtlich-strukturale Vergleich, der Vergleichsmomente enthält, die bereits erfüllt sind und solche, die noch offen stehen:
➜ bereits erfüllt:
1. Herkommen Josephs: Gott gedachte an Rahel, seine Mutter, die unfruchtbar gewesen war, und öffnete ihren Mutterschoß. Als sie Joseph gebar, sprach sie: „Gott hat meine Schmach von mir genommen“ (Gen 30,23). Der Name Joseph bedeutet „er fügte hinzu“ und verweist heilsgeschichtlich auf den Israeliten Jesus, der Menschen aus den Nationen zu seinem Volk hinzufügte. Und gleichzeitig ist er derjenige, der zum Retter und Befreier seiner Brüder, seines Volkes wird. Mit der Geburt Josephs wird schon angezeigt: Jesus wird die Schmach von Israel nehmen.
2. Vaterbeziehung: „Israel aber hatte Joseph lieber als alle seine Kinder“, warum? - 1) prophetischer Grund - 2) Joseph suchte in besonderer Weise die Gemeinschaft mit dem Vater - 3) Joseph war gegenüber dem Vater offen und ehrlich, z.B. erzählte er ihm sogar seine Träume, wenngleich sie für Jakob unangenehm waren, denn darin bezeichnete Joseph seinen Vater als Sonne, die sich vor ihm neigte - 4) Joseph war dem Vater gehorsam (Gen 37,13b); als er von Jakob zu seinen Brüdern gesandt werden sollte, erklärte er sich sofort bereit. Zu Jesus sagte Gott als einzigem Menschen: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Wir sollen dem Bilde des Sohnes gleich werden: „Denn welche er zuvor ersehen hat, die hat er auch bestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Ebenbild seines Sohnes, auf dass derselbe der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern“ (Röm 8,29).
3. Vaterpräsenz: Joseph vertrat den Vater: alles, was die Brüder taten, war, als ob sie es in der Gegenwart des Vaters taten, weil Joseph gegenwärtig war - Jesus: „der Vater und ich sind eins“, Jesus war das Gewissen für alle Menschen, die bei ihm waren. Ein »wandelndes Gewissen« wird bei uns immer gleich mit einem »schlechten Gewissen« identifiziert, jedoch liegt dies nicht am Gewissen, sondern am Angesprochenen und Getroffenen. In Jesus zeigt uns der himmlische Vater: ich weiß um euch! Durch Jesu Rechtfertigung am Kreuz können wir im Glauben ein gutes Gewissen bekommen. In ihm ist der Vater selbst anwesend und spricht uns gerecht.
4. Vaterliebe: Joseph erhält von Jakob einen bunten Rock. Jes 61,10: „Ich freue mich sehr in dem Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir Kleider des Heils angezogen, mit dem Mantel der Gerechtigkeit mich bekleidet.“ Hi 40,10b: „Ziehe Majestät und Herrlichkeit an.“ Kol 3,12.14: „So ziehet nun an ... herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld ... Liebe.“ Röm 13,14a: „... ziehet an den Herrn Jesus Christus“.
5. Sendung / Entäußerung: Jakob sendet Joseph, um nach seinen Brüdern und dem Vieh zu sehen (Gen 37,12-25) - dies zeigt Ähnlichkeit zu den Berufungsberichten „... ich will dich senden ... hier bin ich“. - NT: „als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn“ (Gal 4,4a). Gott autorisiert Jesus und fordert die Menschen auf: „Den sollt ihr hören!“
6. Königtum: „Da spotteten seine Brüder zu ihm: Solltest du unser König sein und über uns herrschen?“ (vgl. Gen 37,5-11). Seine Berufung war, König zu sein. Vgl. Lk 19,14b: „Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche.“ Darin liegt schon eine frühe Tragik Israels: die Brüder Josephs waren ja seine leiblichen Brüder (vgl. Kain und Abel), und sie weisen ihn ab; der Bruder wird zum Fremden und Feind erklärt. Dagegen hebt Jesus diese Linie des Brudermords auf: wenn wir „aus Gott geboren sind“ gehören wir zu Jesus als dem „Erstgeborenen ... unter vielen Brüdern“ (Röm 8,29) und sind in die Sohnesstellung erhoben.
7. Kosmische Vorrangstellung: Joseph träumte, Sonne, Mond und Sterne werden sich vor ihm beugen - Jesus: „Ich bin das Licht der Welt.“ (Joh 8.12a); „Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, dass sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm.“ (Offb 21,23)
8. Verachtung: Joseph wird verworfen von den eigenen Brüdern (bunter Rock ausgezogen), für tot ausgegeben. In Jes 53,3a heißt es vom „Gottesknecht“: „Verachtet war er und von den Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut.“ (Mt 20,27.28: „Wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht, gleichwie der Menschensohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“) Ebenso wurde Joseph zum Sklaven verkauft. „Sie zwangen seine Füße in den Stock, sein Leib musste in Eisen liegen, bis zu der Zeit, da Sein Wort eintraf und die Rede des Herrn ihn geläutert hatte.“ (Ps 105,17-19) „Denn wir, die wir leben, werden immerdar in den Tod gegeben um Jesu willen, auf dass auch das Leben Jesu offenbar werde an unserem sterblichen Fleische.“ (2Kor 4,10-11) Als Jesus getauft wurde, sprach eine Stimme aus dem Himmel: „Das ist mein geliebter Sohn!“ Deshalb wurden bildliche Darstellungen, die zeigen, wie die Brüder Joseph in den Brunnen werfen, in der Ikonografie oft als Bild der Taufe verstanden.
9. Erniedrigung: Der freie Jakobssohn wird Sklave, der zu Unrecht Beschuldigte, Häftling, der in fremder Umgebung Einsame. Alles zielt auf die Vernichtung seiner Persönlichkeit. Doch: „Und der Herr war mit Joseph.“ (Gen 39,2) Und: „Joseph war schön und hübsch von Angesicht.“ (Gen 39,6b); es gibt zweierlei Schönheit: eine äußerliche Schönheit, die vergänglich ist, und eine geistliche Schönheit, die bleibend ist und sich immer mehr entfaltet. Weil Jesus im vollkommenen Gehorsam dem Vater gegenüber stand, war er in seiner Einsamkeit durch die Gegenwart des Vaters getröstet. Jesus war unter den Menschen der Allerverachtetste und doch ist er gegenüber dem himmlischen Vater „der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens“ (vgl. Hebr 1,3a).
10. Anfechtung: Im AT wurde kaum jemand in solcher Weise angefochten wie Joseph - Jesus sagt: „Vater, wenn du willst gehe dieser Kelch an mir vorüber ...“ Juda verkaufte seinen Bruder Joseph für 20 Silberlinge - der Jesusjünger Judas verkaufte seinen Herrn für 30 Silberlinge.
11. Tod: Der gehorsame Weg zu den Brüdern endete mit dem blutgetränkten bunten Rock - bei Jesus tatsächlich im Tod, er wird zum Opfer (vgl. Isaak - Jesus). Gott erniedrigt sich und wird wie ein Tier, das geopfert wird! Joseph wurde von seinen Brüdern an die Heiden (Midianiter und Ismaeliten) verkauft, Jesus den Heiden (Römern) zum Tod ausgeliefert.
12. Gefängnis: Joseph musste um der Gefangenen willen ins Gefängnis kommen. Durch ihn kam eine neue Atmosphäre in die dunkle Lage: Glück und Freude (Gen 39,23), Trost (Gen 40,7b), Verkündigung der Wahrheit (Traumdeutung) - ebenso hat Jesus „gepredigt den Geistern im Gefängnis“ (1Petr 3,19) und ist „aufgefahren in die Höhe und hat das Gefängnis gefangen geführt und hat den Menschen Gaben gegeben“ (Eph 4,8).
13. Befreiung: durch Gottes Eingreifen aus der Grube / dem Gefängnis. Im AT und NT wird der gesandte Sohn aus einer unentrinnbaren Lage durch Gott befreit. (Zweimaligkeit als Bestätigung der Wahrhaftigkeit eines Zeugnisses, vgl. die zwei Träume des Pharao mit gleicher Bedeutung: „dass aber dem Pharao zum zweiten Mal geträumt hat, bedeutet, dass Gott solches gewiss und eilend tun wird“).
14. Erhöhung: Der Pharao erkennt, dass in Joseph Gottes Geist ist, der ihn intelligenter und weiser macht als alle Gelehrten und klugen Leute. „Du sollst über meinem Haus sein, und deinem Wort soll mein ganzes Volk gehorsam sein; nur um den königlichen Stuhl will ich höher sein als du.“ (Gen 41,40) Joseph wurde nicht nur befreit, sondern auch gerechtfertigt, z.B. als Joseph von Pharao herauskam und auf dessen zweitem Wagen durch Ägypten zog, sahen alle mit Entsetzen und Ehrfurcht, dass Joseph aus der Gegenwart Pharaos kam - Jesus ist die Ausstrahlung der Herrlichkeit Gottes und der Ausdruck seines Wesens und trägt alle Dinge durch das Wort seiner Kraft.“ (Hebr 1,3a; s.a. Joh 1,18)
15. Vollmacht: „Pharao sprach zu allen Ägyptern: Gehet hin zu Joseph; was er euch sagt, das tut.“ (Gen 41,) - Gott über Jesus: „Was er euch sagt, das tut.“ (s.a. Mt 17,5b; Joh 15,5) „Alles hast du unter seine Füße getan.“ (Hebr 2,8) „... da er ihn von den Toten auferweckt hat und gesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Fürstentümer, Gewalt, Macht, Herrschaft und hat alles unter seine Füße getan … nicht allein in dieser Weltzeit, sondern auch in der zukünftigen.“ (Eph 1,20-22)
16. Völkermission: Joseph war zu den Heiden gekommen, dort unter Schwierigkeiten angenommen und zu Verantwortung und Ehre gelangt, hat ordnend und helfend in die heidnische Gesellschaft eingegriffen - Jesus ist »in die Heidenvölker hinein auferstanden« bevor sich Israel zu ihm kehrt; das Christentum hat viele Völker beeinflusst bis hinein in ihre Verfassungen. Wenn in dem Augenblick, als Jesus die Umkehr zur basileia thou theou (Königsherrschaft Gottes) verkündigte, das ganze Volk tatsächlich Buße getan hätte, dann wäre seine Herrschaft in Israel sofort aufgerichtet worden. Aber Gott hatte für Jesus Christus einen Umweg bereitet. So wie Joseph einen gewaltigen Umweg über Ägypten machen musste, um Israel und die Heidenwelt (Ägypten) in sein Rettungswerk einzubeziehen.
17. Brotgabe: Durch Joseph kann seine Familie im physischen Sinne erhalten werden, indem sie bei ihm in Ägypten Nahrung finden. In vergleichbarem Sinne ist Jesus Messias das „Brot des Lebens“ und gibt sich selbst als das Brot im Abendmahl. Wie wir uns ständig ernähren müssen, um leben zu können, so sagt Jesus über das Abendmahl zu seinen Jüngern: „Das tut!“. Wird auch das heutige, noch großenteils in der Diaspora lebende Israel im heidnischen Lande Nahrung, das „Brot des Lebens“ finden?
18. Volkwerdung: wie Gott sich ein großes Volk zubereitet, wurde durch Joseph wie auch durch Jesus nicht zuerst in Kanaan/Israel, sondern unter den Heiden Wirklichkeit. Israel soll im heidnischen Lande zum großen Volk werden (46,3) - vgl. die Diaspora des jüdischen Volkes 70-1948 n.Chr. Übertragen auf das neue Bundesvolk wächst das neue Israel, das aus Zweigen aus dem alten Bundesvolk und glaubensgehorsamen Menschen aus der Völkerwelt besteht (Röm 11), in erster Linie in der heidnischen Welt heran, um sich schlussendlich um den Zion als Zentrum zu sammeln (Ps 126).
19. Landgabe: Im Exodus damals und in der Einwanderung heute wird Israel wieder in das Land der Väter zurückgeführt (46,4; 48,21; 50,24)
➜ noch ausstehend:
Josephs Brüder lehnten ihn (mehrheitlich auch Jesus) ab und übergaben ihn den Heiden. Viele Jahre sollten vergehen, bevor sie ihn wieder sehen würden, - und dann erkannten sie ihn nicht. Dreimal sollten sie Joseph gegenüberstehen und ihn nicht erkennen, bis sich Joseph, beim dritten Mal, seinen Brüdern selbst zu erkennen gibt. Interessant zu sehen ist, dass heute das Volk Israel zum drittenmal, nach der Rückkehr aus Ägypten und Babylon, und zuletzt aus aller Welt in das Land Israel zurückkehrt (vgl. Jer 16,14-15):
1. Seine Brüder kommen in Not und suchen nach Hilfe; ohne es zu wissen kommen sie zu ihm; er redet hart mit ihnen; er erkennt sie, aber sie ihn nicht; er prüft sie und bringt sie in eine prekäre Situation (ist Israel heute in vergleichbarer Lage?). Hier treffen die an der Vorfindlichkeit (Existenznot im Land) orientierten Israeliten auf die geistliche Dimension (Joseph). Vergleichbar den Emmausjüngern: sie gehen neben Jesus, erkennen ihn nicht, bis er mit ihnen am Tisch sitzt und das Brot bricht.
2. Die Brüder beginnen dasselbe durchzumachen, was Joseph um ihrer Sünde willen noch viel tiefer hatte durchmachen müssen und entdecken in den drei Tagen im Gefängnis einen Zusammenhang zwischen der Schuld an ihrem Bruder und ihrer Trübsal („nun wird sein Blut gefordert“ 42,22); Joseph schmerzt ihre Lage, und er gibt ihnen das Geld für das Getreide zurück. Zur Rettung Israels müssen jedoch alle Brüder vor ihm erscheinen.
3. Der Becher war das Anklagezeichen, hinter dem sich ihre Schuld versteckte; er war das innige Pfand Josephs, sein Schuldschein! - Hinter dem Kelch Jesu, dem Kreuz von Golgatha, verbirgt sich alle menschliche Schuld. Dieser Becher ist der Kelch des Rechtsanspruchs und Gerichts Gottes (Jes 51,17), aber gleichzeitig ist er der Kelch des Heils (Ps 116,13). - Obwohl der Kelch die Brüder anklagte, war er andererseits Zeichen der Versöhnung, denn er führte sie zurück zu Joseph, dem sie sich vollständig auslieferten.
4. Obwohl sie in Josephs unmittelbarer Gegenwart waren, seinen Beistand, seine Kraft und seine Segnungen erfahren haben, offenbarte er sich ihnen nicht - ist es vergleichbar mit der bewahrenden Kraft und den Segnungen, die Israel in den letzten Jahrzehnten erfahren hat, ohne zu wissen, dass Jesus (in Gestalt der messianischen Juden) unter ihnen ist?
5. Mit der Stellvertretung Judas, der sich für Benjamin, die Brüder und den Vater gibt, einer aufopfernd liebenden Haltung, ist der Wendepunkt erreicht; Joseph bricht in Tränen aus und gibt sich zu erkennen: „Ich bin Joseph.“ (vgl. Jahwe-Name, Jesu »Ich-bin-Worte«). Da war nun nicht mehr das Getreide (Existenznot) wichtig, sondern die Person Joseph, der sein innerstes Wesen offenbarte: ich bin euer Bruder. Alle Sorge und Befürchtung, aller Interessenseinsatz, alles berechnende Kalkül schwand dahin, als Joseph eröffnete: „Ich bin es!“ - Jesus sagt nicht nur: ich gebe euch Brot, sondern „Ich bin das Brot des Lebens.“ (Joh 6,35)
6. Joseph vergibt (45,5a), küsst alle seine Brüder (45,15a) und gibt überreichlich; er wandelt ihren Fluch in Segen: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“
7. Sie feiern zusammen in fröhlicher Tischgemeinschaft (43,34) - Jesus kündigt beim Abendmahl ein neues Mahl in seinem kommenden Reich an (Mk 14,25).
8. Joseph holt sie zu sich (44,16; 45,13); ihr Kommen zu ihm war eine Existenz-, eine Überlebensfrage. Ist das Kommen zu Jesus nicht auch eine Überlebensfrage für das jüdische Volk? „König der Juden“ stand über seinem Kreuz.
9. Joseph ist mehr als die Patriarchen, da sein Vater Jakob sein „Knecht“ (44,24) ist. Er hat für sein Volk vorgearbeitet: „Aber Gott hat mich vor euch hergesandt, dass er euch übriglasse auf Erden und euer Leben erhalte zu einer großen Errettung.“ (45,7) Gott wollte sie segnen, erretten, ihnen vergeben und sie mit ihrem Bruder vereinen - Gott führt Israel zurück, weil er es mit seinem Bruder Jesus vereinen will. Sie werden den erkennen, „den sie durchbohrt haben“. „Da konnte Joseph nicht länger an sich halten“ (45,1), ihn verlangt nach seinen Brüdern, die ihn zwar nicht kennen, die er aber liebt.
10. Die Brüder bitten Joseph um Vergebung und fallen vor ihm nieder (50,17.18). Um sich ein großes Volk zuzurichten (50,20), hatte es Gott trotz ihrer bösen Absichten gut gemacht.
11. Die Israeliten bekommen das Beste aus der Völkerwelt (45,18-20).
12. Joseph wurde in einem Grab bestattet (Gen 50,25; Ex 13,19; Jos 24,32), das sein Vater Jakob in Sichem gekauft hatte. Wenngleich Abraham bereits in Sichem einen Altar errichtete (Gen 12,6.7) und wahrscheinlich das dazugehörige Stück Land erworben hatte, fiel es wieder an die Bewohner Hamors zurück, da Abraham dort nicht siedelte. Dann erwarb Jakob das Land erneut (Gen 33,18-20). Ähnlich wie Isaak den Brunnen in Beersheba zurückkaufte (Gen 26,28-31), den einst Abraham gegraben hatte (Gen 21,27-30). - Auffällige Parallelen finden wir in den vergangenen 100 Jahren, in denen Juden ihr ehemaliges Land in Palästina erneut kauften und schließlich von den Vereinten Nationen zugesprochen bekamen.
Dr. Rainer Uhlmann, Dekan, Gaildorf
